Jörg Jenatsch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Georg Jenatsch)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jenatsch 1636

Jörg (auch: Jürg oder Georg) Jenatsch (* 1596 in Lohn oder im Oberengadin; † 24. Januar 1639 in Chur) war ein Bündner Pfarrer und Politiker und galt in den Augen vieler Anhänger als der Retter Graubündens im Dreissigjährigen Krieg.

Jenatsch auf einer Zeichnung von Heinrich Kraneck, 1832

Leben[Bearbeiten]

Georg Jenatsch wurde 1596 geboren. Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob er im Oberengadin oder in Lohn im Schams zur Welt kam. Seine Kinderjahre verbrachte er im Pfarrhaus von Silvaplana. 1610 besuchte Jenatsch das Lektorium in Zürich, 1616 immatrikulierte er sich an der theologischen Fakultät der Universität Basel. Nach Studienabschluss wirkte er ab 1617 als Prädikant in Scharans im Domleschg.

Ab 1618 beteiligte sich Jenatsch an den wilden Parteikämpfen innerhalb der Drei Bünde. Er trat am Strafgericht von Thusis als fanatischer Gegner der spanisch-katholischen Partei auf und war mitverantwortlich für den Justizmord an Nicolò Rusca, Erzpriester von Sondrio, und Johann Baptist Prevost von Vicosoprano. Im gleichen Jahr wurde Jenatsch reformierter Prädikant in Berbenno bei Sondrio in der mehrheitlich katholischen Talschaft Veltlin. 1620 entkam er knapp dem Veltliner Protestantenmord nach Silvaplana. Als Racheakt ermordete Jenatsch im Jahre 1621 mit einigen Helfern den Führer der spanisch-katholischen Partei in den Drei Bünden Pompejus Planta auf seinem Schloss Rietberg im Domleschg.

Nach dem Einmarsch der Spanier und Österreicher in den Drei Bünden 1620 wurde das Land in den Bündner Wirren in den Dreissigjährigen Krieg hineingezogen. Jenatsch begann eine militärische Karriere, zuerst als Partisanenführer, dann als Hauptmann der Kavallerie in der Armee des pfälzischen Generals Ernst von Mansfeld. 1627 stieg er zum Major auf und liess sich auf ein Duell mit seinem Vorgesetzten ein, Oberst Jacob von Ruinelli, den er erdolchte. Im folgenden Jahr trat er in venezianische Dienste ein, wurde dort aber inhaftiert und zog darauf 1629 mit seiner Familie auf das Schloss Katzensteig bei Bischofszell im eidgenössisch beherrschten Thurgau.

Als 1634 der reformierte Herzog Henri II. de Rohan im Auftrag Kardinal Richelieus Graubünden besetzte, war Jenatsch im Rang eines Obersten seine rechte Hand. Da aber Richelieu Absichten zeigte, Graubünden und dessen Untertanengebiete als Pfand für den Friedensschluss zu behalten, führte Jenatsch zur Befreiung seiner Heimat Verhandlungen mit Österreich-Spanien. Zu diesem Zweck trat er 1635 im Kloster Rapperswil zur katholischen Kirche über. Es gelang ihm in meisterhafter Weise, Rohan zu täuschen und zugleich die Bündner beim französischen Heer sowie das ganze Land für seinen Plan zu gewinnen. Er wurde zum General der Drei Bünde ernannt und war mit der Unterstützung Spaniens in der Lage, die Franzosen am 5. Mai 1637 zum Abzug zu zwingen. Zugleich gelang es ihm mit diplomatischem Geschick, von Spanien die Rückgabe des Veltlins an Graubünden zu erwirken.

«Der Untergang des Jürg Jenatsch»
Historienbild von E. Sturtevant
Sturtevants Darstellung beruht genau auf der Romanvorlage von C.F. Meyer: „Jenatsch streckte sich nach dem nahen Kredenztische aus und erreichte dort mit der freien Hand einen schweren ehernen Leuchter, dessen gewichtigen Fuss er gegen seine Angreifer schwang, die von vorn fallenden Hiebe parierend.“
Ort des ehemaligen Staubigen Hüetlis, heute Teil des Alten Gebäu

Von da an war Jenatsch der politische und militärische Lenker seines Landes, wurde als «Direktor» des spanisch-österreichischen Bündnisses mit Reichtümern überschüttet und durch Philipp IV. von Spanien geadelt. Bei einem nächtlichen Gelage in Chur wurde er in der Fasnachtszeit während eines Trinkgelages in der Wirtschaft des Pastetenbäckers Lorenz (Laurentz) Fausch, dem «Staubigen Hüetli», am 21. Januar 1639 von einer Gruppe von maskierten Verschwörern ermordet. Der erste Täter, als Bär verkleidet, feuerte mit einer Pistole auf ihn, worauf ihn die anderen mit Knüppeln und Äxten niederstreckten.[1] Jenatsch wurde noch gleichentags in einer aufwändigen Trauerfeier in der Kathedrale in Chur beigesetzt.[2] Das «Staubige Hüetli» stand an der Stelle des Alten Gebäu an der Poststrasse 14.[3]

Die Mörder konnten nie ermittelt werden, es wurde aber vermutet, dass neben den von Planta und Guler auch spanische Agenten an der Ermordung beteiligt waren.

Exhumierungen[Bearbeiten]

Sommer 1959[Bearbeiten]

Im Sommer 1959 exhumierte der Zürcher Anthropologe Erik Hug (1911–1991) in der Churer Kathedrale den Leichnam von Georg Jenatsch.

Obwohl die Exhumierung allein aus wissenschaftlichen Gründen in jener Zeit aussergewöhnlich war, unterstützte der damalige Churer Bischof Christian Caminada die Aktion. Am 30. Juli stiessen die Arbeiter vor dem Katharinenaltar in der Kathedrale links des Eingangs auf ein Skelett, das für dasjenige von Jenatsch gehalten wurde. Obwohl der Bischof die Suche daraufhin für beendet erklärte, liess Hug ohne Erlaubnis weitergraben. Am 4. August 1959 stiess ein Arbeiter 110 Zentimeter unterhalb des heutigen Steinbodens östlich der Stelle, wo bis 1921 die Grabplatte Jenatschs gelegen hatte, auf einen Schädel mit zertrümmerter Schläfe und schwarzen Haarbüscheln. Die vollständige Exhumierung fand – nun mit dem Einverständnis des Bischofs – am 5. August statt.

Die auf dem Rücken liegende Leiche war bereits stark zersetzt; vom Schädel hatten sich nur die vordere Seite und die Schädeldecke erhalten. Von den übrigen Knochen fanden sich nur noch Reste des rechten Unterarms, eines linken Handwurzelknochens, des linken Schambeins sowie Reste des linken Beines und Fusses. Die Körperlänge betrug etwa 170 Zentimeter.

Jenatsch war in seinen Kleidern – Schultermantel, Seidenweste, Hemd, Kniehose und Kniestrümpfen – in einem konischen Sarg aus Tannenholz bestattet worden. Unter dem Hemd trug Jenatsch ein Skapulier, zudem fanden sich unter anderem Reste eines Rosenkranzes und zwei Medaillons.

Am 4. August 1961 wurden die Gebeine in der gleichen Grube wieder beigesetzt. Kleider, Skapulier und Rosenkranz wurden zurückbehalten. Sie werden im Churer Domschatzmuseum aufbewahrt.

Nach Auseinandersetzungen mit einem Bünder Historiker vermachte Erik Hug seine umfangreichen Untersuchungsunterlagen nicht wie versprochen dem Bündner Staatsarchiv, sondern dem Kloster Einsiedeln, wo sie im Juli 2009 18 Jahre nach Hugs Tod nach langer Suche in einem Tresorfach wieder zum Vorschein kamen. Bisher wurden die Untersuchungsergebnisse nicht veröffentlicht.[4]

März 2012 / Resultat Oktober 2012[Bearbeiten]

Im März 2012 wurde das Grab in der Churer Kathedrale erneut geöffnet. Eine DNA-Analyse sollte klären, ob es sich tatsächlich um den Leichnam Jenatschs handelt.[5] Die Ergebnisse wurden am 25. Oktober 2012 präsentiert. Das Resultat der DNA-Analyse war nicht eindeutig: Die Chance, dass es sich beim Skelett um Jörg Jenatsch handle, betrage 50 Prozent. Andere Indizien sprechen dafür: die exakte Position des Grabes wurde mit historischen Quellen abgeglichen, die Medaillons aus dem Grab und grossflächige Textiluntersuchungen stammen eindeutig aus der Zeit Jörg Jenatschs.[6] Auch das Alter des Verstorbenen und die Art seiner Verletzungen deuten auf Jenatsch hin. Darum gehen die Forscher davon aus, dass es sich um Jörg Jenatsch handle.[7] Die Forscher arbeiten mittels Computertomografie daran, eine dreidimensionale Gesichtsrekonstruktion vom Toten zu erstellen, um zu erfahren, wie der Tote ausgesehen hat.[8]

Jenatsch in den Augen der Nachwelt[Bearbeiten]

Von den Zeitgenossen die ihn kannten, wie Bartholomäus Anhorn, Fortunat Sprecher, Ulysses von Salis und Fortunat von Juvalta, von denen die wenigen zeitgenössischen schriftlichen Würdigungen stammen, wurden Jenatsch und seine Leistung eher kritisch gewürdigt.[9] Alle verurteilten Jenatschs Konversion als unverzeihlichen Verrat und alle, ausser Anhorn, sahen auf ihn als sozialen Aufsteiger herab, der das gesellschaftliche Gefüge (Aristokraten, Geistliche und einfaches Volk) aufzubrechen drohte. Mit Ausnahme von Salis’, der wie Jenatsch an Pompejus von Plantas Ermordung beteiligt war, fühlten sich zudem alle von Jenatschs Gewalttätigkeit vor den Kopf gestossen. Von Salis’ Bild von Jenatsch wird geprägt vom Verrat an Frankreich und der Art und Weise, wie er führende Persönlichkeiten wie von Salis selbst aus dem Rampenlicht verdrängte. Juvaltas persönliche Erinnerungen zeugen von Wut über Jenatschs Rolle im Thusner Strafgericht. Über die Höhepunkte in Jenatschs Karriere und insbesondere seine Rolle bei der temporären Rückgewinnung des Veltlins und beim Abzug des französischen Heeres aus dem Freistaat berichtete vor allem Bartholomäus Anhorn. Im Übrigen spielte Jenatsch in den schriftlichen Berichten der genannten Zeitgenossen, die alle versuchten ihre Betrachtungen in einen grösseren geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen, eine ziemlich geringe Rolle und tritt dort nur sporadisch in Erscheinung.

Jenatschstatue aus dem Jahr 2000 als Werbeträger für ein Hotel in Parpan
verklärende Infotafel zur Statue

Ausser aus diesen Chroniken behielt die Nachwelt durch Volkslieder und Spottgesänge, die zum Teil bereits vor seinem Tod kursierten, noch für einige Jahrzehnte eine eher verzerrte Erinnerung an den Machtmenschen Jenatsch.[10]

Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ehemaligen Untertanengebiete Veltlin, Bormio und Chiavenna längst verlorengegangen waren und aus dem Freystaat mit Nachhilfe der Franzosen ein Kanton der Eidgenossenschaft geworden war, begannen sich in Graubünden die Menschen nach einer Identifikationsfigur zu sehnen, die sie – nach Erscheinen einer systematischen Untersuchung der Schweizergeschichte durch Louis Vulliemin im Jahre 1844,[11][12] in der Georg Jenatsch als massgeblicher Protagonist der diplomatischen Manöver der 1630er Jahre eingehend gewürdigt wurde – in Jenatsch fanden. Es begann sich der Mythos eines Freiheitshelden um seine Person zu bilden, der sich, losgelöst von historischen Fakten, in literarischen Werken und patriotischen Bühnenstücken entwickelte.[13]

Der Hauptgrund, weshalb Jenatsch im 19. Jahrhundert wieder Eingang ins historische Gedächtnis des Volkes fand, war der Erfolg des 1876 erschienenen Romans von Conrad Ferdinand Meyer Jürg Jenatsch. Dieser war während der folgenden Jahrzehnte sogar Teil des Lehrplans für höhere Schulen, wodurch sich das Bild von Jenatsch als unerschrockenem Freiheitshelden und seiner tragisch endenden, verbotenen Liebe zur Tochter seines Todfeindes Pompejus Planta bei Generationen von Schülern prägte.[14]

Die wissenschaftliche Geschichtsforschung insbesondere ab dem 20. Jahrhundert revidierte wieder das Bild von Georg Jenatsch.[15] Sowohl in der 1894 publizierten Biographie von Ernst Haffter, wie auch in jener seit 1938 in mehreren überarbeiteten und ergänzten Auflagen erschienenen Biographie von Alexander Pfister, treten aufgrund umfassender Auswertung zeitgenössischer Dokumente und Briefe wieder weniger altruistische Charaktereigenschaften Jenatschs zu Tage, wie Skrupellosigkeit und Neigung zu Gewaltexzessen bis hin zu Terrorismus, unbedingtes Streben nach Erhebung in den Adelsstand sowie Machtgier als Motiv für sein Wirken. Sein Übertritt zum Katholizismus wird von einigen Historikern weniger eindeutig als Ausdruck eines skrupellosen Opportunismus gesehen, sondern die Möglichkeit eines tiefgreifenden Wandels seiner inneren Überzeugung erwogen. Randolph C. Heads Buch Jenatschs Axt von 2012 stellt den aktuellen Stand der Forschung dar.

Unter weitgehender Verdrängung der historischen Fakten wird Jenatschs Mythos als Freiheitsheld in Graubünden gerne für kommerzielle Zwecke genutzt, vor allem für Namen von Gastwirtschaften.[16]

Rezeption[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Haffter: Georg Jenatsch: ein Beitrag zur Geschichte der Bündner Wirren. Hugo Richter, Davos 1894 (Nachdruck: Bertrams Print on Demand 2010, ISBN 978-1-148-38979-0).
  • Randolph C. Head: Jenatsch’s axe: social boundaries, identity, and myth in the era of the Thirty Years’ War (= Changing Perspectives on Early Modern Europe. Bd. 9). University of Rochester Press, Rochester, New York 2008, ISBN 978-1-58046-276-1.
  • Randolph C. Head: Jenatschs Axt: Soziale Grenzen, Identität und Mythos in der Epoche des Dreissigjährigen Krieges. Aktualisierte Übersetzung. Desertina, Chur 2011, ISBN 978-3-85637-413-6.
  • Manuel Janosa: Die Exhumierung des Jörg Jenatsch im Jahre 1959. In: Bündner Monatsblatt, 5/2010. Desertina, Chur 2010.
  • Christian Immanuel Kind: Jenatsch, Georg. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 13, Duncker & Humblot, Leipzig 1881, S. 763–766.
  • Wolfram Mirbach: Jenatsch, Georg (Jürg). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 3, Bautz, Herzberg 1992, ISBN 3-88309-035-2, Sp. 23–24.
  • Alexander Pfister: Jörg Jenatsch. Sein Leben und seine Zeit. 5. Auflage. Desertina, Chur 1991, ISBN 3-905241-21-8 (Erstauflage: Georg Jenatsch. Sein Leben und seine Zeit. Zu seinem 300. Todestage. Schwabe, Basel 1938).
  • Jean J. Winkler: Jörg Jenatsch und der erste Verlust des Veltlins. Winkler, Zürich 1965.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Georg Jenatsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Dürrenmatt: Schweizer Geschichte. Schweizer Verlagshaus, Zürich 1976
  2. HLS
  3. Stadt Chur
  4. Manuel Janosa: Die Exhumierung des Jörg Jenatsch im Jahre 1959. In: Bündner Monatsblatt, 5/2010
  5. NZZ
  6. Brigit Weibel: DNA-Test kann Jenatsch-Rätsel nicht lösen. Schweizer Fernsehen, 25. Oktober 2012
  7. Alles beim Alten bei Jenatsch. In: Neue Zürcher Zeitung, 25. Oktober 2012
  8. Simone Rau: Aktenzeichen J J ungelöst – auch weiterhin. In: Tages-Anzeiger, 25. Oktober 2012
  9. dazu und zum Folgenden: ausführlich bei Head, 2012 (siehe oben: Literatur) S. 208–211
  10. Head, S. 211
  11. Louis Vulliemin: Geschichte der Eidgenossen während des 16. und 17. Jahrhunderts, 3 Teile. Orell Füssli, Zürich 1844 (deutsche Übersetzung aus dem Französischen)
  12. 2. Teil des Buches auf Google Books
  13. Head, S. 214 ff.
  14. Head, S. 233
  15. hierzu und zum Folgenden: Head, S. 233 ff.
  16. Head, S. 241 ff.
  17. Universaledition