Güterwagen

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Güterwagen-Vielfalt im Rangierbahnhof Kornwestheim

Güterwagen oder umgangssprachlich Güterwaggons sind Eisenbahnwagen, die dem Transport von Gütern dienen.

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten]

Kohlewagen von 1829 des englischen Kohlebergwerks in South Hetton, ältestes erhaltenes Eisenbahnfahrzeug außerhalb Großbritanniens im Verkehrsmuseum Nürnberg

Zu Beginn des Eisenbahnzeitalters kamen zunächst fast ausschließlich zweiachsige Güterwagen einfacher Bauart zum Einsatz. Fast ausschließlich wurden gedeckte Güterwägelchen (damals auch bedeckte genannt), offene Wagen mit Seitenborden sowie Flachwagen (mit und ohne Rungen) verwendet. Im Laufe der Zeit wurden dann zunehmend spezialisierte Wagen entwickelt.

Spezialwagen für eine begrenzte Nutzung, besondere Güter oder mit speziellen Eigenschaften wurden schon um 1850 als sogenannte Privatgüterwagen eingestellt. Hierunter fallen unter anderem fast alle Kesselwagen und viele Kühlwagen. Sogenannte Wagenleihanstalten stellten viele dieser Wagen ein und vermieten sie an die nutzenden Betriebe.

Recht früh schon kam es zu ersten Vereinbarungen zur gegenseitigen Verwendung von Güterwagen zwischen den Privat- und Staatsbahnen; der Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen stellte um 1850 Vorschriften zur Vereinheitlichung von Abmessungen und Einrichtungen auf. Die Gründung des Preußischen Staatswagenverbands (1881) begünstigte die Entstehung von nach einheitlichen Normalien gebauten Wagenarten. Ähnliche Entwicklungen gab es in anderen Ländern, Jahrzehnte vor der internationalen Vereinheitlichung. Ein Meilenstein im deutschen Güterverkehr war 1909 die Bildung des Deutschen Staatswagenverbands mit einheitlichen Wagentypen und Waggonanschriften. Unter Beteiligung aller deutschen Staatsbahnen wurde dabei ein gemeinsamer Wagenpark geschaffen, der Ende 1911 circa 560.000 Güterwagen umfasste.

Seit der Gründung der Vereinigung der Privatgüterwagen-Interessenten (VPI) im Jahr 1921 werden die Interessen der privaten Transportbranche, vor allem von Waggonvermieter, Güterwagenbau- und Instandhaltungsunternehmen, Inhaber von Privatgleisanschlüssen gebündelt vertreten. Der Verein hat inzwischen rund 100 Mitglieder, die 50.000 Güterwagen besitzen und im Jahr 2007 361 Mio. Tonnen an Güter befördert.[1]

Das Übereinkommen über die gegenseitige Benutzung der Güterwagen im internationalen Verkehr (RIV) regelt seit 1922 den Austausch von Güterwagen in Europa und Nahost. Ab 1953 wurden in Westeuropa mit dem Europ-Verband und ab 1964 in Osteuropa mit dem OPW internationale Güterwagenparks geschaffen. Eine internationale Harmonisierung im Güterverkehr gelang in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch den UIC, unter anderem durch die Entwicklung von UIC-Einheitsgüterwagen. Alle Güterwagen, die innerhalb der UIC-Bahngesellschaften an internationalem Verkehr teilnehmen, müssen entsprechend den UIC-Vorschriften unter anderem einheitlich mit einem UIC-Gattungszeichen und einer UIC-Wagennummer gekennzeichnet sein.

Waren Güterzüge in der Anfangszeit noch mit einer Geschwindigkeit von etwa 30 km/h unterwegs, ermöglichte erst die Einführung der mittels Hauptluftleitung gesteuerten durchgehenden Bremse ab den 1920er Jahren eine höhere Geschwindigkeit von 65 km/h. Moderne Güterwagen sind für Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h zugelassen, verfügen über leistungsfähigere (Scheiben-)Bremsen und sind zunehmend mit GPS-Empfängern und Transpondern zur Positionsüberwachung im Bedarfsfall ausgestattet. Bei der Deutschen Bahn (DB) gibt es auch Exemplare für den Hochgeschwindigkeitsverkehr bis zu 160 km/h. Da der Bremsweg dieser schnellen Güterzüge jedoch länger als der übliche Vorsignalabstand ist, dürfen sie nur auf Strecken mit frühzeitiger Führerstandssignalisierung fahren (LZB, Funkzugbeeinflussung (FZB) und ETCS).

Die spezifische Entwicklungsgeschichte der deutschen Güterwagen findet sich in den Artikeln:

Arten von Güterwagen[Bearbeiten]

Offener Güterwagen der Regelbauart (Eanos-x055 der DB)
Schiebewandwagen – Gedeckter Güterwagen der Sonderbauart (Hbillns der ITL)
Flachwagen der Sonderbauart mit Teleskophauben für den Coiltransport (Shimmns der FS)

Die Güterwagen werden vom Internationalen Eisenbahnverband (UIC) nach ihren konstruktiven Hauptmerkmalen wie folgt eingeteilt:

Die Vorgaben des UIC wurden bei den Bahnverwaltungen manchmal unterschiedlich interpretiert, sodass es vorkommen konnte, dass fast gleiche Wagen verschiedenen Gattungen zugeordnet wurden. Ebenso mussten gelegentlich Wagen durch geringfügige Umbauten neu eingeordnet werden. Beispielsweise wird ein E-Wagen durch das Zuschweißen einer Tür zu einem F-Wagen.

Güterwagen für spezielle Einsatzzwecke – jedoch keiner der o. g. Bauarten eindeutig zuzuordnen – sind:

  • Arbeitswagen (Bahndienstwagen) für die ausschließlich bahninterne Verwendung. In Deutschland gab es für die häufig aus offenen Güterwagen oder Drehschemelwagen hervorgegangenen Wagen bis 1968 das Gattungszeichen X. Diese offenen Wagen wurden als Schlackewagen oder als Wagen zum Transport von Arbeitsmaterial eingesetzt.

Bahnpostwagen zählen nicht zu den Güterwagen, sondern zu den Reisezügen oder sie bildeten eigene Postzüge.

Historische Einteilung von Güterwagen[Bearbeiten]

Deutsche Güterwagen wurden von 1922 bis 1968 in folgende Gruppen unterteilt:

Gedeckte Güterwagen
Gruppe Gattungszeichen* Wagenart
G-Gruppe G/GG gedeckte Wagen, gedeckte großräumige Wagen, Stallungswagen, Kühlwagen (bis 1951)
T-Gruppe T/TT Kühlwagen
K-Gruppe K/KK Klappdeckelwagen
V-Gruppe V Verschlagwagen
Offene Güterwagen
Gruppe Gattungszeichen* Wagenart
O-Gruppe O/OO offene Wagen, Selbstentladewagen, Kübelwagen
R-Gruppe R/RR Rungenwagen
S-Gruppe S/SS Schienenwagen, Flachwagen, Tiefladewagen
H-Gruppe H Schemelwagen
X-Gruppe X/XX Arbeitswagen
BT-Gruppe BT Behältertragwagen
Z-Gruppe Z/ZZ Kesselwagen

* Ab 1951 „Gruppenzeichen“

Schweizer Güterwagen wurden bis 1968 in folgende Gattungen unterteilt:

Schweizer Güterwagen
Gattungszeichen Wagenart Unterteilung
J, K, OJ, OK Gedeckte Güterwagen J = nicht zum Viehtransport geeignet
L, OL Offene Güterwagen
M, OM Niederbord- und Flachwagen
N, ON Drehschemelwagen (Langholzwagen)
O, OB, OC, OR, OT Spezialwagen B = Behältertragwagen, C = Kesselwagen, R = Rollschemel/Rollbock, T = Tiefgangwagen
P Privatwagen
S Schotterwagen
X Dienstwagen

Bestand an Güterwagen der Eisenbahn in Deutschland[Bearbeiten]

Die Anzahl der Güterwagen übertraf und übertrifft die der Personenwagen um ein Vielfaches. Die rückläufige Stückzahl lässt nicht immer automatisch auf eine geringere Beförderungsleistung schließen, da sich das durchschnittliche Ladevolumen und die zulässigen Ladegewichte ständig vergrößert haben. So sorgte das Aufkommen von Flachwagen für Container dafür, dass weniger Wagen für eine breite Masse an Fracht benötigt wurde, weil die Container selbst speziell auf die Fracht zugeschnitten sind.

  • 1850 – 9.147
  • 1860 – 66.728
  • 1870 – 168.902
  • 1880 – 328.858
  • 1890 – 436.833
  • 1909 – 486.121
  • 1911 – 560.000
  • 1945 – 127.000
  • 1950 – 270.000
  • 1960 – 272.700
  • 1970 – 282.500
  • 1980 – 287.400
  • 1990 – 206.900
  • 1995 – 178.500
  • 1996 – 167.300
  • 1997 – 150.600
  • 1998 – 139.700
  • 1999 – 132.400
  • 2003 – 107.031
  • 2006 – 105.5001

1DB AG

2010 sind in Deutschland insgesamt knapp 154.000 Güterwagen eingestellt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJahresbericht 2007. Vereinigung der Privatgüterwagen-Interessenten, abgerufen am 23. Juni 2008 (PDF; 8,5 MB, S. 4).

Literatur[Bearbeiten]

Güterwagen-Gattungszeichen der kkSTB und BBÖ 1890 - 1938, Slezak, 1984. ISBN 3-85416-107-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Güterwagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Güterwagen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Güterwaggon – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen