Gemeiner Wurzelschwamm

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Gemeiner Wurzelschwamm
Heterobasidion annosum - Lindsey.jpg

Gemeiner Wurzelschwamm (Heterobasidion annosum)

Systematik
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: unsichere Stellung (incertae sedis)
Ordnung: Täublingsartige (Russulales)
Familie: Bergporlingsverwandte (Bondarzewiaceae)
Gattung: Wurzelschwämme (Heterobasidion)
Art: Gemeiner Wurzelschwamm
Wissenschaftlicher Name
Heterobasidion annosum
(Fr. : Fr.) Bref. s. str.

Der Gemeine Wurzelschwamm (Heterobasidion annosum) ist eine Pilzart aus der Familie der Bergporlingsverwandten. Als Forstschädling verursacht er in den befallenen Fichten eine Rotfäule. Diese Kernfäule ist ökonomisch sehr bedeutend.

Merkmale[Bearbeiten]

Halbresupinate Form
Resupinate Form

Makroskopische Merkmale[Bearbeiten]

Die Fruchtkörper des Wurzelschwammes können als flache Hüte, halbresupinat oder resupinat (am Substrat anliegend) ausgebildet sein. Die Hüte besitzen eine scharfe Kante (nicht abgerundet) und sind häufig unregelmäßig miteinander verwachsen. Sie erreichen eine Breite von 5 bis 15 Zentimetern und eine Länge von 1 bis 8 Zentimetern (gemessen vom Substrat zur Hutkante); in der Mitte werden sie ein bis zwei Zentimeter dick. Die Färbung reicht von grau über rot bis dunkelbraun; Zuwachskanten sind weiß.

Die runzelige Oberseite ist feinfilzig, verkahlt später jedoch; und kann auch gezont sein. Sie besteht aus einer dünnen schwarzen Kruste, die sich leicht eindrücken lässt. Beim getrockneten Fruchtkörper erscheint sie als dunkle, glänzende Linie; die Trama ist im Gegensatz dazu weißlich bis holzfarben getönt und besitzt eine korkig-zähe, im getrockneten Zustand eine holzige Konsistenz. Sie verfärbt sich mit Melzers Reagenz dunkel rötlichbraun.

Auf der Unterseite befinden sich die Röhren, deren Schichtung recht schlecht erkennbar ist. Die kleinen, rundlichen Poren sind cremeweißlich bis ockergelblich gefärbt. Das Sporenpulver ist weiß.

Mikroskopische Merkmale[Bearbeiten]

Die generativen Hyphen sind hyalin. Sie besitzen schnallenlose Septen (Trennwände). Die Skeletthyphen sind ebenfalls hyalin und meist unverzweigt. Sie verfärben sich in Melzers Reagenz oder Lugol weinrot (dextrinoid) und deren Zellwände mit Baumwollblau violett (cyanophil).

Die Basidien sind hyalin, keulig geformt und besitzen keine basale Schnalle; sie bilden jeweils vier Sporen. Diese sind ebenfalls hyalin, breit ellipsoid bis kugelig und messen 4–7 × 3–5 Mikrometer. Sie besitzen eine feinwarzige Oberfläche und eine dünne Außenwand, die sich in Melzers Reagenz leicht verfärben (schwach amyloid).

Wenn keine Fruchtkörper vorhanden sind, lässt sich der Pilz an frischem, feuchtem Holz an den zahlreichen Konidien erkennen, die an den aufgeblähten Hyphenenden gebildet werden.

Artabgrenzung[Bearbeiten]

Der Wurzelschwamm ist durch seine eher unauffälligen und kleinen Fruchtkörper, die tief am Stamm wachsen, generativ meist schwer auffindbar, obwohl er vegetativ als äußerst häufig bezeichnet werden muss. Blass bräunliche Exemplare können mit der Reihigen Tramete (Antrodia serialis) verwechselt werden, die aber keine Hutkruste besitzt und deren Myzel im Holz eine würfelige Braunfäule erzeugt.[1]

Ökologie[Bearbeiten]

Der Wurzelschwamm kann in praktisch allen Waldarten gefunden werden. Aufgrund seiner "Vorliebe" für Fichten ist er in Fichtenforsten besonders häufig. Gelegentlich ist der Pilz auch in Parks, Gärten und ähnlichen Anlagen anzutreffen. An einzeln oder in kleineren Gruppen stehenden Bäumen ist er jedoch selten.

Der Wurzelschwamm lebt parasitisch am Stammgrund, an Wurzeln oder Stümpfen verschiedener Nadel- und Laubbäume. Dabei ruft sein Myzel nacheinander alle Phasen der Holzvermorschung hervor. Die Sporen sind meist zu über 90 Prozent keimfähig. Sie können bei feuchten und kühlen Bedingungen deutlich besser keimen als bei Trockenheit.[2]

Die Fruchtkörper sind mehrjährig und daher das ganze Jahr über zu finden. Das Wachstum und die Sporulation setzen im Süden Deutschlands kurz nach dem Frühlingsanfang ein und halten das ganze Jahr durchgehend an. Dieser Prozess ist weitgehend unabhängig von der Temperatur und wird höchstens durch extrem kalte oder trockene Bedingungen für kurze Zeit unterbrochen. Selbst ein abruptes Einfrieren auf -18 Grad Celsius können die Fruchtkörper und Sporen in feuchtem Milieu überstehen. Die Sporenproduktion verläuft zyklisch, wobei das Maximum um Mitternacht und das Minimum während der Mittagszeit liegt.

Schadwirkung[Bearbeiten]

Rotfäule in Fichtenholz
Rotfäule in einer sturmgeworfenen Fichte

Besonders in jungen Fichten-Monokulturen kann der Wurzelschwamm große Schäden verursachen, die sich auf Millionenhöhe belaufen können. In natürlichen Mischwäldern stellt er hingegen keine ernsthafte Bedrohung dar. Aus diesem Grund wurde der Pilz von Seiten der Forstwirtschafter als Schädling und von Naturschützern als "Nützling" aufgefasst. Folglich geriet der Wurzelschwamm immer wieder in Diskussionen bezüglich seiner Rolle im Ökosystem Wald.

Infektion[Bearbeiten]

Bäume werden meist über die Wurzel infiziert, entweder durch die in den Boden eingespülten Basidiosporen oder durch den Wurzelkontakt mit bereits infizierten Nachbarbäumen. Die Basidiosporen können auch sehr leicht einen nicht von Rinde geschützten Holzkörper, z.B. über die frischen Schnittflächen der Stümpfe gefällter Bäumen befallen. Betroffen sind meist Stümpfe mit einem Durchmesser von etwa zehn Zentimetern, was einem Holzalter von 15 bis 20 Jahren entspricht.[3]

Eine gegenüber Wurzelverwachsungen sehr erheblich beschleunigte Infektion anderer Bäume erfolgt durch Schälung.

Besonders gefährdet sind Erstaufforstungen auf ehemals landwirtschaftlich genutzten, gekalkten Flächen, wobei ein hoher pH-Wert (> 5,5) die Krankheit begünstigt. Weiterhin erhöhen ein karbonathaltiger Boden, dichtgelagerte, flachgründige, wechselfeuchte und sandige Böden das Risiko eines Befalls.[4]

Krankheitsbild[Bearbeiten]

Das Myzel dringt bei Fichten nach der Infektion in den Stamm vor und wächst aufwärts. Es kann innerhalb eines Jahres bis zu einem halben Meter emporsteigen [5] und bis in eine Höhe von sechzehn Metern[6] vordringen. Der Pilz verursacht im Holz eine Weißfäule im Kernholz, die aufgrund ihrer rötlich-bräunlichen Farbe auch als Rotfäule bezeichnet wird. Infolge wird das Holz derart zersetzt, dass es - im Gegensatz zu einer würfeligen Braunfäule - eine längsfaserige Konsistenz erhält.

Bei Kiefern breitet sich der Pilz nicht im Stamm aufwärts aus. Er zersetzt stattdessen die Wurzeln, wodurch der Baum abstirbt. Da diese Erscheinung vor allem auf vormals landwirtschaftlich genutzten Flächen auftritt, wird sie auch als Ackersterbe bezeichnet.[4]

Bekämpfung[Bearbeiten]

Eine wirksame Behandlung befallener Bäume ist nicht möglich. Es lassen sich lediglich vorbeugende Maßnahmen treffen, um neue Infektionen zu verhindern.[3] Dazu kann auf frischen Schnittflächen gesättigte Harnstofflösung (37-prozentig) aufgetragen werden, die das Eindringen des Pilzes verhindert. Eine Förderung oder Impfung von Baumstümpfen mit antagonistischen Pilzen wie Phlebia gigantea (Riesenrindenpilz) oder Trichoderma viride ist ebenfalls möglich. Aufgrund der Konkurrenz kann sich dann der Wurzelschwamm nicht ansiedeln. Mit Hilfe von P. gigantea kann die Infektionsrate um 80 Prozent gesenkt werden. Das ehemals eingesetzte Natriumnitrit ist schädlich für die Umwelt und wird daher heute nicht mehr eingesetzt. [7]

Verbreitung[Bearbeiten]

Der Wurzelschwamm ist vor allem in der Holarktis verbreitet, wo er vor allem temperat bis boreal auftritt. Er kann aber auch meridional vorkommen. Daneben ist der Pilz in Australien und Neuseeland sowie in Indien, Pakistan und Mittelamerika zu finden.

In der Holarktis ist der Wurzelschwamm weit verbreitet und fehlt offenbar nur in China und Japan, wo stattdessen H. insulare in den küstennahen Gebieten anzutreffen ist. In Nordamerika ist der Pilz in den USA, zusammen mit Alaska, und Kanada verbreitet; in Asien kommt er im nördlichen Teil des Nahen Ostens (Kleinasien, Iran) und im Kaukasus sowie in Sibirien, Zentralasien und im Fernen Osten vor.

In Europa ist der Wurzelschwamm von der Küste des Mittelmeeres und des Atlantiks bis zur Ostgrenze des Kontinentes, dem Ural, weit verbreitet; nach Norden reicht das Gebiet bis zu den Hebriden und in den Norden Fennoskandinaviens. In der letzteren Region ist der Pilz allerdings recht selten. In ganz Mitteleuropa und vor allem in den Nadelwaldgebieten ist er häufig.

In Deutschland ist der Wurzelschwamm überall, auch auf den Inseln, häufig und praktisch lückenlos vertreten. In den Alpen kann der Pilz manchmal bis zur Waldgrenze vordringen.

Verwandte Arten[Bearbeiten]

Europäische Arten[3]
  • Tannen-Wurzelschwamm[3] (Heterobasidion abietinum) Niemelä & Korhonen 1998
  • Kiefern-Wurzelschwamm[3] (Heterobasidion annosum) (Fr.) Bref. 1888
  • Fichten-Wurzelschwamm[3] (Heterobasidion parviporum) Niemelä & Korhonen 1998
Weitere Arten

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ewald Gerhardt: BLV Handbuch Pilze. BLV, München 2006, ISBN 3-8354-0053-3. S. 459
  2. German J. Krieglsteiner: Die Großpilze Baden-Württembergs. Band 1: Allgemeiner Teil. Ständerpilze: Gallert-, Rinden-, Stachel- und Porenpilze. Ulmer, Stuttgart 2000, ISBN 3-8001-3528-0. S. 535
  3. a b c d e f Informationen für Waldbesitzer. Wurzelschwamm. Gefährdung – Symptome – Bekämpfung. (PDF; 523 kB) Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft Brandenburg
  4. a b Informationen für Waldbesitzer. Wurzelschwamm als Krankheitserreger in Acker- und Kippenaufforstungen. Biologische Grundlagen – Symptomanalyse – Abwehrmaßnahmen. Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft Brandenburg (für den gesamten Absatz)
  5. Der frische Wurzelstock ist eine offene Tür für den Wurzelschwamm. waldwissen.net
  6. Einer der häufigsten parasitisch lebenden Pilze ist der Wurzelschwamm Heterobasidion annosum (Fr.) Bref. tintling.at
  7. Der frische Wurzelstock ist eine offene Tür für den Wurzelschwamm. waldwissen.net (für den gesamten Absatz)

Weblinks[Bearbeiten]