Georges-Arthur Goldschmidt

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Georges-Arthur Goldschmidt (Literaturhaus Köln, 6. März 2007)
Goldschmidt ga literaturhaus koeln 2007.mpg.OGG
Ausschnitt der Lesung von Georges-Arthur Goldschmidt im Literaturhaus Köln am 6. März 2007

Georges-Arthur Goldschmidt (* 2. Mai 1928 in Reinbek bei Hamburg) ist ein französisch-deutscher Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Er lebt in Paris.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Georges-Arthur (Jürgen-Arthur) Goldschmidt kommt 1928 in Reinbek bei Hamburg als Sohn des Oberlandesgerichtsrats Arthur Goldschmidt (1873–1947) und von Toni Katharina-Maria Jeanette Horschitz, genannt Kitty (* 9. Februar 1882 in Kassel, † 2. Juni 1942 in Reinbek bei Hamburg), zur Welt. Obwohl die ursprünglich jüdische Familie bereits im 19. Jahrhundert zum Protestantismus gewechselt ist – Georges-Arthur wird dementsprechend auch evangelisch-lutherisch getauft –, bleibt sie vom Antisemitismus des aufkommenden Nationalsozialismus nicht verschont.

Das angespannte Klima veranlasst die Eltern 1938, Georges-Arthur gemeinsam mit seinem älteren Bruder Erich nach Florenz zu schicken, wo er bei Paul Binswanger Unterschlupf findet. Im März 1939 flüchten die Brüder weiter ins französische Savoyen, wo Georges-Arthur in einem Internat bei Annecy unterkommt. Die dortigen, ihn langzeitig traumatisierenden und konditionierenden Gewalterfahrungen hat er später unter anderem in seiner Erzählung Die Absonderung (1991) und in vielen seiner weiteren Werke verarbeitet. Während der deutschen Besetzung Savoyens (1943–44) wird er von Bergbauern versteckt gehalten, was ihn vor der sicheren Deportation bewahrt. Seine Mutter überlebt die NS-Zeit hingegen nicht, der Vater kehrt aus Theresienstadt nach Reinbek zurück, stirbt aber kurze Zeit später. Die ersten Jahre nach der Befreiung verbringt er in einem jüdischen Waisenhaus in Pontoise bei Paris. 1949 wird er französischer Staatsbürger und konvertiert zum Katholizismus.[1] Nach dem Abitur im Jahr 1948 nimmt er an der renommierten Sorbonne ein Germanistikstudium auf, 1957 legt er das französische Lehrexamen ab und unterrichtet von da an bis zu seiner Pensionierung 1992 an verschiedenen Gymnasien in und um Paris. Seit 1995 ist er Mitglied der Darmstädter Akademie.

Schriftstellerisch betätigt sich Goldschmidt erstmals in den 1960er-Jahren. Er beginnt für namhafte Zeitschriften zu schreiben, teilweise in Zusammenarbeit mit seiner Frau Lucienne Geoffrey, es folgen erste Essays und Romane in französischer Sprache. Neben der Schriftsteller-Tätigkeit macht sich Goldschmidt auch als Literaturkritiker und Übersetzer einen Namen. Zu den von ihm übersetzten Autoren und Philosophen gehören etwa Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Franz Kafka, Adalbert Stifter, Johann Wolfgang Goethe sowie der mit ihm befreundete Österreicher Peter Handke, welcher seinerseits wiederum einige Werke Goldschmidts ins Deutsche übertragen hat.

1997 wird Goldschmidt die Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück verliehen, eine Auszeichnung, mit der, so der Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück, sein Einsatz als „einzigartiger Grenzgänger und Brückenbauer“ zwischen Deutschland und Frankreich gewürdigt werden soll. Weiterhin heißt es von Seiten des Fachbereichs zu Goldschmidts literarischem Werk:

„Georges-Arthur Goldschmidt hat die historische Verantwortung Deutschlands und das Verbrechen des Antisemitismus in ihren extremen Konsequenzen für den Einzelnen sichtbar gemacht. Seine autobiographische Prosa läßt die Dimension der inneren Gefährdung dessen, der ins Räderwerk der Verfolgung gerät, auf erschütternde Weise erkennen.“ [2]

2009 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Reinbek angetragen.

[Bearbeiten] Sprach- und Übersetzungsdenken

Die französische Sprache schenkte ihm die Muttersprache zurück; denn in der französischen Sprache, der Sprache des Schutzes, derjenigen also, die das Leben aufs Spiel setzten, den jungen Goldschmidt vor den Kollaborateuren zu schirmen, fand jener die hospitalité: die Aufnahmebereitschaft der Sprache. Verantwortungsvolle Aufgabe ist ihm, den eigenen Text aus der Sprache des Schutzes in die Sprache der Aussetzung zu bringen,

weil mit dem damaligen Entsetzen nicht alles gesagt sein durfte, weil die deutsche Sprache doch so ganz anderes sagt und sie damals so wundervoll von Menschen gesprochen wurde wie zum Beispiel Hans oder Sophie Scholl […]. Durch die Sprache des Schutzes kam mir die Muttersprache zurück, erhalten, wie unverwundet und nicht verschandelt, wie nicht vom Vokabular des Mordens betroffen, was mir blieb, war die Sprache Joseph Eichendorffs oder Heinrich Heines.[3]

Das kulturvermittelnde Übersetzen, im Sinne der hospitalité, schließlich, bedeute, dem anderen seine Menschlichkeit zeigen:

Nichts ist unangenehmer als eine Unterhaltung in fremder Sprache, die man nicht versteht, weil Sprechen zum Verstehen drängt, zur Menschlichkeit des anderen, denn Mensch bin ich ja gerade durch das Verstehen, nicht der Zeichen, sondern des Sprechens, und nur Menschen sprechen.[4]

Wenn bei Goldschmidt also sowohl dieses „Eigene“ als auch das „Andere“ sprachlich angeeignet sind und diese Menschlichkeit immer auch in der gegenseitigen Unerreichbarkeit des „Anderen“ oder des „Eigenen als Anderem“ offenbar wird, so bedeutet das Übersetzen für ihn, bewusst oder unbewusst, ein Moment des Verstehens in die eigene Identität. Das Spannungsverhältnis seiner Identitäten scheint Goldschmidt gleichsam räumlich zu fühlen:

Je tiefer man in einer Sprache sitzt, desto mehr wird man von ihr besessen und desto mehr braucht man eine andere Sprache, um auf Distanz [sic!] bleiben zu können.[5]

Und dieses Spannungsverhältnis[6] erfährt er als positives, bereicherndes Moment, das davor gehütet habe, dem Deutsch der Nazis zu verfallen.[7]

[Bearbeiten] Auszeichnungen

Die Begründung der Jury für die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises: Der Geschwister-Scholl-Preis wird in diesem Jahr einem Buch verliehen, mit dem sein Autor nach zwei thematisch ähnlichen Arbeiten zur deutschen Sprache zurückgefunden hat. Die Erzählung „Die Absonderung“ zeichnet in höchst eindrucksvoller Weise die Erfahrungen eines Kindes nach, das zum Opfer der Willkürmaßnahmen einer Diktatur geworden ist. Georges-Arthur Goldschmidt veranschaulicht uns in beklemmenden Bildern das Erlebnis eines Opfers, das nicht anders kann, als nach und nach die Rolle des Opfers zu akzeptieren. Erfahrung und Sprache sind in dem Text eine vollendete Verbindung eingegangen. Sie bezeugt eine Nähe von beidem im Bewusstsein des Autors, von der dieser in der Absonderung selber spricht: „Als er am Spähwagen vorbeikam und so tat, als ginge ihn das nichts an, hörte er zwei Soldaten über ihn sprechen. Gierig beinahe hörte er nach dem Klang der Muttersprache. Jahrelang hatte er ihn nicht mehr gehört, und doch verstand er jedes Wort.“ Dem Dichter Georges-Arthur Goldschmidt verdanken wir es, wenn wir von unserer Muttersprache und von uns selbst wieder etwas mehr verstehen. [9]

[Bearbeiten] Literarische und essayistische Werke (deutschsprachige Auswahl)

  • Der Spiegeltag. 1982 („Le miroir quotidien“, 1981). Ins Deutsche übertragen von Peter Handke
  • Ein Garten in Deutschland. 1988 („Un jardin en Allemagne“, 1986). Ins Deutsche übertragen von Eugen Helmlé
  • Der unterbrochene Wald. („La forêt interrompue“, 1991). Ins Deutsche übertragen von Peter Handke
  • Die Absonderung. Erzählung. Zürich (Ammann) 1991
  • Der bestrafte Narziss. 1994 (Narcisse puni, 1990). Ins Deutsche übertragen von Mariette Müller
  • Die Aussetzung. Zürich (Ammann) 1996
  • Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache. Zürich (Ammann) 1999, ins Deutsche übertragen von Brigitte Große
  • Über die Flüsse. Autobiografie, 2001. Ins Deutsche übertragen vom Autor
  • In Gegenwart des abwesenden Gottes. 2003. Ins Deutsche übertragen von Brigitte Große
  • Der Stoff des Schreibens. Essay. Berlin (Matthes & Seitz) 2005, ISBN 978-3-88221-862-6
  • Freud wartet auf das Wort. Freud und die deutsche Sprache II. Ins Deutsche übertragen von Brigitte Große. Zürich (Ammann) 2006
  • Schwarzfahrer des Schicksals in: Martin Doerry (Hg): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust DVA, München 2006 ISBN 3421042071 (auch als CD) S. 186–194
  • Die Befreiung. Erzählung. Zürich (Ammann) 2007, ISBN 978-3-250-10508-4 [10][11]
  • Die Faust im Mund. Essay. Ins Deutsche übertragen von Brigitte Große. Zürich (Ammann) 2008, ISBN 978-3-250-30021-2
  • Des Pudels Kern. Ein Gespräch (mit Tim Trzaskalik). Berlin (Matthes & Seitz) 2008, ISBN 978-3-88221-737-7
  • Meistens wohnt der den man sucht nebenan. Kafka lesen. Essay/s. Ins Deutsche übertragen von Brigitte Große. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2011, ISBN 978-3-10-027824-1
  • Ein Wiederkommen. Erzählung. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2012

[Bearbeiten] Übersetzungen (Auswahl)

  • Walter Benjamin: Allemands. Une série de lettres. Paris 1979.
  • Georg Büchner: Lenz. Paris 2003.
  • Johann Wolfgang Goethe: Les souffrances du jeune Werther. Paris 1973.
  • Peter Handke: Le non-sens et le bonheur. Poèmes. Paris 1975.
  • Ders.: L’Absence. Paris 1991.
  • Ders.: Don Juan. Paris 2006.
  • Thomas Jonigk: Jupiter. Paris 2004.
  • Franz Kafka: Le procès. Paris 1983.
  • Ders.: Le Château. Paris 1984.
  • Friedrich Nietzsche: Ainsi parlait Zarathoustra. Paris 1972.
  • Adalbert Stifter: L’homme sans postérité. Paris 1979.

[Bearbeiten] Literatur

  • Wolfgang Asholt (Hg): Studien zum Werk von Georges-Arthur Goldschmidt. Osnabrück 1999.
  • Klaus Bonn: Zur Topik von Haus, Garten und Wald, Meer. Georges-Arthur Goldschmidt. Bielefeld 2003, ISBN 3-89528-395-9.
  • Michaela Holdenried: Das Ende der Aufrichtigkeit? Zum Wandel autobiographischer Dispositive am Beispiel von Georges-Arthur Goldschmidt. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 149. Jg., 234. Bd., 1997 H. 1, S. 1–19.
  • Günther Rüther: Wohnen zwischen den Sprachen: Der deutsch-französische Autor Georges-Arthur Goldschmidt. Einführung in Leben und Werk. In: Französische Gegenwartsliteratur. Reihe: Begegnungen mit dem Nachbarn, Band 3. KAS St. Augustin 2004, ISBN 3937731334, S. 127–137 (Kurzfassung siehe Weblinks).
  • Tim Trzaskalik: Gegensprachen. Das Gedächtnis der Texte. Georges-Arthur Goldschmidt. Frankfurt 2007 ISBN 978-3-86109-178-3.

[Bearbeiten] Siehe auch

  • Jüdische Kulturtage im Rheinland: G-A. G. und Joachim Helfer. Lesung und Gespräch über Bereiche, in denen Sprache und Seele durcheinander fluten. Nach der Studie Als Freud das Meer sah setzt Goldschmidt in Freud wartet auf das Wort seine Untersuchung der deutschen Sprache vor dem Hintergrund der Psychoanalyse fort. Er analysiert das Gemeinsame von Sprachreinigung und Sprachzerstörung. Er sieht in der deutschen Sprache eine „Grundsprache“, die von keiner anderen Sprache maßgeblich beeinflusst worden ist.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Nachweise

  1. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=699 In Gegenwart des abwesenden Gottes (Klappentext)
  2. Zeitungsartikel der Uni Osnabrück zur Verleihung der Ehrendoktorwürde (1997)
  3. Vgl. Georges-Arthur Goldschmidt: „Wie Grün Rot werden soll oder Die Metamorphose des Übersetzens“, in: Alberto Gil / Manfred Schmeling: Kultur übersetzen. Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog, Berlin: Akademie-Verlag 2009, S. 13 f.
  4. Ebd., S. 9.
  5. Ebd.; vgl. zur künstlerischen Anverwandlung dieser Bewegung „zwischen den Räumen“ den Gedichtband zweiträume von Marlon Poggio, mit Zeichnungen von Ursula Krimm und einem Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt, München: scaneg-Verlag 2011, ISBN 978-3-89235-514-4.
  6. Vgl. hierzu z.B. Pierre Deshusses / Irène Kuhn: „Der Übersetzer: ein Seiltänzer über dem Abgrund der Sprachen“, in: Alberto Gil / Manfred Schmeling: Kultur übersetzen. Zur Wissenschaft des Übersetzens im deutsch-französischen Dialog, Berlin: Akademie-Verlag 2009, S. 49 ff.
  7. Vgl. zum Deutschen als „Untertanensprache“ das Gespräch von Georges-Arthur Goldschmidt mit Franziska Augstein in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende vom 21.01.2012.
  8. Georges-Arthur Goldschmidt erhält den Breitbach-Preis 2005
  9. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 1991
  10. „Mit der Scham leben – Georges-Arthur Goldschmidt beschreibt seine Befreiung aus Destruktion und Diktatur“, Die Welt, 24. November 2007
  11. „Infame Pädagogik“ – Rezension zu Die Befreiung auf das-beste-lesen.de, 3. Oktober 2007
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