Günter Maschke

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Günter Maschke (* 15. Januar 1943 in Erfurt) ist ein deutscher Schriftsteller, der anfangs linker politischer Aktivist war, später Privatgelehrter und Publizist der Neuen Rechten wurde.[1]

Leben[Bearbeiten]

Maschke kam 1949 als Adoptivkind mit seiner Familie von Erfurt nach Trier, wo er nach der mittleren Reife eine Lehre als Versicherungskaufmann absolvierte. 1960 trat er in die Deutsche Friedens-Union, kurz darauf in die seit 1956 illegale KPD ein. An der Technischen Hochschule in Stuttgart hörte er bei Max Bense. Dort lernte er Gudrun Ensslin und deren Schwester Johanna kennen. Maschke und Johanna Ensslin zogen nach Tübingen und heirateten 1965. Dort studierte Maschke Philosophie bei Ernst Bloch und war von 1963 bis 1964 Redakteur der Studentenzeitung Notizen. 1964 fand er Anschluss an die radikal-linke situationistische Subversive Aktion Tübingen. Nach deren Auflösung 1966 engagierte sich Maschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Weil er den Kriegsdienst ebenso wie den Ersatzdienst aus politischen Gründen verweigerte, entzog er sich einer drohenden Verhaftung durch die Ausreise nach Österreich, wo er der „Kommune Wien“ um Robert Schindel beitrat. Nach einer Vietnamdemonstration wurde Maschke am 9. Oktober 1967 dort festgenommen. Mit medienwirksamen Demonstrationen gelang es der „Kommune Wien“, die drohende Auslieferung an die Bundesrepublik zu verzögern, bis Maschke nach Kuba ausreisen konnte, wo er politisches Asyl erhielt.

Die Erfahrungen seines zweijährigen Aufenthalts in Kuba von 1968 bis 1969 bewirkten eine politische Neuorientierung.[2] Maschke übte offene Kritik, verweigerte sich Karriereofferten des Regimes und wurde schließlich aus Kuba ausgewiesen. Er berichtete später, mehrere kubanische Bekannte seien kurz darauf als angeblich an einem Attentatsplan auf Fidel Castro beteiligte Verschwörer hingerichtet und er selbst in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.[3] Er kehrte in die Bundesrepublik zurück. Hier verbüßte er eine einjährige Haft wegen Fahnenflucht, zunächst in München und dann in Landsberg. Der Amtsrichter, der ihn im Januar 1970 verurteilt hatte, war wenige Wochen später Ziel eines Brandbombenanschlags. Die Aktion wurde der terroristischen Gruppe „Tupamaros München“ zugeschrieben, die zuvor in einem Drohbrief Maschkes Freilassung gefordert hatte.[4]

Auf Vermittlung von Hans Magnus Enzensberger erschien in der Edition Suhrkamp der von Maschke übersetzte Gedichtband Außerhalb des Spiels von Heberto Padilla.[5] Als Resümee seiner Kuba-Erfahrungen veröffentlichte er eine Darstellung der kubanischen Ökonomie im Kursbuch und in der Reihe Fischer den Essay Kritik des Guerillero (1973). In den folgenden Jahren war er Dozent an der Marineschule von La Punta (Peru), wo er Theorie und Strategie der Partisanenbekämpfung lehrte,[6] sowie als freier Mitarbeiter bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ tätig.[7] Die antirevolutionäre Wende ging einher mit dem Studium des Werkes von Carl Schmitt. Maschke avancierte zu einem Kenner und persönlichen Freund des wegen seines Eintretens für das NS-Regime in der Kritik stehenden Theoretikers. Nach einer publizistischen Kontroverse mit Jürgen Habermas schied Maschke 1985 aus der FAZ-Mitarbeit aus.

Seit seiner Abkehr von der radikalen Linken publizierte Maschke überwiegend in Zeitschriften des rechtskonservativen bis rechtsextremen Umfeldes wie Staatsbriefe, Criticón, Junge Freiheit, Empresas políticas (wo im Jahr 2008 zu seinem 65. Geburtstag eine Sondernummer als Festschrift erschien) oder Etappe, wo er seit 1993 als Mitherausgeber fungiert. Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge, insbesondere zu den Werken von Juan Donoso Cortés und Carl Schmitt. Seine kommentierte Edition von Aufsätzen Carl Schmitts wird zwar als Werk eines „dogmatischen Rechtsauslegers“ bezeichnet,[8] zugleich aber wegen ihres Kenntnisreichtums ernst genommen.[9]

Wirken[Bearbeiten]

Günter Maschke gilt seit seiner in den 1970er Jahren vollzogenen Abkehr von der Linken und seiner Carl-Schmitt-Rezeption als Vordenker der Neuen Rechten. Jürgen Habermas bezeichnete ihn als den „einzigen Renegaten der 68er-Bewegung.“ Für den Verfassungsschutz[10] ist er ein „bekennender Verfassungsfeind“, der das Grundgesetz als „Gefängnis“ bewertet.[11] Demokratische Werte bezeichnete er als „Kannibalenhumanität und Zigeunerliberalismus“.[12] In Maschkes Denken ist die Demokratie totalitär.[13] Analog den „alten Rechten“ spricht er vom „Diktat von Versailles“.[14][15]

Maschke wurde wiederholt Antisemitismus vorgeworfen. Kritiker führen als Beleg für „deutliche Anklänge“ an antisemitisches Denken etwa eine von Maschke zitierte Äußerung Friedrich Meineckes an: „Die Juden, die dazu neigen, eine ihnen einmal lächelnde Gunst der Konjunktur unbedacht zu genießen, hatten mancherlei Anstoß erregt seit ihrer vollen Emanzipation. Sie haben viel beigetragen zu jener allmählichen Entwertung und Diskreditierung der liberalen Gedankenwelt, die seit dem Ausgange des 19. Jahrhunderts eingetreten ist“. Maschke kommentiert: „wer nicht von den Ursachen des Antisemitismus reden will, sollte auch von diesem schweigen, und schweigen sollte auch der, der sich weigert, dessen Realitätskern zu untersuchen, weil wahnhafte Reaktionen möglich sind. La verdad es siempre deliciosa“. Der Text endet mit dem Satz: „Ein jiddisches Sprichwort weiß es noch: Gott bewahre uns vor jüdischer Chuzpe, jüdischen Mäulern und jüdischem Köpfchen“.[16]

Zusammen mit den vom Links- zum Rechtsextremismus konvertierten ehemaligen Landsmannschafter Horst Mahler und Reinhold Oberlercher veröffentlichte Maschke auf der Website des Deutschen Kollegs am 24. Dezember 1998 [17] und in der rechtsextremen Zeitschrift Staatsbriefe 1/1999 eine „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968“, worin sie der 68er-Bewegung eine nationalrevolutionäre Deutung geben.[18] Sie behaupteten, dass die 68er-Bewegung weder für Kommunismus noch für Kapitalismus, weder für drittweltliche oder östliche noch für westliche Konzepte und Machtinteressen eingetreten sei, sondern „allein für das Recht eines jeden Volkes auf nationalrevolutionäre und sozialrevolutionäre Selbstbefreiung“.[19]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Monografien
  • Kritik des Guerillero: zur Theorie d. Volkskriegs. Fischer, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-10-047201-2.
  • Der Tod des Carl Schmitt. Apologie und Polemik. Karolinger, Wien 1987, ISBN 3-85418-030-6.
    • Neuauflage: Der Tod des Carl Schmitt. Durchgesehene und um Texte aus den Jahren 1988-2007 vermehrte Ausgabe. Karolinger, Wien 2012, ISBN 978-3-85418-146-0.
  • Das bewaffnete Wort. Aufsätze aus den Jahren 1973-1993. Karolinger, Wien/ Leipzig 1997, ISBN 3-85418-080-2.
Herausgeberschaft
  • Carl Schmitt. Staat – Großraum – Nomos. Arbeiten von Carl Schmitt aus den Jahren 1916-1969. Duncker & Humblot Berlin 1995, ISBN 3-428-07471-8.
  • Carl Schmitt. Frieden oder Pazifismus? Arbeiten zum Völkerrecht und zur internationalen Politik 1924-1978. Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-08940-5.
Übersetzungen
  • Heberto Padilla: Außerhalb des Spiels. Gedichte. Aus dem Spanischen übersetzt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971.
Interviews
  • Sebastian Maaß (Hrsg.): Verräter schlafen nicht. Günter Maschke im Gespräch. Regin, Preetz 2011.

Literatur[Bearbeiten]

  • Lorenz Jäger: Gelehrter ohne Amt. Kriegstheorie: Zum sechzigsten Geburtstag von Günter Maschke. In: FAZ. 15. Januar 2003, S. 35.
  • Willi Winkler: Die Versuchung, Amok zu laufen. Ein deutsches Milieu: Wie lebt ein rechter Kommunist heute? In: Süddeutsche Zeitung 18. September 1998, S. 3.
  • Empresas Políticas. Año VII, Número 10/11. 1 er/ 2 Semestre 2008. (= Número especial: Liber Amicorum ofrecido a Günter Maschke - Festschrift für Günter Maschke - Sonderheft) ISSN 1695-6117
  • Guillermo de Ujúe: Auswahlbibliographie Günter Maschke. In: Festschrift für Günter Maschke. S. 325–331.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anton Maegerle: Politischer und publizistischer Werdegang von Autoren der "Jungen Freiheit". In: Stephan Braun, Ute Vogt (Hrsg.): Die Wochenzeitung "junge Freiheit": Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden. Springer, 2007, S. 193–215, S. 198.
  2. Linke: Rückkehr vom Mond. In: Der Spiegel vom 7. Mai 1973, abgerufen am 21. März 2014
  3. Timo Frasch: Überlebt. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 20. Oktober 2013, S. 10
  4. Wolfgang Kraushaar: Mordanklage: Hans Magnus Enzensbergers böser Bruder Ulrich. In: Welt.de vom 17. Juni 2013, abgerufen am 21. März 2014
  5. Heberto Padilla (1932–2000) bekam für seine Gedichtsammlung Fuera del Juego 1968 den höchsten kubanischen Literaturpreis, wurde aber kurz darauf wegen des regimekritischen Gehalts seiner Gedichte zu Hausarrest verurteilt, bis er 1980 in die USA emigrieren durfte. Die „Padilla-Affäre“ brachte dem Regime weltweiten Verlust an Sympathie unter Intellektuellen ein
  6. Lorenz Jäger: Deutscher Augenblick, in: FAZ, 18. Juni 2013, S.25
  7. Magazin Kunst, Band 51, 3. Quartal 1973, S. 70
  8. s. Rezension von Reinhard Mehring bei H-Soz-u-Kult
  9. So etwa Michael Stolleis in Frankfurter Rundschau, s. auch die Zusammenfassung bei Perlentaucher
  10. Verfassungsschutzbericht 2003, erschienen 2004, dort wird es schärfer formuliert: „Maschke, der sich in einem früheren JF-Interview selbst als „Verfassungsfeind“ bezeichnete und an anderer Stelle die Verfassung als Gefängnis bewertete, diffamierte demokratische Werte als „Kannibalenhumanität und Zigeunerliberalismus“. S. 90f.
  11. Günter Maschke im Interview, „Der Raum der geistigen Freiheit ist geradezu verdampft“. In: Junge Freiheit. 06/1991, S. 3.
  12. Günter Maschke, „Der Engel der Vernichtung“, In: Junge Freiheit. 15/2003, S. 17.
  13. Günter Maschke im Interview, „Mit der Jugend damals wurde diskutiert“, In: Junge Freiheit. 35/2000, S. 7.
  14. Günter Maschke im Interview, „Die Deutschen werden zu Vasallen der USA ohne Lohn“, In: Junge Freiheit. 14/1999, S. 4f.
  15. Rede vom "Versailler Diktat" ebenso in Maschke: Der Tod des Carl Schmitt. Wien 1987, S. 133.
  16. Günter Maschke: „Der subventionierte Amoklauf“. In: Junge Freiheit. 43/2000, S. 16.
  17. http://www.reich4.de/1998/12/kanonische-erklarung-zur-bewegung-von-1968/
  18. Jahrbuch Extremismus & Demokratie. Band 22, Bouvier Verlag 2010, S. 247.
  19. Horst Mahler, Günter Maschke, Reinhold Oberlercher: „Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968“. In: Staatsbriefe. 1/1999, S. 16; Das Zitat wurde in mindestens drei Sekundärquellen veröffentlicht, hier Klaus Biesenbach: Zur Vorstellung des Terrors. Band 2 von Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung. Steidl Verlag 2005, S. 135.