Gaschwitz

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51.25078888888912.379897222222118Koordinaten: 51° 15′ 3″ N, 12° 22′ 48″ O

Gaschwitz
Höhe: 118 m
Einwohner: 671 (Apr. 2009)
Eingemeindung: 1. Oktober 1993
Postleitzahl: 04416
Vorwahl: 034299

Gaschwitz ist seit dem 1. Oktober 1993 ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Markkleeberg im Landkreis Leipzig in Sachsen. Zuvor war es eine eigenständige Gemeinde südlich von Markkleeberg.

Lage[Bearbeiten]

Gaschwitz um 1800
Gaschwitz auf einer Karte von 1907

Gaschwitz liegt 10 km südlich von Leipzig an der Pleiße. Die ehemals landschaftlich reizvolle Pleißenaue und das westlich von Gaschwitz gelegene Waldstück, die Harth, fielen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Braunkohlebergbau zum Opfer. Westlich vom Tagebau Zwenkau und östlich vom Tagebau Espenhain eingeschlossen, lag der Ort auf einem etwa 500 m breiten Nord-Süd-„Kanal“, der auch noch die Eisenbahnlinie Leipzig-Altenburg, die verlegte Fernverkehrsstraße F2/95 und die verlegte und begradigte Pleiße aufnehmen musste. Nach Stilllegung der Tagebaue sind die Abraumflächen rekultiviert worden, die schmale Ausrichtung der Infrastruktur in Nord-Süd-Richtung aber ist geblieben. Die Nachbarorte von Gaschwitz sind im Norden Großstädteln (ebenfalls zu Markkleeberg gehörig) und im Süden Großdeuben (zu Böhlen). Im Osten grenzen die Fluren von Großpösna (früher Cröbern) und im Westen die von Zwenkau an. In der Nähe von Gaschwitz liegen auch der Markkleeberger und der Cospudener See, der über einen Radweg durch die neu aufgeforstete Harth zu erreichen ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge[Bearbeiten]

Das neue Herrenhaus um 1850 an einem der früheren Teiche
Der Dybwadsche Neubau des neuen Herrenhauses von 1905

Der Name von Gaschwitz ist sorbischen Ursprungs. Er wird erstmals 1350 als Godiswicz erwähnt.[1] Es ist anzunehmen, dass mit der Besiedlung der Gebiete westlich der Saale durch westslawische Sorben vermutlich im ausgehenden 6. Jahrhundert auch eine Siedlung im Bereich von Gaschwitz entstand. Nach 950 kam es zur Einwanderung von Angehörigen elbgermanischer Stämme sowie später von Thüringern, Franken und Flamen. Die Christianisierung der Gegend erfolgte vermutlich durch den Regensburger Mönch und späteren ersten Merseburger Bischof Boso.

Das Rittergut[Bearbeiten]

Um 1390 wird Reinhold von Gaschwitz als Lehnsherr einer Wasserburg Gaschwitz erwähnt. Aus dem Herren- bzw. Rittersitz des 14. und 15. Jahrhunderts entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Rittergut, dessen Besitzer von 1506 bis 1616 die Familien von Erdmannsdorff und Pflugk waren. 1616 erwarb es der Junker Jobst Brand von Lindenau und 1694 die Familie von Zehmen. Die Gutsanlage bestand zu dieser Zeit aus einem um 1700 gebauten barocken fünfachsigen Fachwerkhaus mit Erker und Mansarddach. Die Familie von Zehmen hatte sich das schlichte Herrenhaus bauen lassen, bevor sie 1702 das Gut an Friedrich von Hopffgarten, Kommandeur der Pleißenburg in Leipzig, verkaufte. Dieser errichtete 1705 das Rittergutshaus (altes Herrenhaus) als Fachwerkhaus, jedoch noch ohne Turmaufbau. Die nächsten Besitzer waren ab 1716 Benjamin Magen, ein Jurist aus Leipzig, bzw. seine Erben. Diese bauten neben dem alten ein neues Herrenhaus und legten einen Park an. Das alte Herrenhaus wurde von der nächsten Besitzerin, Frau Rahel von Bose, 1759 modernisiert. Auf dem Mansarddach aufbauend wurde ein schiefergedeckter pittoresker Dachreiter angebracht, der als Uhrenturm thront und mit einer Wetterfahne ausgestattet ist.

Weitere Besitzer waren von 1761 bis 1834 die Familien von Leyser und Astor. Von 1834 bis 1925 besaßen der Leipziger Dompropst Dr. Friderici und seine Erben, zuletzt die Familie Plantier, das Gut. 1876 wurden drei der sechs Teiche, die bis dahin das Gut umgaben, im Zuge einer Pleißeregulierung zugeschüttet. 1905 ließen die Plantiers das neue Herrenhaus durch den Architekten Peter Dybwad von Grund auf neu errichten. 1925 verkauften die Plantiers das Gut an die AG Sächsische Werke (ASW), die in Vorbereitung des Braunkohlebergbaus Ländereien erwarben. Zunächst wurden Gut und Gelände aber an einen Herrn Schreiber verpachtet.

1945 wurde das Gut enteignet und in ein Volkseigenes Gut (VEG) umgewandelt. Das neue Herrenhaus wurde vom Gut abgegrenzt und ab 1947 als Schule genutzt. Schon zu DDR-Zeiten und auch danach verfiel die Bausubstanz des Gutes in starkem Maße. Im Jahre 2000 erwarb die Stadt Markkleeberg den gesamten Gutsbereich. Der Sanierung des alten Herrenhauses folgte 2010 bis 2012 die Restaurierung der barocken Orangerie mit dem südlichen Torhaus. Diese Räume schaffen unter anderem die Voraussetzung für ein wieder entstehendes Vereinsleben für die Markkleeberger Stadtteile Gaschwitz und Großstädteln.[2]

Der Ort[Bearbeiten]

Im Mittelalter entwickelte sich das Dorf Gaschwitz auch durch Zuzug deutscher Siedler, aber immer in Abhängigkeit vom Rittergut, zu dem auch das benachbarte Debitzdeuben gehörte. 1598 hatte Gaschwitz 46 Einwohner. Es erlitt die üblichen Plagen der Geschichte: um 1430 gab es mehrere Einfälle der Hussiten, im Dreißigjährigen Krieg belagerten und plünderten es schwedische Truppen und zum Russlandfeldzug Napoleons 1812 wurden 16 Männer ausgehoben. In der Völkerschlacht 1813 kam es an der Gaschwitzer Brücke zu einem Vorpostengefecht zwischen Russen und Franzosen. Auch von der Pest blieb Gaschwitz nicht verschont, 1681 starben an ihr zahlreiche Einwohner.

Eine Kirche ist in Gaschwitz nicht errichtet worden. Der Ort war abwechselnd nach Großstädteln und nach Großdeuben eingepfarrt und gehört seit 2001 zur nunmehr vereinten Kirchgemeinde Großstädteln-Großdeuben. 1895 erfolgte die Einrichtung der ersten, wenn auch zunächst nur einklassigen Schule in Gaschwitz. 1910 wurde Gaschwitz an das öffentliche Elektroenergieversorgungsnetz angeschlossen, 1920 an das der Wasserversorgung.

Die Central-Halle auf einer Postkarte von 1902
Die ehemalige Central-Halle 2009

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Gaschwitz insbesondere durch den Bahnanschluss zu einem attraktiven Naherholungs- und Wohnort zwischen Harthwald und Pleißenaue. An der Harth wurde die Heilanstalt für Gemütskranke "Hartheck" eröffnet, und an der Straße zur Harth wurden zahlreiche Villen gebaut. Im Ort entstanden Ausflugsgaststätten wie die Central-Halle, die noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine beliebte Tanzgaststätte und Konzertpodium für Bluesmusik und ähnliches war.

Im Jahre 1905 wurde in Gaschwitz unter Nutzung des vom Rittergut als Golfplatz zur Verfügung gestellten Geländes einer der ersten Golfclubs in Deutschland gegründet. Dieser gehörte 1907 mit sieben weiteren Golfclubs zu den Gründern des Deutschen Golf Verbandes (DGV). Er bestand bis 1945.

Einen deutlichen Bevölkerungszuwachs brachte die Erweiterung der Bahnanschlüsse und die Einrichtung des Rangierbahnhofs. 1939 war ein Drittel der Haushaltsvorstände in Gaschwitz bei der Deutsche Reichsbahn beschäftigt. Die Braunkohlenindustrie war der Arbeitgeber, der zu weiterem Bevölkerungszuwachs führte. Die Firma Weiß & Becker begann 1870 eine Untertage-Förderung von Braunkohle im nordwestlichen Teil von Gaschwitz, die aber aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingestellt wurde. Erst der Aufschluss der Großtagebaue Böhlen (1921) und Espenhain (1937) und die zugehörigen Verarbeitungsbetriebe schufen zahlreiche neue Arbeitsplätze.

Die Einwohnerentwicklung von Gaschwitz[1]
Jahr 1834 1871 1890 1910 1925 1939 1946 1950 1964 1990 1997 2009
Einwohner 154 144 176 829 1273 1740 2106 2226 1975 1149 934 671[3]

Zum Schutze des Bahnhofs wurde 1943 eine Flak-Batterie stationiert, die aber nicht verhindern konnte, dass er mehrere Bombentreffer erhielt. An den Zweiten Weltkrieg erinnern auf dem Ortsfriedhof ein Gedenkstein und Grabstätten sowjetischer Kriegsgefangener, die Opfer von Zwangsarbeit wurden, sowie eine Grabstätte für vier unbekannte KZ-Häftlinge, die wahrscheinlich aus einem KZ-Transportzug geworfen worden waren.

1964/65 begann die Überbaggerung der westlichen Teile von Gaschwitz bis an die Bahnlinie durch den Tagebau Böhlen (1969 in Tagebau Zwenkau umbenannt). 767 Einwohner dieses Gebietes mussten umgesiedelt werden. Von 1958 bis 1969 wurde die Pleiße begradigt an den Ostrand des Ortes verlegt sowie von 1971 bis 1976 die F2/F95 und das Gelände für die Überbaggerung durch den Tagebau Espenhain freigemacht. Gaschwitz verlor durch Überbaggerung 70 % seiner Flur.

Am 15. November 1992 entschieden sich die Bürger von Gaschwitz in einer Bürgerabstimmung für die Eingliederung nach Markkleeberg. Seit 1. Juli 1993 ist Gaschwitz Stadtteil von Markkleeberg.

Verkehr[Bearbeiten]

Bahnhof Markkleeberg-Gaschwitz 2009
Die Autobahnbrücke

In Gaschwitz war in der Vergangenheit der Eisenbahnverkehr von erheblicher Bedeutung. An der bereits 1842 eröffneten Bahnstrecke Leipzig-Altenburg erhielt Gaschwitz 1870 einen Eisenbahnhaltepunkt und wurde gleichzeitig zu einem bedeutenden Rangierbahnhof des Güterverkehrs ausgebaut. 1874 wurde die Bahnstrecke Gaschwitz–Meuselwitz über Zwenkau eröffnet und 1879 die von Leipzig-Plagwitz. Im Jahre 1969 wurde das Leipziger S-Bahn-Netz eröffnet und Gaschwitz als südlicher Umkehrpunkt der herzförmigen Ringverkehrslinie A bestimmt.

Die Verbindung nach Zwenkau wurde 1957 wegen des voranschreitenden Tagebaus Zwenkau stillgelegt und abgerissen. Die Strecke nach Leipzig-Plagwitz wird seit 2002 nur noch als gelegentliche Umleitungsstrecke für den Güter- oder auch den Regionalverkehr genutzt. Von den ursprünglich sechs Bahnsteigen des Gaschwitzer Bahnhofs sind noch zwei in Betrieb. Diese werden allerdings im Halbstundentakt in beiden Richtungen von der S-Bahnlinie S4 der S-Bahn Mitteldeutschland angefahren, wobei im Wechsel die Richtungen Geithain und Hoyerswerda bedient werden. Durch Gaschwitz führt in Nord-Süd-Richtung die Staatsstraße S 72 Markkleeberg-Rötha. Die vierstreifige Bundesstraße 2 läuft außerhalb des Ortes vorbei, aber jenseits der Pleiße, so dass wegen fehlender Brücken und Auffahrten diese nur über Markkleeberg oder Großdeuben erreicht werden kann. Seit 2006 quert die Autobahn A 38 den Ort in Ost-West-Richtung über eine 455 m lange Brücke. Die nächstgelegene Auffahrt ist Leipzig-Süd an der B 2.

Über den Pleiße-Radweg Leipzig-Böhlen ist Gaschwitz mit dem Fahrrad auf verkehrsfreier und landschaftlich schöner Route zu erreichen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sachsens Kirchen-Galerie. Band: Inspectionen Leipzig und Grimma; Hermann Schmidt, Dresden 1837-1845
  • Im Pleisse- und Göselland zwischen Markkleeberg, Rötha und Kitzscher. Herausgegeben von PRO LEIPZIG e.V., Leipzig 1999
  • Cornelius Gurlitt: Gaschwitz. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 16. Heft: Amtshauptmannschaft Leipzig (Leipzig Land). C. C. Meinhold, Dresden 1894, S. 19.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Digitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen
  2. Website der Stadt Markkleeberg (abgerufen am 5. Juli 2012)
  3. Angabe des Einwohnermeldeamtes Markkleeberg März 2009

Weblinks[Bearbeiten]