Geldschöpfungsmultiplikator

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Der Geldschöpfungsmultiplikator ist ein geldtheoretisches Modell, das das Zusammenspiel von Zentralbank, Geschäftsbanken und Haushalten bei der Entwicklung der Geldmenge erklärt. Das Modell geht dabei von einer Vervielfachung des von der Zentralbank ausgegebenen Zentralbankgeldes durch die Geschäftsbanken aus – daher die Begriffsbezeichnung Multiplikator.

Inhaltsverzeichnis

Modellaufbau [Bearbeiten]

Das Modell funktioniert in drei Schritten. Die Schritte 2 und 3 bewirken durch Interdependenz den Multiplikatoreffekt.

1. Schritt: Emittierung von Bargeld durch die Zentralbank [Bearbeiten]

Ausgangspunkt der Überlegung ist von der Zentralbank produziertes Bargeld. Dieses gibt sie über Geschäftsbanken an die Haushalte weiter. Es stellt damit zunächst die gesamte umlaufende Geldmenge dar.

2. Schritt: Einzahlung des Bargelds durch den Haushalt [Bearbeiten]

In einem zweiten Schritt geht das Modell davon aus, dass Haushalte zumindest einen Teil ihres Geldes nicht in Form von Bargeld halten wollen, sondern (beispielsweise aus Sicherheitsgründen oder wegen erhoffter Zinsen) als Sichteinlage auf ein Bankkonto einzahlen. Die Vermögenshöhe der Haushalte ändert sich hierdurch nicht – lediglich die Vermögenszusammensetzung: Ein Teil des Vermögens (und damit auch ein Teil der Geldmenge) besteht nach wie vor aus Bargeld, ein Teil aus so genanntem Buchgeld – dem Geld auf einem Bankkonto.

3. Schritt: Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken [Bearbeiten]

Zur Vervollständigung des Modells wird nun zusätzlich die übliche betriebliche Tätigkeit von Geschäftsbanken berücksichtigt. Diese besteht in der Regel darin, Geld zu einem niedrigeren Zins zu entleihen und zu einem höheren Zins zu verleihen. Diese Annahme wird im Modell dadurch berücksichtigt, dass die Geschäftsbanken das von ihren Kunden eingezahlte (Bar-)Geld an andere Kunden weitergeben – beispielsweise in Form eines Dispo-Kredits. Die Geldmenge besteht nun aus

  • dem Bargeld der Haushalte aus Schritt 1
  • dem Buchgeld dieser Haushalte aus Schritt 2
  • den erhaltenen Krediten der Haushalte aus Schritt 3

Da sich die letzten beiden Elemente „überschneiden“, vergrößert sich die betrachtete Geldmenge.

Multiplikatorcharakter [Bearbeiten]

Die in Schritt 3 stattfindende Kreditvergabe führt im Modell zu einer teilweisen Wiederholung des Schritts 2. So könnte ein Bankkunde von seinem Girokonto über einen Dispokredit Geld abheben und mit diesem beispielsweise die Rechnung eines Handwerkers zahlen. Dieser wiederum könnte das Geld auf seinem eigenen Konto einzahlen und so eine Wiederholung von Schritt 2 bewirken.

Prinzipiell könnten sich also die Schritte 2 und 3 unbegrenzt wiederholen und somit zu einer nicht absehbaren Vervielfältigung der Geldmenge führen.

Grenzen des Modells und Kritik [Bearbeiten]

Reservehaltung der Geschäftsbanken [Bearbeiten]

Der Multiplikatorcharakter wird durch einen einfachen Zusammenhang begrenzt: Banken können die Einlagen ihrer Kunden nicht in vollem Umfang als Kredite weiterreichen. Dies liegt zum einen an rechtlichen Beschränkungen (beispielsweise einer evtl. vorgeschriebenen Mindestreserve, welche im Euroraum seit Oktober 2008 bei zwei Prozent und ab Januar 2012 bei einem Prozent der erhaltenen Einlagen liegt) zum anderen auch an der ökonomischen Vernunft der Bank: Sie muss mit regelmäßigen Auszahlungswünschen ihrer Kunden rechnen, weswegen sie zumindest einen Teil des eingezahlten Bargelds als Sicherheit halten muss – andernfalls liefe sie Gefahr, kurzfristig zahlungsunfähig zu werden. Dies würde zur Einleitung eines Insolvenzverfahrens und zu einem Reputationsverlust der Bank führen.

Geschäftsbanken können also nur einen Teil der erhaltenen Einlagen als Kredite weitergeben. Der Anteil der Einlagen, die aus Sicherheitsgründen nicht wieder ausgegeben werden, „bremst“ den Multiplikatoreffekt ab.

Wunsch der Haushalte nach Bargeldhaltung [Bearbeiten]

Eine weitere Abschwächung erfährt der Multiplikatoreffekt dadurch, dass die Haushalte nur einen Teil ihres Geldes in Form von Buchgeld halten wollen – man spricht volkswirtschaftlich von unvollständigen Substituten. Der Teil des erhaltenen Geldes, den die Haushalte den Banken nicht zur Verfügung stellen, wird dem Kreislauf entzogen.

Fazit: Bei jedem weiteren Modelldurchlauf reduzieren sich (a) die Kreditvergabe der Banken und (b) die Einlagen der Haushalte. Dies bewirkt, dass der Multiplikationsprozess langsam zum Erliegen kommt. Mathematisch entspricht dies einer geometrischen Reihenentwicklung und es ergibt sich folgender Geldschöpfungsmultiplikator:

M1 = M0\cdot\underbrace{\left(\frac{1}{RS + BH}\right)}_\text{Multiplikator}

M1 sei hierbei die Geldmenge, die sich aus dem Multiplikatoreffekt ergibt, M0 das Zentralbankgeld, RS der Reservesatz der Banken (also derjenige Anteil der Einlagen, der freiwillig oder unfreiwillig nicht als Kredit vergeben wird) und BH die Bargeldhaltung der Haushalte (also der Anteil des Bargeldes an ihrem gesamten Geldbestand (= Bargeld + Buchgeld)).

Kritik am Modell [Bearbeiten]

Es existiert eine ganze Reihe von Kritikpunkten an diesem keynesianisch geprägten Modell.

So kritisiert beispielsweise der Klassische Liberalismus, dass Haushalte Geld nicht als Wertaufbewahrungsmittel ansehen - Geld dient demnach lediglich als Zahlungsmittel beim Kauf von Gütern. Dies stellt den gesamten Substitutionscharakter zwischen Bar- und Buchgeld (und somit auch den Muliplikatoreffekt) in Frage. Die klassische Theorie geht stattdessen davon aus, dass Wirtschaftssubjekte einen Teil ihres Vermögens als Zahlungsmittel in bar halten und einen anderen Teil in renditebringenden, längerfristigen Vermögenswerten anlegen. Diese gehören aber nach allgemeinem Konsens zu keiner Geldmengendefinition. Daher gibt es nach rein klassischem Verständnis keine Multiplikatorwirkung.

Bedeutung des Modells [Bearbeiten]

Auch unter Berücksichtigung der klassischen und neoklassischen Kritikpunkte lässt sich eine „Vervielfachung“ des Zentralbankgeldes durch das Buchgeld nicht leugnen. In reifen Volkswirtschaften, die ein gut entwickeltes Bankensystem aufweisen, macht das Buchgeld heute weit über 90 Prozent der verschiedenen Geldmengendefinitionen aus.

Die Bedeutung des Modells liegt in der impliziten In-Frage-Stellung des Zentralbank-Einflusses auf die Geldmenge. Bei einem gedachten Reservesatz von zehn Prozent (was weit über den üblichen Reservesätzen liegt), werden aus 100 Euro durch den Multiplikatoreffekt schließlich 1.000:

100/0,1 = 1.000

Demnach kann die Zentralbank über ihre direkten geldpolitischen Instrumente (Offenmarktpolitik) die umlaufende Geldmenge lediglich mit einem Hebel 1:10 steuern. Allerdings verfügen moderne Zentralbanken (wie beispielsweise die EZB) heute über andere wirksame Instrumente, mit denen sie auch die Menge des Buchgeldes beeinflussen können – beispielsweise die angesprochene Mindestreserve oder die Möglichkeit, die kurzfristigen Zinsen auf dem Finanzmarkt zu beeinflussen. Die meisten Ökonomen gehen daher davon aus, dass die Zentralbanken auch in bankendominierten Kapitalmärkten genügend monetären Einfluss haben.