Geert Mak

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Geert Mak (2010)

Geert Ludzer Mak (* 4. Dezember 1946 in Vlaardingen) ist ein niederländischer Schriftsteller und Essayist.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn eines Predigers der Reformierten Kirche im nordniederländischen Friesland absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Amsterdam. Danach übernahm er kurzzeitig selber eine wissenschaftliche Dozentenstelle an der Universität Utrecht, wo er Öffentliches Recht und Ausländerrecht lehrte. Da ihm die Gleichförmigkeit und die Beschränkungen des juristischen Tätigkeitsfelds nicht genügten, wechselte er 1975 für zehn Jahre auf eine verantwortliche journalistische Stelle bei der linken Wochenzeitung De Groene Amsterdammer. Nebenberuflich gründete er die Literaturzeitschrift Atlas, was seine folgende freiberufliche Existenz als Schriftsteller vorwegnahm.

Mak ist der Preisträger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2008.

Im Rahmen des Festaktes zum 25-jährigen Jubiläum des Zentrums für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster erhielt Mak am 11. Dezember 2014 die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Geschichte/Philosophie der WWU Münster.[1] In der Begründung für die Verleihung heißt es, Mak sei „als ein begnadeter Geschichtenerzähler in der Lage [...] Fachwissenschaft, Popularisierung, intellektuelle Originalität und Engagement miteinander zu verbinden”.[2]

Er ist verheiratet und lebt in Amsterdam und Friesland.

Themen[Bearbeiten]

Aus seiner intensiven Neugierhaltung und Beobachtung des Alltags und der Entwicklungen in den Niederlanden und ihren Städten und Provinzen ergaben sich mehrere erfolgreiche Buchveröffentlichungen. Eine ausgedehnte Reiseleidenschaft, die er nicht zuletzt auch für Recherche-Arbeit nutzte, um Reportagen und Reisebücher zu verfassen, versorgte ihn mit einer Fülle an internationalen Vergleichsmöglichkeiten und Gesprächspartnern. Sein besonderes Augenmerk galt von Beginn an der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. 1997 erschien in der deutschen Übersetzung seine Studie über die wichtigste niederländische Kulturmetropole, Amsterdam, zwei Jahre später eine groß angelegte Monographie über den Untergang des Dorfes in Europa. De eeuw van mijn vader 1999 (Das Jahrhundert meines Vaters, dt. 2005), das die eigene Familiengeschichte in einem weitgespannten, größeren Zusammenhang erforschte, wurde zu einem großen Erfolg, nicht nur bei den Literaturkritikern, sondern auch bei den Lesern.

Nachgeholt erschien in deutscher Ausgabe 2005 In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert, die gesammelten Essays Maks zu den größeren und kleineren Entwicklungslinien der Geschichte vieler Länder Europas im 20. Jahrhundert. Es gab auch eine Serie im niederländischen Fernsehen, basierend auf dem Buch. In der Talkshow Pauw en Witteman am 10. März 2008 auf Fehler in seiner Darstellung angesprochen, verteidigte Mak seine Behauptung, auf der Wannsee-Konferenz 1942 sei der Holocaust beschlossen worden. (Tatsächlich fiel die Entscheidung bereits zuvor.)[3]

Zugleich kam seine zeitnahe Analyse der Hintergründe und Folgeerscheinungen des Mords an Theo van Gogh 2004 heraus. Seine mit vielen Indizien begründete Rezeptions-These löste kontroverse Diskussionen aus: die Politiker und Medien seien zu „Händlern der Angst“ geworden und hätten eine hysterische Islamophobie geschürt, während die Bürger nach dem Mord an van Gogh ruhig geblieben seien. Auf großen Widerspruch stieß allerdings Maks Vergleich von Theo van Goghs Film Submission mit dem NS-Propagandafilm Der ewige Jude: beide nutzten die gleiche Propagandatechnik. Während in Submission das Recht auf Gewalt gegen Frauen mit den entsprechenden Koransuren auf Frauenkörpern konkretisiert wurde, unterlegte man auch im NS-Film Der ewige Jude Bilder von schreckenerregenden Gestalten aus dem Warschauer Ghetto mit Talmud-Texten. Mak kann in der jeweiligen Verbindung einer Heiligen Schrift mit Menschen keinen wesentlichen Unterschied erkennen und will die Öffentlichkeit auch davor warnen.

Im Gefolge des Mordfalls konstatiert Geert Mak eine „moralische Panik“. In den Medien des Landes und vor allem im Internet habe sich „jahrelang aufgestauter Fremdenhass“ entladen. Neben den Medien versuchten die politischen Parteien, den Mord für eigene Interessen zu instrumentalisieren. Es „setzte ein Angsthandel ein, noch schlimmer, es entstand fast eine Angstsucht“, „die Moslems“ würden in den Großstädten bald „die Mehrheit übernehmen“, so etwa Vertreter der rechtsliberalen Regierungspartei VVD. Bis dahin galt der Publizist Geert Mak unter seinen Landsleuten als eine unumstrittene moralische Instanz. Trotz des pamphletistischen Charakters seiner Schrift gelang es ihm damit, eine breite Debatte über den Zustand der Demokratie in den Niederlanden anzustoßen.

Während der Tenor der Kritik seiner Analyse noch in großen Teilen mehr oder weniger Zustimmung fand, wurden seine NS-Vergleiche von der VVD, vom Arabisten Hans Jansen und vom Schriftsteller Leon de Winter scharf kritisiert.[4] Seine Instrumentalisierung von Antisemitismusvorwürfen stieß auf wütende Proteste. Mak unterließ es, auf diesen Teil der Kritik wie sonst auch unmittelbar zu antworten, stattdessen erklärte sein Verleger, dass er van Goghs Film Submission (Part I) nach dem Drehbuch Ayaan Hirsi Alis nicht als Ganzen mit Der ewige Jude verglichen habe. Die deutsche Tageszeitung Die Welt kommentierte Maks Verhalten wie folgt:

„Eine kühle Analyse ist ihm angesichts der eigenen Erregung gründlich misslungen, und die wütende Polemik zur Rettung eines längst begrabenen multikulturellen Traumes, die immer wieder durchscheint, bringt die Niederlande auch nicht voran. Dennoch bleibt „Der Mord an Theo van Gogh“ lesenswert. Nicht als Analyse einer „moralischen Panik“, sondern als Innenansicht aus einem Land im zumindest geistigen Ausnahmezustand.“[5]

Presseschau[Bearbeiten]

Amerika! – Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

„Geschickt verwebt Mak den roten Faden von Steinbecks Route mit einer Vielzahl von historischen Exkursen, soziologischen Analysen, biografischen Skizzen und persönlichen Anekdoten zu einem dichten Panorama der großen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungslinien der USA. […] So ist Maks stellenweise ausuferndes Buch gleich dreierlei: einfühlsames Portrait von John Steinbeck, mitreißende Reisereportage und ebenso differenziertes wie scharf gezeichnetes, von vielen Fakten untermauertes Psychogramm der USA. Zusammengenommen ergibt das eine wunderbar erzählte Einführung in Geschichte und Gegenwart dieser ewig jungen, unfertigen Nation und ihrer so widersprüchlichen Mentalität.“

Philipp Albers: Reise durch ein verunsichertes Land, auf: Deutschlandradio Kultur vom 18. Juni 2013[6]

„Das Buch besticht durch die Virtuosität und Leidenschaft, mit der der Autor es auf knapp 600 äußerst kurzweiligen Seiten versteht, verschiedene Erzählstränge und -schichten, gegenwartsdiagnostische Beobachtungen, Gespräche und Analysen mit historischen Rekonstruktionen ineinanderzuweben.“

Eva Berger: Fakten und Fiktionen in God’s own country. In: taz, 15. Juni 2013

„Mak schildert die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur ausgewogen und einfühlsam, es gelingt ihm außerdem, die amerikanische Geschichte gleichermaßen anschaulich und lebendig werden zu lassen […].“

Boris Peter: Auf Steinbecks Spuren. In: Der Tagesspiegel, 12. August 2013

„Geert Mak gehört zum Typus des dokumentarischen Schriftstellers, der in Deutschland leider kaum noch vorkommt. Der Form der Reportage ist Maks Literatur dadurch überlegen, dass er immer wieder Erkundungsgänge in Überlieferungen, Mythen, Bücher oder Filme einflicht. Auf diese Weise bohrt er sich in die Wirklichkeit, und die legt die Triebkräfte frei, aus denen sie erwächst. Außerdem ist seine Erzählkunst zuweilen anrührend wie ein Spiritual. Geert Mak zu lesen zeigt, dass wir der Literatur auch heute noch existenziell bedürfen, nämlich dann, wenn sie unsere gewohnte Sicht heftig durcheinanderwirbelt und uns sagen hilft, was uns umgibt.“

Michael Girke: American Wirklichkeit. In: der Freitag, 19. September 2013

Werke in Auswahl[Bearbeiten]

  • 1992: De engel van Amsterdam. ISBN 90-254-0034-5
  • 1997 Amsterdam – Biographie einer Stadt. Siedler, Berlin, ISBN 3-88680-612-X, 350 S. (ndl. Een kleine geschiedenis van Amsterdam, 1995)
  • 1999 Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Der Untergang des Dorfes in Europa. Siedler, Berlin, ISBN 3-88680-669-3 (ndl. 1996: Hoe God verdween uit Jorwerd)
  • 2005: Das Jahrhundert meines Vaters. Siedler, ISBN 3-442-73347-2 (ndl. 1999: De eeuw van mijn vader)
  • 2004: In Europa; Deutsch: 2005 In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert. Siedler, ISBN 3-88680-826-2
  • 2005: Der Mord an Theo van Gogh. Geschichte einer moralischen Panik. Suhrkamp, Frankfurt/Main, ISBN 3-518-12463-3
  • 2007: Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident. Pantheon, München, ISBN 978-3-570-55040-3 (ndl. 2005: Gedoemd tot kwetsbaarheid, ISBN 90-450-1382-7)
  • 2013: Kleine Geschichte der Niederlande. Ein historisches Portrait. C.H. Beck, München, ISBN 978-3-406-64559-4 (bereits 2008 unter dem Titel Niederlande in der Reihe Die Deutschen und ihre Nachbarn erschienen)
  • 2013: Amerika! – Auf der Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten . Siedler, München, ISBN 978-3-8275-0023-6 (Niederländisches Original: 2012: Reizen zonder John - op zoek naar Amerika, Atlas Contact (Amsterdam), ISBN 978-90-450-2084-6)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe Pressemitteilung der WWU Münster
  2. Siehe Pressemitteilung der WWU Münster
  3. Siehe Video auf der Website der VARA.
  4. Geert Mak: Gedoemd tot kwetsbaarheid in der niederländischsprachigen Wikipedia („Zur Verletzlichkeit verdammt“)
  5. Jan Kanter: Verstörte Niederlande, empörte Niederlande. In: Die Welt, 21. Januar 2006
  6. dradio.de