Günter Müller (Wirtschaftsinformatiker)

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Günter Müller (* 25. November 1948 in Sindelfingen) ist ein deutscher Wirtschaftsinformatiker und seit 1990 Gründungsdirektor für das Institut für Informatik und Gesellschaft der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie Ordinarius für Telematik.

Leben[Bearbeiten]

1967 legte er das Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium Leonberg ab und studierte danach an der Universität Stuttgart und der Universität Mannheim. Er war bis 1968 in Schafhausen (Weil der Stadt) wohnhaft. 1976 erfolgte die Promotion zu Datenbanksystemen an der Universität Duisburg-Essen – 1977 wurde er Post-Doc in der Datenbankgruppe des IBM Almaden Research Center. Dort begann seine Zusammenarbeit unter anderem mit Jim Gray, Ted Codd, Eric Carlson, Chris Date und Don Chamberlain. 1978 erhielt Müller eine Anstellung bei IBM Deutschland am wissenschaftlichen Zentrum Heidelberg, 1981 wurde er Abteilungsleiter Endbenutzeranwendungen in offenen Systemen. 1983 erfolgte seine Habilitation zu Endbenutzersystemen an der Wirtschaftsuniversität Wien.

1985 gründete und leitete er das Europäische Zentrum für Netzwerkforschung (ENC) der IBM Europa in Heidelberg. 1987 wurde er Direktor der IBM Europa mit Verantwortung Heterogene Rechnernetze. Müller gründete 1990 das Institut für Informatik und Gesellschaft und erhielt einen Ruf an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er seither Ordinarius für Telematik ist. 1992/93 wurde er Visiting Professor am NTT Research Laboratory, Yokosuka, und begann damit die Arbeit zum Thema Netzwerksicherheit.

1994 wurde er als Leiter der Kollegs „Sicherheit in der Kommunikationstechnik“ der Daimler und Benz Stiftung berufen und erhielt eine Ernennung als ausländisches Mitglied an den Science and Technology Board des japanischen Forschungsministeriums (Monbusho). 1995 wurde er auf Vorschlag von Dieter Salomon (Die Grünen) Mitglied der Enquête-Kommission „Entwicklung, Chancen und Auswirkungen neuer Informations- und Kommunikationstechnologien“ des Landtags von Baden-Württemberg. Er war danach Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Daimler und Benz Stiftung, Ladenburg und Berlin, ferner im Beirat zur Enquête-Kommission zu Neuen Medien des Bundestages, berufen durch die Friedrich-Ebert-Stiftung. Er erhielt ein Stipendium der Harvard University, Kennedy School of Government, um über die Zukunft des Internets (Internet II) zu forschen.

Von 1999–2006 war er Sprecher des Schwerpunktprogramms (SPP) der DFG „Sicherheit in der Informationstechnik“ und ein Jahr später wurde er Gastprofessor an ICSI an der UC Berkeley, um an Problemen bzgl. Privatsphäre zu arbeiten. 1999 erhielt Müller eine einjährige Alcatel-Gastprofessur an der TU Darmstadt. Er ist seit 1999 dauerhafter Gastwissenschaftler am Systems Development Laboratory, Hitachi, Kawasaki. Müller ist seit 2002 Gutachter der EU, des BMBF und der DFG, sowie der Nationalstiftung Schweiz und Österreichs und der National Science Foundation. Von 2003 an beteiligte er sich am Kolleg Ubiquitous Computing an der Daimler und Benz Stiftung Ladenburg.

2006 war Müller Vorsitzender der internationalen Konferenz Emerging Trends in Information and Communication Security, ETRICS 2006, sowie Gastherausgeber der CACM im September 2006, CACM Volume 49, Issue 9, Privacy and Security in Highly Dynamic Systems. Im Folgejahr war er General Chair der IEEE-CEC zu neuen Formen des Computing und Techniken des E-Commerce in Washington D.C. Er wurde 2007 als Gastprofessor an das NII (National Institut of Informatics) Tokyo, Japan berufen.

Müller war Mitglied der Leitungsgruppe der GI (Gesellschaft für Informatik) für Rechnernetze, sowie zwei Jahre Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Recht und Informatik e.V. (DGRI) und ist seit 2009 Sprecher der Wissenschaftlichen Kommission Wirtschaftsinformatik (WKWI) im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB)[1]. 2009 wurde er zum Senior ACM Fellow ernannt.

Wissenschaftliches Wirken[Bearbeiten]

Vier Gebiete kennzeichnen den wissenschaftlichen Werdegang von Günter Müller. Ausgehend von Datenbanksystemen konnte er sowohl mit seinen Arbeiten zu Endbenutzersystemen, als auch zu Rechnernetzen und seit fast 20 Jahren zu Privatsphäre, Sicherheit und Compliance (Regelkonformität) in verteilten Systemen jeweils zu informatisch aktuellen Themen ihrer Zeit beitragen.

Datenbanken

Die Speicherung und die Wiedergewinnung von strukturierten Daten wurden in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch SQL und das Coddsche Relationenmodell insofern gelöst, als die Mehrzahl der Datenbanksysteme in der Praxis diesen Erkenntnissen bis heute folgen. In "Informationsstrukturierung in Datenbanksystemen"[2] von 1976 beschäftigt sich Müller mit der Semantik von Datenmodellen, an deren Realisierung er durch den Forschungsprototypen System R in den Laboren der IBM in Almaden (USA) von 1977 – 1978 aktiv mitwirken konnte.

Endbenutzersysteme

Benutzergerechte Schnittstellen und intuitive Mensch-Computer-Interaktion bereiteten den Weg zur Personalisierung der Informationstechnik (IT). In "Entscheidungsunterstützende Endbenutzersysteme"[3] leistet Müller einen Beitrag zum Fortschritt der nutzergerechten Mensch-Maschine Interaktion. Ausgehend von dem bei IBM durch Moshe Zloof entwickelten "Query by Example" hat das wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg eine auf graphischen Elementen aufbauende Interaktionsform eingeführt, die zahlreiche heute als selbstverständlich angenommene Elemente vorstellte. Ein einheitliches Konzept visualisierte mit einfachen geometrischen Elementen den Zugang zu Daten und Funktionen. Mit einer leicht zu bedienenden Suchfunktion wurde die heutige Welt des Wissenszuganges zu textuellen und graphischen Informationen in einer den damaligen Verhältnissen angepassten Weise vorweggenommen.

Heterogene Rechnernetze

Die Telekommunikation und die Rechnerkommunikation in den 80er Jahren waren zwei getrennte Welten, die einerseits durch die analoge Sprachkommunikation und andererseits durch den Austausch digital kodierter Daten gekennzeichnet waren. Der Siegeszug der "Digitalisierung" ist heute vollständig. Das Internet mit seinen Experimenten in Hawaii und Kalifornien zeigte ebenso wie die Ergebnisse des von Müller gegründeten und geleiteten Europäischen Zentrums für Netzwerkforschung (ENC) der IBM in Heidelberg, das das OSI-Referenzmodell (Open Systems Interconnection) erforschte und entwickelte, dass es für die damaligen regulatorischen Bestimmungen weder technische, noch wirtschaftliche Begründungen gab. In "War Internet die einzige Option?"[4] diskutiert Müller die entscheidenden Jahre, die zum heutigen Stand und Ausmaß der Telekommunikation führten. Das Europäische Zentrum für Netzwerkforschung (ENC) leistete einen wichtigen Beitrag zur Klärung der Vielfalt der 80er Jahre zu Gunsten des heute unbestrittenen Standards Internet. Mit dem National Bureau of Standards der USA (dem heutigen NIST) wurden auf einer Konferenz in Oberlech die Leitlinien zum "Networking in Open Systems"[5] diskutiert und beschrieben, die erst Mitte der 90er Jahre nach der Einführung des World Wide Web (WWW) an Bedeutung verloren.

Sicherheit, Privatsphäre und Regelkonformität

Die Digitalisierung aller Datentypen und die Vernetzung bislang separater Informationskanäle führen zu neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche durch die globale Verfügbarkeit von Daten und Diensten die Grenzen zur Privatsphäre immer weiter zurückdrängen. Neben der kreativen Einführung neuer Dienste und Möglichkeiten stellt sich immer häufiger die Frage, wem die Daten gehören, die teilweise mit dem Willen, aber immer häufiger in Unkenntnis der Betroffenen erhoben werden. Zur Erweiterung der Potentiale des Einzelnen kommen zunehmender Kontrollverlust und Missbrauch. Mit der mehrseitigen Sicherheit haben Müller u.a. gezeigt, dass Datenschutz nicht nur eine Frage der gesetzlichen Normen ist, sondern die informationelle Selbstbestimmung nur dann ermöglicht werden kann, wenn die Paradigmen des Datenschutzes mit der technischen Entwicklung standhalten können. In "Multilateral Security in Communications – Technology, Infrastructure, Economy"[6] haben Müller und Rannenberg die Ergebnisse des mehrjährigen Kollegs der Daimler und Benz Stiftung zum Thema "Sicherheit in der Kommunikationstechnik" dokumentiert. Die damals festgelegten Schutzziele sind Teil der internationalen Standardisierung der ISO (International Organization for Standardization) geworden. In "Sichere Nutzungskontrolle für mehr Transparenz in Finanzmärkten"[7] zeigt Müller, dass diese Schutzziele auch für die Wirtschaft selbst von Bedeutung sind, da das dezentrale, selbstorganisierte Handeln durch die aktuelle Finanzkrise die Grenzen verdeutlicht hat.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • mit Hans Robert Hansen, Hermann J. Weihe: Wirtschaftsinformatik. Sozialwissenschaftliche Kooperative, Duisburg 1976, ISBN 3-921473-11-X.
  • mit Peter Zoche: Sicherheit in der Informationstechnik. Integrität von Personen und Dokumenten. ISI, Karlsruhe 1993.
  • mit Ulrich Kohl, Detef Schoder: Unternehmenskommunikation. Telematiksysteme für vernetzte Unternehmen. Addison-Wesley-Longman, Bonn 1997, ISBN 3-8273-1006-7.
  • mit Detlef Schoder: Electronic Commerce. Hürden, Entwicklungspotential, Konsequenzen. Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart 1999, ISBN 3-932013-68-9.
  • mit Torsten Eymann, Michael Kreutzer: Telematik- und Kommunikationssysteme in der vernetzten Wirtschaft. Oldenbourg, München/Wien 2003, ISBN 3-486-25888-5.

als Herausgeber

  • Networking in open systems. Springer, Berlin 1987, ISBN 3-540-17707-8.
  • Zukunftsperspektiven der digitalen Vernetzung. dpunkt, Heidelberg 1996, ISBN 3-920993-46-2.
  • Verlässliche IT-Systeme. Zwischen Key Escrow und elektronischem Geld. Vieweg, Braunschweig 1997, ISBN 3-528-05594-4.
  • Sicherheitskonzepte für das Internet. Springer, Berlin 2001, ISBN 3-540-41703-6.
  • Emerging trends in information and communication security. Springer, Berlin 2006, ISBN 3-540-34640-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. Müller, M. Reichenbach: Sicherheitskonzepte für das Internet. Springer, 2001.
  2. G. Müller: Informationsstrukturierung in Datenbanksystemen. Oldenbourg, München, Wien 1978.
  3. G. Müller: Entscheidungsunterstützende Endbenutzersysteme. Teubner, Stuttgart 1983.
  4. G. Müller: War Internet die einzige Option? Welchen Weg soll die Wirtschaftsinformatik gehen? In: Wirtschaftsinformatik. Band 51, Number 1. Gabler, 2009.
  5. G. Müller, R. P. Blanc: Networking in Open Systems. In: Proceedings International Seminar, Oberlech, Österreich. Springer 1987.
  6. G. Müller, K. Rannenberg: Multilateral Security in Communications – Technology, Infrastructure, Economy. Addison-Wesley-Longman, München 1999.
  7. G. Müller, R. Accorsi, S. Höhn, S. Sackmann: Sichere Nutzungskontrolle für mehr Transparenz in Finanzmärkten. In: Informatik Spektrum. Band 33, Heft 1/2010, S. 3–14.