Gefängnissystem der Vereinigten Staaten

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Das Gefängnissystem der Vereinigten Staaten setzt sich aus den Gefängnissen der Bundesregierung und der einzelnen Bundesstaaten zusammen. Neben diesen zivilen Gefängnissen verschiedener Sicherheitsstandards und Zuständigkeiten existieren auch US-amerikanische Militärgefängnisse.

Insassen[Bearbeiten]

Inhaftierte US-Bürger

Etwa zwei Drittel (1.518.559 Personen) der 2.424.279 in den USA Inhaftierten (Stand 31. Dezember 2008) unterliegen bundes- oder einzelstaatlicher Kontrolle (Prisons). Etwa ein Drittel (785.556) ist in lokalen Gefängnissen inhaftiert (Jails) davon 15 % in von privaten Sicherheitsfirmen betriebenen Haftanstalten. 92.845 Gefangene waren in Jugendhaftanstalten untergebracht, 2.135 in Gefängnissen in den Indianerreservaten, 1.651 in Militärgefängnissen, 9.957 in Gefängnissen der Zoll- und Einwanderungsbehörden und 13.576 in sogenannten Gebietsgefängnissen (U.S. territories facilities).[1]

Die USA haben mit 751 pro 100.000 Einwohnern (2006) die höchste Inhaftierungsrate der Welt. Der größte Teil der ausgesprochenen Strafen ahndet Gewaltverbrechen (624.900), Eigentums- (253.000) - und Drogenkriminalität (265.000) (Statistik 2002).

Unterscheidet man bei den Inhaftierten nach Rassen, wie es in den USA üblich ist, befinden sich 3.161 von 100.000 schwarzen Männern und 149 von 100.000 schwarzen Frauen, 1.200 von 100.000 der männlichen und 75 von 100.000 der weiblichen Latinos und 487 von 100.000 der weißen männlichen und 50 von 100.000 der weißen weiblichen US-Bevölkerung in Staats- und Bundesgefängnissen in Haft (Stand 31. Dezember 2008). Insgesamt sind 1,65 % der schwarzen gegenüber 0,27 % der weißen US-Bevölkerung (U.S. residents) in Staats- und Bundesgefängnissen inhaftiert.[2]

Wegen Kapitalverbrechen befinden sich 3.314 zur Todesstrafe verurteilte Personen in US-Gefängnissen, 60 Verurteilte wurden 2005 hingerichtet, die meisten davon in Texas. Seit 1930 wurden in den USA 4.863 Personen hingerichtet.

Ende 2008 befand sich jeder 40. US-Amerikaner (2,4 % der Bevölkerung) entweder im Gefängnis (2,3 Millionen), oder sie waren zur Bewährung (4,3) oder zur Haftaussetzung (0,828) auf freiem Fuß.[3]. Zu Beginn des Jahres 2009 stieg die Zahl der Gefangenen weiter auf 2,32 Millionen. Damit stehen die Vereinigten Staaten im Verhältnis von Gefängnisinsassen zur Einwohnerzahl mit Abstand weltweit an der Spitze. Der Anteil weiblicher Insassen stieg auf 7 %. Zwischen 1995 und 2003 nahm die Anzahl der wegen Drogendelikten Inhaftierten um 49 % zu.[4]

Die Strafmündigkeit setzt in den Vereinigten Staaten weitaus früher ein als etwa in Deutschland. In den meisten Bundesstaaten können bereits 7-Jährige beim Verstoß gegen ein Strafgesetz zur Verantwortung gezogen werden.[5] Im Jahre 2000 waren in den USA 133.610 Personen unter 18 Jahren in Haftanstalten und Jugendhaftanstalten untergebracht. Im Jahre 2003 waren in 117 amerikanischen Jugendstrafanstalten auch Kinder unter 11 Jahren untergebracht. Im selben Jahr war es in 33 Bundesstaaten möglich, geisteskranke Kinder und Jugendliche auch dann in Haft unterzubringen, wenn diese nicht gegen das Strafrecht verstoßen hatten.[6] Siehe auch: Kindheit und Jugend in den Vereinigten Staaten.

Verwaltungsstruktur[Bearbeiten]

Die staatliche Gefängnisaufsicht (Federal Bureau of Prisons, BOP) in Washington, D.C. wurde 1930 für die Verwaltung von 13.000 Gefangenen in 11 staatlichen Gefängnissen gegründet. Sie unterhält heute 134 Gefängnisse und verwaltet mit 35.000 Mitarbeitern (1980: 10.000) etwa 85 % der Gefangenen des Landes. (Weitere 15 % befinden sich wegen Verstoßes gegen lokale oder einzelstaatliche Gesetze in Bundesstaats-, Land- oder Stadtgefängnissen). Das BOP gliedert die Vereinigten Staaten in sechs Gebiete mit jeweils einem Regionalbüro, das dessen verschiedene Einrichtungen verwaltet.

Einrichtungen Bezeichnung Funktion
CCC Community Correction Center halboffene Gefängnisse zur Betreuung von Entlassungskandidaten
CI oder DC Contract facilities, Detention Center Privatgefängnisse, verwendet für geringe Sicherheitsstufen und spezielle Bevölkerungsgruppen wie kriminelle Ausländer
FCC Federal Correctional Complex gegliedert in Federal Correctional Institutions (FCI) mittlerer Sicherheitsstufe und United States Penitentiaries (USP)
FDC Federal Detention Center Gefängnisse aller Stufen
FPC Federal Prison Camp Gefängnisse minimaler Sicherheitsstufe
FTC Federal Transfer Center Oklahoma City, Oklahoma, zentrales Verlegungs- und Entlassungszentrum
MCC oder MDC Metropolitan Correctional Center, Metropolitan Detention Center Stadtgefängnisse aller Sicherheitsstufen
MCFP, FMC Medical Center for Federal Prisoners, Federal Medical Center Haftkrankenhäuser
STA, MSTC Staff Training Academy, Management and Specialty Training Center Ausbildungszentren für Personal

Sicherheitsstufen[Bearbeiten]

Die verschiedenen Gefängniseinrichtungen variieren in ihren Sicherheitsstufen, die sich in der Art der Inhaftierung sowie in Bewaffnung und im Umgang des Personals mit den Gefangenen unterscheiden. Derzeit finden fünf Stufen Verwendung, wobei die höchste und neueste (Administrative-Maximum (ADX)) seit 1994 existiert und als spezielle Einrichtung gewertet wird.

Administrative[Bearbeiten]

Hauptartikel: Supermax

Umfasst spezielle Einrichtungen (MCCs, MDCs, FDCs, FTCs, FMCs und USPs) mit allen Sicherheitsstufen. ADX ist dabei die höchste Sicherheitsstufe für die gefährlichsten Inhaftierten wie Serienmörder und Terroristen mit Häftlingen wie Theodore Kaczynski, Terry Nichols, Zacarias Moussaoui und (vor seiner Hinrichtung) Timothy McVeigh. Die Haftbedingungen sind durch Totalisolation extrem hart (siehe auch Bundesgefängnis ADX Florence).

High Security[Bearbeiten]

Zentral durch ein abgetrenntes Sicherheitszentrum gesteuerter Türschluss mit Einzelzellenunterbringung. Einige der USP-Gefängnisse erlauben tagsüber den Aufenthalt in geschlossenen Zellentrakten oder Außenanlagen. Die Bewegungsfreiheit ist entsprechend eingeschränkt und Gefangene werden von Personal begleitet.

Medium Security[Bearbeiten]

Zentral gesteuerter Türschluss mit Einzelzellenunterbringung. Jede Zelle hat eine eigene Toilette und ein Waschbecken. Die Inhaftierten können die Zellen zur Teilnahme an Rehabilitierungsprogrammen oder zur Arbeit verlassen. Alle Anlagen sind generell doppelt vergittert, mit Wachtürmen ausgestattet und von bewaffnetem Personal kontrolliert.

Low Security[Bearbeiten]

Unterbringung in Schlafsälen mit Etagenbetten und gemeinsamen Toilettenräumen. Die Schlafsäle sind nachts verschlossen und werden, ebenso wie die Bewegung der Gefangenen, zeitweise von Gefängnispersonal kontrolliert. Die Einrichtungen (FCIs) selbst sind doppelt vergittert und bewacht.

Minimum Security[Bearbeiten]

Gefangene in Einrichtungen dieser Stufe stellen nur ein geringes Sicherheitsrisiko für die Öffentlichkeit dar und werden als überwiegend nicht gewalttätig eingeschätzt. Die Unterbringung entspricht der Low-Security-Stufe, ist aber nur gering gesichert und von weniger Personal überwacht. Die Einrichtungen (FPCs) sind einfach umzäunt, in ländlichen Gebieten zum Teil gar nicht, und werden ohne Patrouillengänge beobachtet. Die Inhaftierten arbeiten häufig für nahegelegene öffentliche Einrichtungen wie Militärbasen; manche haben Internetanschlüsse in den Zellen.

Ländervergleich[Bearbeiten]

Die Inhaftierungsrate in den USA ist mit 751 Häftlingen pro 100.000 Einwohnern zweieinhalb- bis dreizehnmal höher als in der Europäischen Union, in der sie 2007 zwischen 60 (Slowenien) und 302 (Estland) lag.[7] Die niedrigste Rate in Europa weist Island mit 40 inhaftierten Personen pro 100.000 Einwohner auf, die Ukraine steht mit 406 an erster Stelle (The Howard League for Penal Reform, Januar 2005).

Kritik[Bearbeiten]

Die ethnische Selektivität der Haftstrafen in den USA ist sehr groß. Auf jeden inhaftierten Weißen entfallen 2,5 Hispanos und 5,8 Afroamerikaner. In den letzten 10 Jahren ist die Inhaftierungsquote von Frauen um 646 Prozent gestiegen, wobei dieser Zuwachs zum großen Teil auf Afroamerikanerinnen entfällt. Begründet wird das u.a. mit der erheblich dichteren sozialen Kontrolle, der die afroamerikanische Bevölkerung unterliegt. Auch die Drogenpolitik, die bestimmte Delikte zwangsweise mit Gefängnis bestraft, sowie die Kriminalisierung der illegalen Einwanderung haben erheblich zu diesem Anstieg beigetragen.[8]

In ihrem Bestseller The New Jim Crow (2010) stellt die Juristin und Bürgerrechtlerin Michelle Alexander die These auf, dass die – in der westlichen Welt einzigartige – große Zahl der Gefängnisinsassen und vor allem die massenhafte Inhaftierung schwarzer Männer im Rahmen des „War on Drugs“ ein bewusster Mechanismus zur Unterdrückung von Afroamerikanern sei. Sie zieht Parallelen zur Geschichte der Sklaverei in den USA sowie zur bis in die 1960er geübten Segregation. Neben der Gefängnisstrafe selbst identifiziert sie insbesondere die Stigmatisierung von ehemaligen Häftlingen als „Kriminelle“ und den damit zusammenhängenden Verlust zahlreicher Rechte (wie des Wahlrechts) als Methode der sozialen Ausgrenzung.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michelle Alexander: The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. The New Press, New York 2010, ISBN 978-1-59558-643-8
  • Angela Y. Davis: Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Der gefängnisindustrielle Komplex der USA, Schwarzerfreitag 2004, ISBN 3-937623-32-9

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. U.S. Bureau of Justice Statistics: Matthew Cooper, BJS Intern. Table 9 on page 8 has the number of inmates in state or federal public prison facilities, local jails, U.S. territories, military facilities, U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) owned and contracted facilities, jails in Indian country, and juvenile facilities. Table 8 on page 8 has the incarceration rates for 2000, 2007, and 2008.
  2. U.S. Bureau of Justice Statistics: Prisoners in 2008, Washington, D.C. 2009, S. 8 Tab. 8, S. 36 Tab..14
  3. Office of Justice Programs, Bureau of Justice Statistics Correctional populations − To Key facts at a glance chart ed. 2000
  4. http://www.iht.com/articles/ap/2006/11/30/america/NA_GEN_US_Prison_Population.php
  5. Old enough to be a criminal?
  6. Population in Group Quarters by Type, Sex and Age (Excel-Datei; 43 kB); Positive Youth Development, Juvenile Justice, and Delinquency Prevention; Report: Juvenile jails being substituted for mental hospitals; Kaiser Daily Health Policy Report
  7. Eurostat: EU Kriminalitätsstatistik 2005-2007 (PDF; 118 kB)
  8. Vorlesungsreihe am Connecticut College
  9. Michelle Alexander: The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. The New Press, New York 2010, ISBN 978-1-59558-643-8; zum Inhalt des Buchs und zur öffentlichen Debatte darum siehe en.wikipedia: The New Jim Crow sowie Interview mit der Autorin und Artikel der Autorin bei huffingtonpost.com