Gartenfriedhof

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Gartenfriedhof mit Gartenkirche links, dahinter die Marienstraße

Der Gartenfriedhof in Hannover wurde 1741 angelegt und liegt an der 1749 erbauten Gartenkirche. Friedhof und Kirche sind nach der hier ansässigen Gartengemeinde außerhalb des Stadtmauerrings vor dem Aegidientor benannt worden. Der Friedhof, der noch heute eine Vielzahl klassizistischer Grabdenkmäler vor allem aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherbergt, wurde 1864 bei Anlage des neuen Stadtfriedhofs Engesohde geschlossen. Er ist heute ein mitten in der Innenstadt Hannovers gelegener Park. Die Gräber von Charlotte Kestner, Urbild von Goethes „Lotte“ aus dem „Werther“, der Astronomin Caroline Herschel und des Malers Johann Heinrich Ramberg sind hier zu finden. Der Gartenfriedhof liegt an der Marienstraße zwischen Warmbüchenstraße und Arnswaldtstraße.

Geschichte[Bearbeiten]

Foto des geöffneten Grabes der Henriette Juliane Caroline von Rüling (1756–1782) (Grab Nummer 32); um 1880

Die Namen „Gartenfriedhof“ und „Gartenkirche“ weisen auf die Entstehung der Gemeinde und ihres Friedhofs aus der Gartengemeinde des 18. Jahrhunderts hin. Der heutige Stadtteil Südstadt lag damals vor der Stadtmauer und vor dem Aegidientor und wurde von den sogenannten „Gartenleuten“ überwiegend für Acker- und Gemüsebau genutzt. Diese Gemüsebauern, wegen ihrer einfachen Behausungen, den Katen, auch „Gartenkosaken“ (Kosaken = Verballhornung von „Kothsassen“) genannt, versorgten mit ihren Produkten die Stadt Hannover. Für diese Bevölkerung der Gartenvorstadt legte die Stadt Hannover 1741 den „Neuen Kirchhof vor dem Aegidientor“ an. 1746–1749 wurde von Johann Paul Heumann auch die (später so genannte) Gartenkirche erbaut, eine einfache Saalkirche mit einem Dachreiter, die 1887–1891 einem Neubau des Architekten Rudolph Eberhard Hillebrand weichen musste. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Friedhof jedoch nicht nur von den Gartenleuten genutzt, sondern auch von der bürgerlichen Bevölkerung der Mitte des 18. Jahrhunderts erbauten, nahe gelegenen Aegidienneustadt, den Familien der Beamten, Militärs, Ministern, Professoren und Hofräten, wovon noch heute die Aufschriften der Grabsteine zeugen. Diese Grabmale repräsentieren mit ihrem künstlerischen Aufwand an klassizistischen Stilelementen gerade diese bürgerliche Schicht der „hübschen Familien“, wie es auf „Hannöversch“ hieß. Die Grabsymbole dieser Zeit wie Urne, Tränenkrüglein, die sich in den Schwanz beißende Schlange (=Unendlichkeit), Schmetterling (=Metamorphose) und erloschene Fackel sind in vielerlei Variationen auf dem Gartenfriedhof zu entdecken. Ganz zu schweigen von „Gesamt-Grabkunstwerken“ wie der von Georg Ludwig Friedrich Laves entworfene Grabstein mit Akanthusblättern und Palmetten für Charlotte Kestner oder dem von vier Sphingen getragenen Steinsarkophag des Grafen von Kielmannsegge.

Schon im 19. Jahrhundert entwickelte sich das geöffnete Grab, über das zahlreiche Schauergeschichten erzählt wurden,[1] zu einer frühen Touristen-Attraktion[2] und im weiteren Sinne zu einem der Wahrzeichen der Stadt Hannover.[3]

Seit den 1950er Jahren war der Friedhof starkem Verfall ausgesetzt, vor allem was die Grabsteine aus Sandstein und die eisernen Umfassungsgitter betrifft. Luftverschmutzung, aber auch Vandalismus und der (bis heute andauernde) Missbrauch des Friedhofs als Hundetoilette trugen das ihre dazu bei. Da der alte Friedhofszaun während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen worden war, wurde seit 1984 das ehemalige Gitter der Kanalbrücke im hannoverschen Stadtteil Vinnhorst hierher versetzt und als Zaun montiert. Gemeinsame Bemühungen verschiedener kultureller Vereine führten schließlich zur Sicherung und Wiederherrichtung der Anlage. So bietet jetzt auch eine bronzene Orientierungstafel im Eingangsbereich, Mitte der 1990er Jahre vom Rotary Club Hannover-Leineschloß gestiftet, die Möglichkeit eines Rundgangs über den Friedhof entlang der wichtigsten noch erhaltenen Grabdenkmäler. Die Nummern auf dieser Tafel sind identisch mit denen im Heftchen des Grünflächenamts (s.u.: Literatur).

Renaissance Gartenfriedhof[Bearbeiten]

Der Verein[Bearbeiten]

Feier zur Patenschaft; von links: Ingeborg Rupprecht, Rambergs Nachfahre Jürgen Behrens, die Historikerin Alheidis von Rohr, Landessuperintendent a. D. Dieter Zinßer.

Anfang 2011 wurde unter dem Dach des Heimatbundes Niedersachsen die Gruppe „Renaissance Gartenfriedhof“ gegründet, aus dem sich im September 2011 der gemeinnützige Verein „Renaissance Gartenfriedhof e.V.“ bildete.[4] Ziele sind

Bisherige Patenschaften[Bearbeiten]

  • Die Patenschaft für die Grabstätte des königlichen Hofmalers Johann Heinrich Ramberg übernahm sein Ur-Ur-Ur-Enkel Jürgen Behrens. Die Feierlichkeiten zur Übergabe der Patenschaftsurkunde fanden am 14. April 2012 auf dem Gartenfriedhof statt. Redner waren unter anderem die Historikerin Alheidis von Rohr, der Vorsitzende des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. Landessuperintendent a. D. Dieter Zinßer sowie Bürgermeister Bernd Strauch. Musikalisch begleitet wurde die Feier mit Liedern aus der Zeit Rambergs durch Jan-Henrik Behnken (Tenor).[6]
  • Weitere Patenschaften gab es mit Feierlichkeiten zur Übergabe der Patenschaftsurkunden am 10. Dezember 2011 auf dem Gartenfriedhof. Redner waren unter anderem der Vorsitzende des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. Landessuperintendent a. D. Dieter Zinßer sowie Bürgermeister Hans Mönninghoff.[7] Es handelte sich um folgende Grabstätten:
  • Die Patenschaft für die Grabstätte Charlotte Henriette Caroline Kestner, geb. Buff übernahm die Stiftung „Ahlers pro Arte“. Die Feierlichkeiten zur Übergabe der Patenschaftsurkunde fanden am 24. September 2011 auf dem Gartenfriedhof statt. Redner waren unter anderem die 4-fache Urenkelin von Charlotte Kestner, Christel Thomczyk, für die Stiftung Jan Ahlers, der Vorsitzende des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. Landessuperintendent a. D. Dieter Zinßer, Ingeborg Rupprecht sowie Oberbürgermeister Stephan Weil. Begleitet wurde die Feier durch einen Blechbläser-Posaunenchor sowie durch Moritz Nikolaus Koch vom Theater für Niedersachsen mit Kurzlesungen aus Goethes Dichtung und Wahrheit.[8]

Grabdenkmäler (Auswahl)[Bearbeiten]

Grabmal Charlotte Kestner (Nr. 29)
Grabmal des Ministers von der Decken (Nr. 9)
Grabmal von Georg Wilding, Fürst von Butera Radali (Nr. 28)

Nach der Orientierungstafel[Bearbeiten]

Die Ziffern entsprechen der Orientierungstafel an Ort und Stelle.

  1. Ernst August Rumann (1745–1827), Geheimrat, Justizminister
  2. Rudolph Wilhelm Rumann (1784–1857), Stadtdirektor
  3. Christian Philipp Iffland (1750–1835), Bürgermeister
  4. Johann Philipp Conrad Falcke (1724–1805), Kanzleidirektor, und Ernst Friedrich Hector Falcke (1751–1809), Justizrat und Bürgermeister
  5. August Ulrich von Hardenberg (1709–1778), hannoverischer Diplomat, Geheimrat und Kriegsrat[9]
  6. Georg Friedrich Grotefend (1775–1853), Schuldirektor, Entzifferer der Keilschrift
  7. Ludewig Johann Georg Mejer (1737–1802), Hofrat
  8. Ludwig Friedrich von Beulwitz (1726–1796) und Magdalene Sophie Friederique von Beulwitz, geb. von Kipe (1740–1801)
  9. Claus von der Decken (1742–1826), Minister, und Sophie von der Decken, geb. von Hanstein (1757–1798)
  10. Johann Benjamin Koppe (1750–1791), Hofprediger[10]
  11. „Menschenfresser-Grab“ des Heinrich Richard Andreas Jakob Lutz (1728–1794), Hofzimmermeister[11]
  12. Johann Christoph Salfeld (1750–1829), Prediger
  13. Heinrich Philipp Sextro (1746–1838), Professor und Abt
  14. Carl Klop (1805–1840), Pastor an der Gartenkirche
  15. Carl Rudolph August von Kielmannsegge (1731–1810), Minister und Kammerpräsident[12]
  16. Ida Arenhold (1798–1863), erste Vorsteherin des Friederikenstifts
  17. Johann Daniel Ramberg (1733–1820), Hofrat
  18. Johann Heinrich Ramberg (1763–1840), Maler
  19. Christian Heinrich Tramm (1819–1861), Architekt
  20. Heinrich Bernhard Röhrs (1776–1835), Kaufmann und Senator (Finanzen)
  21. Caroline Herschel (1750–1848), Astronomin
  22. Johann Anton Lammersdorff (1758–1822), Arzt und Vorsitzender der Naturhistorischen Gesellschaft Hannover[13]
  23. Friedrich Wilhelm Christian von Dachenhausen (1791–1855), Gründer des Gewerbevereins
  24. Christian Ludwig Albrecht Patje (1748–1817), Beamter und Publizist[14]
  25. Ludwig Albrecht Friedrich Wilhelm Gottfried von Werlhof (1818–1836)
  26. Ernst August von Werlhof (1778–1857), Geheimrat
  27. Friedrich Krancke (1782–1852), Mathematiklehrer
  28. Georg Wilding Fürst von Butera Radali (1790–1841)
  29. Charlotte Kestner (1753–1828)
  30. Georg Ludwig Compert (1797–1859), Landesbaumeister
  31. Christian Ludwig August von Arnswaldt (1733–1815), Minister
  32. Henriette Juliane Caroline von Rüling (1756–1782), ihr geöffnetes Grab wurde zum Wahrzeichen der Stadt[15]
  33. Georg Charlotte von Hinüber (1764–1828), Generalpostdirektor, Kabinetts- und Geheimrat, Major, Diplomat, Kanzlei-Auditor und Kunsthistoriker[16]
  34. Ludwig Eberhard Reichsfreiherr von Gemmingen-Hornberg (1719–1782), Minister
  35. Georg Wilhelm Ebell (1696–1770), Abt zu Loccum, Gründer der Landschaftlichen Brandkasse (Grabplatte an der inneren Südwand der Gartenkirche)
  36. Ernst Anton Heiliger (1729–1803), Hofrat, Altstadt-Bürgermeister

Weitere Gräber[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Conrad von Meding: HAZ-Interview / Mehr Respekt für Gartenfriedhof gefordert in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 19. Oktober 2012, zuletzt abgerufen am 23. November 2012.
  • Ludwig Damm: Von alten Friedhöfen der Stadt Hannover, hrsg. vom Magistrat, Hannover 1914.
  • Alfred Fuhrmann: Der Gartenfriedhof in Hannover in geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Bedeutung. In: Hannoverscher Volks-Kalender. Jg. 62 (1931), S. 45-51.
  • Arnold Nöldeke: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover. 1: Regierungsbezirk Hannover. Heft 2: Stadt Hannover. Teil 1: Denkmäler des "alten" Stadtgebietes Hannover. Hannover 1932, S. 192-200.
  • Hinrich Hesse: Die Grabinschriften des Gartenkirchhofs in Hannover. In: Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte. Jg. 44 (1939), S. 235-290. (Die ausführlichste Auflistung der Grabinschriften vor dem Zweiten Weltkrieg: 450 Gräber wurden vom Verfasser aufgenommen.)
  • Hans Geiß: Der Gartenfriedhof, in: Heimatland, 1983, S. 1–3.
  • Gerhard Richter: Der Gartenfriedhof in Hannover, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge Band 38 (1984), S. 53-76, ISSN 0342-1104 (Die – von der Stiftung Volkswagenwerk geförderte – Untersuchung und Bestanderfassung des Gartenfriedhofs fast ein halbes Jahrhundert nach Hinrich Hesse ergab nur noch 402 Grabdenkmäler.)
  • Ludwig Wülker: Die Hannoverschen Friedhöfe im Wandel der Geschichte, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 5 (1939), S. 76–81.
  • Waldemar R. Röhrbein: Von Hannovers alten Friedhöfen. In: Geschichten um Hannovers Kirchen. Studien, Bilder, Dokumente, hrsg. von Hans Werner Dannowski und Waldemar R. Röhrbein, Hannover: Lutherhaus-Verlag 1983, S. 97-102 (auch über den Gartenfriedhof), ISBN 3-87502-145-2.
  • Gerd Weiß, Marianne Zehnpfennig: Gartenkirche und Gartenfriedhof, in: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Stadt Hannover, Teil 1, [Bd.] 10.1, ISBN 3-528-06203-7, S. 65f., sowie Anlage Mitte, in: Verzeichnis der Baudenkmale gem. § 4 (NDSchG) (ausgenommen Baudenkmale der archäologischen Denkmalpflege), Stand: 1. Juli 1985, Stadt Hannover, Niedersächsisches Landesverwaltungsamt – Institut für Denkmalpflege, S. 3 f.
  • Helmut Knocke, Hugo Thielen: Hannover. Kunst- und Kultur-Lexikon. Handbuch und Stadtführer. 3., rev. Aufl. Schäfer, Hannover 1995, S. 149.
  • Inge Pusch u.a. (Text): Der Gartenfriedhof, kostenlose Broschüre von der Landeshauptstadt Hannover, Grünflächenamt Hannover in Zusammenarbeit mit dem Presseamt Hannover, Dezember 1997,
  • Peter Schulze: Gartenfriedhof in: Stadtlexikon Hannover, S. 202.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gartenfriedhof (Hannover) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Landeshauptstadt Hannover: Der Gartenfriedhof (siehe Literatur)
  2. siehe zum Beispiel dieses Foto von circa 1880
  3. Dirk Böttcher: Geöffnetes Grab, in: Stadtlexikon Hannover, S. 208
  4. Wer wir sind, Unterseite des Vereins
  5. a b c d e Ziele des Vereins Renaissance Gartenfriedhof
  6. Pressemitteilung des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. zum 14. April 2012, Fotobuch bei Verein RG e.V.
  7. Pressemitteilung des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. zum 10. Dezember 2011, Fotobuch bei Verein RG e.V.
  8. Pressemitteilung des Vereins Renaissance Gartenfriedhof e.V. zum 24. September 2011, Fotobuch bei Verein RG e.V.
  9. Eintrag Hardenberg, August Ulrich von im Index der Deutschen Biographie
  10. Hans Otte: Koppe, Johann Benjamin, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 208f. u.ö., online
  11. Dirk Böttcher: LUTZ, Heinrich Richard Andreas Jakob, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 241
  12. Klaus Mlynek: Kiemannsegg(e), Grafen von, (1) Carl Rudolph August, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 198 u.ö., online
  13. Dirk Böttcher: Lammersdorf, (1) Johann Anton, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 220, online über Google-Bücher
  14. Klaus Mlynek: Patje, Christian Ludwig Albrecht, in Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 280 u.ö., online über Google-Bücher
  15. Dirk Böttcher: Geöffnetes Grab, in: Stadtlexikon Hannover, S. 208
  16. PND-Nummer der Deutsche Nationalbibliothek
  17. a b Helmut Knocke: Taentzel, Tän(t)zel, in: Stadtlexikon Hannover, S. 619
  18. Dirk Böttcher: MÜHRY, (2) Georg Friedrich, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 261
  19. Dirk Böttcher: MÜHRY, (3) Carl G. H., in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 261
  20. Dirk Böttcher: SPANGENBERG; Johann Georg, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 339

52.379.7477777777778Koordinaten: 52° 22′ 12″ N, 9° 44′ 52″ O