Gefechtsstand

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gefechtsstände sind die Zentren für die Führung oder Führungsstellen militärischer Verbände im Gefecht und werden aus den Stäben dieser Verbände gebildet. Die frühere Bezeichnung in deutschsprachigen Streitkräften war Stabsquartier.

taktisches Zeichen für Gefechtsstände (NATO)

Gefechtsstände werden ab Bataillonsebene aufwärts gebildet, seltener auch von Kompanien. Es werden im allgemeinen ein Hauptgefechtsstand für die Gefechtsführung und ein Rückwärtiger Gefechtsstand für die Personal- und Versorgungsführung eingerichtet. Ab Brigadeebene aufwärts sind für beide Gefechtsstände Reservegefechtsstände vorzubereiten und wann immer möglich auch ein Hauptgefechtsstand (Res.) oder ein zweiter Hauptgefechtsstand zu bilden. In den meisten Fällen wird aus Teilen des Hauptgefechtsstandes noch eine bewegliche Befehlsstelle gebildet, die es dem militärischen Führer gestattet, den Gefechtsstand zu verlassen, ohne die Führung aus der Hand geben zu müssen. Es bestehen also in der Regel:

  • bewegliche Befehlsstelle
  • Gefechtsstand Rück-Reserve
  • Hauptgefechtsstand (ab Brigade auch Hauptgefechtsstand 1 genannt)
  • Hauptgefechtsstand 2 (erst ab Brigade)
  • Hauptgefechtsstand Reserve
  • Rückwärtiger Gefechtsstand

Einheiten und Teileinheiten bilden ebenfalls mit ihrem Führungspersonal feste und bewegliche Führungsstellen. Diese sind keine Gefechtsstände, nach Vorschrift und umgangssprachlich werden diese aber auch als Kompaniegefechtsstand, bewegliche Kompanieführungsstelle und "Zuggefechtsstand" bezeichnet.

Arbeit und Gliederung von Gefechtsständen[Bearbeiten]

Die Arbeit auf Gefechtsständen findet rund um die Uhr statt, weswegen das Personal im Schichtdienst eingesetzt wird. Die Elemente eines Gefechtsstandes werden als Gefechtsstandzellen bezeichnet, in denen Teile eines Führungsgrundgebietes oder Fachgebietes bearbeitet werden. Mehrere Zellen, deren Aufgaben sich ergänzen werden als Zentralen bezeichnet. Eine mögliche Gliederung eines Hauptgefechtsstandes könnte wie folgt aussehen:

taktisches Zeichen für bew. Befehlsstelle (NATO)
  1. Fernmeldezentrale (H); mit Leiter Fernmeldebetrieb, Fernsprechzelle, Fernschreibzelle, Funkzelle, Schlüsselzelle
  2. Feuerunterstützungszentrale; mit Zelle Artillerie und Zelle Luftwaffe
  3. Führungszelle (militärischer Führer und Chef des Stabes)
  4. Informationszentrale; mit Informationszelle, Verbindungsorganen, Verbindungszelle Rückwärtiger Gefechtsstand, Dolmetscher, Registraturen
  5. Kommandant Gefechtsstand (H); verantwortlich für Auf- und Abbau, Betrieb, Sicherung des Gefechtsstandes
  6. Operationszentrale (H); mit Zelle G2/S2 (Feindlage); Zelle G3/S3 (Planung/Organisation); Vertreter anderer Zentralen oder Zellen (nach Bedarf)
  7. Unterstützungszellen der Fernmeldetruppe, Panzeraufklärungstruppe, Pioniertruppe, Heeresfliegertruppe, Heeresflugabwehrtruppe, usw.

Den Kern des Hauptgefechtsstandes bilden die Führungszelle und die Operationszentrale. Rückwärtige Gefechtsstände verfügen gewöhnlich über eine Operationszentrale (R), Fernmeldezentrale (R), verschiedene Gefechtsstandzellen und den Kommandanten Gefechtsstand (R). Bei Bataillonen und Regimentern bestehen die Gefechtsstände meist nur aus Operationszentralen.

Aufbau und Anlage von Gefechtsständen[Bearbeiten]

Gefechtsstände werden bevorzugt an Rändern kleiner bis mittlerer Ortschaften, die vorwiegend aus landwirtschaftlichen oder industriellen Betrieben bestehen, eingerichtet. Entscheidend bei der Wahl der Plätze, an denen die Zellen und Zentralen des Gefechtsstandes errichtet werden sollen, ist der Schutz vor feindlicher Aufklärung (Tarnung), die Möglichkeit guter Fernmeldeverbindungen und ein ausreichend leistungsfähiges Straßen- und Wegenetz vom und zum Gefechtsstand. Falls möglich, werden feste Gebäude genutzt. Grundsätzlich können alle erforderlichen Aufgaben aber auch aus besonders dazu vorbereiteten Fahrzeugen oder Containern erledigt werden. Um Gefechtsstände vor Angriffen zu schützen, sind diese zu tarnen, zu sichern und aufzulockern. Die Auflockerung (Verteilung der Gefechtsstandzellen über eine größere Fläche) wird durch die Möglichkeiten der Sicherung und der Zusammenarbeit innerhalb des Gefechtsstandes begrenzt. Bei der Tarnung ist darauf zu achten, auch die Abstellplätze für Melde- und Besucherfahrzeuge zu tarnen.
Gefechtsstände sollen alle sechs bis zwölf Stunden verlegt werden. Um die ununterbrochene Führungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, erfolgt der Gefechtsstandwechsel meist staffelweise. Fällt ein Gefechtsstand aus, muss die Führung sofort von einem anderen Gefechtsstand übernommen werden. Gewöhnlich wird dafür der Reserve-Gefechtsstand gewählt. Ist das nicht möglich, kann aber auch der Gefechtsstand einer anderen unterstellten Truppe - möglichst ein Artilleriegefechtsstand - für die weitere Leitung des Gefechts genutzt werden.

Gefechtsstände der Luftwaffe[Bearbeiten]

Da die Bodenorganisation der Luftwaffe weitgehend ortsfest eingesetzt ist, sind in vielen Fällen auch die Gefechtsstände der Luftwaffe bereits in Friedenszeiten als Bunkeranlagen ausgebaut. Je nach Aufgabe und Bedeutung der Gefechtsstände werden sie auch in Friedenszeiten ständig betrieben.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Bis etwa zum Ersten Weltkrieg fanden Gefechte überwiegend unter den Augen der jeweiligen militärischen Führer statt, die durch Adjutanten, Ordonnanzoffiziere, Melder oder Signale ihre auf dem Schlachtfeld gefassten Entschlüsse den jeweiligen Truppen übermittelten. Auch die Beratung der verantwortlichen Führer durch beigeordnete Stabsoffiziere erfolgte üblicherweise auf dem Feldherrnhügel, der es den Beteiligten ermöglichte, das Geschehen zu überblicken. Lediglich bei Belagerungen oder anderen Tätigkeiten, die Streitkräfte längere Zeit an einen Ort banden, war das Zelt oder die Unterkunft des militärischen Führers zugleich auch Beratungs- und Entscheidungszentrale. Die seit Mitte des 19. Jahrhunderts sich ständig steigernde Waffenreichweite und -wirkung führte zu einer grundlegenden Änderung der Taktik und damit auch zu der Notwendigkeit, Gefechtsstände einzurichten. Die Notwendigkeit der Bildung von Gefechtsständen beschreibt Schlieffen sehr anschaulich: „So groß aber auch die Schlachtfelder sein mögen, so wenig werden sie dem Auge bieten. (…) Kein Napoleon, umgeben von einem glänzenden Gefolge, hält auf einer Anhöhe. Auch mit dem besten Fernglas würde er nicht viel zu sehen bekommen. Sein Schimmel würde das leicht zu treffende Ziel unzähliger Batterien sein. Der Feldherr befindet sich weiter zurück in einem Hause mit geräumigen Schreibstuben, wo Draht- und Funkentelegraph, Fernsprech- und Signalapparate zur Hand sind, Scharen von Kraftwagen und Motorrädern, für die weitesten Fahrten gerüstet, der Befehle harren. Dort, auf einem bequemen Stuhle vor einem breiten Tisch hat der moderne Alexander auf einer Karte das gesamte Schlachtfeld vor sich, von dort telephoniert er zündende Worte, und dort empfängt er Meldungen der Armee- und Korpsführer, der Fesselballons und der lenkbaren Luftschiffe, welche die ganze Linie entlang die Bewegungen des Feindes beobachten, dessen Stellungen überwachen.“[1]
Im Ersten Weltkrieg lagen die Gefechtsstände meist relativ weit hinter der Front, was von den Siegermächten auch bis zum Zweiten Weltkrieg nicht geändert wurde. Für die Reichswehr forderte Seeckt bereits 1921: „Der Divisionskommandeur muss stets inmitten seiner Truppen sein. (…) Zur Durchführung des Gefechts begibt sich der Divisionskommandeur auf seinen Gefechtsstand. Dieser soll möglichst weit vorne (…) liegen.“[2] Guderian und andere entwickelten daraus den vorgeschobenen Gefechtsstand mit seiner Aufgabenteilung, die heute mit leichten Abwandlungen weltweit angewendet wird.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Graf Schlieffen, Gesammelte Schriften, Band I; Der Krieg in der Gegenwart, Berlin 1913, S. 15f.
  2. Führung und Gefecht (F.U.G.) der verbundenen Waffen; Berlin 1921 Nachdruck Osnabrück 1994, S. 35

Literatur[Bearbeiten]

  • HDv 100/200 Führungssystem des Heeres (TF/S)

Links[Bearbeiten]