Gaucho

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Gaucho (Begriffsklärung) aufgeführt.
Gaucho in Argentinien, 1868
Gauchos, Aufnahme zw. 1890 und 1923 veröffentlicht

Gaucho (spanisch gaucho [ˈɡau.t͡ʃo], portugiesisch gaúcho [ɡaˈu.ʃu]) nennt man in Argentinien, Paraguay, Uruguay, Bolivien, Chile und in Brasilien vorwiegend Nachkommen von iberischen Einwanderern und Indigenas, die in den Pampas Viehzucht betreiben. Eines der wichtigsten wirtschaftlichen Erzeugnisse der Gauchos war Rindsleder und später Trockenfleisch.

Ihre Hochzeit hatten die Gauchos im 19. Jahrhundert. Die Folklore hat sie romantisch verklärt, vergleichbar mit den nordamerikanischen Cowboys. Vor allem in Argentinien und Uruguay haben sie tragende Bedeutung für das Nationalgefühl.

Etymologie[Bearbeiten]

Die Etymologie der Bezeichnung ist nicht endgültig geklärt.[1][2] In Brasilien hat man es mit einem noch heute üblichen Wort gaudério (ländlicher Wegelagerer, Bandit, Nichtstuer auf dem Land) in Zusammenhang gebracht. Daneben wird es auf eine Form guacho zurückgeführt, die aus dem Ketschua-Wort huacho (Waise, arm) stammen soll – ein Wort, das auch auf junge Tiere angewendet wird, die von der Mutter verlassen worden sind; weiterhin auf ein in Chile gebräuchliches Ketschua-Wort guaso (Landmann) und schließlich hält man auch eine Vermischung der araukanischen Wörter gachu (Freund, Gefährte, Kamerad) und kauchu (listiger Mensch) für möglich. Die spanischen Kolonisatoren bezeichneten Vagabunden als gauchos und Waisen als guachos. Einer anderen Hypothese zufolge begannen Nachfahren der Spanier (Criollos und Mestizen) das spanische Wort chaucho – abgeleitet von arabisch chaouch, „Tiertreiber“[3][4] – als „gaucho“ auszusprechen.

Gauchos in Argentinien[Bearbeiten]

Gauchos trinken Mate und spielt Gitarre auf der Pampa.

Mythos[Bearbeiten]

Der Gaucho hat seinen Ursprung in der Konfrontation zweier Kulturen, die Argentinien bis heute prägen: der europäischen Kultur und der Kultur der ursprünglichen Einwohner des Landes. Die ersten Gauchos waren vielleicht Menschen, die sich von den Fesseln ihrer Herkunft befreiten und in die Einsamkeit der großen Pampas auswanderten. Hier gab es Wasser und zarte Gräser für das Vieh. Mit der Zeit verfestigte sich das Bild des freien Gauchos, der mit seinem Pferd ein Nomadenleben führt, der im Freien auf seiner Matte schläft, wenn die Nacht ihn auf der weiten Ebene überrascht. Der Gaucho wurde respektiert, er hielt Wort und war auch für seine Solidarität und seine Gunstbezeugung (gauchadas) bekannt. Zu ihrem Ruf als kämpferischem Menschentyp trug auch bei, dass sie die 1700 km lange Grenze zwischen Argentinien und Paraguay verteidigten.

Geschichte[Bearbeiten]

16. bis 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Um 1600 herum erschienen im Norden und Nordwesten Argentiniens die gaudérios oder changadores – wahrscheinlich die ersten Gauchos. Gaudérios waren Landarbeiter aus dem brasilianischen Rio Grande do Sul auf Wanderschaft. Das Wort gaudério schaffte den Sprung an den Río de la Plata und diente als Bezeichnung der eigenen Landarbeiter. Nach einer anderen Hypothese stammten Gauchos von spanischen Nachfahren, Mestizen oder Indios ab, aber auch von Nachfahren europäischer Einwanderer, Schwarzen oder Mulatten, die den Lebensstil der Gauchos annahmen.

Das Erscheinen der Gauchos ist eng mit der Geschichte der so genannten Cimarrón-Rinder verbunden. Damals gab es in der Weite der Pampa tausende verwildeter Rinder, die man als cimarrones bezeichnete. Landbesitzer erhielten die Erlaubnis, die wilden Rinder in vaquerías zu fangen und zu schlachten. Dort arbeiteten die Gauchos. Um das wilde Vieh zu suchen, durchforsteten sie die unbewohnte Pampa. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich mit kleinen Geschäften mit Leder und Talg – damals fast die einzigen Reichtümer des Landes. Zum Einfangen der Rinder setzten sie eine Stange mit einem halbmondförmig angebrachten Draht ein, außerdem auch boleadoras: drei Steine, die mit einer Schnur zusammengebunden waren und sich in den Beinen des Viehs verfingen. Ihr weiteres Handwerkszeug: das Gaucho-Messer facón, das Lasso und die richtige Methode, das beste Fleisch der Welt zu pökeln.

Casco de la Estancia La Oriental, in Junín, Argentinien

Im 17. Jahrhundert wanderte der Gaucho mit seinen Lassos und Messern von Viehfarm zu Viehfarm. Kleidung und Pferd waren die einzigen Besitztümer, Familie und Freunde der Ladenkneipe (pulpería) die einzige Gesellschaft. Sein einfaches Haus baute der Gaucho aus Lehm. Die Tür bedeckte er mit Leder. Wurde ein Rind geschlachtet, nahm er sich nur etwas Fleisch und Leder, um sich Stiefel zu schustern. So lebte der Gaucho bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts, bis der Bestand an Cimarrón-Vieh so weit dezimiert war, dass vaquerías verboten wurden.

Als Buenos Aires gegründet wurde, hießen die weit von der Stadt entfernten Landstriche estancias. Diese dehnten sich während des Vizekönigreichs in das Landesinnere aus, bis in Regionen, die kurz zuvor von Indios beherrscht wurden. Behörden unterstützten diese Entwicklung, damit der Viehbestand nicht weiter durch vaquerías gefährdet wurde. Die Eigentümer kümmerten sich nicht selbst um die Estancias, sondern beauftragten Verwalter und Aufseher. Gauchos und Sklaven lebten in armen Hütten und arbeiteten auf dem Land, aus den ursprünglich wilden Rindern wurde das Vieh der Estancia.

Es gab immer mehr Estancias und der Gaucho begann, sein Nomadenleben aufzugeben. Seine Fähigkeiten waren gefragt: das Vieh zu treiben, zu kastrieren und das Landgut einzuzäunen. Dennoch, hatte er das Geld für seine „Sünden“ (Yerba oder Tabak) beisammen, kehrte er in sein freies Leben als „anständiger Reiter der weiten Ebenen“ zurück. Dies fiel ihm Ende des 18. Jahrhunderts immer schwerer.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Juan Manuel de Rosas von Descalzi

Estancias investierten bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Einrichtung und Personal, da der Export von Leder und die Verwertung des Rindfleischs zunahm. Gleichzeitig begannen der Anbau von Feldfrüchten und die Rinderzucht mit importierten Tieren. Der Gaucho passte sich an die neue Situation an. Er gibt das Rodeo auf und versorgt die Estancia.

Als das Land nach dem 25. Mai 1810 gegen Spanien kämpfte, reihten sich die Gauchos in die patriotischen Reihen ein. Seine Verwegenheit, seine reiterische Fähigkeit und die Kenntnisse des Landes prädestinierten den Gaucho zu einem hervorragenden Soldaten. Er leitete Streitkräfte und kämpfte unter der Führung von General Belgrano im Alto Perú oder mit San Martín in Chacabuco und Maipú. Im Norden verteidigten Gauchos (Gauchos de Güemes) die Grenzen des neuen Landes.

Später nahmen Gauchos an der Seite der Caudillos an den Bürgerkriegen teil. Zum einen sah der Gaucho den Caudillo als einen Menschen mit ähnlichen Vorstellungen und Gewohnheiten an. Zum anderen fühlten sie sich vor einem Gesetz aus dem Jahr 1815 geschützt, dem zufolge jeder Besitzlose als Diener und jeder Diener ohne Arbeitsvertrag als faul erklärt wurde. Viele Gauchos wurden so an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Vor die Wahl gestellt, entschieden sich viele für die Reihen der Caudillos statt für ein armseliges Leben bei den Indios.

Der Föderalismus entzweite die Gauchos. Manche bezogen für Juan Manuel de Rosas Stellung, andere schlossen sich den unitarischen Truppen an. Auch im Westen, in den Provinzen des Cuyo und in La Rioja, konnten Caudillos wie Chacho Peñaloza und Felipe Varela auf die Unterstützung der Gauchos bauen.

Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen wurde nach 1850 nach und nach aus dem Gaucho ein Landmann. Die Ländereien wurden eingezäunt und die Eigentümer der Rinderherden stellten sich gegen die Gauchos, die fremde Tiere töteten. Viele Gauchos fühlten sich bedroht, ergriffen und eingesperrt oder zur Miliz verpflichtet zu werden, wenn sie keine Arbeitserlaubnis vorweisen konnten.

Dazu kam die Immigration tausender Landarbeiter. Sie sicherten sich Land, passten sich besser an die Arbeit mit dem Boden an und verdrängten den Gaucho. Dieser musste sich entscheiden: Einige akzeptierten es nicht, ihren Lebensstil ohne Kompromisse zu verlieren, andere blieben in den Estancias und arbeiteten als Landarbeiter.[5][6][7]

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im Zuge der jüdischen Einwanderung und der Bildung landwirtschaftlicher Kolonien konnte der Gaucho auch zu einer Identifikationsfigur jüdischen Landlebens werden, wie es Alberto Gerchunoff vor allem in seinem Buch Los gauchos judíos darstellte.[8]

Kleidung[Bearbeiten]

Typisches Outfit des argentinischen Gauchos sind Stiefel aus Fohlenleder und Sporne aus Silber oder Eisen. Dazu kommen die Pumphosen (bombachas), Sombrero oder Mütze (boina) und Halstuch; das Gaucho-Messer (facón) ist am Gürtel befestigt. Gauchos arbeiten nicht nur in Estancias der Pampa, sondern auch im argentinischen Mesopotamien und im Nordosten des Landes. Dort sind sie mit weißen Socken, dem Chiripá (eine Art Hosenrock), Poncho und Sombrero ausgestattet.[9][10]

Rezeption in der Kunst[Bearbeiten]

Dem Gaucho wurden in der Literatur Argentiniens des 19. Jahrhunderts eine Reihe Gedichte und Geschichten gewidmet. Das bekannteste Werk der „Gaucholiteratur“ ist El gaucho Martín Fierro von José Hernández (1872).

Der Gaucho hatte in der argentinischen Folkloremusik seinen festen Platz. Ein untrennbarer Gefährte des Gauchos war seine Gitarre. So trug er wohl zur Verbreitung von Stilen und Tänzen wie Zamba und Chacarera sowie dem gedichtartigen Sprechgesang der Payada bei.

Gaúchos in Brasilien

Gaúchos in Brasilien[Bearbeiten]

Die Traditionen der brasilianischen Gaúchos werden durch die „CTGs“ (Centro de Tradições Gaúchas) erhalten. Die Küche der Gaúchos in Brasilien ist durch viel gegrilltes Fleisch, das Churrasco, gekennzeichnet.

Verwandte Begriffe[Bearbeiten]

  • Gauchito Gil - kleiner Gaucho, ein argentinischer Heiliger

Weitere berittene Hirten[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gauchos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. dechile.net: Etimología de Gaucho
  2. Alberto Juvenal de Oliveira: Dicionário gaúcho: termos, expressões, adágios, ditados e outras barbaridades. Editora AGE Ltda, 2002, ISBN 8574970921, S. 141.
  3. Gaucho. wissen.de, Konradin Medien GmbH 2014
  4. El Gaucho. Argentina online 2003-2013
  5. El Gaucho. Argentina online 2003-2013
  6. Raíces de mi Tierra Litoral - Subsecretaría de Cultura de la Pcia de Sta Fe, en coordinación con el Ministerio de Educación y Cultura. Año 1992
  7. El Gaucho en la historia y la actualidad
  8. Vgl. Ausstellung zur jüdischen Immigration in Argentinien und Rezension zur deutschen Übersetzung von Jüdische Gauchos (2010).
  9. [1]
  10. El Poncho: Símbolo de la Tradición Gaucha