Gailingen am Hochrhein

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Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Gemeinde Gailingen am Hochrhein
Gailingen am Hochrhein
Deutschlandkarte, Position der Gemeinde Gailingen am Hochrhein hervorgehoben
47.6969444444448.755469Koordinaten: 47° 42′ N, 8° 45′ O
Basisdaten
Bundesland: Baden-Württemberg
Regierungsbezirk: Freiburg
Landkreis: Konstanz
Höhe: 469 m ü. NHN
Fläche: 13,17 km²
Einwohner: 2772 (31. Dez. 2012)[1]
Bevölkerungsdichte: 210 Einwohner je km²
Postleitzahl: 78262
Vorwahl: 07734
Kfz-Kennzeichen: KN
Gemeindeschlüssel: 08 3 35 026
Adresse der
Gemeindeverwaltung:
Hauptstraße 7
78262 Gailingen am Hochrhein
Webpräsenz: www.gailingen.de
Bürgermeister: Heinz Brennenstuhl (CDU)
Lage der Gemeinde Gailingen am Hochrhein im Landkreis Konstanz
Bodensee Bodenseekreis Landkreis Waldshut Schwarzwald-Baar-Kreis Landkreis Tuttlingen Landkreis Sigmaringen Aach (Hegau) Allensbach Bodman-Ludwigshafen Büsingen am Hochrhein Stockach Eigeltingen Engen Gaienhofen Gailingen am Hochrhein Gottmadingen Hilzingen Hohenfels (bei Stockach) Konstanz Mainau Moos (am Bodensee) Mühlhausen-Ehingen Mühlingen Öhningen Orsingen-Nenzingen Radolfzell am Bodensee Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Rielasingen-Worblingen Singen (Hohentwiel) Steißlingen Stockach Tengen Volkertshausen SchweizKarte
Über dieses Bild

Gailingen am Hochrhein ist eine Gemeinde im Landkreis Konstanz in Baden-Württemberg. Gailingen ist ein staatlich anerkannter Erholungsort.

Geographie[Bearbeiten]

Gailingen mit der Pfarrkirche St. Dionysius

Gailingen liegt zwischen 400 (Rheinufer) und 630 Metern (Rauhenberg) über Normalnull. Der Dorfkern liegt auf einer alten Flussterrasse des Rheins und erstreckt sich über weite Teile des Südhangs des Rauhenbergs, auf dem noch Reste der Burg „Bürglischloss“ und der Burg Rauhenberg zu finden sind.

Nachbargemeinden[Bearbeiten]

Die Gemeinde grenzt im Norden an das zur Gemeinde Gottmadingen gehörende Dorf Randegg, im Osten an die Schweizer Gemeinden Buch und Ramsen im Kanton Schaffhausen, im Süden an die Stadt Diessenhofen im Kanton Thurgau und im Westen an Dörflingen im Kanton Schaffhausen. Nach einem 800 Meter breiten Stück Schweizer Territoriums wird im Westen außerdem die Gemarkung der deutschen Exklave Büsingen erreicht, das auf halbem Weg nach Schaffhausen liegt.

Gemeindegliederung[Bearbeiten]

Zur Gemeinde Gailingen am Hochrhein gehören das Dorf Gailingen, der Weiler Obergailingen und die Häuser Lochmühle, Rheinburg und Rheinhalde und Strandweg. Im Gemeindegebiet liegen die abgegangenen Ortschaften Aufhofen, Gaishütte und Hofstetten.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Gailingen wurde erstmals im Jahre 965 urkundlich erwähnt. Der Name geht auf einen alemannischen Sippenführer Gailo zurück, der den Ort wohl im 5. Jahrhundert gegründet hat. Der Ort gehörte zunächst den Herren von Gailingen, den vermutlichen Erbauern des Bürglischlosses, ehe er 1465 unter Landeshoheit der Habsburger kam. Im Rahmen der Gebietsveränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluss fiel die Gemeinde 1806 an das Großherzogtum Baden.

Religionen[Bearbeiten]

Jüdischer Friedhof in Gailingen

Eine Besonderheit Gailingens war jahrhundertelang der hohe jüdische Bevölkerungsanteil. Nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs war den ersten Juden 1657 die Ansiedlung erlaubt worden, die zwei Jahrzehnte später die mildtätige Bruderschaft Chewra Kadischa gründeten und mit der Anlage eines bis heute gut erhaltenen jüdischen Friedhofes begannen. 1830 weihte man in Gailingen, das von 1827 bis 1925 der Sitz eines Bezirksrabbinates war, eine Synagoge ein, die bis zur Reichspogromnacht 1938 Bestand hatte; gesprengt wurde sie am 10. November wie auch die Synagogen von Konstanz, Wangen und Gottmadingen durch die SS-Verfügungstruppe III./'Germania' aus Radolfzell. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Einwohner des Ortes jüdische Bürger (1862 990 gegenüber 982 Christen). Von 1870 bis 1884 hatte die Gesamtgemeinde einen jüdischen Bürgermeister, Leopold Guggenheim. Gailingen war damals nicht nur die zweitgrößte Gemeinde in der Landgrafschaft Nellenburg (nach Stockach und noch vor Radolfzell und Singen), sondern besaß auch eine der größten israelitischen Gemeinden Badens. Das Gemeindeleben mit unter der Leitung berühmter Rabbiner und Lehrer geschaffenen religiösen und sozialen Einrichtungen (Rat- und Schulhaus, zentrale Wasserversorgung, Krankenhaus, Altersheim) galt bis zur Zeit des Nationalsozialismus als mustergültig.[3][4]

Politik[Bearbeiten]

Gailingen bildet mit Büsingen am Hochrhein und Gottmadingen eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft.

Gemeinderat[Bearbeiten]

Die Kommunalwahl vom 7. Juni 2009 führte bei einer Wahlbeteiligung von 54,5 % (+ 2,7) zu folgendem Ergebnis:[5]

Partei / Liste Stimmenanteil +/- Sitze +/-
CDU/UWG 46,1 % - 3,7 6 + 1
FWG 53,9 %1 + 3,7 3 - 2
Sozialökologische Liste 3 + 3

1 Für Wählervereinigungen weist das Statistische Landesamt keine Trennung nach einzelnen Listen aus.

Bürgermeister[Bearbeiten]

Bürgermeister von Gailingen ist Heinz Brennenstuhl. Er hat das Amt seit dem 12. Mai 1986 inne.[6]

  • 1833–1841: Michael Held
  • 1841–1845: Johann Nepomuk Schneble
  • 1845–1852: Michael Held
  • 1852–1856: Johann Nepomuk Auer
  • 1856–1859: Peter Heidel
  • 1859–1869: Christian Schneble
  • 1869–1870: Matthias Auer
  • 1870–1884: Leopold Hirsch Guggenheim
  • 1884–1891: Conrad Auer
  • 1891–1921: Oswald Auer
  • 1921–1928: Otto Schneble
  • 1928–1933: Josef Ruh
  • 1933–1935: Friedrich Hermann
  • 1935–1939: Alois Sproll
  • 1939–1944: Willi Becher
  • 1944–1945: Emil von Ow
  • 1945–1946: Josef Ruh
  • 1946–1948: Karl Auer
  • 1948–1954: Richard Schneble
  • 1954–1971: Martin Schneble
  • 1971–1986: Ernst Ege
  • seit 1986: Heinz Brennenstuhl (CDU)

Partnergemeinde[Bearbeiten]

Mit Liebschützberg in Sachsen ist Gailingen partnerschaftlich verbunden

Wappen[Bearbeiten]

Blasonierung: „Geteilt von Blau und Silber, oben pfahlweise drei linksgewendete goldene vierendige Hirschstangen, unten ein roter abgerissener Löwenkopf.“

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Seit 1950 existieren die Schmieder-Kliniken, seit 1972 das Jugendwerk – beides neurologische Rehabilitationszentren (das Jugendwerk für Kinder und Jugendliche).

Seit 1977 ist die Gemeinde als Erholungsort staatlich anerkannt.

Bildung[Bearbeiten]

Die Gemeinde verfügt mit der Hochrheinschule Gailingen über eine Grund- und Hauptschule.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten]

Turm der St.-Dionysius-Kirche

Die Gemeinde Gailingen hat eine Reihe interessanter, u.a. auch denkmalgeschützter architektonischer Bauten aufzuweisen. Zu den wichtigsten Bauwerken gehören:

  • die Nikolaus-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert in Obergailingen[7]
  • die 1907-1911 erbaute neugotische katholische Pfarrkirche St. Dionysius,[8]
  • das Bürgerhaus (früher das jüdische Schulhaus) mit dem angrenzenden Synagogen-Gedenkplatz,
  • der jüdische Friedhof aus dem 18. Jahrhundert,
  • das um 1750 erbaute Liebenfelsische Schlösschen,[9]
  • die 1866 als ein Landhaus im Stil der Neorenaissance errichtete Villa Rheinburg[10],
  • mehrere historische Weintrotten, z.B. die auf das Jahr 1564 datierte "Randegger Trotte"[11] und die ehemalige "Klostertrotte in der Steig" aus dem 17. Jahrhundert[12], sowie
  • die gedeckte Holzbrücke über den Rhein hinüber zur schweizerischen Stadt Diessenhofen.

Gedenkstätten[Bearbeiten]

Auf dem Jüdischen Friedhof unterhalb des Bürgli-Schlosses erinnert seit 1948 ein Gedenkstein an die Gailinger Juden, die 1940 in der Wagner-Bürckel-Aktion ins KZ Gurs[13] deportiert wurden und der Shoa zum Opfer fielen. Am Synagogenplatz gedenkt die Bürgerschaft seit 1976 mit einem Gedenkstein und einer Gedenktafel der 1938 vernichteten Synagoge der jüdischen Gemeinde. Der jüdische Friedhof wurde etwa 1650 angelegt. Der älteste Grabstein datiert von 1695; die bislang letzte Beisetzung war 1980; er zählt an die 1.244 Grabsteine.[14]

Das Bürgerhaus Gailingen, ehemals das jüdische Schul- und Gemeindehaus, wird heute unter anderem als Dokumentationszentrum der jüdischen Geschichte und Kultur am Bodensee und Hochrhein genutzt.[15]

Natur[Bearbeiten]

Der Rhein bei Gailingen

Neben der schönen Umgebung und der Nähe zur Schweiz locken im Sommer vor allem das Rhein-Strandbad und die Schifffahrt. Außerdem wird an den Südhängen in Gailingen auf rund 18 Hektar Wein angebaut. Der Abschnitt des Hochrheins, an dem Gailingen liegt - Auslauf aus dem Bodensee (Untersee) bis zum Rheinfall bei Schaffhausen - zählt zu den schönsten Flussläufen Europas.

Hoch über dem Dorf befindet sich der Aussichtspunkt Bürglischloss mit dem 1998 erstellten Aussichtsturm. Bei guter Fernsicht sieht man von Vorarlberg bis zu den Berner Alpen.

Seit 2004 ist der Kalk-Trockenrasen am Gailinger Berg ein eigenes Naturschutzgebiet.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Ehrenbürger[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Naftali Bar, Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof in Gailingen / Bet ha-ḳevarot ha-Yehudi be-Gailingen, Memor-Buch, 2 Bände. Gemeinde Gailingen, Verein für die Erhaltung des Jüdischen Friedhofes in Gailingen, Gailingen / Zürich 1994 (in deutsch, Grabinschriften in deutsch und hebräisch, 1889 Fotos aller Grabsteine, Abschrift und Übersetzung deren Inschriften, Belegungsplan und -liste. Kongressbibliothek-Kat.-Nr.: 93117120 - ohne ISBN).
  •  Eckhardt Friedrich, Dagmar Schmieder-Friedrich (Hrsg.): Die Gailinger Juden. Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Gailingen aus ihrer Blütezeit und den Jahren der gewaltsamen Auflösung. In: Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte e.V., Nummer 3. Arbeitskreis für Regionalgeschichte, Konstanz 1981, ISBN 3-923215-02-9.
  •  Detlef Girres: Auf den Spuren des jüdischen Gailingen. In: Alfred Georg Frei, Jens Runge (Hrsg.): Erinnern. Bedenken. Lernen. Das Schicksal von Juden, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zwischen Hochrhein und Bodensee in den Jahren 1933 bis 1945 (aus der Reihe: Hegau Bibliothek Band 69). 2. Auflage. Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-7995-4127-5, S. 107–123 (1. Auflage Sigmaringen 1990).
  •  Regina Schmid: Verlorene Heimat. Gailingen – ein Dorf und seine jüdische Gemeinde in der Weimarer Zeit.. In: Schriftenreihe des Arbeitskreises für Regionalgeschichte e.V., Nummer 7. Konstanz 1988, ISBN 3797702175.
  •  Walter Wolf - im Auftrag der Gemeinde Gailingen in Verbund mit dem Hegau-Geschichtsverein e.V. (Hrsg.): Gailingen – Geschichte einer Hochrheingemeinde. In: Hegau Bibliothek Band 98. Gulde Druck, Tübingen, ISBN 3-921413-93-1.
  •  Eckhardt Friedrich, Dagmar Schmieder: Die Gailinger Juden. Materialien zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Gailingen aus ihrer Blütezeit und den Jahren der gewaltsamen Auflösung. In: Arbeitskreis für Regionalgeschichte e.V. (Hrsg.): Schriftenreihe des Arbeitskreises Regionalgeschichte Bodensee. 4. Auflage. Nr. 3, Hartung-Gorre, Konstanz 2010, ISBN 978-3-86628-347-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gailingen am Hochrhein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Statistisches Bundesamt – Gemeinden in Deutschland mit Bevölkerung am 31.12.2012 (XLS-Datei; 4,0 MB) (Einwohnerzahlen auf Grundlage des Zensus 2011) (Hilfe dazu)
  2. Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VI: Regierungsbezirk Freiburg Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007174-2. S. 731–732
  3. Alemannia Judaica: Bürgerhaus Gailingen - ein Zentrum der jüdischen Geschichte und Kultur am Hochrhein und Bodensee
  4. Singener Wochenblatt, Zeiten im Landkreis Konstanz: Entstehung, Blüte und gewaltsames Ende der Gailinger Judengemeinde
  5. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
  6. Matthias Biehler: Bürgermeister: Es kann nur eine Liste geben. In: Südkurier vom 10. Mai 2010
  7. Nikolauskapelle Obergailingen,
  8. Kirchengemeinde St. Dionysius Gailingen
  9. Gailingen: Historisches
  10. Geschichte des Anwesens "Schloss Rheinburg"
  11. Randegger Trotte
  12. Trotte Schloss Rheinburg
  13. Fotografie der Deportation von Juden. Online beim Landesarchiv Baden-Württemberg (PDF-Datei; 1,42 MB), S. 31, abgerufen am 6. Mai 2012
  14.  Naftali Bar, Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof in Gailingen / Bet ha-ḳevarot ha-Yehudi be-Gailingen, Memor-Buch, 2 Bände. Gemeinde Gailingen, Verein für die Erhaltung des Jüdischen Friedhofes in Gailingen, 1994.
  15. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatBürgerhaus Gailingen. Abgerufen am 3. Januar 2010.
  16. a b c Gisela Stärk: Stets für seine Mitmenschen da. In: Südkurier vom 17. Februar 2009