G8-Gipfel in Genua 2001

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Der G8-Gipfel in Genua war ein Treffen der Gruppe der Acht in der italienischen Stadt Genua. Der insgesamt 27. G8-Gipfel fand vom 18. bis zum 22. Juli 2001 statt. Er wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen der italienischen Polizei und Globalisierungskritikern, bei denen Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen und hunderte Personen verletzt wurden, überschattet. Die juristische Aufarbeitung dauert bis heute an.

Seit dem Gipfel und verstärkt nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 gilt der Grundsatz, für G8/G20-Gipfel einen Ort zu wählen, der möglichst abgelegen ist und gut abgesichert werden kann. Laut Tony Blair soll verhindert werden, dass die publizistische Wirkung von Protesten den Gipfel in den Augen der Öffentlichkeit ruiniert.[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte die G8 zum Treffen in Genua geladen. Die Staats- und Regierungschefs tagten im zentral gelegenen Palazzo Ducale. Im Vorfeld des Gipfels fand ein Treffen der Finanzminister am 7. Juli sowie eine zweitägige Konferenz der Außenminister statt, beide in Rom. Hauptthema der Konferenz waren Strategien zur Bekämpfung der Armut in der Welt.[2] Im Rahmen des Gipfels wurde der Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis and Malaria gestiftet. Die Teilnehmer stimmten in der Aussage überein, dass eine weitere Liberalisierung des Welthandels eine wichtige Maßnahme gegen Armut sei. Kritik äußerte sich an den Vereinigten Staaten, die eine Ratifizierung des Kyoto-Protokolls weiter ablehnten.[3]

Teilnehmer[Bearbeiten]

Staats- bzw. Regierungschefs der G8[4]
KanadaKanada Kanada Jean Chrétien
FrankreichFrankreich Frankreich Jacques Chirac
DeutschlandDeutschland Deutschland Gerhard Schröder
ItalienItalien Italien Silvio Berlusconi
JapanJapan Japan Jun’ichirō Koizumi
RusslandRussland Russland Wladimir Putin
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich Tony Blair
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten George W. Bush

Gäste[Bearbeiten]

Vertreter folgender Staaten und Organisationen haben an dem Gipfel teilgenommen:[5]

Proteste[Bearbeiten]

Demonstranten auf dem Corso Europa, 20. Juli 2001
Brennendes Auto in der Via Montevideo, 20. Juli 2001
Angriff der Polizei auf dem Corso Torino, 20. Juli 2001

Vorbereitungen der Behörden[Bearbeiten]

Aufgrund der Erfahrungen mit früheren organisierten Protesten, vor allem beim zurückliegenden EU-Gipfel in Göteborg im Juni des gleichen Jahres, wurden strenge Maßnahmen ergriffen, um „die Proteste friedlich zu halten“. Italien setzte für die Zeit des Gipfels das Schengener Abkommen außer Kraft und ließ sämtliche Grenzen lückenlos überwachen. In Genua selbst wurden 20.000 Polizisten und Carabinieri zusammengezogen. Minentaucher, Sprengstoffexperten und Terrorspezialisten wurden eingesetzt, zudem wurden Luftabwehrraketen installiert. In der Nähe des Kreuzschiffs "European Vision", auf dem auch viele Politiker übernachteten, wurde die Kriegsflotte "San Marco" installiert.[6]

Eine Maßnahme zur Gewährleistung der Sicherheit der Gipfelteilnehmer war die Einteilung der Stadt in zwei Zonen. Eine rote Zone wurde mit vier Meter Zäunen und Containern abgeriegelt. Sie umfasste den Stadtkern und das gesamte Hafengebiet und war für die Dauer des Gipfels unter keinen Umständen betretbar. Eine weitere, gelbe Zone konnte nur mit eigens von der Stadtverwaltung ausgegebenen Ausweisen (beispielsweise für Anwohner) betreten werden.[7]

Straßen und Autobahnen wurden, teils mit Hilfe von Straßensperren (Checkpoints), kontrolliert; Hafen und Bahnhöfe wurden geschlossen, wie auch der Flughafen, auf dessen Gelände Flugabwehrraketen aufgestellt wurden. Letztere Maßnahme war gegen mögliche terroristische Anschläge gerichtet, vor denen der italienische Geheimdienst mehrfach gewarnt hatte.

Des Weiteren wurden Geräte zur Störung (Jamming) des Mobiltelefonverkehrs in Bereitschaft gehalten und sämtliche Zugänge zur Kanalisation in der Umgebung der roten Zone versiegelt.

In dieser angespannten Situation beschlossen viele Genueser ihre Geschäfte zu schließen und die Stadt zu verlassen.

Im Vorfeld des Gipfels kam es zu zahlreichen Bombenalarmen, dessen Großteil sich jedoch als Fehlmeldung erwies.[8] Eine Briefbombe verletzte einen Carabinieri[9] und eine weitere Bombe die Sekretärin des Journalisten Emilio Fede.[10]

In den Medien und von einigen Politikern wurde vor „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ gewarnt. Die italienische Regierung ließ verlauten, 200 Leichensäcke für den Gipfel bestellt zu haben. Zudem sei mit Giftgasanschlägen, Raketen-Attacken und Aids-verseuchten Blutbeuteln durch die Demonstranten zu rechnen.[7]

Zudem empfahl die Regierung Berlusconi, die Wäsche wegen des unschönen Bilds nicht aus dem Fenster zu hängen. Dem zum trotz hingen Bewohner der Stadt Unterwäsche auf.[11]

Die italienische Polizei griff gegen die Globalisierungskritiker insgesamt äußerst hart durch, ließ eine große Zahl festnehmen, verletzte viele zum Teil schwer und brachte viele Demonstranten ins Bolzaneto-Gefängnis (siehe auch Bolzaneto-Prozess), in dem es zu Misshandlungen kam.[12]

Demonstrationen[Bearbeiten]

Während des Gipfels gab es an mehreren Tagen viele verschiedene Demonstrationen zu verschiedenen Thematiken organisiert von ca. 700 verschiedenen Gruppen. Insgesamt waren weit über 300 000 Menschen in der Stadt um gegen den Gipfel zu demonstrieren.[13] Viele Demonstranten campierten auf zu Zeltplätzen umfunktionierten Parks, während die Tute Bianche im "Stadio Carlini" im Viertel San Martino campierten.[14] Während des Gipfels gab es mindestens 126 Festnahmen, 500 Verletzte und einen erschossenen Demonstranten.[15] Eine weitere Demonstrantin wurde von einem Panzerwagen überrollt.[16]

19. Juli[Bearbeiten]

Am Donnerstag protestierten 60 000 Menschen, um für die Rechte von Migranten zu demonstrieren. Die Demonstration bestand aus antirassistischen Gruppen, Gewerkschaftern und kirchlichen Initiativen.[17][18]

20. Juli[Bearbeiten]

Für den Freitag gab es verschiedene Demonstrationen mit unterschiedlichen Konzepten. Darunter waren ein Pink & Silver Block, eine Tute Bianche Demonstration, aber auch ein Treffpunkt für NGO's (wie zum Beispiel ATTAC), ein weiterer Sammelpunkt für die italienische Basisgewerkschaft Cobas und eine Demonstration von Anarchisten.[19]

Am Mittag des 20. Juli eskalierte die Situation in Genua. Der Zug der Tute Bianche und anderer linker Gruppen wurde von der Polizei mit Tränengas attackiert. Viele der 20.000 in einer schmalen Straße eingeschlossenen Menschen versuchten zu flüchten, zahlreiche andere antworteten auf die Angriffe der Carabinieri mit Steinwürfen. Auf der Via Montevideo und der Via Tolemaide wurden Autos angezündet, am Corso Torino brannte ein Einsatzfahrzeug der Carabinieri aus. Bei den Auseinandersetzungen in den Seitenstraßen wurde nahe der Piazza Alimonda der 23-jährige Carlo Giuliani von dem 20-jährigen Carabiniere Mario Placanica durch einen Kopfschuss getötet und von Filippo Cavataio, der am Steuer des Polizeiwagens saß, zweimal überrollt.[20]

Giuliani soll sich zuvor mit einem Feuerlöscher auf die Heckscheibe des Carabinierifahrzeuges zubewegt haben.[21][22][23][24] Von zwei abgegebenen Schüssen traf eine Kugel Giuliani in den Kopf.[25] Die Polizei gab später zu, während der Auseinandersetzungen weitere 15 Schüsse abgegeben zu haben.[26]

Das Sozialforum Genua, das die Protestaktionen koordinierte, forderte nach dem Tod von Carlo Giuliani auf seiner Website einen sofortigen Stopp des Gipfels. Die Polizei müsse abgezogen werden, forderte das Sozialforum weiter. Die deutsche Abteilung des Netzwerkes ATTAC kündigte an, dass am Samstag um 14 Uhr die geplante Großdemonstration in Genua wegen des Todesfalles als Trauermarsch beginnen sollte.[27]

21. Juli[Bearbeiten]

Am Samstag kamen, wohl auch wegen des Todesfalls, 300.000 Menschen in die Stadt, um zu demonstrieren. Die Demonstration brauchte Stunden, um sich komplett aufzustellen. Viele Bewohner der Stadt zeigten sich solidarisch und verteilten Wasser oder spritzten, angesichts der großen Hitze, Wasser auf die Großdemonstration.[28]

Später kam es zu erneuten Auseinandersetzungen am Hafen. Am Piazzale Martin Luther King wurden Autos angezündet und gleichzeitig Banken, Autohäuser und andere Geschäfte verwüstet.[29] Autos wurden angezündet, es gab Verletzte und Festnahmen - darunter vier Journalisten.[30]

22. Juli[Bearbeiten]

In der Nacht auf den Sonntag stürmten schwerbewaffnete Polizisten die von der Stadt Genua bereitgestellte Schule Diaz,[31][32] in der neben Indymedia, eine Rechtshilfestelle für festgenommene Demonstranten und eine Erste-Hilfe-Station für Verletzte untergebracht war. Viele Demonstranten ließen sich dort wegen Augen- und Mundreizungen nach dem immensen Tränengaseinsatz verarzten.[33] 60 Menschen mussten verletzt aus dem Gebäude getragen werden. Insgesamt wurden 73 Demonstranten verletzt.[34] 18 Stunden nach dem Überfall wurde der Staatsanwalt der Sachverhalt durch die Polizei mitgeteilt.[35] Später drang die Polizei auch in die gegenüberliegende Pertini Schule ein, wo das Genua Social Forum und das Media Zentrum seinen Sitz hatte.[36] Anschließend kam es in Bolzaneto, in der Kaserne „Nino Bixio“ der mobilen Abteilung der Staatspolizei, zu Folter und antisemitischen Äußerungen gegenüber den festgenommenen Demonstranten.[37][38][39] Zudem wurde der Kontakt zu Anwälten verweigert.[40]

Aufarbeitung[Bearbeiten]

In den Tagen nach dem Gipfel fanden in zahlreichen Städten und Ländern auf der Welt Solidaritätsbekundungen statt.[41][42][43] Die deutschen Abgeordneten Annelie Buntenbach und Hans-Christian Ströbele besuchten die Inhaftierten in Italien, um mit ihnen zu sprechen.[44] Ströbele verglich die Vorkommnisse in Genua mit denen in ehemaligen südamerikanischen Militärdiktaturen.[45]

Der Tod von Carlo Giuliani wird in Teilen der globalisierungskritikischen Bewegungen als Mord angesehen. Der Polizist, ein erst 20-jähriger Wehrpflichtiger, berief sich dagegen auf Notwehr und wurde in einem umstrittenen Prozess freigesprochen. Bis heute sind viele Fragen zum genauen Ablauf der Ereignisse offen. So wurde das Projektil, mit dem Giuliani erschossen wurde, nie gefunden bzw. untersucht. Dennoch behauptet die Staatsanwaltschaft, die tödliche Kugel sei von einem fliegenden Stein in der Luft abgeprallt und habe so Giuliani getroffen. Auch bleiben nach Auswertung des umfangreichen Bildmaterials Zweifel an der offiziellen Darstellung. Die Klage der Eltern und einer Schwester Giulianis vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde am 25. August 2009 abgewiesen.[46][47]

Wiederholt wurde der Verdacht geäußert, die Polizei habe verkleidete Beamte in den Schwarzen Block als Provokateure eingeschleust.[48][49] Verschiedene Augenzeugen behaupten, die Polizei sei mit großer Härte gegen friedliche Demonstranten vorgegangen, habe sich aber gegenüber dem Schwarzen Block in auffälliger Weise zurückgehalten.[49]

Die Vorgänge um den G8-Gipfel in Genua wurden von Amnesty International scharf verurteilt. Die internationale Organisation sprach von „massiven Verstößen gegen die Menschenrechte”.[50] Weiterhin sprach Amnesty von der „größten Außerkraftsetzung von demokratischen Rechten in einem westlichen Land nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs“.[51]

Die Ereignisse in der Polizeikaserne und die Gerichtsverfahren veranlassten die britische Zeitung The Guardian zu der Aussage: „Genoa tells us that when the state feels threatened, the rule of law can be suspended. Anywhere. (Genua sagt uns, dass, wenn der Staat sich bedroht fühlt, die Herrschaft des Gesetzes außer Kraft gesetzt werden kann – überall.)“[52]

Gerichtsverfahren[Bearbeiten]

Im Jahr 2002 wurden sechs Mitglieder der Hackergruppe "Hi-tech hate" verhaftet, da sie während des G8-Gipfels Seiten von Firmen gehackt hatten. Darunter auch die G8-Webseite.[53]

Im Zusammenhang mit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua wurden drei Prozesse eröffnet. Im Prozess zu den Vorfällen im Gefängnis Bolzaneto sind 45 zum Großteil hochrangige leitende Polizisten wegen Beweisfälschung, Körperverletzung und Folterung von Demonstranten angeklagt worden.[54] Am 14. Juli 2008 sind 15 davon wegen brutalen Vorgehens gegen Demonstranten zu Gefängnisstrafen von fünf Monaten bis fünf Jahre verurteilt worden, während 30 Angeklagte freigesprochen wurden.[55] Die Höchststrafe erhielt dabei der für die Sicherheit in dem Gefängnis verantwortliche Beamte Antonio Biagio Gugliotta. Die Hauptverhandlung über polizeiliche Gewalt in der Diaz-Schule, wo viele Globalisierungsgegner übernachteten, drohte wegen besonderer Verjährungsregelungen im italienischen Recht eingestellt zu werden, da in Italien im Unterschied zu anderen europäischen Rechtssystemen die Verjährung durch ein Verfahren nicht gehemmt wird. Allein in dem Lager auf dem Gelände der Schule wurden 73 Demonstranten verletzt.[56][57][58]

Nach Bekanntwerden von Strafforderungen der Staatsanwaltschaft gegen 25 Demonstranten fanden sich am 17. November 2007 zwischen 30.000 und 50.000[59] Menschen in Genua ein, um gegen die Forderungen der Procura di Genova zu protestieren. Der Unmut wurde zum Einen von der unerwartet hohen Strafforderung (in der Summe 225 Jahre Haft für die Angeklagten) wie auch die Unregelmäßigkeiten bei den Prozessen gegen die Sicherheitsorgane und die, sechs Jahre nach den Vorfällen, immer noch ausstehende parlamentarische Untersuchungskommission hervorgerufen. Die Demonstration verlief, gegen Befürchtungen der bürgerlichen Presse, friedlich und ohne nennenswerte Zwischenfälle[60]. Insgesamt wurde gegen 39 Demonstranten Anklage wegen „Verwüstung und Plünderung“ erhoben.

Am Donnerstag, dem 17. Juli 2008 beantragte die Staatsanwaltschaft Genua gegen 28 Polizisten zwischen drei Monaten und fünf Jahren Haft – zusammen knapp 110 Jahre. Für einen weiteren angeklagten Polizisten wird Freispruch beantragt. Der Polizist, der in einem Nachtlager der Demonstranten zwei Molotowcocktails deponiert haben soll, mit denen die Beamten später eine Provokation durch die Globalisierungskritiker zu belegen versuchten, soll die fünfjährige Haftstrafe bekommen, so die italienische Nachrichtenagentur ANSA.[61]

13 Polizisten wurden am 14. November 2008 erneut zu Haftstrafen von bis zu vier Jahren verurteilt. Ein Gericht in Genua sah zum Abschluss des dreijährigen Prozesses die Vorwürfe des Amtsmissbrauchs und der Körperverletzung als erwiesen an. Die verurteilten Polizisten müssen den Opfern zudem Schadensersatz leisten. 16 weitere Angeklagte sprachen die Richter dagegen frei, unter ihnen die drei Hauptverantwortlichen der Ordnungskräfte. In dem Prozess ging es um eine Razzia in einer Schule im Juli 2001. Viele der dort untergebrachten Globalisierungskritiker aus Italien und dem Ausland gaben an, sie seien im Schlaf von den Beamten angegriffen und mit äußerster Brutalität zusammengeschlagen worden. Mindestens einer der verurteilten Beamten bestätigte, dass wehrlose Personen geschlagen worden seien. Das Urteil löste im Gericht unter den betroffenen Personen heftige Reaktionen und Proteste aus; der Reporter Mark Covell, der nach dem Überfall im Koma lag, sagte, es gebe keine Demokratie in Italien.[62][63]

Am 5. März 2010 stellte ein Berufungsgericht die Schuld der 44 Angeklagten Polizisten und Gefängnisbediensteten fest. Ein großer Teil der Anklagepunkte war aber schon verjährt, so dass nur gegen 7 Angeklagte Haftstrafen ausgesprochen wurden. Alle Angeklagten müssen Entschädigungen an die 250 Opfer bezahlen. Das Gericht stellte fest, dass es sich nicht um Einzelfälle gehandelt hat sondern systematische Maßnahmen.[64] In einem weiteren Verfahren wurden 25 der 27 Angeklagten, darunter auch die Polizeikommandanten, zu Freiheitsstrafen zwischen drei und fünf Jahren verurteilt.[65] Im selben Jahr stellte die italienische Justiz das Verfahren gegen die nach dem Gipfel inhaftierten Mitglieder der Volxtheaterkarawane ein.[66] Im Jahr 2010 endete auch der Berufungsprozess gegen 20 Mitglieder des süditalienischen Netzwerks "Sud Ribelle", die sich mit der Anklage konfrontiert sahen, in Genua eine "politische Verschwörung gegen den Staat" betrieben zu haben. Die Angeklagten wurden freigesprochen.[67]

Am 27. März 2011 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) rechtskräftig, dass die tödlichen Schüsse des Carabiniere auf Carlo Giuliani nicht menschenrechtswidrig waren. Die Straßburger Richter verneinten einen Verstoß gegen das Recht auf Leben. Das Urteil der Großen Kammer erging mit 13 zu vier Stimmen. Der Polizeibeamte habe sein Leben und das seiner Kollegen angesichts der bewaffneten Angriffe der Demonstranten für gefährdet gehalten. Dabei sei unerheblich, ob die Kugel tatsächlich von einem Stein abgelenkt wurde, wie Forensik-Experten meinten, oder die Waffe direkt auf Guilianis Kopf gerichtet worden sei.[68]

Mitte 2012 wurden 16 Spitzenbeamte der italienischen Polizei durch den Kassationsgerichtshof in Rom wegen des Sturms auf die Scuola Diaz verurteilt. Das Gericht verhängte Freiheitsstrafen zwischen drei Jahren und acht Monaten und fünf Jahren, dazu der Verlust aller öffentlichen Ämter für fünf Jahre. Die Verurteilten müssen die Haftstrafen jedoch aufgrund von in den letzten Jahren ausgesprochenen Strafnachlässen für vor 2006 begangene Verbrechen nicht antreten. Alle müssen jedoch aus dem Polizeidienst ausscheiden. Der Vater von Carlo Giuliani sagte, das Urteil zeige, dass es in Italien „noch einen Hauch von Justiz gibt“.[69][70]

Hohe Strafen verhängte der Kassationsgerichtshof 2012 in Rom für fünf Demonstranten, die unter Anderem wegen der Krawalle auf der Via Tolemaide angeklagt waren.[71] Ein Angeklagter muss für 14 Jahre in Haft, drei weitere erhielten Strafen zwischen zehn und zwölfeinhalb Jahren wegen "Beteiligung an den Ausschreitungen", eine Frau erhielt sechseinhalb Jahre.[72]

2013 beklagte die Präsidentin von Amnesty International Italien, Christine Weise, dass in Italien vieles im Sande verlaufe. Obwohl Italien schon vor 25 Jahren das Abkommen gegen Folter ratifiziert habe, sei Folter immer noch kein Bestand im Strafgesetzbuch. Viele der Verantwortlichen bei Polizei und den Ordnungskräften während des G8 Gipfels seien entweder gar nicht verurteilt oder sogar freigesprochen worden.[73]

Auswirkungen und Gedenken[Bearbeiten]

Am ersten Jahrestag fanden in Italien Kundgebungen statt. Vom 13.-21. Juli gab es in Genua öffentliche Debatten, Kongresse, Aktionen, Straßentheater, Konzerte und Demonstrationen. Am Todestag von Carlo Giuliani demonstrierten ein Jahr später 150 000 Menschen auf den Straßen von Genua.[74]

Nach den Vorkommnissen in Genua 2001 legten die "Tute Bianche" ihre weißen Overalls ab und wurden zu den "Disobbedienti". Während im Jahr 2002 noch das Europäische Sozialforum in Florenz stattfand, zerfiel die große linke Bewegung in Italien in den kommenden Jahren in kleine, auf territoriale Proteste beschränkte Gruppen. Einzig die Partito della Rifondazione Comunista konnte einen kleineren Teil der globalisierungskritischen Bewegung in sich vereinen.[75] Im Laufe der nächsten drei Jahre wurden ca. 7.000 politische Verfahren von der italienischen Staatsanwaltschaft gegen Aktivisten verschiedener sozialer Bewegungen angestrengt.[76]

Carlos Giulianis Mutter Haidi Giuliani trat seit dem Tod ihres Sohnes als mehrfach Gastrednerin auf Diskussionsveranstaltungen in Berlin, London, Madrid, Paris oder Athen auf. Sie engagiert sich in einem Gedenkverein für ihren Sohn und in einem Netzwerk für die Opfer staatlicher Gewalt.[77] Im Jahr 2006 zog sie für die Rifondazione Comunista/Sinistra Europea in den italienischen Senat ein.[78]

30.000 Menschen beteiligten sich 10 Jahre später am 23. Juli 2011 in Genua an einer Demonstration im Andenken an den G8-Gipfel. Aus Sorge vor gewaltsamen Ausschreitungen wurden starke Sicherheitsvorkehrungen ergriffen, der Protestzug wurde unter anderem von Giulianis Eltern geführt.[79]

Film[Bearbeiten]

  • Die Dokumentation Die Story - Gipfelstürmer des WDR vom 24. Juli 2002 belegt mit zuvor unveröffentlichten Bilddokumenten die Menschenrechtsverletzungen seitens der in Genua eingesetzten Sicherheitskräfte. Sie wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis als beste Dokumentation 2002 ausgezeichnet.[80] Außerdem produzierte der WDR das Hörspiel Genua 01 von Fausto Paravidino. Das Hörspiel erhielt den ARD Online Award 2004
  • Der Film OP Genua 2001 – Öffentliche Sicherheit und Ordnung (2007) stellt die Dokumentation dieser Aufbereitung dar. Der Film ist eine Erweiterung des Films Recht auf Notwehr von 2005
  • 2011 präsentiert der Regisseur Carlo Augusto Bachschmidt auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig in der Festivalsektion Controcampo Italiano den Dokumentarfilm Black Block, der sich mit den Geschehnissen in Genua auseinandersetzt
  • Diaz - Don't clean up this blood ist der Titel eines an die Ereignisse angelehnten Spielfilms von Daniele Vicari, der unter anderem die Situation in der Diaz Schule beschreibt. Der Film wurde im Februar 2012 auf der Berlinale in Berlin vorgestellt und wird voraussichtlich im April 2012 veröffentlicht.[81][82]

Literatur[Bearbeiten]

  • Der damalige Sprecher des Sozialforums und Politiker Vittorio Agnoletto veröffentlichte 2011 mit dem Journalisten Lorenzo Guadagnucci 10 Jahre später das Buch L'eclisse della democrazia ("Die Sonnenfinsternis der Demokratie"). Das Buch ist eine detaillierte Aufarbeitung der Proteste und der Polizeirepression.[83]
  • Buch und Dokumentation: Willi Baer, Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Die blutigen Tage von Genua- G8-Gipfel, Widerstand und Repression (Bibliothek des Widerstands, Band 17), Hamburg, Laika Verlag 2011, ISBN 978-3-942281-87-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: G8-Gipfel in Genua 2001 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tony Blair: Mein Weg. Bertelsmann, München 2010, ISBN 978-3-570-10071-4, hier S. 604
  2. Si chiude l’anno di Presidenza italiana del G8
  3. G8: What has it achieved?
  4. Si chiude l’anno di Presidenza italiana del G8
  5. Si chiude l’anno di Presidenza italiana del G8
  6. Gipfel der Gewalt focus.de 23. Juli 2001
  7. a b Michael Braun: G8 in Genua: Gipfel der Gewalt-Exzesse. Online auf spiegel.de vom 6. Juli 2007.
  8. Bombenalarm -Artikel bei Repubblica.it
  9. Briefbombe verletzt Carabinieri - Artikel bei Repubblica.it
  10. Briefbombe gegen TG4 - Artikel bei Repubblica.it
  11. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.9
  12. Stern, G8 Urteile, Abgerufen am 30. Oktober 2010
  13. Vgl. V-Männer im Schwarzen Block
  14. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.9
  15. Viel Blut, kaum Ergebnisse: Die drei "Kriegstage" von Genua BZ, vom 23. Juli 2001
  16. G-8-Gipfel in Genua - die tödliche Gewalt Berliner Kurier, vom 21. Juli 2001
  17. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.9
  18. European Citizenship and the Place of Migrants’ Struggles in a New Radical Europe: a talk with Sandro Mezzadra criticatac.ro vom 3. Juli 2013.
  19. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.11
  20. Vgl. Zehn Jahre vor Gericht jungle-world.com vom 14. Juli 2011
  21. Bild vom Geschehen auf der Piazza Alimonda
  22. Taz: „Es war Rache“
  23. Kurier: „Ein Tag wie im Krieg“ (Version vom 18. Februar 2008 im Internet Archive)
  24. Die Welt: Tödliche Begegnung zweier Idealisten
  25. NTV: Todesschüsse bei G8 in Genua
  26. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.12
  27. Vgl.Berichte aus verschiedenen Medien
  28. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.14
  29. Wieder schwere Krawalle in Genua, faz.net vom 21. Juli 2011
  30. Mindestens 160 Verletzte bei Ausschreitungen in Genua, rp-online.de vom 21. Juli 2011
  31. Gewaltorgie gegen Demonstranten, vom 2. August 2012
  32. The bloody battle of Genoa, guardian.co.uk vom 17. Juli 2008
  33. Vgl. Heise.de: Angriff auf unbequeme Journalisten in Genua
  34. Haft für brutale G8-Polizisten, focus.de vom 15. Juni 2008
  35. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.15
  36. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.16
  37. Das Grauen von Genua, tagesspiegel.de vom 27. März 2008
  38. The bloody battle of Genoa, theguardian.com vom 17. Juli 2008
  39. Gerechtigkeit für Genua-Opfer, taz.de vom 8. März 2010
  40. Strafen ohne Folgen, taz.de vom 20. Juli 2011
  41. Vgl.Berichte aus verschiedenen Medien
  42. Genua: Ermittlungen gegen Todesschützen
  43. Krawalle drückten G-8-Gipfel den Stempel der Gewalt auf
  44. Folter in Genua
  45. Keine Strafe für die Verantwortlichen fr-online.de vom 24. November 2008
  46. Vgl. Der Standard: Gerichtshof für Menschenrechte entlastet Polizist wegen Tod bei G-8 in Genua
  47. Carlo Giuliani: EGMR spricht Italien frei
  48. Erinnerung an Genua auf den Seiten des Deutschlandfunks
  49. a b Italienische Aufklärung auf den Seiten des Tagesspiegels
  50. Amnesty: Polizei hat in Genua Menschenrechte verletzt
  51. Fassungslos nach Freispruch
  52. guardian.co.uk: The bloody battle of Genoa Abgerufen am 31. Juli 2008
  53. Italienische Hackergruppe festgenommen vom 16. Januar 2002
  54. taz.de: Verhandeln bis zur Verjährung der Tat, 13. Oktober 2005
  55. reuters: Haftstrafen für Polizisten wegen Gewalt bei G8-Gipfel in Genua, 15. Juli 2008
  56. de.indymedia.org: G8 Genua: Niedrige Urteile gegen Polizei Abgerufen am 15. Juli 2008
  57. taz.de: Verurteilte Polizisten zufrieden Abgerufen am 15. Juli 2008
  58. stern.de:G8-Urteile in Genua – "Suspendierung des Rechtsstaates" Abgerufen am 31. Juli
  59. Online-Ausgabe von La Repubblica
  60. Il Manifesto - Ausgabe vom 18.November 2007
  61. focus.de: Haftstrafen wegen Polizeigewalt beim G-8-Gipfel in Genua gefordert Abgerufen am 31. Juli 2008
  62. 'I still have nightmares'
  63. Leitende Polizisten freigesprochen
  64. Gerechtigkeit für Genua-Opfer
  65. Polizisten müssen in den Knast
  66. Italien klagt VolxTheater Karawane nicht an
  67. Italiens Linke ist völlig planlos
  68. Straßburger Richter sprechen Italien frei vgl. Süddeutsche Zeitung
  69. Haftstrafen für italienische Polizisten
  70. Haftstrafen für italienische Polizisten
  71. Jungle-World: Die Rache für Genua
  72. Taz: Urteil gegen Genua Demonstranten: Unglaubliche Strafen Abgerufen am 28. Dezember 2012
  73. Tagesschau: Amnesty International prangert Lage in Italien an: Ein Mangel an Menschenrechten im Herzen Europas Abgerufen am 24. Januar 2013
  74. Vgl. Dario Azzelini: Genua - Italien, Geschichten, Perspektiven; S.30
  75. Der Feind meines Feindes jungle-world.com vom 7. März 2013
  76. “Dreizehn von 7000 politischen Verfahren” in heise.de vom 29. November 2004
  77. FR-online: Italiens Mutter Courage Abgerufen am 9. September 2011
  78. Interview mit Haidi Giuliani indymedia.org vom 7. August 2007.
  79. 30 000 Menschen gedenken in Genua des G8-Gipfels der Gewalt
  80. taz.de: Deutscher Fernsehpreisspiegel.de vom 6.Oktober 2002
  81. imdb: Diaz - Don't clean up this blood
  82. "Diaz" - ein schonungsloser Film über Genua 2001, Tagesschau vom 12. April 2012
  83. Taz: Zehn Jahre nach G8-Protesten in Genua: Man wollte uns erledigen Abgerufen am 7. August 2011