Garm

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Dieser Artikel behandelt den Hund Garm aus der nordischen Mythologie. Für die gleichnamige tadschikische Stadt, siehe Garm (Stadt), für den norwegischen Musiker siehe Kristoffer Rygg.
Zeichnung einer sitzenden Frau die schräg nach links aus dem Bild herausschaut. Im Vordergrund ein großer Hund, der bellend ebenfalls nach links schaut. Am oberen Bildrand Baumwurzeln mit einer Schlange.
Garm bewacht den Ein­gang zur Unter­welt. Zeich­nung Hel von Johannes Gehrts (1889)

Garm ist in der nordischen Mythologie der Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht.

Die Wissenschaft des 19. und die Populärwissenschaft des 20. Jahrhunderts fügten die erhaltenen Fragmente nordischer Dichtung zu einem einheitlichen Ganzen zusammen. So entstand folgendes Bild: Garm ist der Hund der Totengöttin Hel, Herrscherin der Unterwelt. Garm bewacht am Fluss Gjöll den Eingang zur Unterwelt, wobei er in der Höhle Gnipahellir (‚überhängende Höhle‘) haust. Er stürzt sich auf jeden, der sich der Unterwelt nähert. Odin begegnet ihm auf seinem Ritt nach Niflheim. Am Tag des Weltunterganges (Ragnarök) wird sich Garm unter grässlichem Geheul losreißen und an der Seite der Riesen gegen die Asen kämpfen. Im Zweikampf mit Tyr finden beide den Tod. Gelegentlich wird Garm von Autoren als ein anderer Name von Fenrir betrachtet.[1][2]

Alte isländische Sagen[Bearbeiten]

Garm taucht in der alten isländischen Dichtung als Figur nur wenige Male auf.

In der Völuspá, dem auf die Zeit um 1000 n. Chr. zurückgehenden ersten Götterlied des Codex Regius, wird die Insel Lyngvi, auf der Loki und Fenrir in der Höhle Gnipahelli angekettet sind, von Garmur bewacht, einem riesigen Hund, der laut bellt, wenn die Ketten von Loki und Fenrir vor dem drohenden Weltuntergang zu brechen drohen:[3]

Geyr Garmr mjök
fyr Gnipahelli,
Festr man slitna,
en Freki renna. [4]

In der Grímnismál (‚Lied von Grimnir‘), einem im 13. Jahrhundert niedergeschriebenen aber schon lange vorher mündlich überlieferten Götterlied der isländischen Lieder-Edda, wird Garm in Strophe 44 als der „Beste aller Hunde“ beschrieben. In dieser Strophe listet Odin die Lebewesen und Dinge auf, die in der mythologischen Welt die besten sind, darunter den Baum Yggdrasil, die Ase Odin, das Pferd Sleipnir und zuletzt den Hund Garm. In Baldrs draumar, einem anderen Teil der Lieder-Edda, begegnet Odin auf seinem Weg in die Unterwelt in Niflheim einem blutverschmierten Hund, der ihn lange bellend verfolgt. Dieser Hund wird jedoch nicht mit Namen genannt und seine Identität mit Garm kann nicht belegt werden.[3][5][6]

Eine alte Zeichnung eines Steinbogens, der außen von zwei Bären gehalten und von unten von vier Menschen mit erhobenen Armen gestützt wird. Unter dem Bogen sind außer den Menschen noch ein Hirsch und fünf Wölfe abgebildet
Ragnarök, der linke Wolf greift Tyr an, Buchillustration von W. G. Collingwood (1905)

Im Gylfaginning, dem zentralen Teil der Snorra-Edda, nennt Snorri Sturluson Garm „das größte Monster“ und teilt in seiner detaillierten Beschreibung der Ragnarök mit, dass Garm, der sich vor der Höhle Gnipahellir von seinen Fesseln gelöst hat, mit dem letzten Asen Tyr kämpft, wobei beide den Tod finden.[2]

Der Name Garms taucht im Gylfaginning noch ein weiteres Mal auf, der Wolf Managarm (‚Mond-Hund‘) oder Hati Hroduittnisson ist der Zerstörer des Mondes, der sich vom Fleisch der Toten ernährt und in der Ragnarök den Sitz der Götter mit Blut befleckt als er mit seinem Bruder Skoll Sonne und Mond verschlingt. In anderen Dichtungen gibt es weitere Ableitungen von der zerstörenden Eigenschaft Garms, wie Garm des Holzes für Feuer.[7][8]

In dem Gedicht Fjölsvinnsmál aus dem 13. Jahrhundert wird die schöne Burg Menglod von Hunden bewacht, die ebenfalls Garms genannt werden.[4] In anderen Gedichten wird geschildert, dass Garm nur mit einem Stück Brot von jemandem beruhigt werden kann, der bereits einem Armen Brot gegeben habe.[1]

Andere Mythologien[Bearbeiten]

Das Motiv des Hundes, der die Unterwelt oder das Reich der Toten bewacht, kennen auch andere Mythologien. In der griechischen Mythologie gibt es einige mit Eigennamen belegte Hunde oder hundeähnliche Fabelwesen. Dem nordischen Garm entspricht Kerberos (auch Zerberus), ein zwei- oder mehrköpfiger Hund mit einem Drachen- oder Schlangenschwanz, der die Tore zur Unterwelt bewacht und die Seelen der Toten nur eintreten, aber niemals herauslässt.[9][10]

In einer Sage der grönländischen Inuit taucht nach einer erfolglosen Robbenjagd ein Angakok zur Meeresgöttin Sedna auf den Meeresgrund, um sie um die Freilassung der Robben zu bitten. Auf dem Weg zu ihr muss zunächst das Reich der Toten durchquert werden, dann folgt ein Abgrund, der von einem großen Hund bewacht wird, und schließlich ein weiterer Abgrund, über den eine Brücke führt, die so schmal wie eine Messerklinge ist.[11]

Die slawische Mythologie kennt Zorya oder Zarya, die Göttinnen der Dämmerung. Die Dämmerung des Morgens (Zorya Utrennyaya) öffnet der Sonne für ihre tägliche Wanderung über den Himmel das Tor, und die Abenddämmerung (Zorya Vechernyaya) schließt es nach deren Rückkehr am Abend. In einer späten Fassung des Mythos kam eine weitere Zorya, die der Mitternacht, dazu. Diese drei Schwestern hatten die Aufgabe, einen am Sternbild Kleiner Bär angeketteten Hund zu bewachen, denn wenn er sich losreiße, sei das Ende der Welt gekommen.[12]

Neuzeitliche Rezeption[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Kathleen N. Daly: Norse Mythology A to Z, Third Edition. Chelsea House, New York (NY) 2010, ISBN 978-1-60413-411-7, Lemma "Garm".
  2. a b Karl Mortensen: A Handbook of Norse Mythology. Translated from the Danish by A. Clinton Crowell. Thomas Y. Crowell, New York (NY) 1913.
  3. a b John Lindow: Handbook of Norse Mythology. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2001, ISBN 1-57607-573-7, Lemma "Garm".
  4. a b Viktor Rydberg: Teutonic Mythology. Gods and Goddesses of the Northland. In Three volumes. Band 2. Norrœna Society, London u. a. 1907, S. 564.
  5. Christopher Abram: Representations of the Pagan Afterlife in Medieval Scandinavian Literature. Dissertation, University of Cambridge, 2003, S. 170
  6. Viktor Rydberg: Teutonic Mythology. Gods and Goddesses of the Northland. In Three volumes. Band 2. Norrœna Society, London u. a. 1907, S. 410.
  7. Kathleen N. Daly: Norse Mythology A to Z, Third Edition. Chelsea House, New York (NY) 2010, ISBN 978-1-60413-411-7, Lemmata "Hati Hroduittnisson" und "Managarm".
  8. John Lindow: Handbook of Norse Mythology. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 2001, ISBN 1-57607-573-7, Lemmata "Garm" und "Mánagarm".
  9. Mike Dixon-Kennedy: Encyclopedia of Greco-Roman Mythology. ABC-CLIO, Santa Barbara (CA) 1998, ISBN 1-57607-094-8.
  10. Paul Jay Steward: Caves in Myth and Legend. In: William B. White und David C. Culver (Hrsg.): Encyclopedia of Caves. Second Edition. Academic Press, Waltham (MA) 2012, ISBN 978-0-12-383832-2, S. 321-323.
  11. Max Fauconnet: Mythology of the Two Americas. In: Felix Guirand (Hrsg.): New Larousse Encyclopedia of Mythology. Crown Publishers, New York (NY) 1987, ISBN 0-517-00404-6.
  12. G. Alexinsky: Slavonic Mythology. In: Felix Guirand (Hrsg.): New Larousse Encyclopedia of Mythology. Crown Publishers, New York (NY) 1987, ISBN 0-517-00404-6.
  13. J. R. R. Tolkien: Bauer Giles von Ham. dtv, München 1999, ISBN 978-3-423-09383-5.
  14. Trollfest: Helvetes Hunden Garm. Lyrics online, abgerufen am 26. August 2013

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Garmr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien