Gartenzwerg

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Ein Gartenzwerg ist eine ursprünglich aus gebranntem Ton, heutzutage aber auch aus Kunststoff gefertigte Figur eines Zwerges, die zur figuralen Ausstattung von Kleingärten und zur Wohnraumdekoration verwendet wird. Nach Schätzungen stehen heute in deutschen Gärten etwa 25 Millionen Gartenzwerge [1].

Gartenzwerge gibt es aus vielen unterschiedlichen Materialien. Während der ursprüngliche Gartenzwerg aus gebranntem Ton hergestellt und mit Hand bemalt wurde (und wird), sorgte vor allem die Kunststoffindustrie mit preisgünstigen Varianten für eine weitere Verbreitung.

Klassische Gartenzwerge sind mittelalterlichen Bergleuten nachempfunden. Sie haben eine Lederschürze und eine Schaufel, Spitzhacke, Laterne oder Schubkarre.

Inhaltsverzeichnis

Gartenzwerge
Viele Gartenzwerge in Berlin-Prenzlauer Berg

[Bearbeiten] Geschichte

[Bearbeiten] Ursprünge und frühe Phase

Die Herkunft der Gartenzwerge sind kleine Skulpturen für deutschsprachige Residenzen und die zugehörigen Gartenanlagen im 18. Jahrhundert. Sie verbreiteten sich im 19. Jahrhundert im (klein)bürgerlichen Vorgarten, zunächst in Deutschland, Österreich und der Schweiz und im folgenden auch in andere europäische und nichteuropäische Länder.

Bereits die Kaiserliche Hofmanufaktur in Wien produzierte zwischen 1744 und 1750 zahlreiche Figuren in Einzelfertigung für die beliebten Zwergengalerien in den Barockgärten (vgl. den „Zwerglgarten“ von Schloss Mirabell). Als Vorläufer des Gartenzwerges produzierten die Terrakotta-Manufakturen in Thüringen auch Tierköpfe und kleinere Statuen, um etwa Jagdschlösser zu dekorieren. Literarisch belegt sind Gartenzwerge in Johann Wolfgang von Goethes Versepos Hermann und Dorothea. Schon dort beklagt ein älterer Gartenbesitzer, dass junge Leute keinen Sinn mehr für Gartenzwerge hätten.

Im Jahr 1847 werden Gartenzwerge in England erwähnt. Sir Charles Isham hatte Terracottafiguren aus Deutschland als Dekoration seines Hausgartens von Lamport Hall in Northamptonshire verwendet. Einer der ursprünglich 21 Zwerge, namens Lampy ist nach wie vor dort zu sehen[2].

Gartenzwerge, 1910

Im Jahr 1872 ist in Gräfenroda in Thüringen die Gründung zweier Firmen, August Heissner und Philipp Griebel, nachgewiesen, die später Gartenzwerge in Massen- und Serienproduktion herstellten. 1898 wurden Thüringer Zwerge erstmals auf der Leipziger Messe angeboten. Nachdem sich in der Folgezeit immer mehr Manufakturen mit der Herstellung von Gartenzwergen befassten, stockte der Exportabsatz der typisch deutschen Gartendekoration im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

[Bearbeiten] Wiedergeburt und Kontroversen

Anfang der 1990er-Jahre erlebte der deutsche Gartenzwerg eine „Wiedergeburt“ durch die Schaffung neuer, provokativer Modelle. Unter dem Motto „typisch Deutsch“ wurden beispielsweise Zwerge mit Messer im Rücken, als Exhibitionisten, die den „Vogel“ zeigen, mit Motorsäge, mit erhobenem Stinkefinger, als Politiker (Schröder, Kohl, Gysi, Blüm, Lafontaine usw.) modelliert.

Arbeitsplatz eines Zwergenmalers

Das daraus resultierende Medieninteresse, welches auch weit außerhalb von Deutschland bestand, sorgte dafür, dass der Gartenzwerg ganz neue Liebhaber fand, welche mit dem klassischen Zwerg an sich nichts anfangen konnten. Der aus den Medien bekannte Zwergendesigner Andreas Klein beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Geschichte der Gartenzwerge und gestaltet zur Erhaltung des Gartenzwerges jedes Jahr eine Reihe neuer und moderner Gartenzwerge.

Dieser Kult hält bis heute an, da die verbliebene „Zwergenindustrie“ in Deutschland immer wieder aktuelle Themen aus Politik und Tagesgeschehen aufgreift und durch neue Zwerge thematisiert. Dies häufig unter dem Gesichtspunkt: „Humor ist, wenn viele darüber lachen müssen“.

Gartenzwerge zum Verkauf auf einem polnischen Markt

Problematisch wurde die Produktion der Zwerge durch Plagiate, die weniger aus dem asiatischen Raum kamen als vielmehr aus Osteuropa. Dort wurden im großen Stil geschmacksmusterrechtlich geschützte Modelle mit billigen Materialien (Gips statt gebranntem Ton und Gießharz statt PVC-Kunststoff) kopiert und auf den Markt gebracht. Einzelne geführte Urheberrechtsprozesse wurden zwar ausnahmslos gewonnen, konnten aber die Herstellung von Plagiaten nicht verhindern, da diese durch den Materialpreis, durch die entfallenen Entwicklungskosten und geringen Löhne in den Ländern deutlich preiswerter im Verkauf waren. Hier ist allerdings eine „Anpassung“ feststellbar, so dass sich das Gefüge in wenigen Jahren selbst regulieren wird.

Bei vielen Zwergenliebhabern von klassischen Gartenzwergen sind Zwerge neuerer Bauart in ungewohnten Posen (z. B. mit heruntergelassener Hose) verpönt. Ebenso kritisiert wird der Einzug von weiblichen Figuren in das Produktrepertoire der Zwerge in Gestalt der Zwergenfrau. Die erste Figur dieses Typs war Gräfin Roda. In der Mythologie kommen ursprünglich keine Zwergenfrauen vor. Allerdings gibt es einige (nicht immer ganz ernst zu nehmende) Theorien, wie sich Gartenzwerge vermehren.

Eine neuzeitliche Adaption des Gartenzwerg-Motivs findet sich in der Figur der Schlümpfe.

[Bearbeiten] Vereinigungen

Im Jahr 1981 wurde eine Internationale Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge mit Sitz in Basel gegründet, deren Anliegen die Verbreitung der „Zwergenkunde“ und die Produktion historisch „korrekter“ Gartenwichtel ist. Sie hat definiert, was ein „artiger“ – also echter – Gartenzwerg ist: Er ist maximal 69 Zentimeter groß, hat eine Zipfelmütze, einen Bart und ist männlich.

Wohl gegen Ende der 1990er-Jahre entstand die Front zur Befreiung der Gartenzwerge (in Frankreich: Front de Liberation des Nains de Jardins und Italien MALAG), deren Anhänger die Figuren aus Vorgärten „befreiten“ und oft in Wäldern, ihrem „natürlichen Lebensraum“, aussetzten. Nach aktuellen Umfragen wird als typisch deutsches Produkt (als Souvenir) zuerst die Kuckucksuhr genannt, gefolgt von einem Gartenzwerg aus gebranntem Ton.

[Bearbeiten] Bedeutung

Gartenzwerggesicht
Büro-Gartenzwerg für Gartenzwerg-Hasser

Gartenzwerge wurden, teils mit ironisch-kritischem Unterton, als Inbegriff (deutschen) Spießbürgertums, als Zeichen des schlechten Geschmacks und gutes Beispiel für Kitsch angesehen, mit einem Tiefpunkt des Ansehens Ende der 1960er-Jahre. Aufgrund modernerer Zwerge und einer verwandelten Einstellung zu Kitsch und Camp, so durch die Kritikerin Susan Sontag und beim Werk von Jeff Koons, hat sich dieses Bild teilweise gewandelt.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

  • Etta Bengen: Kleine vollbringen Großes. Zwerge in Märchen, Werbung und Vorgärten. Materialien zum Museumsbesuch, Nr. 27 / 1997. Veröffentlichung des Museumsdorfes Hösseringen.
  • Etta Bengen: Klein, flink und frech. Zwerge in Sagen und Gärten. In: Hildesheimer Heimat-Kalender 2000. Verlag Gebrüder Gerstenberg, Hildesheim 2000, Seiten 70-76. Mit Literaturangaben.
  • Etta Bengen: Die große Welt der Gartenzwerge. Ein historischer Rückblick. Verlag anderweit, Suderburg-Hösseringen 2001. (124 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Literaturangaben)
  • Etta Bengen: Lexikon der Gartenzwerge. Gartenzwergporträts. Komet-Verlag, Köln 2007. (288 Seiten, zahlreiche Abbildungen)

[Bearbeiten] Presseberichte

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Presseinformation: 25 Millionen „goldige“ Wichtel in deutschen Vorgärten freuen sich über mehr Sicherheit für Haus und Garten
  2. Gnome Expense Spared (um die Zwergenausgaben herumgekommen), BBC News, 12.1.1997

[Bearbeiten] Weblinks

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