Götz Aly

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Götz Aly bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2012

Götz Haydar Aly (* 3. Mai 1947 in Heidelberg) ist ein deutscher Historiker und Journalist mit den Themenschwerpunkten Euthanasie, Holocaust und Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur sowie Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Götz Haydar[1] Aly ist ein Nachfahre des königlich-preußischen Kammertürken Friedrich Aly und ein Enkel des Philologen Wolfgang Aly. Er besuchte Volksschule und Gymnasium in Heidelberg (1954–1956), Leonberg (1956–1962) und München (1962–1967), wo er am Kurt-Huber-Gymnasium 1967 das Abitur ablegte. 1967 und 1968 besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Anschließend studierte er bis 1971 Geschichte und Politikwissenschaften an der FU Berlin.

Während seines Studiums engagierte sich Aly aktiv in der Studentenbewegung. Für die sogenannten Sozialistischen Arbeitskollektive wurde er im Sommer 1970 als studentischer Vertreter in den neu gebildeten Fachbereichsrat des Otto-Suhr-Instituts gewählt. 1971 gehörte er zu den Begründern und Redakteuren der Zeitung Hochschulkampf. Kampfblatt des Initiativkomitees der Roten Zellen in West-Berlin, das sich der maoistischen Proletarischen Linken/Parteiinitiative zuordnete.[2] Er beteiligte sich am 24. Juni 1971 an einer Aktion, bei der Aktivisten der Roten Zellen in ein Seminar des Professors Alexander Schwan eindrangen und gewalttätig gegen diesen vorgingen.[3] Von Anfang 1972 bis Mitte 1973 engagierte er sich in der Roten Hilfe Westberlin.[4]

Nachdem er sein Studium mit der Diplomprüfung abgeschlossen hatte, arbeitete Aly ab 1973 als Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung in Berlin-Spandau. 1978 wurde er mit einer Arbeit über seine Erfahrungen im Bezirksamt Spandau bei Reinhart Wolff und Wolf-Dieter Narr zum Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert. Von 1981 bis 1983 und von 1991 bis 1993 arbeitete Aly als Redakteur für Innenpolitik der neu gegründeten Tageszeitung taz. 1997 bis 2001 war er leitender Redakteur der Berliner Zeitung. In den Zwischenzeiten schrieb er gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Spiegel.

Von 1984 bis 1992 gab Aly die ersten zehn Bände der „Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik“[5] mit heraus, von 1985 bis 1988 leitete er das Projekt "Täterbiografien"[6] am Hamburger Institut für Sozialforschung.[7]

1994 habilitierte sich Aly am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin in Politikwissenschaft. Nach Gastprofessuren in Wien und Salzburg hatte er von 2004 bis 2006 die auf vier Semester angelegte Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main inne. 2006 wurde er von Bundespräsident Köhler in den Stiftungsrat des Berliner Jüdischen Museums berufen, dessen Mitglied er bis heute ist.[8] Im Wintersemester 2012/13 hatte Aly die Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessur am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien inne.[9]

Er wohnt in Berlin-Steglitz.[10]

Werk[Bearbeiten]

NS-Forschung[Bearbeiten]

Hauptthema von Alys wissenschaftlicher Arbeit war zunächst die Geschichte des Holocaust, die er weitgehend außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebs erforscht. Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema „Holocaust“ war das bis dahin umfangreichste Ermittlungsverfahren zur Euthanasie während des Dritten Reichs, das 1981 in Hamburg durchgeführt wurde. Aly zieht zu dessen Erklärung weniger das ideologische Moment (Rassenwahn, Antisemitismus) als vielmehr rationale Gründe heran. Hierfür zentral ist das 1991 mit Susanne Heim veröffentlichte Buch Vordenker der Vernichtung, in dem die Autoren pointiert wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Motive in der Genese des Holocaust hervorheben. Um dieses Buch entbrannte eine wissenschaftliche Debatte, die sich insbesondere im von Wolfgang Schneider herausgegebenen Sammelband „Vernichtungspolitik“ (ebenfalls 1991) widerspiegelt. Einige Autoren äußerten sich kritisch zu Alys und Heims Thesen und zu ihrer Methodik, insbesondere Forscher wie Ulrich Herbert oder Norbert Frei.

Mit seinem Werk Endlösung (1995), das den Holocaust in die Umsiedlungspolitik der Nationalsozialisten einordnet und etliche neue Quellen auswertet, stieß Aly hingegen überwiegend auf Akzeptanz, so von Hans Mommsen und Raul Hilberg. Das 2005 erschienene Buch Hitlers Volksstaat löste in Fachkreisen dagegen wieder Kontroversen aus. Aly bezeichnete das NS-Regime als eine „Gefälligkeitsdiktatur“, von der die Deutschen seiner Ansicht nach unmittelbar profitierten und die durch soziale Fürsorge egalitäre Prinzipien zu verwirklichen suchte.

2002 bis 2010 gehörte Aly zu den Initiatoren und Herausgebern der auf 16 Bände angelegten Quellenedition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ), in der private Stimmen ebenso dokumentiert werden sollen wie auch staatliche und parteidienstliche Stellen sowie Verfolgte oder Augenzeugen. Das Langzeitprojekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 250.000 Euro pro Band finanziert und ist damit zurzeit das aufwendigste geisteswissenschaftliche Projekt der DFG.[11]

Für Widerspruch sorgten Äußerungen Alys während einer Pressekonferenz anlässlich der umstrittenen Berliner Kolonialismus-Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“, die die Leistungen der „Kolonialvölker“ für die Befreiung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg würdigen sollte. Aly kritisierte den angeblich verharmlosenden Umgang der Ausstellungsmacher mit dem Thema der nazifreundlichen Kollaborateure. Mahatma Gandhi sei „einer der größten Freunde“ der Nazis gewesen, die farbigen Soldaten „unfreie Befreier“, die eigentlich ein Interesse an der Niederlage ihrer Kolonialherren gehabt haben müssten. Im Übrigen könne „jedes Dorf in Südwestdeutschland von Vergewaltigungen durch schwarze Soldaten“ berichten, die „nicht anders als die Russen“ gehaust hätten.[12] Die Behauptungen Alys wurden von dem britischen Veteranenvertreter Dennis Goodwin in der Tageszeitung The Daily Telegraph als haltlos zurückgewiesen.[13]

In seinem 2011 erschienenen Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? vertritt Aly die These, dass die zentrale Ursache für den Holocaust ein spezifisch deutscher Sozialneid auf die bildungsaffineren Juden war, der sich erst im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert herausbildete.

2013 erschien sein Buch Die Belasteten, in dem er beschreibt, wie die „Euthanasie“-Morde an ca. 200.000 Menschen in der Gesellschaft als „öffentlich bekanntes Geheimnis“ durchgeführt wurden; er zeigt das Verhalten von Angehörigen wie von Ärzten, für die dieses Töten therapeutischer Alltag war und die gleichzeitig reformerische Ziele für sich in Anspruch nahmen.

Kritik an der 68er-Bewegung[Bearbeiten]

In seinem 2008 erschienenen Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück[14] analysiert Aly die Reaktion der Gegenseite auf die deutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre. Er greift dabei auf Akten deutscher Behörden und zeitgenössische Reaktionen, unter anderem von Joseph Ratzinger, Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal, zurück. Er kommt zu dem Schluss, dass die 68er ihren Eltern – der nationalsozialistisch geprägten „Generation von 1933“ – weitaus ähnlicher gewesen seien, als sie dies selbst wahrnehmen wollten.

Als Indizien für seine These benennt Aly den anti-bürgerlichen Impetus, die Gewaltbereitschaft, den Antiamerikanismus, den latenten Antisemitismus, das Ausblenden von Kritik an linken Despoten. Die 1968er seien als „Spätausläufer” nicht die Lösung des Totalitarismus-Problems, sondern ein Teil des Problems selbst. Auch bei der Liberalisierung der Moral und Sitten seien die 68er nicht die Auslöser, sondern lediglich Nutznießer eines Prozesses gewesen, der schon in den 1950er Jahren begonnen habe. „Es ist schwer, den eigenen Töchtern und Söhnen zu erklären, was einen damals trieb“,[15] so Aly angesichts seiner eigenen Biographie.

Alys Buch über die politische Generation der 68er führte zu einer lebhaften Diskussion der Grundlagen der 68er-Bewegung.[16] Der Historiker Norbert Frei erklärte zu Alys Vergleich zwischen der „Generation von 1933“ und den 68ern: „Ich meine, hier hat sich einer um des medialen Knalleffekts willen zu einer historiographisch völlig überzogenen Darstellung hinreißen lassen.“ Der 68er-Generation eine 33er an die Seite zu stellen, dient nach Freis Auffassung „allein der Provokation, nicht der historischen Erkenntnis“.[17] Rudolf Walther wirft Aly vor, seine Gleichsetzung von 68er- und nationalsozialistischen Studenten sei ein Kurzschluss aufgrund lediglich gewisser äußerlicher Ähnlichkeiten.[18] In ähnlicher Weise äußerte sich auch Wolfgang Kraushaar in seiner Replik Hitlers Kinder? Eine Antwort auf Götz Aly.[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Per Leo: Der Narr von eigenen Gnaden. Götz Aly und die deutsche Geschichtswissenschaft. In: Ästhetik und Kommunikation. Bd. 36 (2005), H. 129/130, S. 184–194.
  • Wolfgang Schneider (Hrsg.): „Vernichtungspolitik“. Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland. Junius, Hamburg 1991, ISBN 3-88506-187-2.
  • Aly, Götz. In: Munzinger, Internationales Biographisches Archiv, 43/2003 vom 13. Oktober 2003 (sh).

Zur Diskussion 2008:

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Goetz Aly – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/familien-in-berlin-der-historiker-goetz-aly-ist-nachfahre-des-urtuerken/10310872.html
  2. Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg., Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 25, 138f..
  3. Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg., Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 140.
  4. Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – Ein irritierter Blick zurück. erw. Ausg., Fischer TB, Frankfurt/Main 2009, S. 141f..
  5. Homepage BGNS[1]
  6. Lernen aus der Geschichte[2]
  7. Götz Aly; Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt am Main 2013, Klappentext
  8. http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article283699/Goetz-Aly-im-Rat-des-Juedischen-Museums.html
  9. Gerhard Lechner und Alexander Dworzak: "Das Gute kann Böses bewirken", Götz Aly im Interview. In: Wiener Zeitung vom 19. Jänner 2013, abgerufen am 22. Januar 2013.
  10. Der Historiker Götz Aly ist Nachfahre des Urtürken, Der Tagesspiegel, 12. August 2014, abgerufen am 24. August 2014
  11. Bernhard Schulz: Alltag der Entrechtung. In: Der Tagesspiegel vom 25. Januar 2008, abgerufen am 5. August 2012.
  12. Alan Posener: Götz Aly platzt im Faschismus-Streit der Kragen. In: Die Welt vom 4. September 2009, abgerufen am 6. Juni 2011.
  13. David Wroe: Mahatma Gandhi was one of Nazis greatest friends. In: The Daily Telegraph vom 4. September 2009, abgerufen am 11. September 2009 (englisch).
  14. Götz Aly: Unser Kampf. 1968. S. Fischer-Verlag, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3-10-000421-5 (Leseproben aus Unser Kampf bei Perlentaucher, abgerufen am 5. August 2012).
  15. Jacques Schuster: Warum Götz Aly nicht Professor werden darf. In: Welt online vom 10. Oktober 2011, abgerufen am 5. August 2012.
  16. Rezensionen bei Perlentaucher, abgerufen am 5. August 2012.
  17. Der Sündenstolz auf die eigene Geschichte. Interview mit Norbert Frei in der Freitag vom 20. März 2008, abgerufen am 5. August 2012.
  18. Rudolf Walther: Flucht aus der Empirie. In: der Freitag, vom 22. Juni 2012, abgerufen am 5. August 2012.
  19. Hitlers Kinder? Eine Antwort auf Götz Aly; Essay von Wolfgang Kraushaar vom 25. März 2009 (online auf perlentaucher.de)
  20. eine Stiftung Eheleute Walther Seinsch. Daraufhin recherchierte Aly über die Namensgeberin des Preises und legte 2004 die Biografie Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931–1943 vor