Gawriil Iljitsch Mjasnikow

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Gawriil Iljitsch Mjasnikow (1922)

Gawriil Iljitsch Mjasnikow (russisch Гаврии́л Ильи́ч Мяснико́в; * 1889 in Tschistopol (Gouvernement Kasan); † 16. November 1945) war ein russischer Metallarbeiter, Berufsrevolutionär, Bolschewik und späterer Dissident in der Sowjetunion. Er organisierte in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1918 die Ermordung des Großfürsten Michail Alexandrowitsch Romanow.

Biografie[Bearbeiten]

Ab 1900 besuchte Mjasnikow die vierklassige Handwerksschule in Perm. Nach seiner Prüfung 1905 arbeitete er als Mechaniker in der Waffenfabrik Motowilichinskije sawody. Im Zuge der zeitgleich stattfindenden bürgerlich-demokratischen Revolution begann er sich politisch zu engagieren. Er trat im Mai 1905 der Partei der Sozialrevolutionäre bei und im September des gleichen Jahres wieder aus. Aus der Fabrik entwendete er Waffen und Munition in großen Mengen und war Anführer eines damit ausgerüsteten Trupps aufständischer Arbeiter bis zur Niederschlagung der Erhebungen am Ende des Jahres. Er behielt seinen Arbeitsplatz in der Waffenfabrik.

Berufsrevolutionär[Bearbeiten]

Anfang 1906 trat er in die Bolschewiki ein. Am 10. Juni des gleichen Jahres wurde er in der Fabrik verhaftet, als man bei einer Durchsuchung Flugblätter der Bolschewiki bei ihm fand.[1] Als Mitglied des Permer Komitees der Bolschewiki wurde Mjasnikow zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Diese Strafe wurde in eine Verbannung nach Sibirien umgewandelt. Im Juni 1908 floh er aus der Verbannung und lebte von da an in der Illegalität.

1909 wurde er in Tjumen unter dem falschen Namen Agapit Matschikow erneut verhaftet und eingesperrt. Im Gefängnis traf er Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski.[1] 1910 konnte er aus dem Gefängnis ausbrechen. Im Dezember 1910 wurde er unter dem falschen Namen Nestor Popow in den Lena-Goldminen erneut verhaftet und in das Gefängnis von Bodaibo gesperrt. Im Juni 1911 konnte er erneut fliehen. 1913 nahm die russische Staatspolizei Mjasnikow in Baku fest. In Tiflis wurde er zu 6 Jahren Katorga verurteilt. Davon waren drei Jahre wegen seiner wiederholten Ausbrüche unter erschwerten Bedingungen abzuleisten. Bis zum Beginn des Jahres 1917 blieb Mjasnikow deshalb im Zentralgefängnis von Orjol inhaftiert.

Revolutionsjahr 1917 und Russischer Bürgerkrieg[Bearbeiten]

Bolschewiki aus Perm nach der Ermordung des Großfürsten Alexander Romanow. Sitzend (von links nach rechts): N.V. Schuschgow, G.I. Mjasnikow, W.A. Ivantschenko, I.F. Kolpaschtschikow, W.A. Drokin; stehend: A. W. Markow (nach dem 13. Juni 1918)

Anfang März 1917 wurde er infolge der Ereignisse der Februarrevolution aus der Haft entlassen. Er kehrte als Funktionär der Bolschewiki an seinen früheren Arbeitsplatz zurück und war Vorsitzender des Rates der Abgeordneten der Arbeiter, Mitglied des Zentralen Exekutivkomitees sowie Vorsitzender des Parteikomitees der Bolschewiki im Gouvernement Kasan.

In der Nacht vom 12. Juni zum 13. Juni 1918 organisierte er in Perm die Ermordung des Großfürsten Michail Alexandrowitsch Romanow, um zu verhindern, das dieser von weißen Truppen unter Koltschak befreit wurde. Nach der Eroberung Perms durch Koltschaks Truppen im Dezember 1918 war Mjasnikow im Jahr 1919 Divisionskommandeur in der Roten Armee.[2]

Oppositioneller[Bearbeiten]

1920 wurde Mjasnikow der Präsident des Permer Parteikomitees der Bolschewiki. Er heiratete Daria G. Mjasnikowa. Aus der Ehe ging ein Jahr später sein Sohn Juri hervor.

Bereits zu dieser Zeit wurden Meinungsverschiedenheiten zwischen Mjasnikow und der sowjetischen Führungsriege offenbar. Mjasnikow argumentierte, dass die Arbeiter de facto aller Rechte beraubt waren und die wirkliche Macht in den Händen der Parteibürokratie der Bolschewiki lag. Diese Nomenklatura privilegierte sich immer stärker. Mjasnikow wollte die Durchführung des von Lenin in “Staat und Revolution” skizzierten Programms. Er forderte nach dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1921 die Wiedereinführung der Presse- und Meinungsfreiheit und eine Demokratisierung des politischen Systems in Sowjetrussland beziehungsweise ab 1922 der Sowjetunion. Mjasnikow stand der Arbeiteropposition nahe. Es kam zu einer Auseinandersetzung mit Grigori Sinowjew. Lenin begann 1921 einen öffentlichen Briefwechsel mit Mjasnikow und lehnte beispielsweise die Forderung nach Pressefreiheit ab:

„Свобода печати в РСФСР, окружённой врагами всего мира, есть свобода политической организации буржуазии и её вернейших слуг — меньшевиков и эсеров. Это факт неопровержимый. Буржуазия (во всём мире) ещё сильнее нас и во много раз. Дать ей ещё такое оружие, как свобода политической организации (свободу печати, ибо печать есть центр и основа политической организации), значит облегчать дело врагу, помогать классовому врагу. Мы самоубийством кончать:не желаем и потому этого не сделаем.“

„Die Pressefreiheit in der von Feinden aus aller Welt umschlossenen RSFSR ist die Freiheit der politischen Organisation für die Bourgoisie und ihre treuesten Diener - die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre. Das ist ein unwiderlegbarer Fakt. Das Bürgertum (in der ganzen Welt) ist um ein Vielfaches stärker als wir. Dem Bürgertum auch noch solche Waffen wie eine Liberalisierung des politischen Systems (Die Pressefreiheit ist ein Zentrum und eine Grundlage der politischen Organisation.)[A 1] in die Hand zu geben heißt, die Tätigkeit des Feindes zu erleichtern, dem Klassenfeind zu helfen. Wir würden Selbstmord begehen. Das wollen wir nicht und deswegen werden wir das nicht machen.“

Brief von Lenin an Mjasnikow vom 5. August 1921: Wiedergegeben in Жирков: История цензуры в России XIX—XX вв. Учебное пособие, siehe auch Institut für Marxismus-Leninismus im ZK der KPdSU, (Hrsg.): Lenin Werke - Band 32: Dezember 1920 - August 1921, Dietz-Verlag Ost-Berlin 1961

Am 20. Februar 1922 wurde Mjasnikow aus der Bolschewiki ausgeschlossen. Zwei Tage später unterzeichnete er mit weiteren Oppositionellen den "Brief der 22" und wurde zum stellvertretenden Direktor der Gewehrfabrik Motowilicha ernannt. Am gleichen Tag erfolgte die Verhaftung Mjasnikows durch die GPU. Er wurde in das GPU-Gefängnis gebracht und man versuchte ihn zu ermorden. Wenig später trat Mjasnikow in den Hungerstreik. Daraufhin wurde er nach Moskau verlegt.

Im März 1922 wurde Mjasnikow von der GPU in Moskau freigelassen, durfte aber die Stadt nicht verlassen. In dieser Zeit erhielt er die Nachricht von der Geburt seiner Söhne Dmitri und Boris. Im Februar 1923 verfasste Mjasnikow das “Manifest der Arbeitergruppe der Russischen Kommunistischen Partei (b)”, das im April 1923 kurz nach dem XII. Parteitag der KPR (B) öffentlich verteilt wurde.[3] Im Mai 1923 erfolgte die erneute Verhaftung Mjasnikows. Er wurde als Oppositionsführer heimlich aus der Sowjetunion ausgebürgert und mit dem Flugzeug nach Berlin transportiert. Dort arbeitete er mit linksgerichteten Politikern zusammen. Im November 1923 kehrte Mjasnikow ohne Einverständnis der sowjetischen Führung nach Moskau zurück und wurde erneut verhaftet. Nach seiner Festnahme trat er wieder in den Hungerstreik und unternahm einen Selbstmordversuch. Später wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Bis 1927 war Mjasnikow in Gefängnissen in Moskau, Tomsk und Wjatka inhaftiert. Er verbrachte die meiste Zeit in Einzelhaft. In dieser Zeit schrieb er ein Buch mit dem Titel “Kritik an der Theorie und Praxis der KPdSU (B) und der Komintern”.

Im Frühjahr 1927 wurde Mjasnikow aus dem Gefängnis entlassen. Er wurde nach Jerewan verbannt und verfasste dort die Kampfschrift “Was ist das für ein Arbeiterstaat ?”.

Emigration[Bearbeiten]

Am 7. November 1928 floh Mjasnikow aus der Sowjetunion in den Iran. Im April 1929 wurde er in die Türkei abgeschoben. Dort traf er sich mit Leo Trotzki. In der Sowjetunion suchte die GPU fieberhaft nach Exemplaren von Mjasnikows Manuskripten, die dort heimlich weiterverbreitet wurden. Mit Trotzki blieb Mjasnikow bis zum Oktober 1933 in Kontakt.[4]

Im April 1930 verließ Mjasnikow die Türkei in Richtung Frankreich. Er traf am 8. Mai in der Hafenstadt Marseille ein und reiste nach Paris weiter. Dort versuchte er Artikel in der Zeitschrift "Возрождение" (Wosroschdenie, Wiedergeburt) zu veröffentlichen. Die handschriftlichen Manuskripte wurde jedoch von GPU-Agenten aus der Redaktion der Zeitschrift gestohlen. Trotzdem veröffentlichte er in Paris ein weiteres Manuskript mit dem Titel “Der nächste Streich”. In den Folgejahren baute er eine Gruppe aus russischen Oppositionellen auf und gab die Zeitung "Oppositionelle Prawda" heraus.

Von 1934 bis 1936 arbeitete Mjasnikow an der Klinik von Dr. Ran Arbelt in Coulommiers. Hier verfasste er mit dem Text “Die Philosophie des Mordes oder Warum und wie ich Michail Romanow umbrachte” eine eigene Darstellung der Ermordung des russischen Großfürsten im Jahr 1918. 1936 kehrte Mjasnikow nach Paris zurück und arbeitete dort an dem Buch “Sieg und Niederlage der Arbeiterklasse in der UdSSR oder Wer verriet den Oktober - Lenin? Trotzki? Stalin? ” In dieser Zeit versuchte er auch, wieder in die UdSSR zurückzukehren. Später verfasste Mjasnikow das Buch “Chronik der Arbeiterbewegung in der Motowilicha”. Bis 1941 übte Mjasnikow verschiedene Tätigkeiten aus, arbeitete als Gerber, später als Mechaniker bei der Métro Paris.

Verfolgung durch das NS-Regime[Bearbeiten]

Am 23. Juni 1941 wurde Mjasnikow kurz nach dem Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges von der Gestapo bei der sowjetischen Botschaft in Paris verhaftet. 1942 gelang ihm die Flucht in das noch unbesetzte Vichy-Frankreich nach Toulouse. In Vichy wurde er erneut verhaftet. Er richtete einen Hilferuf an den US-amerikanischen Konsul, ihm Asyl zu gewähren, dem jedoch nicht stattgegeben wurde. Mjasnikow wurde in ein Internierungslager bei Toulouse gebracht. Dort gelang ihm im August 1943 erneut die Flucht. Mit falschen Papieren tauchte er in der Folgezeit in Paris unter, bis die Stadt am 25. August 1944 von den Alliierten befreit wurde.

Rückkehr in die Sowjetunion und Hinrichtung[Bearbeiten]

Nach der Befreiung von Paris erhielt Mjasnikow von der sowjetischen Botschaft das Angebot, in die Sowjetunion zurückkehren zu dürfen. Dieses nahm er an. Seine konspirative Rückreise begann am 18. Dezember 1944 und dauerte bis zum Januar 1945. Am 17. Januar 1945 wurde er in Moskau durch das NKWD verhaftet. Bei den darauffolgenden Verhören wurde er so schwer gefoltert, dass er in das Gefängniskrankenhaus eingeliefert werden musste. Am 24. Oktober wurde Mjasnikow vom Militär-Kollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion nach Paragraph 58 Abs. 1 des sowjetischen Strafgesetzbuches zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung Mjasnikows erfolgte am 16. November 1945.

Am 16. August 2004 wurde Mjasnikow postum rehabilitiert.[2]

Publikationen[Bearbeiten]

  • Манифест рабочей группы ВКП (б) (Manifest der Arbeitergruppe der Kommunistischen Partei Russlands (b)) (Moskau, Februar 1923) (online)[4]
  • Критика теории и практики ВКП(б) и Коминтерна (Kritik der Theorie und Praxis der KPdSU (b) und der Komintern) (1927)
  • Что такое рабочее государство (Was ist das für ein Arbeiterstaat) (Jerewan, 1928)
  • Очередной обман (Der nächste Streich) (1930) (online)
  • Философия убийства, или Почему и как я убил Михаила Романова (Philosophie des Mordes oder Warum und wie ich Michail Romanow umbrachte) (Coulommiers, 1935) (online, russisch)
  • Победа и поражение рабочего класса в СССР или кто предал Октябрь – Ленин? Троцкий? Сталин? (Sieg und Niederlage der Arbeiterklasse in der UdSSR oder wer verriet den Oktober - Lenin ? Trotzki ? Stalin ?) (1937)
  • Хроника рабочего движения в Мотовилихе (Chronik der Arbeiterbewegung in der Motowilicha) (1941)

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Avrich: Bolshevik Opposition to Lenin: G. Miasnikov and the Workers' Group; Russian Review, Vol. 43, Nr. 1, S. 1–29, Januar 1984 (online)
  • Philippe Bourrinet: MIASNIKOV, Gavril Il'itch (1889-1945), dit "Gan'ka", 2002 (online (PDF; 74 kB) französisch, abgerufen am 6. Oktober 2010)
  • Н. А. Аликина (N.A. Alikina): Дон Кихот пролетарской революции (Don Quichote der proletarischen Revolution); Perm «Пушка» (Puschka) 2006
  • Татьяна Анатольевна Санду (Tatjana Anatolewna Sandu): «РАБОЧАЯ ОППОЗИЦИЯ» В РКП (б) (1919-1923 гг.) (“Arbeiteropposition” in der KPdSU (b) (1919-1923)), Tjumen 2006 (online (PDF; 321 kB), russisch, abgerufen am 7. Oktober 2010)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gavril Myasnikov – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Mjasnikow: Autobiografie (online, abgerufen am 7. Oktober 2010)
  2. a b Archivare rehabilitieren Mjasnikow (abgerufen am 6. Oktober 2010)
  3. 1922-1923: Kampf der Kommunistischen Partei gegen die Konterrevolution (abgerufen am 7. Oktober 2010)
  4. a b Bourrinet: MIASNIKOV, Gavril Il'itch (1889-1945), dit "Gan'ka", S. 7.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Für Lenin war die Presse bereits seit seiner Verbannung von 1897 bis 1900 kein einfaches Medium zur Informationsübermittlung, sondern ein zentraler Bestandteil zur Schaffung „einer revolutionären Organisation des Proletariats“, das heißt ein Propaganda-Instrument zur Gewinnung einer zahlreichen Anhängerschaft und zur Lenkung derselben.