Götz Werner

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Götz Werner auf der re:publica 2010

Götz Wolfgang Werner (* 5. Februar 1944 in Heidelberg) ist Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens dm-drogerie markt, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war. Von Oktober 2003 bis September 2010 leitete Götz W. Werner das Interfakultative Institut für Entrepreneurship am Karlsruher Institut für Technologie. Werner ist Gründer der Initiative „Unternimm die Zukunft“,[1] Präsident des EHI Retail Institute (EHI) und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank.

Werner gehört auch zum Aufsichtsrat des Kundenbindungsprogramms Payback [2] und ist Aufsichtsratsmitglied der Studierendengesellschaft Witten/Herdecke [3].

Unternehmer[Bearbeiten]

Werner wurde als fünftes Kind einer Drogistenfamilie in dritter Generation geboren. Seine Mutter kam aus Preußen und hatte Psychologie studiert.[4] Er besuchte nach der Mittleren Reife eine Handelsschule in Konstanz am Bodensee, wo er von 1961 bis 1964 eine Drogistenlehre absolvierte. Dort setzte er das in Heidelberg begonnene Rudern fort und wurde in seiner Freizeit zu einem begeisterten Ruderer. Sein energisch betriebenes Hobby führte schließlich 1963 zum Deutschen Jugendmeistertitel im Doppelzweier. Danach erwarb er Berufspraxis in verschiedenen Handelsunternehmen. Schließlich trat er 1968 in das elterliche Drogeriegeschäft in Heidelberg ein. 1969 wechselte er zur Karlsruher Großdrogerie Idro der Firma Carl Roth. Nach der Reorganisation des Vertriebs schlug er der Geschäftsführung auch die Einführung des Discounter-Prinzips vor, jedoch mit einer kompetenten Kunden-Fachberatung. Seine Ideen wurden abgelehnt.

Werner verließ daraufhin seinen Arbeitgeber und machte sich selbständig. 1973 gründete er seine erste Drogerie in Karlsruhe. Der Name für das neue Unternehmen „dm“ ist die Abkürzung für „Drogeriemarkt“. 1976 expandierte Werner auf den österreichischen Markt. Werners früherer Ruderpartner Günter Bauer leitet heute dm-Österreich.[4] 1978 existierten bereits mehr als 100 Filialen in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2010/2011 gab es 2536 Filialen in elf europäischen Ländern. Das Unternehmen beschäftigt rund 36.000 Mitarbeiter, die 2010/11 einen Umsatz von mehr als 6 Mrd. Euro erwirtschafteten.[5] 2010 schätzte das manager magazin sein Gesamtvermögen auf ca. 800 Millionen € . Götz Werner lag somit auf Platz 122 der 500 reichsten Deutschen. Als Nachfolger von Reinhold Würth wurde er 2003 zum Professor des Instituts für Entrepreneurship[6] am Karlsruher Institut für Technologie (ehemals Universität Karlsruhe (TH)) ernannt und war bis zum Ende seiner Professur am 30. September 2010 dort tätig. Seit 2011 ist er Kurator am IFF Institut für Familienunternehmen in Stuttgart.[7]

Werner zog sich Mitte Mai 2008 aus der operativen Geschäftsführung zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Nachfolger wurde sein damaliger Stellvertreter Erich Harsch, der zu diesem Zeitpunkt seit fast 27 Jahren für dm gearbeitet hatte. Werners ältester Sohn Christoph (* 1973) gehört seit 2011 auf Wunsch von Erich Harsch der erweiterten dm-Geschäftsführung an, zuvor war er beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline in den USA tätig. Werner ist in zweiter Ehe verheiratet[8] und hat sieben Kinder.

Unternehmenskonzept[Bearbeiten]

Zunächst ging Werner einen konventionellen Weg, indem er weitgehend das Discounter-Prinzip (Selbstbedienung, hohe Rabattsätze aufgrund von Großeinkäufen) des Lebensmittelhandels für den Drogeriemarkt übernahm. Anlass war 1973 die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte. Diese innovative Betriebsform wurde mit steigender Expansion zunehmend bürokratischer und schwerfälliger. Anfang der 1990er Jahre änderte Werner schrittweise die interne Organisationsstruktur. Die Filialen erhielten zunehmend mehr Selbstverantwortung und Eigenkontrolle. Heute bestimmen die dm-Filialen vor Ort selbst ihr Sortiment, ihre Dienstpläne, zum Teil die Vorgesetzten und sogar die Gehälter.[9] Dieser Gestaltungsspielraum der Mitarbeiter bei Entscheidungen ist nach Ansicht von Analysten der Grund für konkurrenzfähige niedrige Preise bei vielen Produkten[10] sowie eine hohe Mitarbeiter-[11] und Kundenzufriedenheit.[12]

Seine besondere Art der Unternehmensführung erfuhr bundesweit Aufmerksamkeit. Die Anwendung eines betont unautoritären Führungskonzepts, der sog. Dialogischen Führung,[13] stützt sich auf die Grundwerte von Verständnis und Respekt. Werner zog in seinem Unternehmen den Dialog der Anweisung vor.[14] Einen seltenen Weg zur Förderung der betrieblichen Zusammenarbeit ging Werner, indem er auf einer „Offenheit für Neues“ bestand. Das Ungewöhnliche daran bestätigt u. a. eine arbeitspsychologische Studie[15], wonach die meisten Mobbing-Opfer „offen für neue Erfahrungen“ (gewesen) sind. Die Filialleiter von dm kamen am Anfang nur sehr schwer mit dieser Umstellung zurecht.[16]

Werner ist ein bekennender Anthroposoph und richtet seine Unternehmensphilosophie nach den Prinzipien von Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität aus. Daher sieht er auch in seinen Mitarbeitern keine Personalkosten, sondern „Kreativposten“ mit „Mitarbeitereinkommen“. Prämien- und Bonussysteme betrachtet er als „permanentes Misstrauen“ gegenüber der Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter.[17] Dennoch wird am Ende eines jeden Tertials eine sogenannte „Tertialabschlusszahlung“ (in variabler Höhe) an diejenigen Mitarbeiter ausgezahlt, deren Filiale das geplante Ziel erreicht oder überschritten hat.

Eine Besonderheit stellt auch sein Ausbildungskonzept dar, das mehrere Auszeichnungen erhielt. Alle Auszubildenden (von Werner „Lernlinge“ genannt) absolvieren während ihrer Ausbildung zwei Mal ein achttägiges Theaterprojekt. Mit Unterstützung von Profis sollen sie dadurch „Team- und Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, zielgerichtetes wie situationsangemessenes und flexibles Handeln“ einüben. Ziel ist es, sie mit einem Geschäftsmodell vertraut zu machen, das sich als „lernendes Unternehmen“ versteht, um wegen der permanent sich verändernden Marktbedingungen flexibel und effizient handeln zu können. Der passionierte Ruderer Werner veranschaulicht diese Situation mit einem „permanenten Wildwasser“.

Politisches und soziales Engagement[Bearbeiten]

Seit dem Jahr 2005 setzt sich Werner öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland ein. Die Anfänge seiner Ideen reichen bis ins Jahr 1982 zurück, als die Arbeitslosenzahl in Deutschland einen bis dahin einmaligen Höchststand erreichte.[18] Die Finanzierung des Grundeinkommens beruht demnach auf der allmählichen Abschaffung der Einkommensteuer und der gleichzeitigen Erhöhung der Mehrwertsteuer als „Konsumsteuer“ auf 100 %. Im November 2005 gründete er dazu die Initiative „Unternimm die Zukunft“.[1]

Werner fördert kulturelle und soziale Projekte wie den Hermann-Hesse-Preis, ein Tageszentrum sowie eine Zufluchtsstätte für Straßenkinder in Alexandria, Ägypten[19] und kostenlose Musikkurse für Kinder.[20] Am 16. August 2010 wurde bekannt, dass Werner seine Unternehmensanteile einer gemeinnützigen Stiftung überlässt.[21]

Auszeichnungen und Rezeption[Bearbeiten]

Götz Werners Unternehmenskonzept und seine Idee für ein bedingungsloses Grundeinkommen erfährt eine positive Resonanz:

„Ach, wie schön wäre es, wenn die Regierung einen hätte wie Götz Werner, den Mann vom dm-Markt, der ungewöhnlich denkt und handelt und Erfolg hat.“

Tagesspiegel, 24. Juni 2006[22]

„Götz Werner ist Pop. Wenn er spricht, ist die Halle voll - in Hamburg, Stuttgart oder Berlin.“

die tageszeitung, 27. November 2006[23]

Für sein Lebenswerk erhielt er 2003 den Fairness-Ehrenpreis der Fairness-Stiftung.[24] Das Ausbildungskonzept prämierte die IHK Stuttgart mit dem Innovationspreis Ausbildung 2004. Den Initiativpreis Aus- und Weiterbildung 2004 verliehen ihm der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT), die Otto-Wolff-Stiftung und die Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ gemeinsam. 2004 erhielt er auch das Bundesverdienstkreuz am Bande und 2008 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. 2005 ehrte ihn der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) mit dem BDU ManagerAward. Im Oktober 2005 wurde er im Rahmen der II. Bayreuther Dialoge mit dem erstmals vergebenen Bayreuther Vorbildpreis ausgezeichnet. 2007 erhielt er den Heckerhut des SPD-Kreisverbandes Konstanz. Im Oktober 2008 erhielt er von der Unternehmensberatungsfirma Ernst & Young die Auszeichnung Entrepreneur des Jahres in der Kategorie „Handel“.[25] 2010 erhielt er den Deutschen Handelspreis in der Kategorie „Lifetime Award”. Im Jahr 2012 wurde Werner in die Hall of Fame des Manager Magazins aufgenommen. In der Laudatio anlässlich der Preisverleihung lobte der Philosoph Peter Sloterdijk das Lebenswerk Werners.[26]

Schriften[Bearbeiten]

  • Wirtschaft – das Füreinander-Leisten. Antrittsvorlesung am 11. Mai 2004 vor der Fakultät für Informatik der Universität Fridericiana zu Karlsruhe (TH), Universitätsverlag, Karlsruhe 2004, ISBN 978-3-937300-35-1.
  • Führung für Mündige. Subsidiarität und Marke als Herausforderungen für eine moderne Führung. Universitätsverlag, Karlsruhe 2006, ISBN 978-3-86644-009-8.
  • Ein Grund für die Zukunft: das Grundeinkommen. Interviews und Reaktionen. Freies Geistesleben, Stuttgart 2006, ISBN 3-7725-1789-7.
  • Einkommen für alle. Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03775-3.
  • mit André Presse (Hrsg.): Grundeinkommen und Konsumsteuer. Impulse für „Unternimm die Zukunft“. Tagungsband zum Karlsruher Symposium Grundeinkommen: Bedingungslos. Universitätsverlag, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-86644-109-5.
  • mit Adrienne Goehler: 1000 € für jeden. Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen. Econ, Berlin 2010, ISBN 978-3-430-20108-7.
  • mit André Presse: Die zivilisierte Marktwirtschaft und ihre Feinde. Zum bedingungslosen Grundeinkommen als Wirtschaftsbürgerrecht. In: M. Breuer, Ph. Mastronardi und B. Waxenberger (Hrsg.): Markt, Mensch und Freiheit. Wirtschaftsethik in der Auseinandersetzung. Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 2009, ISBN 978-3-258-07509-9, S. 193–211.
  • mit Claudia Cornelson: Womit ich nie gerechnet habe. Die Autobiographie, Berlin: Ullstein 2013, ISBN 978-3-430-20153-7.
  • mit Peter Dellbrügger (Hrsg.): Wozu Führung? Dimensionen einer Kunst. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2013, ISBN 978-3-7315-0116-9.

Literatur[Bearbeiten]

  • Torsten Blanke: Unternehmen nutzen Kunst. Neue Potentiale für die Unternehmens- und Personalentwicklung, Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94054-5
  • Karl-Martin Dietz, Thomas Kracht: Dialogische Führung. Grundlagen, Praxis, Fallbeispiel: dm-Drogerie-Markt, Campus, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37170-7

Filme[Bearbeiten]

  • Götz Werner: Grundeinkommen für alle. Dokumentarfilm, Deutschland, 2007, 43 Min., Regie: Christoph Schlee, Produktion: allmende film
  • FREIgestellt, Dokumentarfilm mit Götz Werner, 2012, 90 Min, Regie: Claus Strigel, Produktion: Denkmal-Film
  • Sie können auch anders – Unternehmer mit Ideen. Diskussion, Deutschland, 2008, 45 Min., mit Götz Werner, Wolfgang Grupp, Norbert Kunz und Ditmar Staffelt, Produktion: Phoenix, Erstausstrahlung: 30. April 2008, online-Video, Ankündigung
  • Grundeinkommen. Film-Essay, Schweiz, 2008, 100 Min., Buch und Regie: Daniel Häni und Enno Schmidt, Produktion: unternehmen mitte, Filmausschnitte und online-Film, u. a. mit Götz Werner

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Götz Werner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Unternimm die Zukunft - Bedingungsloses Grundeinkommen und Konsumsteuer
  2. http://www.zeit.de/2012/08/P-Rittweger
  3. http://sg.blog.uni-wh.de/uber-uns/organigramm/der-aufsichtsrat/
  4. a b Simon Hage: „Gegen den Strom“, manager magazin, 10. März 2006
  5. ire: „Umsatz von DM klettert auf über 6 Milliarden Euro“, Horizont.net, 20. Oktober 2011
  6. Interfakultatives Institut für Entrepreneurship
  7. IFF Institut für Familienunternehmen Stuttgart; Kuratorium. Abgerufen am 18. Oktober 2013.
  8. Festspielhaus Baden-Baden: Portrait, 2006
  9. Matthias Kaufmann: „Der Waldorf-Discounter (2)“, manager magazin, 5. Februar 2004
  10. Silke Gronwald: „Kampf der Discounter“, stern, 04/2005, 27. Januar 2005
  11. Reinhard K. Sprenger: „Fairness - Ehrenpreis 2003 an Götz Werner“, 6. Oktober 2003
  12. Ciao.de: „Die besten Drogeriemärkte“, 2007, (978 Erfahrungsberichte)
  13. Das Konzept der dialogischen Führung, mediation-und-unternehmenskultur.de
  14. Matthias zur Bonsen: Leading with Life. Lebendigkeit im Unternehmen freisetzen und nutzen, Gabler, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3834913531, S. 228
  15. Birgit Will: „Wer anders denkt, fliegt raus. Zu Mobbing-Opfern werden oft die Kreativen und Intelligenten“, SZ, 10. Juni 2003
  16. Petra Ahne: „Der Mutmacher“, Berliner Zeitung, 10. März 2006
  17. Sönke Iwersen: „»Junge, was machst du denn da bloß?« Götz Werner leitet seine Drogeriemarktkette mit unorthodoxen Methoden“, Stuttgarter Zeitung, 21. Mai 2003, archiviert von Internet Archive
  18. http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitslosenzahl#Historische_Zahlen_zur_Arbeitslosigkeit_in_Deutschland
  19. bildungfuerkinder.de
  20. www.zukunftsmusiker.de
  21. afp: „Milliardär schenkt Stiftung Firmenanteile“, DerWesten, 16. August 2010
  22. Stephan-Andreas Casdorff: „Haushaltswoche: Regieren ist Mist“, Tagesspiegel, 24. Juni 2006
  23. „das ist götz werner“, die tageszeitung, 27. November 2006
  24. Fairness-Ehrenpreis 2003 an Götz Werner
  25. Thorsten Winter: „Entrepreneur des Jahres 2008. Natur-Arznei schlägt Bio-Limonade“, FAZ, 10. Oktober 2008
  26. Manager Magazin, 14. Juni 2012: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,838933,00.html (Zugriff am 17. Juni 2012)