Georg Dertinger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Georg Dertinger (1949)

Georg Dertinger (* 25. Dezember 1902 in Friedenau; † 21. Januar 1968 in Leipzig) war ein deutscher Politiker (DNVP, Ost-CDU). Er war Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.

Leben[Bearbeiten]

Schulbildung, Studium und Beruf[Bearbeiten]

Georg Dertinger besuchte ab 1910 das Realgymnasium in Lichterfelde und Dahlem. Nach dem Tod seine Vaters Rudolf Dertinger – zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Leutnant an der Front in Ostpreußen im Oktober 1914 – konnte der Halbwaise eine Freistelle in der Kadettenanstalt[1] im Schloss Plön in Holstein zu Ostern 1916 bekommen und setzte zwei Jahre später an der Groß-Lichterfelder Hauptkadettenanstalt seine Ausbildung als Kadett fort. Das Abitur legte Georg Dertinger an der Staatlichen Bildungsanstalt Anfang 1922 im früheren Kadettenhaus in Berlin-Lichterfelde erfolgreich ab.[2] Er arbeitete während seines Studiums der Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft an der Universität Berlin sowie auch nach dessen Abbruch bei der Magdeburgischen Zeitung[3] und später in der Magdeburger Redaktion der Bundeszeitung des Stahlhelm.

Mitgliedschaft bei der DNVP[Bearbeiten]

Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei. Dertinger gehörte dem Deutschen Herrenklub an und hatte enge Kontakte zum Tat-Kreis Franz von Papens. Er begleitete Papen 1933 bei den Verhandlungen um das Konkordat zwischen Deutschem Reich und Heiligem Stuhl. Ab 1934 war er Mitarbeiter des Dienstes aus Deutschland[4] und verschiedener Provinzzeitungen.

Mitgliedschaft bei der Ost-CDU[Bearbeiten]

Dertinger gehörte 1945 zu den Mitbegründern der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) in der Sowjetischen Besatzungszone und war ihr Pressereferent sowie ab 1946 Generalsekretär der CDU.[5] Er gehörte ihrem Vorstand sowie dem Verfassungs- und Koordinierungsausschuss an. Dertinger war seit Absetzung von Andreas Hermes einer der engsten Mitarbeiter von Hermes Nachfolger im Parteivorsitz, Jakob Kaiser, und Leiter des persönlichen Stabes beim CDU-Vorsitzenden. Im Zuge des politischen Sturzes von Kaiser und der Gleichschaltung der Ost-CDU machte ihn die SMA auch zum Hauptgeschäftsführer.[6] Dertinger wurde 1950 als provisorischer Landesvorsitzender der CDU von Sachsen berufen, nachdem Hugo Hickmann (Dresden) sein Amt in seinem Landesverband mit einer Erklärung am 30. Januar desselben Jahres vor dem „politischen Ausschuss des gleichgeschalteten Vorstandes“ der Ost-CDU niederlegt hatte.[7] Nach seinem Ausschluss aus der Ost-CDU im Zusammenhang mit Dertingers Verhaftung 1953 erschien in der DDR erst wieder 1983 eine über 50 Jahre alte Abbildung von ihm - Blick Gerald Göttings auf Georg Dertinger und umgekehrt - zusammen mit weiteren Mitgliedern einer Sitzung des Politischen Ausschusses der CDU im Berliner Haus der Parteileitung aus dem Sommer 1952.[8]

Abgeordneter und Minister[Bearbeiten]

Rede zur DDR-Gründung

Von 1949 bis 1953 war Dertinger Abgeordneter der Volkskammer und erster Minister für Auswärtige Angelegenheiten. Am 6. Juli 1950 unterzeichnete er als solcher das Görlitzer Abkommen mit Polen über die Oder-Neiße-Grenze[9] und zusammen mit dem amtierenden polnischen Außenminister Stanisław Skrzeszewski das Abschlussprotokoll der Grenzmarkierung am 27. Januar 1951 in Frankfurt/Oder.[10]

Politische Verfolgung[Bearbeiten]

Am 15. Januar 1953 wurde Dertinger vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verhaftet und in über 16-monatiger Haft in einer unterirdischen Zelle des U-Boots in Berlin-Hohenschönhausen für einen Geheimprozess vor dem Obersten Gericht der DDR präpariert.[11] Entsprechend den Vorgaben des Politbüros der SED[12] verurteilte es Dertinger zusammen mit Helmut Brandt und vier weiteren Angeklagten, weil sie es sich zum Ziel gesetzt hätten, die DDR zu beseitigen „und die Ausbeutungsverhältnisse der Monopolisten Großgrundbesitzer und Faschisten wiederherzustellen.“ Dertingers Tatbeitrag sei gewesen, „das Eindringen faschistischer bewaffneter Banden über die Demarkationslinie“ in die DDR zu organisieren. Unter dem Vorsitz Walter Zieglers erhielt Dertinger eine Strafe von 15 Jahren Zuchthaus.[13] Bereits 1952 war das MfS an Dertingers persönlichen Referenten, Gerold Rummler, herangetreten, um von ihm belastende Informationen über seinen Vorgesetzten zu erhalten. Rummler floh daraufhin nach West-Berlin. Nach dem Prozess war Dertinger in Haft in der Justizvollzugsanstalt Bautzen. 1964 wurde Dertinger nach Fürsprache Göttings bei Walter Ulbricht nach einer Sitzung des DDR-Staatsrat begnadigt und arbeitete danach für den St. Benno-Verlag in Leipzig.[14]

Grabstätte Georg Dertinger und Frau auf dem Südfriedhof in Leipzig

Auch die Familie Dertingers wurde Opfer stalinistischer Verfolgung: Seine Ehefrau wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie auch verbüßen musste. Der damals mit 15 Jahren älteste Sohn Rudolf erhielt drei Jahre Zuchthaus nach Erwachsenenstrafrecht und flüchtete danach in den Westen, wo er Journalist, u.a. bei der „Kölnischen Rundschau“ und der „Aachener Volkszeitung“, wurde. Die 13-jährige Tochter Oktavia wurde nach der Haft in die Obhut der ebenfalls zunächst verhafteten und dann ins Erzgebirge verbannten Großmutter gegeben. Der damals neunjährige Christian[15] kam mit neuer Identität zu SED-treuen Pflegeeltern, wurde nach acht Jahren seiner freigelassenen Mutter zurückgegeben und konnte erst nach der Wende sein Schicksal erkunden. Er lebt heute in Leipzig.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Georg Dertinger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sie Abschnitt Kadettenanstalt Plön 1867-1920 in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel) Heft 26 (November 1994) S. 3-100 , Digitalisiert
  2. Peter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. S. 22ff. und S. 296, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau [u. a.] 2005, ISBN 3-451-23007-0
  3. Peter Joachim Lapp: Georg Dertinger: Journalist – Außenminister – Staatsfeind. S. 296, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau [u. a.] 2005, ISBN 3-451-23007-0
  4. Lapp, Peter Joachim: Georg Dertinger: Journalist - Außenminister - Staatsfeind, vgl. Seite 52: Dertinger wurde 1938 als Parteiloser so genannter Hauptschriftleiter von Dienst aus Deutschland (D.a.D.). - Herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Verlag Herder, Freiburg/Basel/Wien, 2005, ISBN 3-451-23007-0
  5. Gradl, J. B. Gradl: Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, S. 192, Veröffentlichung der Konrad-Adenauer-Stiftung Archiv für Christlich Demokratische Politik, Köln, 1981; ISBN 3-8046-8584-6
  6. Vgl. den entsprechenden Artikel im Spiegel vom 12. Februar 1949 Digitalisat
  7. J. B. Anfang unter dem Sowjetstern. Die CDU in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, S. 159, ISBN 3-8046-8584-6
  8. Gerhard Fischer: Otto Nuschke. Ein Lebensbild, Union Verlag Berlin, 1. Auflage, 1983, Bildteilseiten 39/40 zwischen den Text-Seiten 144 und 145
  9. Als ehemaliger DDR-Außenminister wurde er bei späteren DDR-Veröffentlichungen von zeitgenössischen Fotos zur Unterzeichnung des Grenzabkommen von 1950 wegretuschiert. Solch ein retuschiertes Foto verwendete noch die Zeitung Neues Deutschland in der Ausgabe vom 7./8. Juli 1990, S. 13, worauf ein Leser in der Ausgabe vom 4. August 1990, S. 13, kritisch aufmerksam machte.
  10. Archiv-Foto und Bildunterschrift in Tageszeitung Neue Zeit, 29. März 1990, Seite 3; in Neues Deutschland, 28. Januar 1951, S. 1, gleiches Bildmotiv: Hauptabteilungsleiter Dr. Reintanz über die Urkunden gebeugt, während Dertinger und Skrzeszewski im Beisein der weiteren Delegationsteilnehmer unter dem Wandbild von DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck sich die Hände reichen.
  11. Karl Wilhelm Fricke:Geschichtsrevisionismus aus MfS-Perspektive (PDF; 132 kB)
  12. Falco Werkentin: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Christoph Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-069-4 , S. 319
  13. Auszug aus dem Urteil bei Karl Wilhelm Fricke: Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945-1968. Bericht und Dokumentation. Wissenschaft und Politik, Köln 1979, ISBN 3-8046-8568-4, S. 279
  14. Neue Zeit, 19. Februar 1991, Seite 3: Exklusiv-Interview mit dem früheren Vorsitzenden der Ost-CDU, Gerald Götting
  15. „Das verlassene Kind“ in Peter Hartl: Belogen, betrogen und umerzogen. Kinderschicksale aus dem 20. Jhd.