Gebrauchswert

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Der Begriff Gebrauchswert bezeichnet unter anderem in der Arbeitswerttheorie die gesellschaftliche oder individuelle Nützlichkeit eines Gutes im Unterschied zu seinem Tauschwert.[1][2] Der Gebrauchswert einer Ware kann sich von Individuum zu Individuum unterscheiden, weil sich auch die Eigenschaft eines Gegenstands oder Gutes, der Befriedigung von Bedürfnissen zu dienen unterscheidet.[3][2]

Der Gebrauchswert zum Beispiel eines Stuhles besteht darin, dass man auf ihm sitzen, oder der Gebrauchswert eines Tisches darin, dass man auf ihm Dinge abstellen kann. Ein Beispiel, das die Abhängigkeit des Gebrauchswert vom Individuum zeigt, ist die Zigarette: Der Gebrauchswert einer Zigarette ist unterschiedlich hoch für eine Person, die raucht, und für eine, die nicht raucht.

Grundsätzlich können nicht nur Waren, sondern auch andere Dinge ebenfalls einen Gebrauchswert haben, wie z. B. Luft. Arbeitsprodukte, die in einer Familie hergestellt werden, wie zum Beispiel Mittagessen, haben einen Gebrauchswert, jedoch keinen Tauschwert. Denn sie werden nicht auf Märkten getauscht, sind demnach keine Waren.

Der Gebrauchswert einer Ware ist eng an die konkret physischen Eigenschaften des jeweiligen Gebrauchsgegenstandes gebunden und hängt stark von den individuellen Bedürfnissen der Menschen ab. Da Menschen immer Bedürfnisse haben, gibt es auch immer Gebrauchswerte, die diese Bedürfnisse befriedigen sollen. Die Gebrauchswerte selbst können aber geschichtlichem Wandel unterliegen. Im Gegensatz zum Tauschwert setzen Gebrauchswerte keinen Markt voraus.

In einer Marktwirtschaft gilt, dass für den Käufer einer Ware sich der Gebrauchswert aus deren Verfügbarkeit und Nützlichkeit ergibt. Für den Verkäufer einer Ware A steht deren Tauschwert im Mittelpunkt, also in wie viele andere Waren B, C oder D, die einen Gebrauchswert für den Verkäufer der Ware A haben, kann die Ware A eingetauscht werden. Genau umgekehrt für die Verkäufer der Waren B, C oder D, die sich für die Tauschwerte ihrer jeweiligen Waren interessieren, aber für den Gebrauchswert der Ware A.

Der Tauschwert einer Ware hängt quantitativ nicht vom Gebrauchswert ab; dies wird auch als Wertparadoxon bezeichnet. Damit soll ausgedrückt werden, dass beispielsweise Brot einen hohen Gebrauchswert hat aber (oft) einen niedrigen (Tausch-)Wert, während man über den Gebrauchswert von Diamantencolliers streiten kann, ihr Tauschwert ist aber meist sehr hoch. Kostenlos zur Verfügung gestellte Software (Freeware) hat keinen Tauschwert, kann aber einen sehr hohen Gebrauchswert haben.

Nur Waren, die einen Gebrauchswert haben, können auch einen Tauschwert haben. Der Gebrauchswert ist Voraussetzung für den Tauschwert. In diesem Sinne sind Gebrauchswerte Träger der Tauschwerte. Ist der Tauschwert einer Ware für potentielle Käufer aus welchen Gründen auch immer zu hoch, dann können diese den Gebrauchswert nicht für sich in Anspruch nehmen.

Abgrenzung zur Nutzentheorie[Bearbeiten]

In der neoklassischen Theorie wird nicht vom Gebrauchswert gesprochen; der Wert wird oft über eine Nutzentheorie abgeleitet. Die Nutzentheorie geht dabei davon aus, dass alle Waren einen Nutzen haben (der sich von Individuum zu Individuum unterscheiden kann), der auch messbar ist.

„Zwieschlächtigkeit“ der Waren[Bearbeiten]

Die Tatsache, dass Waren sowohl einen Gebrauchs- als auch einen Tauschwert (Wert) haben, wird auch als Doppelcharakter der Waren bezeichnet. Karl Marx heißt die Ware "ein Zwieschlächtiges, Gebrauchswert und Tauschwert".[4]

Marx weist mit einem Verweis auf Aristoteles auf eine weitere Verschränkung hin, die aus der Tauschbeziehung erwächst: Seine Ware [die des Warenbesitzers] hat für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswert. Sonst führte er sie nicht zu Markt. Sie hat Gebrauchswert für andre. Für ihn hat sie unmittelbar nur den Gebrauchswert, Träger von Tauschwert und so Tauschmittel zu sein.[5]

Marx kritisiert David Ricardo, dass er den Gebrauchswert als einfache Voraussetzung tot liegen lasse.[6] Demgegenüber ist der Gebrauchswert überall dort in der ökonomischen Analyse zu berücksichtigen, wo er die ökonomische Formbestimmung modifiziert. (siehe Rodolsky)

Zitate[Bearbeiten]

"Der Gebrauchswert verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Konsumtion. Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden Gesellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen Träger des Tauschwertes." (Karl Marx, MEW 23, S.50)
"Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein. Es ist dies der Fall, wenn sein Nutzen für den Menschen nicht durch Arbeit vermittelt ist." (Karl Marx, MEW 23, S.55)

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Brinkmann, Peter Sieber: Gebrauchstauglichkeit, Gebrauchswert und Qualität, in: Handbuch Qualitätsmanagement / Masing, Kapitel 35, herausgegeben von Tilo Pfeifer und Robert Schmitt, fünfte, vollständig neu bearbeitete Auflage, Hanser-Verlag, München (2007), Seiten 777 bis 786, ISBN 978-3-446-40752-7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. dtv klassik 5. Aufl. 1990. ISBN 3-406-05393-9. S. 27.
  2. a b Gebrauchswert auf www.enzyklo.de. Abgerufen am 24. Juli 2010.
  3. Definition Wert - Gabler Wirtschaftslexikon. Abgerufen am 24. Juli 2010.
  4. Das Kapital, Band I, MEW 23, S. 56
  5. MEW 23, S. 100
  6. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. S. 178f. Roman Rosdolsky: K. Marx und das Problem des Gebrauchwerts in der politischen Ökonomie. In: Zur Entstehungsgeschichte des 'Kapital'. Bd. I. Europäische Verlagsanstalt : Frankfurt 4. unv. Aufl., 1974. ISBN 3-434-45003-3. S. 98 ff.