Gerald Bull

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Gerald Bull, 1964

Gerald Vincent Bull (* 9. März 1928 in Ontario, Kanada; † 22. März 1990 in Brüssel, Belgien) war ein kanadischer Ingenieur, der durch seine Forschung an Artilleriegeschützen bekannt wurde.

Leben[Bearbeiten]

Erste Forschungen[Bearbeiten]

Gerald Bull schloss 1951 sein Studium erfolgreich ab und graduierte im selben Jahr an der Universität von Toronto. Er verbrachte die 1950er Jahre in Kanada und forschte an der Überschallaerodynamik von Raketen. Man hatte zu dieser Zeit sehr spärliche Kenntnisse über das Flugverhalten von Flugzeugen und Raketen im Überschallbereich. Überschallwindkanäle waren noch in der Entwicklung und brachten nicht die erforderliche Leistung.

Überschallflug[Bearbeiten]

Bull ging dieses Problem von einer anderen Seite her an. Anstatt Wind mit Überschallgeschwindigkeit an einem stehenden Raketenmodell vorbeizuführen, schoss er maßstabsgerechte Modelle mit Überschallgeschwindigkeit entlang einer Teststrecke. Das Flugverhalten wurde mit Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt und anschließend ausgewertet. Er benutzte hierzu Marinekanonen vom Kaliber 40,6 cm. Die Raketen und Flugzeugmodelle wurden von hölzernen, mehrfach in Längsrichtung geteilten Treibspiegeln getragen, die den Raum zwischen Modell und Innenwand der Kanone abdichteten. Sie wurden nach Verlassen des Rohres abgeworfen und das Modell flog im Überschallflug die Teststrecke entlang.

Da der Überschallbereich bereits bei mehr als rund 350 m/s beginnt (die normale Mündungsgeschwindigkeit der Marinekanonen lag bei etwa 820 m/s) und die Modelle mit Treibspiegel (55–85 kg) nur einen Bruchteil des Gewichts einer Granate (1000–1200 kg) hatten, waren keine weiteren Umbaumaßnahmen am Geschützrohr erforderlich. Kostengünstiger konnte kein Überschallwindkanal arbeiten.

Allerdings war diese Methode mit zwei Nachteilen gegenüber Höhenforschungsraketen verbunden: Erstens war die Messzeit auf wenige Sekunden beschränkt, zweitens und schwerwiegender gab es wegen der starken Beschleunigung und des geringen Volumens starke Limitierungen bei der Instrumentierung der Versuchskörper. Aus diesem Grund wurden die Tests und damit auch die Fördergelder Mitte der 1950er Jahre eingestellt. Zudem war man nun in der Lage, in Überschallwindkanälen das Flugverhalten von Jets und Raketen ausführlich zu testen.

Hoch hinaus mit HARP[Bearbeiten]

Abschuss der HARP-Kanone

Anschließend arbeitete er an einem Projekt, um Satelliten mit riesigen Kanonen in den Orbit zu schießen. Für dieses High Altitude Research Project errichtete man auf der Karibikinsel Barbados ein Testzentrum. Zu Beginn der Versuche herrschte Geldknappheit, denn zur gleichen Zeit forschte Wernher von Braun mit hohem Budget an ballistischen Raketen.

Bull benötigte leistungsstarke Kanonen, um mit seinen Geschossen auch nur annähernd in die Nähe des Orbits zu gelangen. So stellte er ab 1960 Versuche mit ausgemusterten Marinekanonen der U.S. Navy an, die ein Kaliber von 40,6 cm (16 Zoll), 20 Meter Rohrlänge und ein Gewicht von 125 Tonnen hatten. Er verlängerte die Läufe auf 36 Meter, entwickelte Spezialgeschosse (Martlets) von nur 84 kg Gewicht, bzw. bis 210 kg bei der Martlet 2 (die Original-Geschosse wogen rund 1200 kg), verbesserte die Treibladungspulver.

Man erreichte damit eine Mündungsgeschwindigkeit von 3600 m/s, gegenüber etwa 825 m/s der Originalgeschosse. Mit der Kanone wurde fast senkrecht nach oben geschossen, mit leicht östlicher Richtung auf das Meer hinaus. Die erreichte Schusshöhe betrug schließlich 100 Kilometer. Diese Steigerung der Geschützleistung gegenüber der Originaltechnik wurde von Bull mit nur 10 Mio. Dollar erreicht – im Vergleich zur Raketenentwicklung ein sehr kleines Budget.

Die erreichten Geschwindigkeiten waren jedoch zu gering, um einen Orbit zu ermöglichen, denn hierfür ist die erste kosmische Geschwindigkeit von 7900 m/s notwendig, weswegen geplante aber nie umgesetzte spätere Martlets Base-Bleed-artige Geschosse mit Raketenstufe gewesen wären.

Geschütze für Südafrika und Irak[Bearbeiten]

Ende der 1970er Jahre entwickelte Bulls Firma Space Research Corporation die GC-45-Haubitze. Ein Geschütz mit dem Kaliber 155 mm und 41 Kilometer Reichweite. Im Vergleich zur damaligen amerikanischen 155-mm-Haubitze, die 28 Kilometer Reichweite aufwies, war dies eine Steigerung von fast 50 %. Erreicht wurde dies durch die von Bull entwickelten Spezialgeschosse und -läufe. Hierbei wurde außen am besonders geformten Geschossboden ein Glimmsatz angebracht, welcher beim Abschuss der Granate im Kanonenrohr gezündet wurde. Der Satz verbrannte unter Gasentwicklung während des Flugs und verminderte so den bremsenden Sog, der sich hinter dem Geschoss bildet – derlei Geschosse werden auch als Base-Bleed-Geschosse bezeichnet.

An dieser Entwicklung waren verschiedene Länder interessiert; China, Singapur und auch Südafrika, das wegen seiner Apartheidspolitik mit einem UN-Waffenembargo belegt war. Wegen Waffenschmuggels nach Südafrika wurde Bull – seine Firma hatte eine Niederlassung in den USA – 1980 zu 6 Monaten Haft durch ein Gericht in Vermont verurteilt.[1]

Diese Haubitzen kamen zum Beispiel 1983 bei Gefechten der südafrikanischen Armee mit Rebellen der SWAPO in Angola zum Einsatz, ebenso als Gun Howitzer Noricum während des Ersten Golfkriegs. 200 Geschütze wurden in den Irak geliefert.

Projekt Babylon[Bearbeiten]

Hauptartikel: Projekt Babylon
sichergestellte Komponente des Projekts Babylon

Anfang 1988 nahm Bull Kontakt auf mit dem irakischen Minister des Ministeriums für Industrie und militärische Industrialisierung, General Hussein Kamel. Er bot dem Irak eine Superkanone an, der Saddam Hussein nicht abgeneigt war.[1] Sie sollte in der Lage sein, auch Israel zu erreichen.[2][3] Mehrere „Superkanonen“ wurden unter dem Projekt Babylon geplant und ein Geschütz tatsächlich zur Einsatzreife gebracht. Anfang 1990 vereitelte der britische Geheimdienst Secret Intelligence Service weitere Lieferung für die „Supergun“ mit dem Kaliber 1000 mm, die zumindest nach Presseberichten Ladungen bis zu 600 kg in eine Umlaufbahn (Orbit) oder einen Sprengkopf über Distanzen bis 1000 km befördern konnte. Laut Aussage des irakischen Generals Hussein Kamel sollte die Waffe verwendet werden, um feindliche Satelliten lahmzulegen:[4]

“It was meant for long-range attack and also to blind spy satellites. Our scientists were seriously working on that. It was designed to explode a shell in space that would have sprayed a sticky material on the satellite and blinded it.”

„Es war für Angriffe auf große Entfernung und für die Blendung von Spionagesatelliten ausgelegt. Unsere Wissenschaftler haben tatsächlich daran gearbeitet. Es wurde so entworfen, dass eine Granate im All explodieren und ein haftendes Material auf den Satelliten versprühen sollte, um ihn zu blenden.“

Ermordung[Bearbeiten]

Am 22. März 1990 wurde Bull vor der Tür seiner Wohnung in Brüssel mit fünf Schüssen in Kopf und Rücken getötet. Der Täter ist unbekannt, einige Berichte spekulierten, dahinter stehe der israelische Geheimdienst Mossad.[5][6][7][8]

Acht Wochen nach Bulls Ermordung verhinderte der britische Zoll den Export der letzten benötigten Rohrelemente von England in den Irak. Nach dem zweiten Golfkrieg 1991 wurden die noch unvollständigen Geschütze von den Alliierten demontiert.

Mediale Verwertung[Bearbeiten]

Die Vorgänge von Projekt Babylon wurden in dem Kinofilm Doomsday Gun von 1994 verfilmt, mit Frank Langella in der Hauptrolle als Gerald Bull, sowie Kevin Spacey, Alan Arkin, und Clive Owen in Nebenrollen. Sie bilden auch den Hintergrund des Romans Die Faust Gottes von Frederick Forsyth. Des Weiteren verarbeitete David Michaels in seinem Roman Babylon Phoenix, der auf der Spielereihe Splinter Cell aufbaut, Details des Projektes zu einer fiktiven Geschichte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerald V. Bull, Charles H. Murphy: Paris Kanonen. The Paris Guns (Wilhelmgeschutze) and Project HARP. E. S. Mittler, Herford 1988
  • William Lowther: Arms and the Man. Dr. Gerald Bull, Iraq, and the Supergun. Presidio, Novato 1991
  • James Adams: Bull’s Eye. The Assassination and Life of Supergun Inventor Gerald Bull. Times Books, New York 1992

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b nytimes.com Gerald Bull, 62, Shot in Belgium; Scientist Who Violated Arms Law, abgerufen am 5. Februar 2013
  2.  Melodie in Blei. In: Der Spiegel. Nr. 6, 1994 (online).
  3.  Akte Saddam (II): Der gefährlichste Mann der Welt. In: Der Spiegel. Nr. 6, 2003 (online).
  4. James Glanz: Shades of Supergun Evoke Hussein’s Thirst for Arms (englisch) nytimes.com. 10. September 2006. Abgerufen am 1. Januar 2011.
  5.  Irak: Gigantisches Geschütz. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1990 (online).
  6. Jürgen Krönig: Irak: Gigantisches Geschütz. In: Die Zeit, Nr. 19/1990
  7. Belgien im Zwielicht. In: taz, 9. Mai 1990
  8. Reiner Luyken: Gezielte Morde. In: Die Zeit, Nr. 38/2006