Georg Christoph Levison

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Georg Christoph Levison (* 11. Mai 1845 in Eutin; † 6. August 1879 in Kunabae, Neuirland) war ein deutscher Handelspionier und Entdecker in Ozeanien. Sein wichtigstes Tätigkeitsgebiet lag in den Karolinen und im heutigen Bismarckarchipel.

Ausbildung und frühe Fahrten[Bearbeiten]

Levison war das zweite Kind aus der Ehe des Eutiner Zahnarztes Ernst Wilhelm Levison und dessen Frau Sophie, geb. Lindner. Ab Ostern 1852 besuchte er die Eutiner Bürgerschule. Kurz vor seinem vierzehnten Geburtstag heuerte Levison erstmals auf einem Schiff an und bestand am 1. Juni 1865 die Hamburger Prüfung zum Steuermann Erster Klasse mit der Gesamtnote „gut“.[1] Die erste noch ermittelbare Ankunft in der südlichen Hemisphäre datiert auf den 21. November 1865. Als Führer der Bark Ailsa Craig fuhr Levison in Port Jackson, den Haupthafen von Sydney, ein.[2] Levisons früheste Tätigkeit in der Südsee ist mit dem Einsatz als Kapitän der Iserbrook für Godeffroy & Sohn ab 1872 dokumentiert. Zum Anfang dieses Jahres versorgte er die Godeffroy'schen Niederlassungen in Koror (Palau), Tomil (Yap) und auf Ponape.[3] Von hier aus unternahm Levison neue Vorstöße zu den Westlichen Inseln und in den Kern des Neubritannienarchipels.[4] Laut dem russischen Naturforscher Miklucho-Maklay soll der Kapitän auf einer dieser Fahrten „fünf oder sechs“ junge Insulanerinnen entführt und sie später in Palau gegen einige Säcke Bêche-de-mar an den Ibedul (ersten Mann) von Koror verkauft haben.[5] Etwa gleichzeitig schloss Levison einen Händlervertrag mit dem Engländer William T. Wawn für eine Vertretung auf Satawan (Mortlockinseln) ab.[6] Anknüpfend an die Vesta-Expedition seines Vorläufers Alfred Tetens zu den Exchequerinseln setzte er im August 1872 in der östlich liegenden Hermitgruppe als ersten stationären Händler den Liverpooler Thomas Shaw ein.[7] Auf den Anachoreteninseln wurde der Hamburger August Grapengeter gelandet.[8] Im Februar des Folgejahres wurde Wawn von Satawan abgezogen, um mit ihm und dem Engländer John Nash erste Niederlassungen auf der Gazelle-Halbinsel zu gründen (Stranddorf Nogai und Hafeninsel Matupi).[9]

Entdeckungen im späteren Bismarckarchipel[Bearbeiten]

Karte der Duke-of-York-Inseln (1879) mit der Levinsohn-Passage im Nordosten Miokos

In einem zweiten Vorstoß von Samoa mit der Etienne erreichte Levison am 11. Juli 1876 die Duke-of-York-Insel Mioko. In deren Nordosten fand er eine zweite Einfahrt in den Hafen, die im Dezember 1878 von Korvettenkapitän Bartholomäus von Werner als Levinsohn-Passage in die Seekarten eingetragen wurde.[10] Bis Ende Juli 1876 wurden von Levison rund sechs Europäer auf neu errichtete Stationen an den Nordstränden der Gazelle-Halbinsel aufgesetzt. Auf einer Erkundungsfahrt, die erstmals über das Kap Luen nach Westen hinausging, entdeckte er zum Monatsende eine Bucht mit Ankergrund, die zu Ehren seines Vorgesetzten auf Samoa, Theodor Weber, „Weber Hafen“ genannt wurde.[10] Am Ostrand der Bucht traf Levison Vorkehrungen zur Gründung einer Faktorei, welche bis 1879/80 als Geschäftszentrum von Godeffroy & Sohn auf der Halbinsel diente. Eine ebenfalls neu errichtete Niederlassung auf Mioko[11] baute Levison zur gemeinsamen Zentralstelle für den Neubritannienarchipel und die Salomongruppe aus. Im dritten Quartal 1877 besetzte er sie mit dem Halb-Tonganer John Knowles als Leiter.

Der von Levison aufgefundene Weber Hafen nach ersten Vermessungen (1879)
Der Weber Hafen im Deutschen Kolonialatlas (1893)

Gewalttätigkeiten und Mordaufträge[Bearbeiten]

Ein erster gewaltsamer Tod unter seinen Händlern zum Jahresende 1876 im Dorf Ratavul (Gazelle-Halbinsel) wurde von Levison als Präzedenzfall gewertet, dem von europäischer Seite mit größtmöglicher Härte zu begegnen wäre. In einer Allianz mit dem Oberhaupt Buhlailai aus Kabakada führte er im Dezember einen Vergeltungsschlag gegen Ratavul aus, der jedoch wegen der Schwäche der Allianz scheiterte.[12] Etwa gleichzeitig nutzte Levison die Allianz für einen Auftragsmord an dem Engländer Jamieson, der für Godeffroy & Sohn in Kabakada tätig war. Bei einer Untersuchung des Vorfalls durch HMS Conflict im August 1877 stellte er sich Kommandant Musters als Dolmetscher zur Verfügung und bezeichnete nun fälschlich Buhlailai und dessen Sohn Toberinge als Anstifter der Tat.[13] Dies und die den Einheimischen bekannte Tatsache, dass Levison im Februar des Jahres die Witwe Jamiesons, eine Samoanerin, an Bord der Etienne genommen und zu seiner Lebensgefährtin gemacht hatte, führten zu Verstimmungen in den Handelsbeziehungen mit den Nordstränden der Gazelle-Halbinsel. Damit einher ging eine Eskalation der Gewalt, derentwegen die Faktorei im Weber Hafen vorübergehend stillgelegt wurde. Bei einem Konflikt im Umland wurde Levison durch einen Speer verwundet. Nach einem Krankentransport auf dem Missionsdampfer John Wesley ließ er sich in Sydney in ein Hospital einliefern.[14]

Nach Levisons Rückkehr in den Archipel im Juli 1878 führte seine Weigerung, wegen eines im Vormonat stattgehabten Totschlages durch John Knowles disziplinarische Schritte einzuleiten, zu neuen Auseinandersetzungen. Differenzen ergaben sich jetzt mit dem in Hunterhafen stationierten wesleyanischen Missionar George Brown, der sich über Levisons Absage, den Halb-Tonganer – und sei es nur „des Scheines vor den Eingeborenen wegen“ – aus dem Archipel zu entfernen, beim deutschen Konsul auf Samoa beschwerte.[15]

Im Dezember gab Levison laut dem Agenten von Hernsheim & Co, Wilfred Powell, an zwei Anführer der Insel Matupi (Blanchebucht, Gazelle-Halbinsel) einen nächsten Mordauftrag. Dieser galt dem Matrosen „Tom“ der Brigg Adolph, deren Kommando Levison nach der Rückkehr von Australien übernommen hatte. Laut mündlichen Berichten an Powell sollte „Tom“ in der Heiligen Nacht der samoanischen Lebensgefährtin Levisons nachgestellt haben, daraufhin von Levison niedergeschlagen und von einer Bootsmannschaft auf den Strand von Matupi geworfen worden sein.[16] Der Mordauftrag an die Inselherrscher wurde möglicherweise von John Knowles überbracht und die Ausführung der Tat von ihm überwacht. Anfang 1879 wurde Knowles von Mioko abgezogen und auf die Godeffroy’sche Station Kunabae[17] auf Neuirland versetzt.

Tod auf Neuirland[Bearbeiten]

Meldung vom Tod Georg Christoph Levisons im Sydney Morning Herald, 18. Oktober 1879

Anlässlich eines Aufenthaltes von HMS Renard im Hafen von Mioko im Juli/August 1879 wurde Knowles unterstellt, seine Station auf Neuirland eigenmächtig verlassen zu haben und an Bord des Kriegsschiffes gefahren zu sein, um dort „Geschichten“ über Levison zu erzählen. Mit ihnen hätte Knowles von seiner eigenen Person, seiner möglichen Rolle im Mordfall „Tom“ und dem noch gegen ihn bestehenden Vorwurf des Totschlages im Juni 1878 ablenken wollen.[18] Bei einem Besuch der Adolph vor Kunabae am 6. August versuchte Levison, Knowles durch eine gegen ihn gerichtete Morddrohung einzuschüchtern. Laut dessen Aussage griff er aber noch im selben Moment zur Waffe. Nach einem Handgemenge, bei dem es zufolge Knowles um den Besitz dieser Waffe ging, wurde Levison durch eine von Knowles im Affekt gefeuerte Kugel getötet.[19]

Mannschaftsmitglieder der Adolph nahmen Knowles auf der Station gefangen und überstellten ihn im Hafen von Mioko an Kommandant Richards von HMS Renard. Levisons Leiche wurde unter der Veranda des Stationshauses begraben und später auf den Inabui-Friedhof der Duke-of-York-Inseln umgebettet.[20]

Meldung der Fiji Times über die Ankunft von John Knowles als Gefangenem der HMS Emerald zur Vorladung vor das Gericht des Britischen Hochkommissariats auf Fidschi, Ausgabe vom 15. November 1879

Ein Gerichtsverfahren auf den Tonga-Inseln, wohin Knowles auf Anordnung des britischen Hochkommissariats auf Fidschi verbracht worden war, erklärte ihn für schuldig und verurteilte ihn zur Verbannung nach Namukaiki.[21] Laut einem Leserbrief an den Pacific Islands Monthly konnte Knowles durch Anrufung des britischen Konsuls für Tonga eine Revision erwirken und um 1888 einen Freispruch erlangen.[22]

Historische Würdigung[Bearbeiten]

Während des Besuchs von SMS Ariadne im Neubritannienarchipel im Dezember 1878 diente Levison der Korvette als Lotse und Führer. Von deren Kommandanten wurde er rückblickend als einer derjenigen Männer gewürdigt, deren nautischen Angaben über das Inselgebiet man „rückhaltlos“ vertrauen könne.[23] Ungeachtet seiner Leistungen als Seemann, Handelspionier und Entdecker galt Levison den meisten Zeitgenossen aber als moralisch suspekt. Reverend Benjamin Danks, der Leiter der wesleyanischen Mission auf der Gazelle-Halbinsel, äußerte nach Levisons gewaltsamem Tod, dass über die „Schlechtigkeit“ des Kapitäns im Archipel kaum Zweifel bestanden hätten.[24] Kolonialschriftsteller Hugo Zöller hielt es für fraglos, dass Levison in der Südsee eine „gewisse Berühmtheit“ erlangt hätte, allerdings nicht im positiven Sinn.[25] Der Südseekaufmann Eduard Hernsheim sah laut dessen Biograf Jakob Anderhandt in Levison einen „zwielichtig-eifersüchtigen“ Mann.[26]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld. Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, ISBN 978-3-86991-626-2.
  • Jakob Anderhandt: Mord an einem Eutiner Südseefahrer? : Kapitän Georg Christoph Levison (1845–1879). In: Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 47. Jg., Verband zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen e.V., Eutin 2013, S. 113–145.
  • Benjamin Danks: In Wild New Britain: The Story of Benjamin Danks, Pioneer Missionary. Edited by W. Deane, with a foreword by T. Griffiths. Angus & Robertson, Sydney 1933.
  • Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. Brill, Leiden 1910.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jakob Anderhandt: Mord an einem Eutiner Südseefahrer? : Kapitän Georg Christoph Levison (1845–1879). In: Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 47. Jg., Verband zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen e.V., Eutin 2013, S. 113–145, hier: S. 114.
  2. Sydney Morning Herald, 25. November 1865, S. 6, oben. (Englisch, abgerufen am 6. Dezember 2012).
  3. Eine Ankunft der Iserbrook auf Pohnpei im Juni 1872 ist belegt in: Francis X. Hezel: Foreign Ships in Micronesia: A Compendium of Ship Contacts with the Caroline and Marshall Islands 1522–1885. Trust Territory Printing Office, Saipan 1979, S. 78. (Englisch, abgerufen am 6. Dezember 2012).
  4. Richard Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee: Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoninseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907, S. 850ff. (Englisch, abgerufen am 6. Dezember 2012).
  5. N. de Miklouho-Maclay [sic] an Commodore Wilson, o.D., in J. C. Wilson: Labour Trade in the Western Pacific, Thomas Richards (Government Printer), Sydney 1881, S. 10–13, hier S. 10.
  6. Vgl. Peter Corris: Vorwort zum Nachdruck: William T. Wawn: The South Sea Islanders and the Queensland Labour Trade … . Swan Sonnenschein, London 1893. Nachdruck: (= Pacific History Series No. 5). Australian National University Press, Canberra 1973, ISBN 0-7081-0822-9, S. xxiv.
  7. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, ISBN 978-3-86991-626-2, S. 87.
  8. Stuart G. Firth: German Recruitment and Employment of Labourers in the Western Pacific before the First World War. Dissertation, Oxford University 1973. British Library Document Supply Centre, Wetherby [19--] (Mikrofilm), S. 14.
  9. Vgl. Peter Corris: Vorwort zum Nachdruck: William T. Wawn: The South Sea Islanders and the Queensland Labour Trade … . Swan Sonnenschein, London 1893. Nachdruck: (= Pacific History Series No. 5). Australian National University Press, Canberra 1973, S. xxv, ferner auch Australasian, 20. September 1873, hier irrtümlich Tyrebrook.
  10. a b Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828-1885. Leiden: Buchhandlung und Druckerei E. J. Brill, 1910, S. 226.
  11. Peter Sack: Traditional land tenure and early European land acquisitions: the clash between primitive and western law in New Guinea. Australian National University, 1971, S. 66.
  12. Bartholomäus von Werner: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee. Brockhaus, Leipzig 1889, S. 386.
  13. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Bd. 1, S. 152 f.
  14. Vgl. George Brown, „Collection of Newspaper Cuttings Pacific Islands“, ohne Beleg d. Zeitung und Ausgabe, verwahrt in der Mitchell Library, Sydney.
  15. Zitiert nach Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Bd. 1, S. 256.
  16. Wilfred Powell: Wanderings in a Wild Country; or, three years amongst the cannibals of New Britain. Low, Marston, Searle & Rivington, London 1883, S. 268.
  17. auch: Hunabai Eu… (?), vgl. Heinz Schütte: „‚Stori Bilong Wanpela Man Nem Bilong Em Toboalilu‘: The Death of Godeffroy’s Kleinschmidt, and the Perception of History“. In: Pacific Studies, Vol. 14, No. 3 (1991), S. 69–96, hier: S. 74.
  18. Wilfred Powell: Wanderings in a Wild Country; or, three years amongst the cannibals of New Britain. Low, Marston, Searle & Rivington, London 1883, S. 268 f.
  19. Aussage vor Reverend Benjamin Danks, niedergelegt in dessen „Diary written in New Britain, 1878-1882“, Methodist Church Papers Nr. 616, Mitchell Library, Sydney, unter dem 21. August 1879.
  20. Beerdigung unter der Veranda: Vgl. den Tagebucheintrag von Benjamin Danks unter dem 13. August 1879 in „Diary written in New Britain, 1878-1882“, Methodist Church Papers Nr. 616, Mitchell Library, Sydney; Umbettung vgl. Heinz Schütte: „‚Stori Bilong Wanpela Man Nem Bilong Em Toboalilu‘: The Death of Godeffroy’s Kleinschmidt, and the Perception of History“. In: Pacific Studies, Vol. 14, No. 3 (1991), S. 69–96, hier: S. 74.
  21. Jakob Anderhandt: Mord an einem Eutiner Südseefahrer? : Kapitän Georg Christoph Levison (1845–1879). In: Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 47. Jg., Verband zur Pflege und Förderung der Heimatkunde im Eutinischen e.V., Eutin 2013, S. 113–145, hier: S. 142 f.
  22. Pacific Islands Monthly, Januar 1947, S. 10.
  23. Bartholomäus von Werner: Ein deutsches Kriegsschiff in der Südsee. Brockhaus, Leipzig 1889, S. 411.
  24. Tagebucheintrag von Benjamin Danks unter dem 21. August 1879, „Diary written in New Britain, 1878-1882“, Methodist Church Papers Nr. 616, Mitchell Library, Sydney.
  25. Hugo Zöller: Rund um die Erde: … Sitten- und Culturschilderungen aus den hervorragendsten Colonialländern, Band I. DuMont-Schauberg, Köln 1881, S. 129.
  26. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 466.