Gemeinsame Agrarpolitik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) ist ein Politikbereich der Europäischen Union. Sie beruht auf gemeinsamen Marktordnungen und der Entwicklung des ländlichen Raums.

Die Leitlinien der GAP werden in der Regel für jeweils sieben Jahre beschlossen. Von 2014 bis 2020 sind 312,7 Mrd. EUR (29 %) für marktbezogene Ausgaben und Direktbeihilfen (Säule 1) geplant sowie 95,6 Mrd. EUR (9 %) für die Entwicklung des ländlichen Raums (Säule 2). 1984 wurden für die gesamte GAP etwa 70 % des EU-Haushalts aufgewendet.[1]

Da viele Agrarpreise seit 1995 in die Nähe des Weltmarktpreises sanken, erhalten Landwirte in der EU einen Rechtsanspruch auf Direktzahlungen unabhängig von der produzierten Menge.

Zuständigkeiten[Bearbeiten]

Zuständig für die Rechtsetzung im Bereich der GAP ist der Rat für Landwirtschaft und Fischerei, dessen Sitzungen vom Sonderausschuss Landwirtschaft vorbereitet werden. Verordnungen und Richtlinien werden überwiegend von der EU-Kommission ausgearbeitet. Verantwortlich ist hierbei der Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und die ihm zugeordnete Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Bis zum Vertrag von Lissabon (1. Dezember 2009) musste das Europäische Parlament vor Entscheidungen nur angehört werden. Nun entscheidet es auch in der Agrarpolitik mit, wobei die Fronten weniger zwischen Parteien sondern zwischen „nationalen Interessen“ liegen. Für das Thema zuständig im Europäischen Parlament ist der Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung.

Ziele und Aufgaben[Bearbeiten]

Die Ziele der Gemeinsamen Agrarpolitik wurden im Artikel 33 des (konsolidierten) Gründungsvertrages der Europäischen Gemeinschaft[2] festgelegt und lassen sich heute fast wortgleich in Art. 39 AEUV vorfinden:

  1. die Produktivität der Landwirtschaft durch Förderung des technischen Fortschritts, Rationalisierung und den bestmöglichen Einsatz der Produktionsfaktoren, insbesondere der Arbeitskräfte, zu steigern;
  2. der landwirtschaftlichen Bevölkerung insbesondere durch Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens eine angemessene Lebenshaltung zu gewährleisten;
  3. die Märkte zu stabilisieren;
  4. die Versorgung sicherzustellen;
  5. für die Belieferung der Verbraucher zu angemessenen Preisen Sorge zu tragen.

Im Artikel 34 wird die Schaffung einer gemeinsamen Organisation der Agrarmärkte (GMO) festgelegt, die je nach Erzeugnis eine der folgenden Organisationsformen aufweist:

  1. gemeinsame Wettbewerbsregeln;
  2. bindende Koordinierung der einzelstaatlichen Marktordnungen;
  3. eine europäische Marktordnung.

1962 legte man für den gemeinsamen Agrarmarkt und damit für eine gemeinsamen Organisation der Agrarmärkte drei Grundsätze fest:

  1. Einheit des Marktes: freier Warenaustausch in allen Mitgliedstaaten. Der gesamte Binnenmarkt sollte einheitlichen Regelungen unterliegen.
  2. Gemeinschaftspräferenz: Agrarprodukte der EU erhalten bei der Vermarktung Vorrang und Preisvorteile gegenüber Importprodukten. Der Binnenmarkt sollte vor Niedrigpreisprodukten aus Drittländern und vor größeren Schwankungen des Weltmarktes geschützt werden.
  3. finanzielle Solidarität: Alle Ausgaben im Rahmen der GAP werden vom Gemeinschaftshaushalt getragen.

Die Gemeinsame Agrarpolitik erkennt die bäuerliche Struktur der Landwirtschaft sowie strukturelle und natürliche Unterschiede zwischen den Regionen an und strebt deren Angleichung an.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Unterzeichnung des Vertrages von Rom 1957, welcher die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begründete, führte zur Entwicklung einer gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Sie wurde 1958 auf der Konferenz von Stresa beschlossen und trat 1962 in Kraft.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Landwirtschaft in Europa am Boden. Die Staaten, die später die EWG gründeten, benötigten Nahrungsmittelimporte. Deutschlands Nahrungsmittelimporte wurden bis 1952 zumeist von den USA finanziert, da die deutsche Wirtschaft zunächst noch keine Außenhandelsüberschüsse erzielte.[3] Der Wunsch, Abhängigkeiten auf dem sensiblen Feld der Lebensmittelversorgung durch höhere Ernteerträge zu verringern, bildete die Motivation zur Einführung der GAP.[4]

Seither wurde die GAP vielfach reformiert. Einige Meilensteine sind:

Jahr Reform Ziele
1968 Mansholt-Plan Verringerung der landwirtschaftlichen Erwerbsbevölkerung in einem Zehnjahreszeitraum um etwa die Hälfte und Förderung größerer, effizienterer landwirtschaftlicher Betriebe (wurde nicht vollständig umgesetzt)
1972 Strukturmaßnahmen Modernisierung der Landwirtschaft (hiermit wurde die Beschränkung der investiven Förderung auf „entwicklungsfähige“ Betriebe vom Jahr 1968 umgesetzt), Bekämpfung der Überproduktion
1985 Grünbuch „Perspektiven der Gemeinsamen Agrarpolitik“ Bekämpfung der Überproduktion, ebenfalls 1985 Erlass einer Verordnung zur Verbesserung der Effizienz der Agrarstruktur (Effizienzverordnung)
1988 „Leitlinie für die Agrarausgaben“ Begrenzung der Agrarausgaben
1992 MacSharry-Reform Grundlagenreform mit den Zielen: Senkung der Agrarpreise, Ausgleichszahlungen für die entstandenen Einkommensverluste, Marktmechanismen fördern, Maßnahmen des Umweltschutzes
1999 Agenda 2000 Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch Preissenkungen, Politik für den ländlichen Raum, Förderung von Umweltmaßnahmen und Lebensmittelsicherheit. Einführung von „Cross Compliance“, Modulation bei Prämienzahlungen
2003 Halbzeitbewertung Entkopplung der Direktzahlungen von der Produktion und Bindung an Cross Compliance.
2009 „Health-Check“-Reform Beschleunigung der Agenda-2000-Maßnahmen bei Begrenzung der EU-Agrarausgaben.
2014 Greening obligatorische Anbaudiversifizierung, Dauergrünland-Erhalt und Flächennutzung im Umweltinteresse.

Zum besseren Verständnis wird die Agrarpolitik in vier Epochen unterteilt:

  1. Preisstützung: 1952 - 1992
  2. Produktprämien: 1993 - 2004
  3. Betriebsprämie: 2005 - 2013
  4. Betriebsprämie + Greening: ab 2014

„Preisstützung“ (1952 - 1992)[Bearbeiten]

Zur Preisstützung dienten drei Verfahren:

  1. Intervention = Einlagerung von EU-Überschüssen (Interventionspreis): Die EU setzt Mindestpreise (= Interventionspreis) für Agrargüter fest. Fällt der Marktpreis darunter, kauft die EU Erzeugern Produkte ab. Indem die Stützungskäufe Überschüsse vom Markt nehmen, stabilisieren sie die Erzeugerpreise. Eingelagerte Produkte werden bei passender Marktlage verkauft, manchmal auf dem Weltmarkt - oder vernichtet.
  2. Importabschöpfung (Abschöpfung): Strömt Weltmarkt-Ware viel zu billig in die EU, setzt man „Schwellenpreise“ fest: Die EU fordert die Differenz zwischen Weltmarktpreis und Schwellenpreis als eine Art Zoll ein.
  3. Exporterstattung: Um am Weltmarkt wettbewerbsfähig zu sein, können Exporteure sich die Differenz zwischen Weltmarktpreis und Schwellenpreis von der EU auszahlen lassen. Landwirte erhalten attraktive Binnenpreise und die Ware gelangt dennoch auf den Weltmarkt.
Marktordnungspreissystem GAP

Ziele der Preisstützungen

  • Sicherung des Einkommens der Landwirte
  • Verhinderung von Landflucht
  • Unabhängigkeit der EU von Nahrungsimporten
  • Pflege der Kulturlandschaft und Tradition
  • gesicherte Nahrungsmittelversorgung EU-weit

Folgen der Preisstützungen

  • Hohe Versorgungssicherheit mit hochwertiger Nahrung in der EU
  • Die Marktordnungskosten in der EU wurden untragbar hoch und erzeugten Kritik, auch vom Steuerzahler
  • Einkommen der Landwirte blieben teilweise unbefriedigend
  • Vernichtung bzw. Verschleuderung von Agrarprodukten ethisch bedenklich
  • Hohe Preise fördern eine intensive Produktion auf Kosten der Umwelt.
  • Dumpingpreise europäischer Agrarunternehmen zerstören lokale Märkte in armen Ländern.
  • Die Abschottung des EU-Markts erschwert Nicht-EU-Staaten Exporte.
  • Verbraucher müssen weit über dem Weltmarktniveau liegende Preise zahlen.
  • Der EU-Agrarprotektionismus war in den Außenbeziehungen mit den USA, Kanada und Entwicklungsländern ein häufiger Streitpunkt.

Seit 1993 kamen diese Instrumente nur in Ausnahmesituationen in abgeschwächter Form zum Einsatz. Butterberge, Milchseen, und Obstbaum-Rodungsprämien sind Vergangenheit. Preisstützungen bei Milch und Zucker werden bis 2017 beendet, ersatzweise erhalten Landwirte seit 1993 „Prämien“ in Abhängigkeit der Anbauflächengröße.

„Produktprämien“ (1993 bis 2004)[Bearbeiten]

Mit dem Förderjahr 1993 begann eine radikale Umstellung. Preisstützungen wurden verringert, für bestimmte Kulturen (Getreide, Mais, Raps, etc.) führte man Prämien pro Hektar ein. So erhielt 1 ha Weizen 1993 eine Prämie von 330 DM. Zur „Marktentlastung“ mussten Antragssteller, die mehr als ca. 15 ha Fläche hatten, mindestens 15 Prozent davon ein Jahr stilllegen. Tierhaltern wurde neben Bullenprämien, Mutterkuhprämien und Mutterschafprämien auch eine Herodes-Prämie gewährt. Dies erforderte die EDV-Erfassung jedes Feldstücks und jedes Nutztiers in der EU. Der Bürokratieaufwand war enorm. Die Konflikte mit anderen Weltmarkt-Teilnehmern (WTO, USA, etc.) hielten an. Diese warfen EU-Vertretern weiterhin eine „Überschuss-Produktion“ vor.

„Betriebsprämie“ (2005 - 2013)[Bearbeiten]

Die EU-Agrarminister haben sich am 26. Juni 2003 in Luxemburg auf eine weitere Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik geeinigt (Luxemburger Beschlüsse). Mit der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003[5] des Rates vom 29. September 2003 wurden die Richtlinien für den Zeitraum von 2005 bis 2013 festgelegt.

Durch das neue System sollten die EU-Agrarausgaben trotz der EU-Osterweiterung finanzierbar bleiben und Drittländer leichteren Marktzugang erhalten. Grünlandstandorte, die durch die bisherige Förderung benachteiligt waren, sollten besser gestellt werden.

Das produktbezogene Prämiensystem wurde ab 2005 durch ein System abgelöst, bei dem es nebensächlich ist, was auf der Fläche wächst, solange es „ordnungsgemäße Landwirtschaft“ ist. Dies nennt sich „Entkopplung“. Alle Prämien im „tierischen Bereich“ wurden abgeschafft - außer der Hilfen für Milcherzeuger.

Weitere Kernpunkte waren Cross Compliance und eine obligatorische Modulation.

Zuteilung von Zahlungsansprüchen[Bearbeiten]

Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

Ein Zahlungsanspruch (ZA) ist das Recht, die Betriebsprämie für ein Hektar Fläche zu erhalten. Die BRD wählte ein „Kombimodell“. Landwirten wurde für Ackerflächen, die sie im Jahr 2005 beantragten, Prämienrechte von ca. 298 €/ha zugewiesen. Für beantragte Dauergrünlandflächen gab es Prämienrechte von ca. 88 €/ha. Die „Kombination“ besteht darin, dass diese Grund-ZA aufgestockt wurden um Beträge, die sich aus früheren Tierproduktionsleistungen des Landwirts herleiten. Dies sollte verhindern, dass „viehstarke Betriebe“, die den bisherigen Prämien vertrauten, von heute auf morgen vor dem Untergang stehen. Dieser betriebsindividuelle Betrag (BIB) konnte den Acker-ZA eines Milchbauern oder Bullenmästers z. B. auf 490 €/ha erhöhen.

Im Jahr 2005 wurden Zahlungsansprüche nur für Acker und Dauergrünland zugewiesen. In Folgejahren wurden Zahlungsansprüche für Reb- und Baumschulflächen sowie Dauerkulturen (z. B. Obstplantagen) nachgereicht. Größeren Betrieben wurden 2005 auch Stilllegungs-Zahlungsansprüche zugewiesen. Wer z. B. 5 ha Stilllegungs-ZA erhielt, musste jährlich 5 ha Acker stilllegen und bekam dafür ca. 298 €/ha.

Die Zahlungsansprüche sind gekennzeichnet und in der Zentralen InVeKoS Datenbank (ZID) erfasst. Zahlungsansprüche sind in der Regel frei handelbar. Sie können nur von aktiven Landwirten erworben werden. Ein Zahlungsanspruch im Wert 298 Euro wird (Stand: Januar 2010) mit etwa 387 Euro gehandelt. Zahlungsansprüche können auch verpachtet werden. Wenn zum Beispiel 2 Hektar Zahlungsanspruch verpachtet werden, müssen mindestens zwei Hektar Fläche an den Bewirtschafter mitverpachtet werden. Die Landwirte können die Buchungen selbst in der ZI-Datenbank vornehmen oder einen Dienstleister damit beauftragen. Die Prämienbehörden wachen über die ZID. Sie können Falschbuchungen stornieren und ziehen Zahlungsansprüche, die zwei Jahre nicht genutzt wurden, in die „nationale Reserve“ ein.

Mit dem Jahr 2008 wurden die Stilllegungs-Zahlungsansprüche in normale Zahlungsansprüche umgewandelt und die Pflichtstilllegung abgeschafft. Zahlungsansprüche kleben grundsätzlich nicht an einer bestimmten Fläche. Wenn ein Landwirt 18 Hektar Zahlungsansprüche besitzt und 15 Hektar Fläche, werden ihm die 15 wertvollsten Zahlungsansprüche ausbezahlt. Diese „Benutzung von Zahlungsansprüchen mit Fläche“ nennt sich „Aktivierung“.

Angleichung der Zahlungsansprüche[Bearbeiten]

Die Zahlungsansprüche blieben bis 2009 unverändert. Während der Angleichung von 2010 bis 2013 werden alle Zahlungsansprüche auf ein einheitliches Niveau gebracht. Ein Wiesen-Zahlungsanspruch hat beispielsweise folgende Wertentwicklung:

Zahlungsansprüche
Jahr Betrag
2009 148€/ha
2010 168€/ha
2011 209€/ha
2012 271€/ha
2013 354€/ha

Analog würde ein hoher Zahlungsanspruch z. B. von 480 € auf 354 € schrumpfen. Durch diese Angleichung wird die „Schonfrist“, die den tierischen Erzeugern eingeräumt wurde, abgebaut und die Prämienberechnung vereinfacht.

Cross Compliance[Bearbeiten]

Landwirte, die Fördermittel beantragen, müssen Vorschriften zu Umwelt- und Tierschutz sowie Lebens- und Futtermittelsicherheit beachten. Regelungen zu Bodenschutz, Wasserrecht und eine „Mindestpflege für Flächen“ kamen hinzu. Bei Nichteinhaltung werden Direktzahlungen gekürzt, bei erstmaligen Verstößen maximal um fünf Prozent. Bei Wiederholungsverstößen oder vorsätzlichen Verstößen können sich Kürzungen bis zur völligen Einbehaltung der Prämien ergeben. Die EU-Mitgliedstaaten müssen sicherstellen, dass das Dauergrünland gegenüber dem Stand 2003 nicht erheblich abnimmt.

Beispiel: Landwirt Rudi X. hat 62 ha Förderfläche. Bei einer Kontrolle stellt das Veterinäramt wird fest, dass er drei Ziegen nicht in der Internet-Datenbank HI-Tier meldete. Durch die dreiprozentige Sanktion verliert er bei der Betriebsprämie 503 €, bei der Ausgleichszulage 64 € und beim Kulturlandschaftsprogramm 194 €.

Modulation[Bearbeiten]

Die Artikel Gemeinsame Agrarpolitik#Modulation und Modulation (Agrarpolitik) überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zusammenzuführen (→ Anleitung). Beteilige dich dazu an der betreffenden Redundanzdiskussion. Bitte entferne diesen Baustein erst nach vollständiger Abarbeitung der Redundanz und vergiss nicht, den betreffenden Eintrag auf der Redundanzdiskussionsseite mit {{Erledigt|1=~~~~}} zu markieren. Flominator 16:58, 17. Dez. 2011 (CET)

Neben der Produktion („erste Säule“) sollen Maßnahmen der ländlichen Entwicklung und Ökologie („zweite Säule“) finanziell stärker gefördert werden. Um dafür Gelder zu gewinnen, werden die Betriebsprämien ab 2007 um fünf Prozent gekürzt. Dies wird „Modulation“ genannt. Ein Freibetrag von 5000 Euro bleibt ungekürzt.

Hauptartikel: Modulation (Agrarpolitik)

Im Rahmen des „Health Check 2009“ führte der EU-Rat eine „Progressive Modulation“ ein: Für das Jahr 2009 eine Kürzung von sieben, 2010 von acht Prozent, 2011 von neun Prozent und 2012 von zehn Prozent (Verordnung (EG) Nr.73/2009 des Rates vom 19. Januar 2009).

Dies beklagten Bauern, die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit, des Vertrauensschutzes und des Diskriminierungsverbots verletzt sahen. Das Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder bezweifelte im Urteil vom September 2011 die Gültigkeit der Modulationserhöhung ab 2009 und beauftragte den Europäischen Gerichtshof mit der Klärung der Frage. Ein Urteil wird nicht vor 2013 erwartet.[6]

Kritische Punkte[Bearbeiten]

Anleitung: Neutraler Standpunkt Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite. Weitere Informationen erhältst du hier.
  • Vermutete Ungerechtigkeiten: Mit Zahlungsansprüchen (ZA) wollte die Politik „aktive“ Bewirtschafter stärken. Wer eine Fläche im Jahr 2005 bewirtschaftet, ist Eigentümer der dafür zugeteilten Zahlungsansprüche. Viele Verpächter empfanden dies als ungerecht. Wenn die Pachtfläche ohne Zahlungsansprüche zurückgeht, ist sie kaum mehr verpachtbar. Da Verpächter überwiegend keine aktiven Landwirte mehr sind, können sie von anderer Seite keine Zahlungsansprüche ankaufen. Es bleibt nur die Lösung, dass der nachfolgende Bewirtschafter sich - wenn er Betriebsprämie will - Zahlungsansprüche zukauft.
  • Modulation: Die fünf-prozentige Kürzung der Betriebsprämie bedeutet für größere Betriebe beträchtlichen Geldverlust. Damit eingesparte Mittel kommen kaum der Landwirtschaft zugute. Es ist schwer einzusehen, warum aktive Betriebe als Finanzierer Strukturmaßnahmen im ländlichen Raum bezahlen müssen. Sollte die „progressive Modulation“ juristisch Bestand haben, werden die Einkommensverluste ab 2009 deutlich herber.[7]

Auswirkungen[Bearbeiten]

Durch die Entkopplung der Prämien vom erzeugten Produkt wurden die Landwirte freier in ihren Anbauentscheidungen. Sie bauen eher an, was gefragt ist, da sie für alles dieselbe Förderung erhalten. „Exotische Kulturen“ wie Arzneipflanzen, Buchweizen, Dinkel, Einkorn usw. haben mehr Chancen gegenüber dem früher bevorzugten Winterweizen oder Raps. Der Spielraum für „Unternehmerisches Handeln“ wurde vergrößert.

Auch die Umwelt profitiert, so ist wertvolles Kleegras dem umweltbelastenden Silomais gleichgestellt. Zudem gewann die „freiwillige Stilllegung“ an Bedeutung. Hierbei erhält der Landwirt, der einmal jährlich die „Selbstbegrünung“ abschlegelt, fast so viel Geld wie jener, der sich mit Getreidebau abmüht. Dies veranlasste viele Bauern, Betriebe zu „extensivieren“ (weniger Arbeit, Dünger, Technik, Chemie einsetzen), was die Umwelt und den Markt entlastet.

Bei der Vergabe von Zahlungsansprüchen sah das EU-Recht vor, dass bestimmte „Härtefälle“ bevorzugt bedacht werden (zum Beispiel wenn ein Hofnachfolger einen bisher verpachteten Betrieb übernimmt). Jedoch nutzte dies durch restriktive Bedingungen nur wenigen Landwirten.

Die Preise für Zahlungsansprüche blieben in einem gemäßigten Rahmen, weil prinzipiell kein Mangel an Zahlungsansprüchen auftreten kann und das Horten von Zahlungsansprüchen unterbunden ist.

Das Betriebsprämiensystem bewährte sich, das es nicht „produktionsanheizend“ auf einige Erzeugnisse wirkt. Proteste anderer Wettbewerber in Afrika, Lateinamerlika und den USA flauten ab. Der Wegfall der Pflichtstilllegung vereinfachte die Förderanträge ab 2008. Der „Strukturwandel“ beschleunigte sich nach 2005 dennoch, weil sich durch Markt-Liberalisierungen und Produktionssteigerungen der globale Konkurrenzkampf verschärfte.

Neben dem allgemeinen Preisverfall bei Rohstoffen im Herbst 2008 verbilligten sich durch erhöhte Milchquoten Anfang 2009 die Milchpreise. Dies ging einher mit spektakulären Aktionen (Milch in Güllefässern auf Felder ausgebracht, Proteste vor Discountern etc.). Wegen des Preisdrucks werden vielerorts über 80 Prozent der Höfe im Nebenerwerb oder als Hobby geführt und dann meist im Generationswechsel aufgegeben. Die Masse der Fläche wird von wenigen Großbetrieben bewirtschaftet. Auch die tierische Produktion findet in ständig wachsenden Tierbeständen in immer weniger Betrieben statt (Konzentration).[8]

Bürokratieverschärfung statt Bürokratieabbau[Bearbeiten]

Der Umfang der anfangs angetrebten Verwaltungsvereinfachung wurde nicht erreicht, da die Förderverfahren durch vielfältige Verordnungen und Erlasse einem häufigen Wandel unterliegen. Seit 2005 sind alle Feldstücke in der EU digitalisiert. Behörden decken Unstimmigkeiten teilautomatisiert auf. Ein Beispiel der Bürokratie-Auswüchse waren „OGS-Genehmigungen“ auf Zahlungsansprüchen, wobei die Betriebsprämie für Obstplantagen, Gemüse und Speisekartoffeln aufgrund „historischer Prämiendaten“ gewährt wurde. Diese unrationelle Sonderbehandlung wurde 2008 abgeschafft.

Die Betriebsprämie war als Ausgleich für die Einführung von „Weltmarktpreisen“ gedacht. Das System der „Betriebsprämie/Zahlungsansprüche“ wurde um Cross Compliance Regelungen ergänzt. So wird seit 2010 z. B. überwacht, ob der Landwirt Erosionen vermeidet. Für Kleinunternehmen oder gar Nebenerwerbslandwirte ist die Einhaltung aller CC-Vorschriften schwer praktikabel. Da sie nur EU-weit gelten, sehen manche Exportunternehmen die hohen Anforderungen für die Betriebsprämienzahlung als Wettbewerbsnachteil am Weltmarkt.

Bei der Prämiengewährung wird hoher Wert auf „einheitlichen Förderungsvollzug“ gelegt. Verwaltungsbehörden kontrollieren Landwirte im Rahmen von Verwaltungs- und Vor-Ort-Kontrollen sowie mit Luftbild-Fernerkundungen. Verwaltungsbehörden selbst unterliegen Kontrollen durch Innenrevisionen, Landes- Bundes- und EU-Rechnungshöfe und Prüfungen von Seiten der EU-Kommission. Fallen bei Landwirtschaftsunternehmen Fehler auf, können verzinste Rückforderungen für mehrere Jahre und mehrere Förderprogramme anfallen. Legen Stichprobenkontrollen bei Geschäftsprozessen in Verwaltungsbehörden systematische Fehler nahe, wird vom Einzelfall aus ein Fehlerbetrag im Gesamtverfahren für alle Antragsteller geschätzt. Damit unterliegen Bundesländer einem Anlastungsrisiko, was zu extrem hohen Sanktionszahlungen führen kann.

Neben der EU-weit geltenden Betriebsprämie fördern Bundesländer landesspezifisch kofinanzierte Prämiensysteme für „freiwillige Umweltleistungen“, beispielsweise Kulturlandschaftsprogramme. Hierbei werden u. a. „Verzicht auf Chemie“, „Öko-Landbau“, „später Schnittzeitpunkt“ oder „vielfältige Fruchtfolge“ honoriert. Da die EU Auflagenüberschneidungen und Doppelförderungen unterbindet, darf man beispielsweise für eine Wiese, die aufgrund des Trinkwasserschutzes nicht gedüngt werden darf, nicht noch eine Agrarumweltprämie erhalten. Die Vielzahl an „Flächenfördermaßnahmen“ stellt Verwaltungsbehörden wie Landwirte vor eine schwer zu bewältigende Komplexität, etwa in „Flurbereinigungsgebieten“ oder wenn „Flächenabweichungen“ auffallen.

„Health-Check“-Reform der GAP 2008/2009[Bearbeiten]

Im November 2008 vereinbarten die EU-Landwirtschaftsminister, dass die Direktzahlungen an Landwirte um 10 Prozent gekürzt werden. Ab einer Jahres-Subventionssumme von mehr als 300.000 Euro erhalten Landwirte darüber hinaus bis zu vier Prozent Modulations-Abzüge. Zudem wurde vereinbart, dass die Milchquote zwischen 2009 und 2013 um jährlich ein Prozent erhöht wird.[9]

Änderungen 2010 und 2011[Bearbeiten]

Ab 2010 fallen die Energiepflanzenprämie und die Tabakbeihilfe weg. Dem Landwirt werden Erosionsklassen der Feldstücke im Nutzungsnachweis abgedruckt mit Überlappungen mit den Gebietskulissen Naturschutzgebiet, Wasserschutzgebiet, Ökoflächenkataster und Natura 2000-Gebiet. Die EU-Kommission überwacht die „Feldstücksbildung“. Landwirte haben mit Internet-Kartenprogrammen wie dem „Bayern-Viewer“ jährlich die korrekte Erfassung ihrer Feldstücke zu prüfen.

In einigen Bundesländern wurde 2010 die „Mindestantragsfläche“ verschärft, z. B. auf 1 ha landw. Fläche. Die Ausgrenzung der „Hobbylandwirte“ entlastete die Verwaltungsbehörden. Gefördert werden nur Nutzungen, die pro Antrag 0,1 ha betragen.

Durch den Preisverfall am Milchmarkt und Demonstrationen der Landwirte gab es 2010 und 2011 ein „Milchsonderprogramm“ mit drei Prämien:

  1. Die Kuhprämie (zusammen mit anderen Förderungen max. 7500 € in drei Jahren). Gewährt vom Bund. Prämiensatz ca. 21 € je Kuh.
  2. Die Grünlandprämie, v. a. vom Bund gewährt, die EU zahlt etwas mit. Prämiensatz ca. 25 - 35 € je ha Rauhfutterfläche.
  3. Die zusätzliche EU-finanzierte Grünlandprämie war als Sofort- und Notmaßnahme zu verstehen. Sie betrug ca. 20 €/ha Rauhfutterfläche.

Agrarförderung 2014 bis 2020[Bearbeiten]

Für die Jahre von 2014 bis 2020 wurden als Leitlinien vereinbart:

  1. verstärkte Förderung von Gemeingütern, wie Biodiversität und sauberem Wasser,
  2. Ausweitung der Ko-Finanzierung, bei der sich Mitgliedsstaaten an den Kosten der EU-Subventionen beteiligen,
  3. Umverteilungen zwischen Mitgliedsstaaten und zwischen Landwirten je nach Betriebsgröße

Durch den 2009 ratifizierten Vertrag von Lissabon darf das Europäische Parlament im Mitentscheidungsverfahren auf Entscheidungen der Agrarpolitik Einfluss nehmen. Das siebenjährige Rahmenbudget war bisher nur bis 2013 festgelegt. Da das neue Rahmenbudget für die Jahre von 2014 bis 2020 gilt, regelt die EU-Verordnung 1310/2013 Übergangsvorschriften im Jahr 2014.

EU-Kommission, das Europäische Parlament und die im Rat versammelten EU-Landwirtschaftsminister formulierten die Grundzüge der GAP in vier aufeinanderfolgenden Verordnungen:

  1. Verordnung 1305/2013 - Ländliche Entwicklung
  2. Verordnung 1306/2013 - "Horizontale" Themen (Finanzierung und Kontrollen)
  3. Verordnung 1307/2013 - Direktzahlungen für Landwirte
  4. Verordnung 1308/2013 - Marktmaßnahmen

Direktzahlungen erhalten nur Landwirte als "aktive Betriebsinhaber" gemäß Artikel 9 der VO (EU) Nr. 1307/2013. In der BRD gilt diese Beschränkung für Direktzahlungen ab 5000 €. Eine Negativliste führt Unternehmensformen auf, für die der Anspruch auf Direktzahlung erweiterte Nachweise erfordert.

Greening[Bearbeiten]

Ab 2015 ist das Greening eine Voraussetzung für den Erhalt von Direktzahlungen. Öko-Betriebe und Kleinerzeuger sind davon freigestellt.
Die Greening-Anforderungen umfassen drei obligatorische Maßnahmen:

  1. Anbaudiversifizierung
  2. Dauergrünland-Erhalt
  3. Flächennutzung im Umweltinteresse

Anbaudiversifizierung[Bearbeiten]

Für den Erhalt der Direktzahlung ist die Anbaudiversifizierung nicht erforderlich für Betriebe, die

  • bis zu 10 ha Ackerland bewirtschaften
  • mehr als 75 % Anteil Grünland an ihrer landwirtschaftlichen Fläche oder mehr als 75 % Ackergras / Stilllegung an der Ackerfläche bewirtschaften soweit die nicht auf diese Kulturen entfallende Fläche nicht mehr als 30 ha beträgt.

Betriebe bis 30 ha müssen mindestens zwei Kulturarten anbauen. Die Hauptkultur darf 75 % nicht überschreiten. Betriebe ab 30 ha müssen mindestens drei Kulturarten anbauen, davon die Hauptkultur auf bis zu 75% der Fläche und die zwei größten Kulturen zusammen bis zu 95 %.

Flächennutzung im Umweltinteresse durch ökologische Vorrangflächen (ÖVF)[Bearbeiten]

Betriebe ab 15 ha Ackerfläche müssen mindestens 5 % davon als ökologische Vorrangflächen vorhalten. Bezugsgröße ist das Ackerland mit Landschaftselementen an oder auf Ackerland, ÖVF-Pufferstreifen, Kurzumtriebsplantagen und Aufforstungsflächen. Freigestellt sind Betriebe mit mehr als 75 % Grünland an der landwirtschaftlchen Fläche bzw. 75 % Ackergras / Stilllegung / Leguminosen an der Ackerfläche, soweit die nicht auf diese Kulturen entfallende Fläche max. 30 ha beträgt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Kluge: Vierzig Jahre Agrarpolitik in der Bundesrepublik Deutschland (= Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft NF 202). 2 Bände. Parey, Hamburg u. a. 1989, ISBN 3-490-35215-7.
  • Ulrich Kluge: Ökowende. Agrarpolitik zwischen Reform und Rinderwahnsinn. Siedler, Berlin 2001, ISBN 3-88680-736-3.
  • Kiran Klaus Patel: Europäisierung wider Willen. Die Bundesrepublik Deutschland in der Agrarintegration der EWG 1955–1973 (= Studien zur internationalen Geschichte. Bd. 23). Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59146-0.
  • Günter Rohrmoser: Landwirtschaft in der Ökologie- und Kulturkrise. Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden 1996, ISBN 3-930218-25-9 (Im Anhang: Hermann Priebe: Krisenbereich Agrarpolitik.).[10]
  • Guido Thiemeyer: Vom „Pool Vert“ zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Europäische Integration, Kalter Krieg und die Anfänge der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (= Studien zur internationalen Geschichte. Bd. 6). Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56427-7 (Zugleich: Köln, Universität, Dissertation, 1997).
  • Winfried von Urff: Agrarmarkt und Struktur des ländlichen Raumes in der Europäischen Union. In: Werner Weidenfeld (Hrsg.): Die Europäische Union. Politisches System und Politikbereiche (= Europa-Handbuch. Bd. 1). 3., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Verlag Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2004, ISBN 3-89204-769-3, S. 205–222.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eine Billion Euro für die Zukunft Europas – der Haushaltsrahmen der EU für 2014–2020. Abgerufen am 5. August 2014.
  2. Konsolidierte Fassung des Vertrages zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft. 24. Dezember 2002. Abgerufen am 27. Oktober 2010.
  3. Grundlagen der Agrarpolitik Vorlesung, Universität Hohenheim, 2005.
  4. Die gemeinsame Agrarpolitik erklärt (Publikation der Europäischen Kommission, 2007)
  5. VERORDNUNG (EG) Nr. 1782/2003 DES RATES vom 29. September 2003 (PDF) Abgerufen am 6. Juni 2010.
  6. proplanta.de: Verwaltungsgericht bezweifelt Gültigkeit der Modulationserhöhung seit 2009, 14. Dezember 2011, Zugriff am 17. Dezember 2011
  7. Quelle: Landwirtschaftsverwaltung
  8. Quelle: Landwirtschaftsverwaltung
  9. Tagesschau:Zehn Prozent weniger für die Bauern. Tagesschau.de. Abgerufen am 6. Juni 2010.
  10. Michael Th. Schäfer: Gesellschaft für Kulturwissenschaft e.V. Gfk-web.de. Abgerufen am 6. Juni 2010..