Gangesgavial

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gangesgavial
Gangesgavial (Gavialis gangeticus)

Gangesgavial (Gavialis gangeticus)

Systematik
Reihe: Landwirbeltiere (Tetrapoda)
Klasse: Reptilien (Reptilia)
Ordnung: Krokodile (Crocodilia)
Familie: Gaviale
Gattung: Echte Gaviale
Art: Gangesgavial
Wissenschaftlicher Name der Familie
Gavialidae
Adams, 1854
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Gavialis
Oppel, 1811
Wissenschaftlicher Name der Art
Gavialis gangeticus
Gmelin, 1789

Der Gangesgavial, auch Gharial oder Echter Gavial (Gavialis gangeticus), ist der einzige heute noch lebende Vertreter der Gaviale (Gavialidae) innerhalb der Krokodile (Crocodilia). Die heute nur noch in Nepal und im Norden Indiens überlebenden Populationen sind stark bedroht (critically endangered) und daher auf der Roten Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN aufgeführt.[1]

Der in Indonesien und Malaysia beheimatete Sunda-Gavial (Tomistoma schlegelii) gehört nicht zur Familie der Gaviale, sondern zu den Echten Krokodilen. Er wird auch als Falscher Gavial bezeichnet.[2]

Merkmale[Bearbeiten]

Männlicher Gangesgavial (gut zu erkennen die Verdickung am Schnauzenende)

Gaviale können bis zu sechs Meter lang werden, aber solch große Individuen sind heute nicht mehr bekannt. Charakteristisch für die Art ist ihre lange, schmale Schnauze, die mit fortschreitendem Alter dicker und im Verhältnis zum Körper kürzer wird. Bei ausgewachsenen männlichen Tieren wächst eine knollenförmige Verdickung auf der Schnauzenspitze, die Ghara genannt wird, nach dem indischen Wort für Topf. Die männlichen Tiere schnauben durch die darunter liegenden Nasenlöcher ein Zischen aus, das durch diese Verdickung modifiziert und verstärkt wird. Der resultierende Laut kann an einem ruhigen Tag knapp einen Kilometer weit gehört werden. Aufgrund dieser Ghara sind Gaviale die einzigen Krokodile, die sichtbar sexuell dimorph sind.[3] Eine Vielzahl von schmalen Zähnen stehen im Ober- und Unterkiefer versetzt zueinander und greifen bei geschlossenem Maul ineinander. Die Färbung der Tiere variiert von einem hellen olivgrün bis zu einem hellbraun, der Rücken und der Schwanz sind mit dunkleren Banden und Flecken gezeichnet. Die Beine sind sehr schmal und eher schwach gebaut, dafür jedoch mit großen Schwimmhäuten besonders an den Hinterbeinen bestückt.

Das Hauptmerkmal der fossilen und rezenten Gaviale ist der Aufbau der Knochen im Schädel. Dabei stoßen, anders als bei den anderen Krokodilen, die Nasenbeine (Nasalia) nicht mit den Prämaxillaren zusammen.

Verbreitung und Habitat[Bearbeiten]

Ehemaliges Verbreitungsgebiet

Einst lebten Ghariale in allen großen Flüssen des nördlichen indischen Subkontinents, vom Indus in Pakistan über die Überschwemmungsebene des Ganges bis hin zum Irrawaddy in Myanmar. Heute überleben sie jedoch nur noch in 2% ihres früheren Verbreitungsgebietes:

  • in Indien gibt es kleine Populationen in den Flüssen der Schutzgebiete von National Chambal Sanctuary, Katarniaghat Sanctuary, Son River Sanctuary und im Regenwald-Biom von Mahanadi im Satkosia Gorge Sanctuary in Orissa, wo sie sich aber offenbar nicht vermehren;[4]
  • in Nepal gibt es kleine Populationen, die sich langsam in den Nebenflüssen des Ganges erholen, wie in den Flusssystemen des Narayani-Rapti im Chitwan Nationalpark und des Karnali-Babai im Bardia Nationalpark.[5][6]

Im Indus, im Brahmaputra in Bhutan und Bangladesh und im Irrawaddy in Myanmar sind sie ausgestorben.[3]

Ghariale leben sympatrisch mit Sumpfkrokodilen. Im Delta des Irrawaddy lebten sie sympatrisch mit Salzwasserkrokodilen. Während Sumpfkrokodile auch in stillen Altarmen und Teichen vorkommen, sind Ghariale offenbar besser an die tiefen und schnell fließenden Flüsse angepasst, die dem Himalaya entspringen.[7] Zum Sonnenbaden bevorzugen sie große Sandbänke ohne Vegetation und vermeiden grasbewachsene und felsige Ufer.[8][9]

Lebensweise[Bearbeiten]

Von allen lebenden Krokodilen sind Gaviale am meisten an ihre Umgebung in unmittelbarer Nähe von Wasser gebunden, weil ihre Beine schwach und ungeeignet sind, sich an Land zu bewegen. Dagegen treiben sie sich mithilfe ihrer breiten ruder-artigen Schwänze im Wasser voran und sind in dieser Umgebung ausgesprochen mobil. Sie schleppen sich lediglich aus dem Wasser, um sich auf exponierten Sandbänken zu sonnen, Nester für ihre Gelege zu bauen und Eier zu legen.[10]

Sie ernähren sich vorwiegend von Fisch. Einige ausgewachsene Individuen sind aber auch schon dabei beobachtet worden, als sie Wildenten im Narayani gefressen haben. Im Frühjahr bauen Gaviale gleichzeitig ihre Nester in Sandbänke und legen von März bis April 10 bis 60 Eier.[11]

Ihre Schnauze ist wie eine lange Fischreuse ausgebildet. Angriffe auf Menschen sind bislang nicht glaubhaft beschrieben worden. Funde von menschlichen Gebrauchsgegenständen oder Schmuck in ihren Mägen werden häufig als Indizien dafür genutzt, dass sie Menschen anfallen oder die zum Begräbnis den Flüssen übergebenen Leichen fressen, wahrscheinlich nehmen sie die Gegenstände allerdings gemeinsam mit anderen harten Materialien als Magensteine sekundär auf.

Fossilgeschichte und Systematik[Bearbeiten]

Fossile Funde von Gavialen derselben und anderer Gattungen gibt es seit dem Miozän auch aus Nord- und Südamerika, Afrika und anderen Teilen Asiens. Hierzu gehören unter anderem die Arten der Gattung Rhamphosuchus aus dem Pliozän Indiens. Die Familie umfasst mit dem Gangesgavial heute nur noch eine Art, alle anderen sind ausgestorben.

Bedrohung[Bearbeiten]

Nach Angaben der IUCN geht der Bestand der Gangesgaviale seit 1946 drastisch zurück. Nach vorsichtigen Schätzungen schrumpfte die Gesamtpopulation in nur 60 Jahren in einer Periode von drei Generationen um 96 bis 98 % – von wahrscheinlich 5.000 bis 10.000 Tieren in den 1940ern auf weniger als 200. Von geschätzten 436 Tieren im Jahr 1997 waren im Jahr 2006 nur noch 182 Tiere übrig, was einem Rückgang der Population um 58 % in nur neun Jahren entspricht.[1]

Die Ursachen des drastischen Niedergangs der Gangesgaviale sind vielfältig. Gaviale wurden wegen ihrer Häute stark bejagt, ihre Körperteile galten als wertvolle Bestandteile in naturmedizinischen Präparaten, ihre Gelege wurden geräubert, und die Eier als Delikatesse zum menschlichen Verzehr gesammelt. Fischer haben sie aber auch getötet, da sie sie als Konkurrenten um essbare Fische betrachteten. Heute wird die Jagd nicht mehr als eine wesentliche Bedrohung angesehen. Die Anlage von Staudämmen, Bewässerungskanälen, damit zusammenhängende Trockenlegungen und Verschlammungen, aber auch die Änderung und Begradigung von Flussläufen, künstliche Eindeichung und extensive Landwirtschaft, verbunden mit Nutztierhaltung in Flussnähe, führten jedoch zu einem exzessiven und irreversiblen Verlust ihrer natürlichen Lebensräume. Alleine im Flussgebiet des Chambal sind bis zur Jahrtausendwende 276 Bewässerungsprojekte dokumentiert. Diese Bedrohungen nehmen weiter zu und gehen einher mit dem Rückgang weiterer in diesen Biotopen ansässigen Arten wie Gangesdelfin (Platanista gangetica), Gangeshai (Glyphis gangeticus), Sumpfkrokodil (Crocodylus palustris), Hilsa (Hilsa illisha), dem Nationalfisch von Bangladesch, als auch vieler anderer Arten von Fischen und Wasservögeln.[1]

Schutz[Bearbeiten]

Gavial in einem Zoo in Florida

Seit 2007 ist die Art als Kritisch Gefährdet in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN aufgeführt und im Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens im Anhang I geschützt. In Indien und Nepal laufen Schutzprogramme, die das Überleben von Gavialen in ihrem natürlichen Lebensraum zum Ziel haben. Im indischen National Chambal Sanctuary in Uttar Pradesh und im Gharial Breeding Centre in Nepal's Chitwan-Nationalpark werden Eier ausgebrütet und Gaviale bis zu einem durchschnittlichen Alter von zwei bis drei Jahren aufgezogen. Wenn sie eine Länge von etwa einem Meter erreicht haben, werden sie in geschützte Gebiete ausgesetzt. Aber bisher sind durch diese Freisetzungen nirgends überlebensfähige Populationen wieder aufgebaut worden.[1]

Sonstiges[Bearbeiten]

Das Foto eines 14-jährigen Inders von einem Gangesgavial-Weibchen mit mehreren Jungtieren auf seinem Kopf mit dem Titel Mother's little headful (Dt. etwa Mutters kleine Kopfbedeckung) gewann den Preis Young Wildlife Photographer of the Year 2013 (dt. Junger Natur-Fotograf des Jahres 2013) des BBC-Wildlife Magazine.[12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Charles A. Ross (Hrsg.): Krokodile und Alligatoren - Entwicklung, Biologie und Verbreitung, Orbis Verlag Niedernhausen 2002
  • Trutnau, L (1994): Krokodile: Alligatoren, Kaimane, Echte Krokodile und Gaviale. Neue Brehm Bücherei Band 593, Westarp Wissenschaften, Magdeburg.
  • Trutnau, L. & R. Sommerlad (2006): Krokodile. Biologie und Haltung. Edition Chimaira, Frankfurt am Main.
  • Joachim Brock: Krokodile – Ein Leben mit Panzerechsen, Natur und Tier Verlag Münster 1998
  • Charles A. Ross (Hrsg.): Krokodile und Alligatoren - Entwicklung, Biologie und Verbreitung, Orbis Verlag Niedernhausen 2002

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gavialis gangeticus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Choudhury, B.C., Singh, L.A.K., Rao, R.J., Basu, D., Sharma, R.K., Hussain, S.A., Andrews, H.V., Whitaker, N., Whitaker, R., Lenin, J., Maskey, T., Cadi, A., Rashid, S.M.A., Choudhury, A.A., Dahal, B., Win Ko Ko, U., Thorbjarnarson, J., Ross, J.P. (2007) Gavialis gangeticus. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.3. online
  2. Crocodile Specialist Group (2000) Tomistoma schlegelii. In: IUCN 2010. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2010.3. online
  3. a b Whitaker, R., Members of the Gharial Multi-Task Force, Madras Crocodile Bank (2007) The Gharial: Going Extinct Again. Iguana 14(1): 24-33 voller text als pdf
  4. Bustard, H.R. (1983) Movement of wild Gharial, Gavialis gangeticus (Gmelin) in the River Mahanadi, Orissa (India). British Journal of Herpetology, Vol. 6: 287-291
  5. Maskey, T.M., Percival, H.F. (1994) Status and Conservation of Gharial in Nepal. Vorgestellt beim 12. Arbeitstreffen der Crocodile Specialist Group, Thailand.
  6. Priol, P. (2003) Gharial field study report. Ein dem Department of National Parks and Wildlife Conservation, Kathmandu, Nepal, vorgelegter Bericht
  7. Rao, R.J., Choudhury, B.C. (1990) Sympatric distribution of Gharial Gavialis gangeticus and Mugger Crocodylus palustris in India. Journal of the Bombay Natural History Society, Vol. 89: 313-314
  8. Maskey, T.M., Percival, H.F., Abercrombie, C.L. (1995) Gharial Habitat Use in Nepal Journal of Herpetology, Vol. 29, Nr. 3: 463—464
  9. Ballouard, J.-M., Priol, P., Oison, J., Ciliberti, A. and Cadi, A. (2010) Does reintroduction stabilize the population of the critically endangered gharial (Gavialis gangeticus, Gavialidae) in Chitwan National Park, Nepal? Aquatic Conservation: Marine and Freshwater Ecosystems, 20: 756–761.
  10. Whitaker, R., Basu, D. (1983) The gharial (Gavialis gangeticus): A review. Journal of the Bombay Natural History Society, 79: 531-548.
  11. Maskey, T. M. (1989) Movement and survival of captive reared gharial Gavialis gangeticus in the Narayani River, Nepal. A Dissertation presented to the Graduate School of the University of Florida in partial fulfilment of the requirements for the Degree of Doctor of Philosophy.
  12. spiegel.de, Die Gewinner des weltbesten Naturbildwettbewerbs, Fotostrecke, 16. Oktober 2013, Bild 2: [1] (16. Oktober 2013)