Gegenpapst

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Gegenpapst (lat. pseudopapa, antipapa) wird ein Papst bezeichnet, der zu Lebzeiten eines bereits kanonisch gewählten und nicht zurückgetretenen Papstes aufgestellt wurde.

Geschichte[Bearbeiten]

Zur Aufstellung von Gegenpäpsten kam es, weil sich zum Beispiel das Kardinalskollegium spaltete oder der Kaiser bzw. römische aristokratische Familien in die Papstwahl eingriffen. Wegen unterschiedlicher Zählung, verschiedener Standpunkte und der zum Teil chaotischen Papstwahlen ist die wirkliche Anzahl der Gegenpäpste schwer festzustellen. Die Angaben liegen zwischen 25 und 40. Bei einigen Päpsten ist es zudem schwierig festzustellen, ob sie rechtmäßig oder unrechtmäßig im Amt waren. Die Gründe hierfür liegen unter anderem in der schwierigen Quellenlage und in den nicht mehr nachvollziehbaren Umständen während der Wahl bzw. Ernennung. Als erster Gegenpapst wird in der katholischen Kirche Hippolyt gezählt, der 217 bis 235 als einer von zwei schismatischen Bischöfen von Rom amtierte, als Gegner des Bischofs Urban I., und nach dessen Tod des Pontianus.

Nachdem ab 1309 insgesamt sieben von der gesamten Kirche anerkannte Päpste in Avignon residiert hatten, ließ Gregor XI. sich 1377 zur Rückkehr nach Rom überzeugen; die französischen Kardinäle erkannten dies jedoch nicht an und erklärten den Heiligen Stuhl daraufhin für vakant. Dies führte 1378 zum großen Schisma, das bis zum Konzil von Konstanz 1417 andauerte. In dessen Zeitraum gab es einen Papst in Rom und einen Gegenpapst in Avignon sowie zeitweilig noch die Gegenpäpste Alexander V. (1409–1410) und Johannes XXIII. (1410–1415) der Obedienz von Pisa, die jeweils von verschiedenen Mächten Europas als alleiniger Papst angesehen wurden, was zu einer tiefen Zerrissenheit der gesamten abendländisch-christlichen Welt führte.

In der Zeit des Nationalsozialismus befasste sich Hitler nach Angaben in den Tagebüchern Alfred Rosenbergs mit der Ernennung von Gegenpäpsten. Durch Gegenpäpste sollte die Einheit der katholischen Kirche in besetzten Ländern gebrochen werden. Der erste Gegenpapst sollte Spanier sein und in Toledo residieren. Weitere Gegenpäpste waren für Frankreich und das Deutsche Reich vorgesehen. Zu einer Verwirklichung der Überlegungen kam es nicht.[1]

Auch die Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil werden von Gruppierungen abgelehnt (siehe Sedisvakantismus), deren Oberhäupter selbst den Anspruch erheben, der rechtmäßige Papst zu sein. Dazu gehörte Clemente Domínguez y Gómez als Gregor XVII. († 22. März 2005) und seine Nachfolger Petrus II. († Juli 2011), Sergio Maria als Gregor XVIII, David Allen Bawden als Michael I. oder Lucian Pulvermacher als Pius XIII. († 30. November 2009). Allerdings unterscheiden diese sich insofern von den historischen Gegenpäpsten, als sie keine Unterstützung in der kirchlichen Hierarchie genießen und nur einige Tausend Anhänger mit starker regionaler Begrenzung haben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • A. Amanieu: Antipape. In: Raoul Naz u. a. (Hrsg.): Dictionnaire de droit canonique. Contenant tous les termes du droit canonique. Avec une sommaire de l'histoire et des institutions et de l'état actuel de la discipline. Band 1: Abamita – Azzon. Letouzey & Ané, Paris 1935, S. 598–622.
  • Hans-Jürgen Becker: Gegenpapst. In: Albrecht Cordes u. a. (Hrg.): Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. HRG. Band 1: Aachen – Geistliche Bank. 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Schmidt, Berlin 2008, ISBN 978-3-503-07912-4, Sp. 1995–1996.
  • Odilo Engels: Gegenpapst. In: Michael Buchberger (Begründer), Walter Kasper u. a. (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. Band 4: Franca bis Hermenegild. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1995, ISBN 3-451-22004-0, Sp. 346.
  • Amato Pietro Frutaz: Antipapa. In: Enciclopedia Cattolica. Band 1: A – Arn. Ente per l'Enciclopedia cattolica e per il libro cattolico, Citta del Vaticano 1948, S. 598–622.
  • Christiane Laudage: Kampf um den Stuhl Petri. Die Geschichte der Gegenpäpste. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2012, ISBN 978-3-451-30402-6.
  • Harald Müller, Brigitte Hotz (Hrsg.): Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen. Böhlau, Köln 2012, ISBN 978-3412209537.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg (= KiWi-Paperback 587). 5. Auflage. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, ISBN 3-462-02944-4, S. 283ff.