Galizien

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Dieser Artikel behandelt eine Region in der Ukraine und Polen. Zur spanischen Region siehe Galicien. Zur Gemeinde in Kärnten siehe Gallizien.
Wappen von Galizien (1772–1918)

Galizien (ukrainisch Галичина/Halytschyna, polnisch Galicja, russisch Галиция/Galizija, historisch auch Rothreußen genannt poln. Ruś Czerwona oder Grody Czerwieńskie, latein. Russia rubra) ist eine Landschaft in der Westukraine (Ostgalizien) und in Südpolen (Westgalizien). 1772 an das Haus Österreich gelangt, wurde Galizien 1804 zum Bestandteil des Kaisertums Österreich erklärt. Von 1867 bis 1918 war es als Königreich Galizien und Lodomerien Kronland im Cisleithanischen (österreichischen) Teil Österreich-Ungarns.

Königreich Galizien (1846–1918)

Namensherkunft[Bearbeiten]

Die Namen Galizien und Lodomerien sind Umlautungen von Halytsch (oder Galitsch, latinisiert: Galicia) am Dnjestr und Wladimir in Wolhynien. In dieser Form waren sie Teil der ungarischen Königstitulatur, da das Fürstentum Halytsch-Wolhynien im 14. Jahrhundert (unter König Ludwig von Ungarn und Polen) kurzzeitig zum Königreich Ungarn gehörte. Von dort wurde der Name als Bezeichnung für das Gebiet genommen, das bei der Ersten Teilung Polens zu Österreich gekommen war. Die Lautgleichheit im Deutschen mit der autonomen Gemeinschaft Galicien (spanisch: Galicia) im Nordwesten Spaniens ist rein zufällig.

Geographie[Bearbeiten]

Das österreichische Galizien 1772–1918 im heutigen Europa
Wappen der Woiwodschaft Ruthenien, poln.Województwo Ruskie 1366–1772, Polen

Das Territorium Galiziens (in den Grenzen des Kronlands 1914) umfasste 78.502 km² und bedeckt heute:

In Galizien befindet sich der ukrainische Anteil der Karpaten mit dem Howerla, dem mit 2060 m höchsten Berg der Ukraine.

Größere Städte[Bearbeiten]

  • Brody (ukr. Броди), erste Erwähnung 1084, Magdeburger Stadtrecht 1584
  • Drohobytsch (ukr. Дрогобич/Drohobytsch, poln. Drohobycz), gegründet 1422.
  • Jaroslau (poln. Jarosław, ukr. Ярослав/Jaroslaw), gegründet 1351.
  • Kalusch (ukr. Калуш/Kalush, poln. Kałusz)
  • Kolomea (ukr. Коломия/Kolomyja, poln. Kołomyja), gegründet 1370.
  • Krakau (poln. Kraków, ukr. Краків/Krakiw), gegründet 1257.
  • Lemberg (ukr. Львів/Lwiw, poln. Lwów), um 1256.
  • Neu Sandez (poln. Nowy Sącz), gegründet 1292.
  • Przemysl (poln. Przemyśl, ukr. Перемишль/Peremyschl), 1383.
  • Rzeszów (von 1940–1945 Reichshof, ukr. Ряшів/Rjaschiw), gegründet 1354.
  • Sambir (ukr. Самбір/Sambir, poln. Sambor), gegründet 1390.
  • Sanok (ukr. Сянок/Sjanok), gegründet um 1356.
  • Stanislau (früher Stanislawiw, ukr. Івано-Франківськ/Iwano-Frankiwsk, poln. Stanisławów), gegründet 1663.
  • Stryj, gegründet 1431.
  • Tarnobrzeg, gegründet 1567.
  • Tarnau (poln. Tarnów), gegründet 1380.
  • Ternopil (ukr. Тернопіль/Ternopil, poln. Tarnopol), gegründet 1540.
  • Tscherwonohrad (ukr. Червоноград/Tscherwonohrad, poln. Krystynopol), gegründet 1692.

Wappen[Bearbeiten]

Beschreibung: Im blauen Schild durch roten Balken geteilt ist oben eine schwarze Dohle und unten sind drei goldene Königskronen. Die Dohle war ein Einfall österreichischer Beamter bei der Einführung des neuen Wappens 1804, weil es in Galizien angeblich besonders viele Dohlen gab.[1] 1772 bis 1804 zeigte das Wappen nur die zwei oder drei goldenen Kronen vor blauem Hintergrund.[2]

Auf älteren Wappen zierte die geschlossene Bügelkrone des Königreiches den Schild.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Russische Teilfürstentümer[Bearbeiten]

Hauptartikel: Halytsch-Wolhynien
Fürstentümer der Kiewer Rus 1237

Nachdem zur Zeit der Völkerwanderung die dort ansässigen Germanen, Lugier und Gepiden das Gebiet des späteren Galizien verlassen hatten, wurde es seit Mitte des 6. Jahrhunderts von Slawen besiedelt, die westlich des Sans lechischen Westslawen, östlich davon den Ostslawen zuzurechnen waren. Die westlichen Stämme (räumlich dem späteren Kleinpolen zugehörig) verbanden sich mit Polen unter Boleslaw I. Chrobry, nachdem sie sich vorübergehend im 9. Jahrhundert dem großmährischen Staat und im 10. Jh. dem böhmischen Staat angeschlossen hatten. Die östlichen Stämme (im späteren Rothreußen) unterstellten sich dagegen dem Großfürsten von Kiew und gerieten nur vorübergehend ebenfalls unter die Herrschaft Boleslaws.

Nach verschiedenen Wirren konsolidierten sich im 12. Jh. zwei größere Fürstentümer: Halytsch und Wolodymyr, auf die auch der Namen des späteren habsburgischen Kronlandes Galizien und Lodomerien zurückgeht. Beide Fürstentümer zeichneten sich durch blühenden Handel und Wohlstand aus. Ursprünglich war Halytsch-Wolhynien ein Fürstentum der Kiewer Rus. Es löste sich Mitte des 11. Jh. vom Kiewer Reich und geriet in wechselnder Folge auch unter polnische und ungarische Oberhoheit. Das Land war wiederholt Schauplatz von Kämpfen zwischen Russen, Ungarn und Polen. 1182 vertrieb Kasimir, Herzog der Polen, Knjaz Roman Mstislawitsch. Dennoch konnte der Rurikiden-Fürst Roman später ganz Rothreußen unter seine Kontrolle bringen und 1199 Halytsch mit dem Fürstentum Wolodymyr im heutigen Wolhynien vereinigen. Er fiel aber 1205 im Kampf gegen Polen. Im selben Jahr nahm der ungarische König Andreas II. den Titel Galiciae et Lodomeriae Rex an.[4] 1225 beherrschte Romans Sohn Daniel Romanowitsch das Herzogtum Halytsch, verlor es aber 1236 vorübergehend wieder an Ungarn.

Durch den Mongolensturm 1241 wurde Galizien schwer in Mitleidenschaft gezogen, und Daniel war gezwungen, das Supremat der Goldenen Horde anzuerkennen. Nach dem Mongolensturm sank auch das Großfürstentum Kiew zur Bedeutungslosigkeit herab. Die Fürsten Galiziens suchten eine schützende Verbindung zum Westen und strebten die Union mit der katholischen Kirche an. Unter den späteren Landesherren verfiel jedoch das Land, obgleich es seine Herrschaft bis über Kiew hinaus ausgedehnt hatte, immer mehr.

Polnische Herrschaft[Bearbeiten]

Nach dem Tode des letzten rurikidischen Fürsten wurde 1332 dessen Neffe, ein Spross des masowischen Zweiges der Piasten, Herrscher von Halytsch-Wolhynien: Bolesław Georg II.. 1340 wurde er von Bojaren vergiftet, die ihm vorwarfen, Katholiken bevorzugt zu haben. Es kam zum Machtkampf zwischen Polen, dessen Piasten dynastische Ansprüche stellten, dem Großfürstentum Litauen, das schon andere russische Gebiete beherrschte, und der Goldenen Horde, die im Gefolge der mongolischen Herrschaft die Tributherrschaft über fast alle russischen Fürstentümer beanspruchte.

Die wichtigsten Teile des strittigen Gebietes wurden vom polnischen König Kasimir dem Großen unterworfen. Dazu gehörten die Städte Halitsch, Lemberg, Chełm, Bełz, Wolodymyr-Wolynskyj, das Sanoker Land und die Region Podolien. Damit begann die Polonisierung des Landes und die zunehmende Durchsetzung der katholischen Kirche. Unter Ludwig dem Großen, der Polen und Ungarn in Personalunion regierte, wurde die katholische Hierarchie dauerhaft etabliert. Unter seiner Herrschaft kam das Gebiet 1378 zu Ungarn. Nach Ludwigs Tod 1382 heiratete der litauische Großfürst Jagiello die polnische Königin Jadwiga, und beider Länder wurden dauerhaft miteinander verbunden, zunächst in Personalunion. Jagiello eroberte Galizien 1387 abermals für Polen, bei dem es dann bis zur Ersten Teilung Polens 1772 verblieb. Als 1569 in der Union von Lublin Polen und Litauen zur Polnischen Adelsrepublik verschmolzen, wurde auch Galizien in Woiwodschaften eingeteilt:

Der ukrainische Bevölkerungsteil gehörte großteils katholischen Ostkirchen an.

Teilungen Polens, Definition Galiziens (Aufteilung/Abgrenzung)[Bearbeiten]

Galizien 1772–1918

Niedergang und Auflösung Polens waren nicht nur Folge der inneren Zerrüttung, sondern auch ausländischer Erwartungen. Die Entwicklung bot den drei europäischen Großmächten Königreich Preußen, Österreich und Russisches Kaiserreich einen willkommenen Weg, ihre Spannungen untereinander auf Kosten Polens abzubauen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte in Polen, das zur Zeit der Reformation zu den tolerantesten Ländern in Europa zu rechnen war, eine starke Gegenreformation ein. Verfolgungen von Nichtkatholiken und rechtliche Benachteiligungen aus Bekenntnisgründen lieferten den benachbarten Mächten den Vorwand, sich zum vorgeblichen Schutz ihrer Minderheiten in die internen Angelegenheiten des Landes einzumischen. Dann gingen sie noch einen Schritt weiter.

Am 5. August 1772 einigten sich Preußen, Russland und das zunächst stark widerstrebende Österreich in Sankt Petersburg bei der ersten Teilung Polens darauf, ihre Interessengebiete in Polen zur gleichen Zeit zu annektieren. Auf Kosten Polens wurde so ein europäischer Krieg zwischen Maria Theresia und Katharina der Großen vermieden.

Bei dieser ersten Teilung Polens erhielt Preußen den größten Teil Westpreußens (ohne Danzig und Thorn), das Ermland und den Netzedistrikt. Russland annektierte die tatsächlich (weiß-)russisch bzw. ukrainisch besiedelten Gebiete östlich von Düna und Dnjepr und den polnischen Teil Livlands. Österreich bekam die Südhälfte Kleinpolens mit den ehemaligen Herzogtümern Auschwitz und Zator, das Pfandgebiet Zips sowie Galizien und fasste diese Gebiete zum Kronland Galizien zusammen. Der polnische Staat blieb zunächst noch bestehen, er behielt etwa zwei Drittel des Landes und etwa die Hälfte seiner Bevölkerung.

Maria Theresia, Tochter Kaiser Karls VI., war seit dessen Tod 1740 Königin von Böhmen und Ungarn sowie Erzherzogin von Österreich. Nach dem Tod ihres Gatten, Kaiser Franz Stephan von Lothringen, ernannte sie 1765 ihren ältesten Sohn Joseph zum Mitregenten, der dann nach dem Tod seiner Mutter 1780–1790 allein regierte. Der Abtretungskontrakt zwischen dem letzten König von Polen Stanislaus August und Maria Theresia wurde am 18. September 1773 geschlossen. Die Monarchin hatte sich an der Teilung Polens nur auf Drängen ihres Sohnes Joseph beteiligt, da ihr die völkerrechtliche Fragwürdigkeit des Vorgangs bewusst war.[5]

In den folgenden Jahren wanderten daraufhin unter Joseph II. tausende vor allem aus der Pfalz stammende Familien nach Galizien ein und siedelten sich dort meist in neu gegründeten Ortschaften als deutsche Gemeinschaften an.

Bei der zweiten Teilung Polens 1793 fielen Wolhynien und das östliche Podolien an Russland. Nach der dritten polnischen Teilung 1795 kamen auch weite Gebiete in Mittelpolen unter dem Namen Westgalizien zum habsburgischen Kronland, mussten aber 1809 im Frieden von Schönbrunn an das napoleonische Herzogtum Warschau abgetreten werden, mit dem gemeinsam sie im Wiener Kongress 1814/15 dem Russischen Reich zufielen. 1810 trat das Kaisertum Österreich die Kreise Tarnopol und Czortkow an Russland ab, erhielt sie aber im Pariser Frieden von 1814 zurück.

Die von Österreich 1774 besetzte, zuvor russische bzw. osmanische Bukowina wurde 1786 zu Galizien geschlagen, 1849 aber zu einem eigenen Kronland des Kaisertums Österreich erklärt. Krakau wurde mit einem kleinen Teil Galiziens beim Wiener Kongress (1815) unter den Schutz der drei Großmächte Österreich, Russland und Preußen gestellt und zur Republik Krakau erklärt, nach polnischen Aufständen 1846 aber seiner Eigenständigkeit beraubt, Österreich übergeben und von diesem 1849 als Großherzogtum Krakau zu einem Bestandteil des Kronlandes Galiziens erklärt.

Das österreichische Galizien reichte weit nach Westen über die heutige Ukraine hinaus und umfasste seit 1846 neben Krakau auch Tarnów und Rzeszów. Der Name des Kronlandes lautete offiziell Königreich Galizien und Lodomerien mit dem Großherzogtum Krakau und den Herzogtümern Auschwitz und Zator.

Galizien zur Zeit seiner Übernahme durch Österreich[Bearbeiten]

Nach der Übernahme Galiziens durch Österreich wurde auf Drängen der Militärs eine Volkszählung durchgeführt. Galizien hatte 1773 etwa 2,6 Millionen Einwohner, die sich auf 280 Städte und Märkte und etwa 5500 Dörfer verteilten. Es gab fast 19.000 adlige Familien mit 95.000 Angehörigen. Die unfreien Einwohner zählten 1,86 Millionen, also mehr als 70 % der Bevölkerung. Ein kleiner Teil von ihnen war Vollbauern, der weitaus überwiegende Teil (84 %) der Unfreien hatte nur geringen oder gar keinen Besitz.

Es gab über 4000 katholische Kirchen und 244 Synagogen und fast 16.000 Wirtshäuser, auf etwa 160 Einwohner entfiel ein Gasthaus. Ferner wurden gezählt: 216 Klöster, 363 Schlösser, 6450 Edelhöfe. Die Wohnhäuser teilten sich auf in 121.000 Bürger- und Bauernhäuser, 15.700 von Juden bewohnte Häuser und 322.000 Bauernhütten (Chalupen, Rauchhäuser ohne Schornstein).[6]

Bevölkerungsstruktur[Bearbeiten]

Kein Land der österreichischen Monarchie war von so vielen Volksstämmen bewohnt wie Galizien: Polen, Ruthenen, Russinen, Deutsche, Armenier, Juden, Moldauer, Ungarn, „Zigeuner“, Lipowaner und andere. Die Polen, Ruthenen und Juden machten den größten Anteil aus, wobei erstere weitgehend den westlichen Landesteil, die Ruthenen dagegen im überwiegenden Maße den östlichen Landesteil (Ruthenien) bewohnten. Juden und Armenier beherrschten bevorzugt den Handel, wobei die Juden damals etwa acht Prozent der Bevölkerung ausmachten.

In alten Statistiken findet man Angaben über die Anzahl von Polen, Ruthenen und Juden in der Bevölkerung. Es ist dabei aber schwierig, den Unterschied zwischen ethnischer, sprachlicher und nationaler Zugehörigkeit zu definieren, da bei Volkszählungen nicht die Nationalität, sondern die Umgangssprache erhoben wurde.

Als weiteres Unterscheidungsmerkmal wird daher die Konfession herangezogen: die Polen waren römisch-katholisch, die Ruthenen gehörten zur Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche oder zur Ruthenischen griechisch-katholischen Kirche. Ihre Anhänger werden häufig als Unierte bezeichnet, weil sie den Papst als Oberhaupt anerkennen. Die Gegnerschaft zwischen Polen und Ruthenen war nicht nur durch die wirtschaftliche Unterdrückung der Ruthenen durch den polnischen Adel verursacht, sondern auch durch unterschiedliche religiöse Auffassungen.

Die dritte große konfessionelle Gruppe stellten die Juden dar, die meistens streng ihrem Glauben anhingen. Es gab auch einige jüdische Sekten, zu denen die Ackerbau treibenden Karäer zu rechnen waren, die sich durch besonders strenge Riten auszeichneten. Die Juden Galiziens gehörten meist zu den Aschkenasim, die im Mittelalter aus Deutschland eingewandert waren.

Den etwa gleich großen katholischen Kirchen stand in Lemberg für die Römisch-Katholischen ein Erzbischof, für die Unierten ein Metropolit vor. Die Juden unterstanden in den Kreisstädten den Kreisrabbinern, sonst den Gemeindevorstehern. Die Protestanten der Kirche Augsburger Bekenntnisses und der Kirche Helvetischen Bekenntnisses, die später als Siedler ins Land kamen, hatten die Superintendentur Galizien als höchste Landeskirchenbehörde. Die ebenfalls Endes des 18. Jahrhunderts als deutschsprachige Siedler ins Land gekommenen Mennoniten bildeten die Gemeinde Lemberg-Kiernica mit mehreren Gemeindehäusern.[7]

Verwaltung[Bearbeiten]

Aus polnischer Sicht war die Annexion im 18. Jahrhundert ein Akt der Willkür; der Kaiser in Wien wurde vorerst zur Symbolfigur für die als unrechtmäßig verstandene Besetzung des Landes. Dies umso mehr, als der polnische Adel und der höhere Klerus zunächst ihrer über Jahrhunderte angeeigneten Vorrechte verlustig gingen. Für die unfreien Bauern, vielfach Ruthenen, änderte sich zunächst wenig; ihre Ansichten wurden von niemandem erhoben und blieben ohne Belang.

Die Krone bemühte sich nachhaltig um Aussöhnung mit dem Adel. 1775 setzte Österreich die galizischen Landstände, eine Art Adelsparlament, ein. Sie ließ dabei den polnischen Adel nicht nur bestehen, sondern hob ihn in seiner Bedeutung noch über den Erbadel im Mutterland. Jeder polnische Edelmann wurde rittermäßig gestellt, viele Mitglieder des Adels, ehemalige Kastellane, Woiwoden und Starosten wurden gegen den vierten Teil der sonst erhobenen Taxe in den Grafenstand erhoben. Damit wollte sich Wien loyale Partner sichern.

Alle vom Haus Habsburg geplanten Maßnahmen setzten eine funktionsfähige Bürokratie voraus, die zuvor nicht vorhanden war. Deshalb wurden nicht nur deutsche Lehrer, Ärzte, Techniker und Juristen, sondern auch viele österreichische Verwaltungsbeamten in das neue Kronland abgeordnet, die von der dortigen Intelligenzschicht als Besatzer abgelehnt wurden. Im Jahr 1776 gab es im Land 724 Beamte, innerhalb von vier Jahren stieg diese Zahl auf 17.135. In Lemberg wurde die zentrale Verwaltung, das Gubernium, eingerichtet, dem ein vom Kaiser ernannter Gouverneur vorstand.

Nicht zuletzt durch die Einrichtung der Landesbehörden nahmen aber die Städte, die nach ihrer Blüte in der Renaissance dahingesiecht waren, neuen Aufschwung. Die bedeutendsten Handelsstädte waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts Lemberg und Brody.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Den größten Anteil der Erwerbstätigen machten die Bauern aus; ihre Entwicklungschancen waren gering. Da die Wirtschaftsformen im Vergleich zu Westeuropa äußerst rückständig waren, blieben trotz hohen personalintensiven Einsatzes die Erträge gering. Die großen Güter bildeten meist Meierhöfe, die von den Grundherren verpachtet wurden. Die unfreien Untertanen durften nur mit Erlaubnis des Herrn heiraten und mussten sich die Bewilligung dazu gegen Geld erkaufen. Unerlaubtes Verlassen des Dienstes zog härteste Strafen nach sich. Den Söhnen wurde es verwehrt, ein Handwerk zu erlernen, weil dadurch dem Grundherren Arbeitskräfte verloren gegangen wären.

Vom erwirtschafteten Ertrag hatte der unfreie Bauer seinem Grundherrn viel abzugeben. Außerdem hatten die Bauern Robot, Zwangsarbeit, zu leisten: im Landesdurchschnitt jede Familie etwa zwei Monate pro Jahr. Diese Untertanspflichten waren nicht an die Person, sondern an den Besitz gebunden, auch ein Adeliger war deshalb, wenn er von einem Grundherrn einen Hof übernahm, diesem zins- und robotpflichtig, hat die Arbeit aber selbstverständlich nicht persönlich geleistet. Die Steuerleistung der meist adeligen Grundbesitzer an das Land bestand dagegen ausschließlich in einer Grundsteuer, die außerordentlich niedrig war. So mussten vor 1772 für die Fläche von einem Łan, das waren fast 17 ha, nur zwei Groschen Steuer gezahlt werden.

Bewirtschaftet wurden nur wenig mehr als elf Prozent der Gesamtfläche, die Hälfte des Landes bestand aus Weiden und Wiesen. Die Äcker unterlagen der Dreifelderwirtschaft, allerdings reichte ein Jahr Brache häufig nicht aus, so dass die Felder zuweilen drei oder gar vier Jahre unbewirtschaftet bleiben mussten, bevor die Aussaat wieder Ernte erbrachte. Der Anbau von Futterpflanzen (insbesondere von Klee, wie damals schon in anderen Ländern üblich) war unbekannt, so dass die Felderdüngung kärglich blieb. Da es keine Stallhaltung des Viehs gab, entfiel eine weitere Quelle der Düngergewinnung. Die Erträge waren daher äußerst dürftig; sie machten häufig gerade nur das Doppelte der Aussaat aus. Die erwirtschaftete Roggenmenge betrug etwa 190 Liter pro Einwohner. Brot musste deshalb zum großen Teil aus Hafer und Gerste gebacken werden, denn die erzeugte Roggenmenge reichte bei weitem nicht aus, da überdies etliches exportiert und ein erheblicher Anteil zu Schnaps gebrannt wurde.

Der Alkoholismus der Landbevölkerung war ein großes Problem, zumal er durch vertragliche Verpflichtungen gegenüber den Verpächtern, diesen ein vorgegebenes Quantum Schnaps aus deren Brennereien abzunehmen, gefördert wurde.

Industrie gab es in diesem rohstoffreichen Land praktisch nicht, ausgenommen die einzige Tabakwarenfabrik in Winniki, eine Lederfabrik in Busk und einige wenige Eisenhämmer- und Hüttenwerke. Nur das Salz spielte eine nennenswerte Rolle, hinzu kamen einige Glashütten. Leider spielten diese beiden Gewerbezweige auch eine unheilvolle Rolle: Für die zum Salzkochen benötigte Energie und zur Gewinnung von Pottasche für die Glasherstellung wurde Raubbau an den Wäldern betrieben, so dass auf die Städte bald ein kaum zu bewältigendes Problem bei der Beschaffung des im Winter benötigten Heizmaterials zukam. Planvolle Wiederaufforstung fand nicht statt. Im Westen Galiziens wurde in Heimarbeit Weberei betrieben.

Wesentliche Ursache für die beschriebenen Verhältnisse war der schlechte Zustand des Schulwesens. Auf dem Lande gab es praktisch gar keine Schulen, in den Städten nur vereinzelt, so dass der größere Teil der Einwohner aus Analphabeten bestand.

Kronland Galizien und Lodomerien[Bearbeiten]

Karte Galiziens (1836)

Das österreichische Kronland erhielt den Namen Königreich Galizien und Lodomerien und wurde unter die Verwaltung des Zivilgouverneurs Graf Joseph von Pergen gestellt. Es umfasste das mehrheitlich ukrainische Galizien und im Westen vorwiegend polnisch besiedelte Teile Kleinpolens. Bis 1849 gehörte auch die Bukowina, die außer von Ukrainern noch von Rumänen und Juden bewohnt war, zum Kronland Galizien. Die von Ukrainern besiedelten Gebiete des Habsburger Reiches jenseits der Karpaten waren in ungarische Komitate eingegliedert.

Galizien wurde zunächst in 6, später in 18 Kreise mit je einem Kreishauptmann an der Spitze eingeteilt, die Starosteien und Woiwodschaften wurden aufgelöst, und die ehemaligen Krongüter (Camerale) gingen in den Besitz des Hauses Habsburg-Lothringen über. Das polnische Gerichtswesen wurde aufgelassen und eine neue Rechtsordnung eingeführt.

Joseph II. war im Geiste des modernen Naturrechtes und der katholischen Aufklärung erzogen, seine Intentionen waren stark von der Schule der Physiokraten beeinflusst. Mit diesen Vorstellungen eng verbunden war die Forderung nach gerechter Verteilung der Steuerlasten, unabhängig von Adelsprivilegien, sowie nach umfassender Bildung. Aus diesen Einsichten entstand 1783 für Galizien eine umfassende Steuerreform Josephs. Die politische Autonomie Galiziens war trotz seiner Bezeichnung als „Königreich“ bescheiden.

Kolonisationstätigkeit[Bearbeiten]

Die Lage des Handwerks und der Landwirtschaft war zur Zeit der Konstituierung des Kronlandes Galizien im Vergleich zu den westeuropäischen Ländern äußerst rückständig. Joseph II. beschloss daher in seinem Ansiedlungspatent vom 17. September 1781, Gewerbetreibende, Handwerker und Bauern für das neue Kronland anzuwerben. Keineswegs war hier an eine Germanisierung des Landes gedacht, vielmehr versprach man sich von den Neusiedlern eine lehrreiche Vorbildfunktion. Infrage kamen insbesondere die Pfälzer vom Rhein, denn durch die unglückliche Realerbteilung waren dort die Landwirtschaften so klein geworden, dass einerseits eine intensive Felderwirtschaft entwickelt werden musste, andererseits für die Bauern handwerkliche Fähigkeiten zum nötigen Nebenerwerb erforderlich waren.

Der Anreiz zur Abwanderung nach Galizien war groß, denn die Behörden stellten den neuen Kolonisten Land, Wohnhaus, Stall, Vieh und Ackergeräte kostenlos zur Verfügung. Die Größe der Höfe betrug nach heutigem Flächenmaß etwa 4, 8 oder 15 Hektar, sie hing ab von der Höhe des mitgebrachten Kapitals, der Familiengröße und der Güte des Ackers. Die Kolonisten waren für zehn Jahre von allen Abgaben befreit, die Hofbesitzer und ihre ältesten Söhne vom Militärdienst freigestellt. Überdies wurde im Toleranzpatent vom 10. November 1781 den protestantischen Neubürgern die Ausübung ihrer Religion in einem Maße zugestanden, wie es im Erzherzogtum Österreich noch undenkbar war.

Vom Juni 1782 bis zum Januar 1786 kamen 14.735 Kolonisten ins Land. Sie wurden entweder in neu gegründeten Dörfern oder in Erweiterungen bereits bestehender Dörfer (sogenannte Attinenzen) angesiedelt.

Die von Österreich zur Kolonisation herangezogenen Krongüter der polnischen Krone und die der auf Order Josephs II. in seinem ganzen Herrschaftsbereich aufgelassenen kontemplativen Klöster lagen fast ausschließlich im Westen des Landes. In Ostgalizien, wo unter der noch rückständigeren Landwirtschaft der Ruthenen eine Verbesserung durch die Ansiedlung von Einwanderern aus den deutschen Ländern noch wünschenswerter erschien, stand kein staatliches Land zur Verfügung. Die österreichische Verwaltung versuchte deshalb erfolgreich, die polnischen Großgrundbesitzer anzuregen, auch auf ihren Gütern deutsche Kolonisten unter ähnlichen Bedingungen anzusiedeln (sogenannte Privatkolonisation).

Kaisertum Österreich[Bearbeiten]

Der römisch-deutsche Kaiser Franz II. erklärte sich 1804 zum Kaiser von Österreich (Franz I). Dadurch wurde Galizien, bis dahin nur habsburgischer Herrschaftsbereich, integraler Bestandteil des neuen Kaisertums Österreich. Seit 1867 beschränkte sich das Kaisertum auf die sogenannte cisleithanische Hälfte der Monarchie, zu der Galizien bis 1918 zählte (die transleithanische Hälfte war nun als gleichberechtigtes Königreich Ungarn organisiert). Seit 1867 besaßen die Galizier die in Cisleithanien eingeführte einheitliche österreichische Staatsbürgerschaft mit gleichen Rechten und Pflichten für jedermann, alle Religionen waren gleichberechtigt. Galizien wählte 1907 und 1911 bei allgemeinem Männerwahlrecht Abgeordnete in den Reichsrat, das Parlament in Wien.

Aufstand 1848[Bearbeiten]

Als Folge der polnischen Erhebung 1848 (Großpolnischer Aufstand) wurde noch im gleichen Jahr mit Zustimmung der Schutzmächte die Republik Krakau aufgehoben. 1849 wurde dieses Gebiet mit der Stadt zum Großherzogtum erklärt und Galizien zugeordnet. Die Bukowina hingegen wurde im gleichen Jahr ein eigenes Kronland.

Auch in Lemberg kam es zu erheblichen Unruhen; der kommandierende General Hammerstein ließ die Stadt mit Kanonen beschießen, wodurch viele bedeutende alte Gebäude in Brand gerieten. Schließlich wurden die Akademie, die Universitätsbibliothek, das alte Theater und das Rathaus ein Opfer der Flammen. Galizien musste noch bis 1854 den Belagerungszustand ertragen.

Zu dieser Zeit hatte Galizien 5,3 Millionen Einwohner, die in rund 300 Städten und Marktflecken und in 6.300 Dörfern lebten.

De-facto-Autonomie[Bearbeiten]

Infolge des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs wurde 1867 in Galizien ein Ausgleich mit den Polen vereinbart. Kaiser Franz Joseph I. stimmte der Polonisierung des Schulwesens und der Verwaltung zu. In anderen Bereichen gewährte man den Polen ebenfalls wachsenden Einfluss, so dass ab 1867 eine De-facto-Autonomie Galiziens bestand. Die gewährte Autonomie (Selbstverwaltung) fand in Galizien im Landtag und im Landesausschuss (der Landesregierung) ihren Ausdruck, die gesamtstaatliche Verwaltung wurde der Wiener Regierung unterstehenden k.k. Statthalterei in Lemberg und den ihr unterstehenden, neu organisierten 74 Bezirkshauptmannschaften übertragen.

1873 erhielt Galizien schließlich unter polnischer Führung die vollständige Autonomie zuerkannt. Der polnische Adel unter der Führung von Graf Agenor Goluchowski begann nun mit einem Nationalisierungsprozess, der die polnische Vorherrschaft in allen Bereichen gewährleisten sollte.[8] Durch das Kurienwahlrecht hatten Polen lange die absolute Mehrheit im galizischen Landtag. In der k.k. österreichischen Regierung gab es einen Minister für Galizien, der bis zum Ende der Monarchie stets polnischer Nationalität war. Polnische Politiker wurden vom Kaiser auch auf andere wichtige Ministerposten in der k.k. Regierung in Wien berufen. Bis zum Ende der Monarchie war der Polenklub im österreichischen Reichsrat die geschlossenste nationale Fraktion, die die Innen- und Außenpolitik der Wiener Regierung letztlich vorbehaltlos unterstützte und dafür mit Benefizien für Galizien belohnt wurde.

Bereits 1866 wurde Polnisch zur Amtssprache erhoben, ab 1869 war der Gebrauch in offiziellen Angelegenheiten verpflichtend.

Die polnisch dominierte Autonomie ging über die Wünsche der Ruthenen (Ukrainer) in Ostgalizien hinweg. Das hatte nicht nur für die Ruthenen, sondern auch für die kleine deutsche Minderheit in Galizien nachteilige Folgen. Waren die den Einwanderern einst von Joseph II. zugestandenen Rechte und Bedingungen längst zu einem großen Teil Opfer der Zentralbürokratie der österreichischen Monarchie geworden, brachen jetzt für die Deutschen noch schlechtere Zeiten an. Die Amtssprache wurde Polnisch, der Gebrauch der deutschen Sprache im öffentlichen Dienst auf ein Mindestmaß beschränkt (nur das k.u.k. Militär und die k.k. Staatsbahnen blieben bei der deutschen Dienstsprache).

Der Landtag des Kronlandes bestand (Stand von 1894) aus 151 Mitgliedern: den 3 Erzbischöfen, 5 Bischöfen, 2 Universitätsrektoren, 44 Abgeordneten des Großgrundbesitzes, 20 der Städte und Märkte, 3 der Handels- und Gewerbekammern, 74 der Landgemeinden. Der Landesausschuss (die Landesregierung) hatte 6 Mitglieder. In den Reichsrat, das gesamtösterreichische Parlament, wählte Galizien 63 von damals 353 Abgeordneten; kein anderes Kronland war so stark vertreten.

Galizien zählte damals 6,6 Millionen Einwohner, 74 der k.k. Statthalterei untergeordnete Bezirkshauptmannschaften und die Magistrate von Lemberg (32 km², 128.000 Einwohner) und Krakau (8 km², 75.000 Einwohner), zwei Oberlandesgerichte, zwei Landesgerichte, 13 Kreisgerichte und 164 Bezirksgerichte. Weiters gab es in Galizien zwei Betriebsdirektionen der k.k. Staatsbahnen, 671 Postämter, 528 Telegrafenämter sowie Handels- und Gewerbekammern in Lemberg, Krakau und Brody.[9]

Bevölkerung und Fläche[Bearbeiten]

Volkszählungen ergaben in den Jahren seit 1869 folgende Einwohnerzahlen:

  • 1869: 5.444.689
  • 1880: 5.958.907
  • 1890: 6.607.816
  • 1900: 7.315.939
  • 1914: 8.212.000 (ca.)

1892 wurde ein Geburtenüberschuss von 10 auf 1000 Bewohner, 1890 wurden 84 Bewohner pro Quadratkilometer ermittelt.[10]

In Westgalizien stellten die Polen und in Ostgalizien stets die Ruthenen die Mehrheit. 1900 hatten die Polen und Ruthenen in Galizien folgende Bevölkerungsanteile:[11] Polen 54,75 %, Ruthenen 42,20 %. Die Polen bildeten den galizischen Adel, die Städtebevölkerung und im Westen auch den Bauernstand.

Das Königreich Galizien und Lodomerien hatte im Jahr 1914 eine Fläche von 78.497 km². Hauptstadt war Lemberg (heute ukrainisch Lwiw).

Problematisch blieb in der strukturschwachen Region die Lage der ländlichen Bevölkerung und der größtenteils nicht assimilierten Juden im Osten. Auch deshalb entstanden bald populistische Bewegungen der Bauern, die die Grundlagen für die in der Zwischenkriegszeit mächtigen Bauernparteien legten. Das liberale geistige Klima am Vorabend des Ersten Weltkrieges ermöglichte auch die Aufstellung paramilitärischer Verbände, die für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit kämpfen sollten. Es fehlte zunächst aber ein klares und allgemein unterstütztes politisches Konzept für die weitere Entwicklung.

Die Bevölkerung vermehrte sich bis 1914 auf mehr als acht Millionen Menschen. Da etwa drei Viertel der Einwohner von der Landwirtschaft lebten, wurde Ackerboden sehr knapp. Das führte zu großer Auswanderung: In dieser Zeit verließen pro Jahr viele tausende Menschen das Land. Sie wanderten entweder nach Übersee oder in die Provinz Posen aus oder gingen als Saisonarbeiter nach Deutschland, Frankreich oder Dänemark.

Verkehr[Bearbeiten]

1892 umfasste das galizische Eisenbahnnetz, großteils von den k.k. Staatsbahnen mit ihrer Direktion in Lemberg betrieben, 2704 km. Zum galizischen Netz gehörten:

Vom Krakauer Hauptbahnhof verkehrten 1901 täglich drei Schnellzüge nach Wien Nordbahnhof; sie legten die 413 km lange Strecke in sieben bis achteinhalb Stunden zurück. Von Krakau nach Lemberg war man etwa sechs Stunden unterwegs. Von Wien verkehrten 1901 direkte Kurs-, Speise- und Schlafwagen nach Krakau, Lemberg, Podwoloczyska (Grenze zu Russland) und Itzkany (heute Suceava Nord; damals Grenze zwischen der Bukowina und Rumänien). Auch die Verbindung Wien–Warschau der Nordbahn verlief durch Galizien. Der 1904 in Lemberg errichtete Hauptbahnhof, von dem zahlreiche internationale Zugverbindungen ausgingen, symbolisiert die damalige Bedeutung des Eisenbahnverkehrs.

Weiters gab es damals rund 13.000 km Land- und mehr als 2000 km Wasserstraßen.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verfügte Galizien über die größten Erdölvorkommen Europas; die galizischen Ölfelder wurden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industriell ausgebeutet. Dabei wurde bis zum Jahre 1900 eine Fördermenge von einer Million Tonnen erreicht, und im Jahre 1912 stieg Österreich-Ungarn mit einer Produktion von 2,9 Millionen Tonnen Erdöl, das fast ausschließlich in Galizien gefördert wurde, zum drittgrößten Ölförderland der Welt nach den Vereinigten Staaten und Russland auf.

Andere Zweige der Wirtschaft waren allerdings kaum entwickelt. Zur Gründerzeit hatte das Land fast keine Industrie, aber auch Gewerbe und Handwerk arbeiteten mit technisch längst überholten Verfahren. Um die Wende zum 19. Jahrhundert waren einige Ansätze zur Besserung zu finden, der Zustand war aber, auch in Hinblick auf die reichen Bodenschätze wie Eisen, Blei, Kohle, Salz, ganz und gar unbefriedigend. Im Kreis Drohobytsch gab es die einzige nennenswerte Eisenhütte (Jahreskapazität rund 450 t Guss- und Schmiedeeisen).

Weiters gab es Salzgewinnung, zum großen Teil durch Sieden erzeugt, wobei wieder das zur Feuerung benötigte Holz ein entscheidender Faktor war. Im Samborer Kreis wurden 1791 im Sudverfahren immerhin mehr als 10.000 t Kochsalz gewonnen und teilweise außer Landes verkauft.

Das Handwerk beschränkte sich meist auf die Befriedigung der bescheidenen Bedürfnisse der Landbevölkerung. Etwas größere Bedeutung kam den vielen Heimwebern und den Töpfern zu. In Tomaczow in Ostgalizien gab es eine Fayence-Fabrik, die sehr gute Ware erzeugte und auch exportierte. Die Heimweber stellten meist sehr grobes Leinen oder Drillich her, was nur einen bescheidenen Gewinn brachte. Auch Flachs und Hanf wurden angebaut und bevorzugt zu Seilen für Pferdegeschirre verarbeitet. Dort, wo es noch nennenswerte Eichenwälder gab, hatte man sich auf die Fertigung von Fassdauben, aber besonders auch von Schiffsplanken, ja auf den Bau ganzer Schiffe für die Flüsse San und Weichsel verlegt. Eine geringere Bedeutung hatte der Handel mit Honig und Wachs, wobei letzteres, möglichst im gebleichten Zustande, für die unverzichtbare Kerzenproduktion neben dem Talg wichtig war.

Zur wirtschaftlichen Diskriminierung jüdischer Galizier durch polnische Entscheidungsträger siehe den Abschnitt „Jüdische Bevölkerung“.

Bildungswesen[Bearbeiten]

Wichtigen Einfluss auf das geistige Leben übten die Universitäten von Krakau und Lemberg aus, an denen eine ganze Reihe polnischer Wissenschaftler ausgebildet wurde. Im Gegenzug sicherte das polnische konservative Lager dem Haus Habsburg seine Loyalität zu. Die beiden Universitäten hatten zu dieser Zeit rund 2.500 Studenten, die Unterrichtssprache war Polnisch. Außerdem gab es drei theologische Lehranstalten, eine Kunstschule und eine Kunstgewerbeschule sowie zehn Bildungsanstalten für Lehrer. Die Universität Lemberg war 1784 gestiftet worden und nur langsam in Gang gekommen. Auf Veranlassung Josephs II. war die damals berühmte Garellische Bibliothek von Wien nach Lemberg gebracht worden. Bei der Niederschlagung des Aufstands 1848 hat das österreichische Militär dann allerdings nicht nur manche Gebäude in der Stadt in Brand geschossen und zerstört, sondern auch diese Bibliothek vernichtet.

Lemberg, die Landeshauptstadt, beherbergte eine Vielzahl von administrativen, kirchlichen und gerichtlichen Einrichtungen. Die Stadt kam bald zu bemerkenswertem Wohlstand, das öffentliche Leben eiferte dem in Wien nach. Dennoch war das geistige Leben recht bescheiden; so gab es zum Beispiel in Galizien nur eine einzige polnische Buchdruckerei, in Zamość, und die einzige deutsche Druckerei konnte nur existieren, weil sie das Recht zum Abdruck der Gubernial-Verordnungen und Steckbriefe gepachtet hatte. 1829 gab es dann zwar schon sechs Buchdruckereien, auf eine Druckerei entfielen dann aber immer noch etwa 450.000 Einwohner.

Ganz allgemein war aber der Bildungsstand, besonders auf dem Lande, sehr niedrig. Die Ursache lag ohne Frage im Schulwesen, das sich zwar seit Beginn der österreichischen Herrschaft erheblich verbessert hatte, aber noch längst keinem Vergleich mit Österreich und deutschen Ländern standhalten konnte. Es gab vor 1867 keine Schulpflicht, doch versuchten Pfarrer und Lehrer die Bauern zu überreden, ihre Kinder in die Schule zu schicken. In der Saat- und Erntezeit wurden die Kinder aber auf den Höfen gebraucht. In kleinen Dörfern gab es bestenfalls Trivialschulen, in denen die Kinder von Hilfslehrern dürftig in Religion und im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet wurden. War die Gemeinde klein und arm und der geringen Zahl von Kindern wegen eine Schule nicht genehmigt, dann wurde doch wenigstens eine Winter- oder Winkelschule unterhalten, wo der so genannte Lehrer, gewöhnlich ein des Lesens kundiger Bauer, in den Wintermonaten die Kinder abwechselnd in Bauernhäusern versammelte und notdürftig im Lesen unterwies.

Die Unterrichtssprache in den Städten, bis dahin Deutsch, wurde nach 1867 weitgehend Polnisch. Das Landesschulgesetz von 1873 hatte eine Reorganisation der Volksschulen und deren Vermehrung auf das Doppelte zur Folge. Von den rund 5000 Volksschulen hatten 0,5 % deutsche Unterrichtssprache, woraus man schließen kann, dass im Landesdurchschnitt noch knapp die Hälfte der deutschsprachigen Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet wurde. Zum Unterricht in ruthenischer Muttersprache liegen keine Zahlen vor.

Galizien hatte um 1890 28 Gymnasien, zwei Realgymnasien und vier Realschulen. Es gab etwa eine Million schulpflichtiger Kinder, aber weniger als eine halbe Million Kinder besuchten die Schule tatsächlich. Auf diese kamen 5140 vollbeschäftigte Lehrer, also ein Lehrer auf etwa 100 Schulkinder. Über den Anteil der Analphabeten in den ersten Jahrzehnten fehlen statistische Angaben. Noch 1885 gab es in 2376 Gemeinden (das war etwa die Hälfte) keine Schulen. 1890 waren noch 80 % der Bevölkerung des Schreibens unkundig. Bis 1914 reduzierte sich der Anteil auf 64 %.

Jüdische Bevölkerung, Antisemitismus[Bearbeiten]
Juden in Galizien[12][13]
und ihr Anteil an der galizischen Bevölkerung
Jahr Anzahl Anteil
1772 171.851 6,4 %
1817 200.402 5,7 %
1831 232.000 5,5 %
1841 273.000 6,2 %
1846 335.000 7,1 %
1851 333.451 7,3 %
1857 448.973 9,7 %
1869 575.433 10,6 %
Anteil an jüdischer Bevölkerung in Galizien im Jahr 1910.

Die jüdischen Galizier hatten fast überall eigene Stadtviertel (Schtetl) und waren in einigen Kleinstädten des Ostens Galiziens fast unter sich. In ihrer Sprache, Jiddisch, erschienen Bücher und Zeitungen. Die (assimilierten) Juden in den größeren Städten sprachen und schrieben Deutsch oder Polnisch. Von den Juden Galiziens kamen herausragende intellektuelle Impulse, nicht nur im religiösen und philosophischen Bereich – z. B. Martin Buber –, sondern auch in literarischer Hinsicht – etwa Joseph Roth, Soma Morgenstern, Manes Sperber oder Mascha Kaleko – sowie auf anderen Gebieten (Naturwissenschaften, Film, Rechtswissenschaft usw.). Diese Impulse beruhten darauf, dass Gelehrsamkeit und Bildung bei Juden seit Jahrhunderten in hohem Ansehen standen und die Familien, soweit sie dazu finanziell im Stande waren, große Anstrengungen unternahmen, ihren Kindern Bildung zu vermitteln. Die Juden waren die einzige Gruppe der Bevölkerung, in der keine nationalistisch-partikulare Perspektive entwickelt wurde, sondern die die gesamte Monarchie als ihre Heimat betrachtete. Der Zionismus spielte aber auch bei den galizischen Juden eine bedeutende Rolle, so war Lemberg Gründungsort der Jüdischnationalen Partei.

Ab den 1840er Jahren begann der jüdische Bevölkerungsanteil in Galizien anzusteigen. Gründe hierfür lagen in der Zuwanderung aus Russland und den russisch besetzten Teilen Polens unter Kaiser Nikolaus I., der die Rechte der russischen und polnischen Juden einschränkte und ihnen zusätzliche Verpflichtungen auferlegte. Zudem legte er in mehreren westlichen Provinzen Russlands einen „Ansiedlungsrayon“ fest, der in Zukunft die einzige Gegend hätte sein sollen, in der jüdische Bevölkerung erlaubt war. Diese Politik wurde lange Zeit mehr oder wenig streng verfolgt, was viele Juden zur Auswanderung aus Russland bewegte. Viele gingen in die Vereinigten Staaten, viele auch nach Galizien. Ein Grund für diese Zuwanderung dürfte auch gewesen sein, dass Juden ab der Revolution 1848 und dem Toleranzpatent von 1867 durch ihr Religionsbekenntnis in Österreich kaum noch staatliche Nachteile zu befürchten hatten, da vor dem Staat nun alle Religionen gleichberechtigt waren. Zudem gab es unter den Juden geringere Todesraten bei den Cholera-Epidemien in den 1850er Jahren zu verzeichnen.[14]

Die wirtschaftliche Situation der Masse der jüdischen Galizier gestaltete sich ebenso dürftig wie die der ruthenischen Bevölkerung. Teilweise lebten sie in bitterster Armut. Die sogenannten jüdischen Berufe waren überfüllt, die zahlreichen Zwergbetriebe waren kaum in der Lage, die meist großen Familien ausreichend zu ernähren. 1857 wanderten daher 2000 jüdische Galizier aus, 1890 waren es 7000. Die Mehrheit von ihnen bevorzugte die Vereinigten Staaten als Auswanderungsziel. Zwischen 1880 und 1910 wanderten insgesamt 236.504 jüdische Galizier in die Vereinigten Staaten aus.

Die Juden bekannten sich seit dem galizischen Ausgleich immer mehr zur polnischen Nationalität, sie assimilierten sich sprachlich an die Mehrheitsbevölkerung. Dadurch sank der Anteil der deutschsprachigen Galizier, die zum Großteil Juden waren. Im Jahr 1880 erklärten sich noch 5,4 % der Bevölkerung als deutschsprachig, im Jahr 1910 waren es nur noch 1,1 %. Dabei blieb der jüdische Bevölkerungsanteil in Galizien konstant bei 11 %, der Anteil der deutschsprachigen Nichtjuden bei 0,5 %.[15]

Im östlichen Teil des Kronlandes herrschten polnische Großgrundbesitzer über ukrainische Bauern. Die Juden, die dort über 10 % der Bevölkerung ausmachten, nahmen als Händler und Handwerker seit langem eine Mittlerrolle zwischen Adel und Großgrundbesitzern und den armen Bauern ein. Sie lebten mehrheitlich in den Städten, wo sie große Bevölkerungsanteile stellten, oder in eigenen Dörfern (Shtetln). Im Sinne des polnischen Nationalismus sollten sie nun von diesen Schlüsselpositionen in der Gesellschaft zurückgedrängt werden, die Wirtschaft sollte „polnischer“ werden und die Industrialisierung, die Galizien bisher als de facto „landwirtschaftliche Kolonie“ der Monarchie verschlafen hatte, nachgeholt werden.

Der polnische Adel gründete Genossenschaften und Syndikate (kółka rolnicze) und unterstützte Polen bei der Gründung eigener Unternehmen, um die jüdischen Manufakturen, Handwerker und Händler zurückzudrängen. Zugleich wurden Juden systematisch wirtschaftlich benachteiligt und antisemitische Agitation gestreut. Die katholische Kirche ließ alte antisemitische Legenden wie jene vom jüdischen Ritualmord wieder aufleben. All dies führte zunehmend zu einer pogromartigen Stimmung in der polnisch-christlichen Bevölkerung und steigendem Emigrationsdruck unter den Juden aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Benachteiligungen und Einschränkungen. Ab 1871 häuften sich wirtschaftliche Boykottaufrufe gegen Juden und in den 1890er Jahren mehrten sich gewalttätige Übergriffe gegenüber der jüdischen Bevölkerungsgruppe.

Ukrainische Emanzipationsversuche[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden national-ukrainische Parteien, die für die Beseitigung der polnischen Vorherrschaft im größten Kronland Österreichs eintraten. Dadurch verschärften sich die Gegensätze zwischen Polen und Ruthenen, wie die Ukrainer in Altösterreich damals auf Deutsch genannt wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu umfangreichen Agrarstreiks in Ostgalizien, in denen polnische Großgrundbesitzer und ukrainische Bauern einander gegenüberstanden.

Durch die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts der Männer zum Abgeordnetenhaus in Wien im Jahre 1907 gelang es Ukrainern, ihren politischen Einfluss wesentlich zu vergrößern. Die k.k. Regierung drängte deshalb auf einen Ausgleich zwischen Polen und Ukrainern. Dabei ging es vor allem um die Erhöhung des Anteils der ukrainischen Mandate im galizischen Landtag und die Errichtung einer ukrainischen Universität in Lemberg. Die Förderung der Ukrainer durch die Wiener Zentralregierung führte zu wachsenden Spannungen mit dem Russischen Kaiserreich, wo seit dem Stolypinschen Staatsstreich 1907 massiv gegen die Ukrainer, die auf russischem Territorium lebten, vorgegangen wurde. So führte der partielle Ausgleich zwischen Ukrainern und Polen in Galizien Anfang 1914 zu einer Zuspitzung der Gegensätze zwischen der Doppelmonarchie und dem Zarenreich.

Der Gegensatz zwischen Ukrainern und Polen wurde anlässlich der Auflösung Altösterreichs im Herbst 1918 mit Waffengewalt ausgetragen, wobei die polnische Seite die Abspaltung Ostgaliziens verhinderte.

Deutsche Minderheit[Bearbeiten]

Nachdem Galizien 1772 zu Österreich kam, übersiedelten auf Einladung Josephs II. Tausende Deutsche aus der Pfalz nach Galizien und gründeten hier Siedlungen. Für die deutsche Minderheit der galizischen Bevölkerung wurde im 20. Jahrhundert die Bezeichnung Galiziendeutsche verwendet.

Ethnische und politische Lage[Bearbeiten]

Obgleich das Land auf eine lange Geschichte zurückblicken konnte, war es alles andere als eine Einheit, weder in ethnischer noch in politischer oder konfessioneller Hinsicht. Die geographische Lage innerhalb der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (seit 1867) war keineswegs als ideal zu bezeichnen. Gegen Ungarn war Galizien durch die bis dahin verkehrsmäßig noch wenig erschlossenen Beskiden und Waldkarpaten abgeriegelt, die gemeinsame Grenze mit dem Rest Cisleithaniens war nur wenige Kilometer lang. Nach Norden und Osten lag das Land ungeschützt, so dass es für das Militär, wie sich im Ersten Weltkrieg zeigte, trotz des Baues von Festungen wie Przemysl schwer zu verteidigen war.

Nach 1867 nahm Galizien an der verfassungsmäßigen Entwicklung Altösterreichs (Dezemberverfassung) gleichberechtigt teil, so dass allen Staatsbürgern bestimmte grundlegende Rechte verbürgt waren. Die einheitliche österreichische Staatsbürgerschaft, die alle Galizier besaßen, ermöglichte ihnen Binnenwanderung in andere Teile Cisleithaniens; eine Möglichkeit, die vom Beginn des Ersten Weltkriegs an, als Ostgalizien Frontgebiet wurde, stark in Anspruch genommen wurde. Die Einbindung polnischer Adeliger in die Wiener Regierung nutzten diese, um für ihre Klientel Vorteile zu erreichen. Erst das allgemeine Männerwahlrecht für den Reichsrat als Zentralparlament (nicht für den galizischen Landtag!) führte ab 1907 zu demokratischen Ansätzen.

Der Gegensatz zwischen den herrschenden Polen einerseits und den zumeist dienenden Ruthenen, wie die Ukrainer genannt wurden, und den jüdischen Galiziern andererseits wirkte sich auf die Landesentwicklung sehr problematisch aus. Die Land besitzende Aristokratie wollte, wie im Königreich Ungarn, ihre Vorrechte erhalten; Ruthenen und Juden wurden wirtschaftlich und in der politischen Repräsentation quasi selbstverständlich benachteiligt.

Galizien im Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Königreich Galizien, Verwaltungseinheit (1914)

Russland hatte, wie viele andere europäische Mächte auch, vor dem Ersten Weltkrieg territoriale Ziele bzw. Expansionswünsche.

Russische Truppen besetzten kurz nach Kriegsbeginn unter anderem das zu Österreich-Ungarn gehörende Galizien (24. August bis 11. September 1914). Österreich-Ungarns Heer im Ersten Weltkrieg musste sich nach einem Vorstoß auf Galiziens Hauptstadt Lemberg aufgrund der erdrückenden russischen Übermacht im September in die Karpaten zurückziehen (26. August bis 1. September).

Der russische Außenminister Sasonow erstellte am 14. September 1914 - mit Blick auf diese Erfolge - ein 13-Punkte-Programm, das in manchen Aspekten als Gegenpart zum Septemberprogramm Bethmann Hollwegs anzusehen ist.

Sasonow plante in erster Linie territoriale Abtretungen Deutschlands, angeblich auf der Basis des Nationalitätenprinzips. Russland würde den Unterlauf des Njemen (Memelland) und den östlichen Teil Galiziens annektieren sowie den Osten der Provinz Posen, (Ober-)Schlesien und Westgalizien Russisch-Polen angliedern. Bei diesen Annexionsplänen spielte sicher auch der Panslawismus eine Rolle.

1917 drängten die Westmächte zu ihrer Entlastung Russland zur Durchführung einer Offensive, die von dem russischen Kriegsminister Kerenski geplant wurde und am 30. Juni begann. Nach Anfangserfolgen lief sich die Offensive am 11. Juli fest. Bereits am 19. Juli gingen deutsche und österreichisch-ungarische Truppen bei Tarnopol zum Gegenangriff über. Dabei gelang ihnen die Rückeroberung von Ost-Galizien und der Bukowina.

Am 6. und 7. November 1917 übernahmen die Bolschewiki die Macht in Russland („Oktoberrevolution“).

Am 15. Dezember wurde ein Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und Russland vereinbart und eine Woche später in Brest-Litowsk (zunächst ergebnislose) Friedensverhandlungen eröffnet, die am 3. März 1918 mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk endeten.

Nicht vollzogener Umstrukturierungsplan 1918[Bearbeiten]

Im Rahmen des am 9. Februar 1918 mit der Ukrainischen Volksrepublik geschlossenen Brotfriedens von Brest-Litowsk hatte sich Österreich-Ungarn verpflichtet, bis zum 31. Juli 1918 den mehrheitlich von Ukrainern bewohnten Ostteil Galiziens mit der Bukowina zu einem separaten autonomen Kronland zusammenzufassen. Der Plan wurde nicht umgesetzt, am 4. Juli 1918 kündigte Österreich-Ungarn das Abkommen.

Nach der Auflösung Österreich-Ungarns[Bearbeiten]

In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen folgende wichtige Informationen: Verbleib Galiziens (Bewohner und Territorium) in der Zweiten Polnischen Republik, ukrainischer Nationalismus (z.B. Organisation Ukrainischer Nationalisten), Galizische SSR, Lomko-Russinische Republik

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Galizien und Wolhynien im wieder unabhängigen Polen; Galizien aufgeteilt in die Woiwodschaften Krakau, Lemberg, Stanisławów und Tarnopol

Zum Ende des Ersten Weltkriegs löste sich Österreich-Ungarn auf: Seine Teile machten sich entweder selbstständig oder traten Nachbarstaaten bei. Galizien schied per 30. Oktober 1918 aus der Monarchie aus; die dominanten polnischen Politiker erklärten das ganze ehemalige Kronland zum Teil des neuen polnischen Staates. Demgegenüber beanspruchten die Ukrainer den östlichen Teil Galiziens. So wurde Ende 1918 in Lemberg, das selbst eine polnische Bevölkerungsmehrheit hatte, aber in ukrainisch besiedeltem Gebiet lag, die Westukrainische Volksrepublik (Sachidna Ukrainska Narodna Respublika [SUNR]) ausgerufen. Diese konnte sich aber gegen die einmarschierende polnische Armee im polnisch-ukrainischen Krieg nicht halten, so dass auch Ostgalizien im Mai 1919 polnisch wurde.

Zweiter Weltkrieg und Folgen[Bearbeiten]

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebiet vorerst zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion aufgeteilt. Westgalizien wurde Bestandteil des Generalgouvernements, während die Sowjetunion Ostgalizien an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik anschloss. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde auch Ostgalizien in das Generalgouvernement eingegliedert (siehe Distrikt Galizien).

In der Konferenz von Jalta wurde die Curzon-Linie als sowjetische Westgrenze festgelegt. Dadurch fielen zwei kleinere Gebiete Galiziens, die von 1939 bis 1941 sowjetisch gewesen waren, an Polen zurück. Heute gehört der westliche Teil Galiziens zu Polen, der östliche Teil mit Lemberg zur Ukraine.

In allen Ländern Osteuropas gehörten große ethnische Bevölkerungsverschiebungen in den Jahren 1944–1946 zur sowjetischen Nachkriegspolitik. Die Polen Ostgaliziens wurden in die ehemals deutschen Gebiete im Westen Polens umgesiedelt bzw. vertrieben. Umgekehrt wurden Ukrainer aus Polen in die Westukraine umgesiedelt. Damit verschwanden die Polen aus Ostgalizien und Wolhynien, wo sie seit dem Spätmittelalter gelebt hatten. Die Bevölkerung Ostgaliziens war nun erstmals fast geschlossen ukrainisch.[16]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Bachmann: „Ein Herd der Feindschaft gegen Rußland“ - Galizien als Krisenherd in den Beziehungen der Donaumonarchie mit Rußland (1907–1914). Verlag für Geschichte und Politik, Wien 2001, ISBN 3-7028-0374-2.
  • Harald Binder: Galizien in Wien: Parteien, Wahlen, Fraktionen und Abgeordnete im Übergang zur Massenpolitik. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2005, ISBN 3-7001-3326-X.
  • Abraham J. Brawer: Galizien, wie es an Österreich kam, eine historisch-statistische Studie über die inneren Verhältnisse des Landes im Jahre 1772. Freytag und Tempsky, Leipzig/Wien 1910. (Nachdruck: Scherer-Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-89433-007-4)
  • Verena Dohrn: Reise nach Galizien. Grenzlandschaften des alten Europa. Verlag Fischer, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-10-015310-3.
  • Claudia Erdheim: Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie. Czernin Verlag, 2006, ISBN 3-7076-0208-7.
  • Claudia Erdheim: Das Stetl. Galizien und Bukowina 1890–1918. Album Verlag, 2008, ISBN 978-3-85164-167-7.
  • Alexander Granach: Da geht ein Mensch - autobiographischer Roman. btb-Verlag, ISBN 978-3-442-73603-4.
  • Georg Hinrichsen: Briefe aus Galizien, 1913 geschrieben von Karl Hinrichsen. Verlag Cuvillier. Göttingen 2005, ISBN 3-86537-646-0.
  • Irene Kohl, Emil Brix, Klaus Beitl (Hrsg.): Galizien in Bildern: die Originalillustrationen für das „Kronprinzenwerk“ aus den Beständen der Fideikommissbibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek. Verein für Volkskunde, Wien 1997, ISBN 3-900359-73-3.
  • Roman Lach, Thomas Markwart: Geisterlandschaft Galizien. Karl Emil Franzos, Leopold von Sacher-Masoch, Joseph Roth, Alfred Döblin, Bruno Schulz. (online auf: kakanien.ac.at)
  • Karlheinz Mack (Hrsg.): Galizien um die Jahrhundertwende. Politische, soziale und kulturelle Verbindungen mit Österreich. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1990, ISBN 3-7028-0290-8.
  • Bertha Pappenheim, Sara Rabinowitsch: Zur Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien. Frankfurt am Main 1904 (Volltext bei Wikisource)
  • Martin Pollack: Nach Galizien - von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenern. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Verlag Brandstätter, Wien 1984, ISBN 3-85447-075-4. (Neuauflage: Galizien : eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Insel-Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2001, ISBN 978-3-458-34447-6)
  • Isabel Röskau-Rydel: Deutsche Geschichte im Osten Europas - Galizien, Bukowina, Moldau. Verlag Siedler-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-88680-781-9.
  • Thomas Sandkühler: „Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941–1944. Verlag Dietz, Bonn 1996, ISBN 3-8012-5022-9.
  • Ralph Schattkowsky, Michael G. Müller (Hrsg.): Identitätenwandel und nationale Mobilisierung in Regionen ethnischer Diversität: ein regionaler Vergleich zwischen Westpreußen und Galizien am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 20). Verlag Herder-Institut, Marburg 2004, ISBN 3-87969-313-7.
  • Evelyn Scheer, Gert Schmidt: Die Ukraine entdecken - Zwischen Karpaten und Schwarzem Meer. Trescher-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-89794-060-4.
  • Kai Struve: Bauern und Nation in Galizien: über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-36982-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Galizien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Krzysztof Lipiński: Auf der Suche nach Kakanien. Literarische Streifzüge durch eine versunkene Welt. Röhrig, Sankt Ingbert 2000, ISBN 3-86110-235-8, S. 25.
  2. Franz Gall: Österreichische Wappenkunde. Handbuch der Wappenwissenschaft. Böhlau, Wien 1992, ISBN 3-205-05352-4, S. 199.
  3. Friedrich Justin Bertuch: Allgemeine geographische Ephemeriden. Band 26, Verlag des Landes-Industrie Comptoirs, Weimar 1808, S. 105.
  4. Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick. Verlag Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1966, S. 48.
  5. Horst Glassl: Das österreichische Einrichtungswerk in Galizien (1772–1790). Verlag Harrassowitz, Wiesbaden 1975, ISBN 3-447-01684-1, S. 78.
  6. Ludwig Schneider: Das Kolonisationswerk Josef II. in Galizien. Darstellung und Namenslisten. Verlag Hirzel, Leipzig 1939, Reprint 1989, Scherer Verlag Berlin, ISBN 3-89433-002-3, S. 10.
  7. H. Pauls und Cornelius Krahn: Galicia (Poland & Ukraine). In: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (englisch)
  8. Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. In: Austrian History Yearbook. Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, ISBN 3-11-015562-1, S. 51.
  9. Meyers Konversations-Lexikon. 5. Auflage. 7. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1895, S. 19.
  10. Meyers Konversations-Lexikon. 5. Auflage. 7. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1895, S. 16 f.
  11. Meyers Großes Konversationslexikon. 6. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1907, Band 7, S. 272.
  12. Joseph Buzek: Das Auswanderungsproblem in Österreich. In: Zeitschrift fur Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung. Vol. 10, 1901, S. 492, zitiert aus: Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, ISBN 3-11-015562-1, S. 48.
  13. Gustav Adolf Schimmer: Die Juden in Österreich nach der Zählung vom 31. Dezember 1880. Wien 1881, zitiert aus: Rabinbach, Austrian History Yearbook, Volume XI, S. 48.
  14. Rabinbach, Austrian History Yearbook Volume XI. S. 48.
  15. Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-36954-9, S. 173.
  16. Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. München 2009, ISBN 978-3-406-58780-1, S. 224 f.

49.52199123.245783Koordinaten: 49° 31′ N, 23° 15′ O