Gammler

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Gammler ist eine abwertende Bezeichnung, die sowohl in der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR für jugendliche Anhänger der Rockmusik verwendet wurde, die meist lange Haare trugen sowie mit Jeans und Parka bekleidet waren.[1] Vielfach wurden vor allem in den 1960er und frühen 1970er Jahren in Medien, aber auch im Staatswesen, Jugendliche oder junge Erwachsene, die den damaligen jugendlichen Subkulturen angehörten, so bezeichnet.

Detlef Siegfried bezeichnete Gammler als „hippieske Subkultur“, die in Westdeutschland von 1965 bis etwa 1967 unter der Bezeichnung „Gammler“ von sich reden machte und die westdeutschen Medien zu einer ausführlichen Berichterstattung veranlasste. Nach 1968 wurden Gammler jedoch nicht mehr als eigenständige Bewegung betrachtet, da Stilelemente des „Gammelns“ wie Müßiggang, lange Haare, Drogenkonsum sowie die Vorliebe für Rock- und Folkmusik Eingang in die Massenkultur fanden.[2]

Begriffsherkunft[Bearbeiten]

Gammeln bezeichnet laut Duden „alt werden“, abgeleitet aus dem niederdeutschen gammelen.[3] Seit Mitte der 1950er Jahre wurde „gammeln“ auch für „reduziertes Bewegungstempo“ und „sinnlose Beschäftigung“ verwendet. So heißt es in Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache, dass gammeln seit 1955 in der Bedeutung von „langsam tätig sein“ in Gebrauch ist.[4] 1959 hieß es in der Zeitschrift Twen: „Gammeln ist das Lieblingswort dieser Generation“.[2] Wer den Begriff zuerst und wann für die jugendkulturelle Erscheinung verwandt hat, ist unklar. In der Presse tauchte er erstmals 1963 und ab 1965 verstärkt als Bezeichnung für entsprechende Jugendliche auf.

Charakterisierung[Bearbeiten]

„Gammler“ zeichneten sich durch eine betonte Ablehnung bürgerlicher Normen und Lebensformen aus, etwa durch Konsumverweigerung und die Ablehnung geregelter Erwerbstätigkeit oder eines als gepflegt geltenden Erscheinungsbildes. Wichtigstes äußeres Erkennungsmerkmal waren lange Haare. Vor allem männliche Gammler boten so einen starken Kontrast zur damals üblichen kurzen Haartracht. Bis in die 1960er-Jahre war ein starker sozialer Konformitätsdruck wirksam. Noch stellten Abweichler für die tonangebende Mehrheit der Bevölkerung gerade in postfaschistischen und spürbar von militärischen Wertvorstellungen geprägten Gesellschaften wie der deutschen eine Provokation dar und hatten besonders im provinziellen Umfeld einen schweren Stand. Dementsprechend hielten sich sogenannte Gammler vorwiegend in den Zentren von Großstädten auf, in denen sich besondere Örtlichkeiten zu Treffpunkten dieser Subkultur entwickelten. Der Lebensunterhalt wurde nach gängiger Meinung oft nur durch Gelegenheitsarbeiten und öffentliches Musizieren bestritten. Generell standen sie den gesellschaftlichen Normen kritisch gegenüber, zeichneten sich aber meist durch Ablehnung von politischen Interventionen aus. Dagegen bildete sich zunächst in den Niederlanden ab 1965 die Bewegung der Provos heraus, die politische Aktionen – etwa Hausbesetzungen – mit anarchistischem Hintergrund durchführten.[5]

Nach Walter Hollstein handelte es sich bei Gammlern um Jugendliche, „die sich der Konformität des Lebens bewusst entziehen“. Die Westberliner Innenbehörde stellte fest, dass die so benannten Jugendlichen in der Regel einen Wohnsitz hätten und einer geregelten Arbeit nachgingen. Ihr Verhalten sei nicht auf „Arbeitsscheu“ zurückzuführen, vielmehr sei ihr Freizeitverhalten Ausdruck des Protests gegen bestehende Gesellschaftsnormen. In einer Expertise stellte ihnen das niedersächsische Innenministerium eine günstige Sozialprognose aufgrund von Bildung und Herkunft und bezeichnete Gammler „als vielfach geistlich [sic!] aufgeschlossen, bisweilen intellektuell“ sowie „oft berufstätig“ und „nur in der Freizeit gammelnd“. Siegfried nannte „Gammler“ als Beispiel einer „privatistischen Subkultur“, ein Begriff, der durch eine frühe Analyse über Subkulturen von Helmut Kentler geprägt wurde.[2]

In der Bundesrepublik wurden Mitte der 1960er-Jahre „Gammler“, ähnlich wie die „Halbstarken“ ein Jahrzehnt zuvor, zu einem Objekt der Medienberichterstattung, obwohl man ihre Anhänger lediglich auf einige Tausend in Europa und einige Hundert in der Bundesrepublik schätzte. So veröffentlichte 1966 der Spiegel eine Titelstory mit Gammler in Deutschland.[6] Die ablehnenden Reaktionen in der Öffentlichkeit gipfelten in politischen Forderungen, öffentliche Plätze zu räumen, den Gammlern die Haare zu scheren und sie zu Zwangsarbeit[7] in sogenannten Arbeitshäusern zu verpflichten. Ebenso führten an vielen Schulen die lange Haartracht männlicher Jugendlicher zu Konflikten – gern drohten ihnen Direktoren und Lehrer mit Disziplinarmaßnahmen. In der Bundeswehr kam es seit 1967 zu ersten Verweigerungen, sich die Haare scheren zu lassen. Erst der so genannte Haarnetz-Erlass Anfang der 1970er Jahre führte zu einer Entspannung.[8] In den Boulevardzeitungen des Axel-Springer-Verlags wie Bild oder B.Z. wurden auch Protagonisten der 68er-Bewegung wie Rudi Dutschke mit Schlagzeilen wie z. B. „Polit-Gammler“ Dutschke dreht an einem dollen Ding! belegt.[9]

In der DDR wurden pauschal diejenigen Männer, die durch längere Haare und „westliche Kleidung“ (Jeans), auffielen, als „Gammler“ bezeichnet. Viele waren Sympathisanten der vom Staat skeptisch betrachteten Beatmusik, was zu Protesten wie etwa der Leipziger Beatdemo führte. Als Reaktion darauf fand – nach zaghafter Öffnung zur neuen internationalen Beatmusik wie z. B. zum Deutschlandtreffen der Jugend im Mai 1964 – auf dem 11. Plenum des Zentralkomitee der SED im Dezember 1965 eine radikale Wende in der Kultur- und Jugendpolitik in der DDR statt,[10] in deren unmittelbaren Folge 1968 auch der Strafbestand des Rowdytums (§ 215) im Strafgesetzbuch der DDR verankert wurde.

In der Presse begann daraufhin eine Kampagne gegen Langhaarige, Beatfans, Gammler, junge Christen und politisch Andersdenkende. Walter Ulbricht griff eine Zeile der Beatles auf und fragte: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“[11]1966 führte das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung im Auftrag der SED eine Studie durch, um die Haltung langhaariger Jugendlicher zu untersuchen. Die Studie ergab nicht – wie zuvor behauptet – einen minderen Intelligenzgrad, allerdings eine bestimmte Affinität Langhaariger zu westlicher Musik.[12] Gleichwohl wurden an verschiedenen Orten der DDR von FDJ und Volkspolizei zwangsweise Haarschneideaktionen durchgeführt oder Jugendliche von der Polizei unter Zwang zum Frisör gebracht.[13]

Mit dem verstärkten Übergreifen der westlichen Pop- und Musikkultur auch auf den Ostblock trat ab den 1970er-Jahren eine gewisse Entspannung ein. Partei und Staat mussten von allzu militanten Erziehungs- und Unterdrückungsmaßnahmen wie erzwungenem Haareschneiden Abstand nehmen. In dieser Zeit machte in der DDR eine sogenannte Blueserszene von sich reden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Detlef Siegfried: Time is on my side – Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre. Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0073-3.
  • Tina Gotthardt: Abkehr von der Wohlstandsgesellschaft – Gammler in den 60er Jahren der BRD. VDM, Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-8364-1245-2.
  • Brummbaer: Der Gammler (Erfahrungsbericht aus dem Jahr 1964); Der Grüne Zweig 278, Löhrbach 2011, ISBN 978-3-930442-78-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lexikon in jugendopposition.de, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft
  2. a b c Detlef Siegfried: Time is on my Side: Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Wallstein, Göttingen 2006, S. 399 ff. hier online
  3. Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 6., überarbeitete Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag 2007, hier online
  4. Gammler: Schalom aleichem, Der Spiegel 39/1966
  5. Detlef Siegfried: Sound der Revolte: Studien zur Kulturrevolution um 1968, Juventa 2008, S. 156, hier online
  6. Titelblatt des Spiegels 39/1966
  7. vgl. etwa: Thomas Schlemmer und Hans Woller: Bayern im Bund: Gesellschaft im Wandel 1949 bis 1973, Band 2, Oldenbourg 2002, S. 450 f.,hier online
  8. Trau keinem über 30, Axel Schildt in Bundeszentrale für Politische Bildung
  9. Medienhetzer und Politgammler, Deutschlandfunk vom 18. Januar 2010
  10. Wir dulden keine Gammler in bstu.bund.de
  11. Langhaarige, Beatfans und Gammler in jugendopposition.de der Bundeszentrale für politische Bildung
  12. Vgl. Ulrich Mählert/Gerd-Rüdiger Stephan, Blaue Hemden, Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen 1996, S. 142f.
  13. Walter Enkelmann: Die Haarschneideaktion von 1969; Blätter zur Landeskunde, 10/2000