Gerd Lüdemann
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Gerd Lüdemann (* 5. Juli 1946 in Visselhövede) ist ein deutscher Theologe und Inhaber des Lehrstuhls für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ an der Universität Göttingen. Zuvor war er von 1983 bis 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Er ist verheiratet und hat vier Töchter und sieben Enkelkinder.
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[Bearbeiten] Verfassungsbeschwerde
Im März 1998 veröffentlichte Gerd Lüdemann einen „Brief an Jesus“, ein Kapitel seines Buches Der große Betrug, in dem er unter Verweis auf den Konsens der Forschung u.a. die Historizität der meisten Worte Jesu anzweifelte. Der historische Jesus von Nazareth wird von Lüdemann zwar hinsichtlich seiner ethischen Lehre als positive historische Figur verstanden, christliche Lehren wie etwa den Glauben an die Historizität der Auferstehung Jesu Christi, das Abendmahl, das Jüngste Gericht und überhaupt jeglichen Offenbarungsglauben verwarf Lüdemann jedoch darin als unhistorische Projektionen. So heißt es in jenem „Brief an Jesus“:
„Auf Projektionen, Wünschen und Visionen kann keine echte Religion aufgebaut werden, auch dann nicht, wenn sie so gewaltig auftritt wie die christliche Kirche, die Dich sogar zum Weltenherrn und kommenden Richter erhoben hat. Du aber bist nicht der Weltenherr, als den Dich Deine Anhänger infolge Deiner Auferstehung erklärt haben, und Du wolltest es auch nicht sein. Du hast das zukünftige Reich Gottes verkündigt, gekommen aber ist die Kirche. Du hast Dich getäuscht, und Deine Botschaft ist von Deinen Anhängern zu ihren eigenen Gunsten gegen die historische Wahrheit verfälscht worden. Deine Lehre war ein Irrtum, denn das messianische Reich ist ausgeblieben.“
– Lüdemann, Gerd: Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat. Zu Klampen Verlag 1998[1]
Daraufhin verlangte die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen beim niedersächsischen Wissenschaftsministerium anfangs seine Entlassung aus dem Staatsdienst und dann seine Entfernung aus der Theologischen Fakultät. Als die philosophische Fakultät seine Aufnahme ablehnte, verblieb Lüdemann mit einem Sonderstatus an der Theologischen Fakultät, wobei jedoch Fördermittel gestrichen und ihm die auf Dauer schriftlich zugesagte C1-Assistentenstelle entzogen wurde.[2] Zuvor war sein konfessionsgebundener Lehrstuhl für „Neues Testament“ umbenannt worden in den nicht konfessionsgebundenen Lehrstuhl für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“. Das hatte zur Folge, dass Lüdemann fortan an keinerlei Prüfung der Theologischen Fakultät teilnehmen durfte und seine Lehrveranstaltungen mit dem Zusatz angekündigt wurden, sie seien für die Ausbildung theologischen Nachwuchses irrelevant.[3] Lüdemann akzeptierte dies nicht und beharrte darauf, trotz seiner Ablehnung des christlichen Glaubens weiterhin an der theologischen Fakultät angestellt und lehrberechtigt zu bleiben. Es sei - so Lüdemann - im Sinne wissenschaftlicher Forschung nicht zu beanstanden, „wenn ein Nicht-mehr-Christ mit mehr als zwanzig Christen zusammen unterrichtet und forscht: Stimmt der Inhalt des christlichen Glaubens, so können meine in der Überzahl befindlichen Kollegen meinen Irrtum ja zurechtrücken. Stimmt er aber nicht, ist es für die Studierenden nur von Vorteil, rechtzeitig eine Neuorientierung vornehmen zu können.“[2]
Lüdemann ging daher gegen diese Entscheidung juristisch vor. Seine Klage wurde in letzter Instanz vom Bundesverwaltungsgericht am 3. November 2005 abgewiesen. Am 18. Februar 2009 wurde die hiergegen gerichtete Verfassungsbeschwerde zum Bundesverfassungsgericht zurückgewiesen.[4][5] Das Bundesverfassungsgericht, das die Beschwerde zur Entscheidung angenommen hatte, stufte die Versetzung Lüdemanns zwar als „Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit“ ein, hielt diesen aber für gerechtfertigt. Die Wissenschaftsfreiheit finde ihre Grenzen an dem ebenfalls von der Wissenschaftsfreiheit geschützten Recht der Fakultät, ihre Identität als theologische Fakultät zu wahren, sowie am Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Religionsgemeinschaft. Deren Mitwirkungsrecht sei „notwendige Folge der Entscheidung des Staates, an seinen Universitäten Theologie als bekenntnisgebundene Glaubenswissenschaft [...] zu lehren“. Es könne und dürfe nicht Sache des religiös-weltanschaulich neutralen Staates sein, über die Bekenntnisgemäßheit theologischer Lehre zu urteilen.[5][6]
[Bearbeiten] Papstkritik
Im April 2007 nannte er das von Papst Benedikt XVI. geschriebene Buch Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung eine peinliche Entgleisung. Er sucht anhand zahlreicher Textbeispiele nachzuweisen, dass Joseph Ratzinger die historisch-kritische Bibelkritik „vor den Karren des römisch-katholischen Glaubens spanne“ und „intellektuell unglaubwürdig“ sei.[7]
Gerd Lüdemann bezeichnet sich selbst nicht mehr als Christ, bleibt aber aus beruflichen Gründen Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers.[2]
[Bearbeiten] Zitate
- „[D]ie Stimme der Vernunft ist bekanntlich leise. Beim Irrationalismus wird es nicht bleiben. Was einmal widerlegt ist, wird sich ohne neue Argumente niemals auf Dauer durchsetzen können.“[2]
- „Menschen, die ihre fünf Sinne beieinanderhaben, führt die Einsicht in den ältesten christlichen Auferstehungsglauben unweigerlich zur Kritik an diesem Glauben. Denn Jesus wurde gar nicht von den Toten auferweckt, obwohl Christen es bekennen und die Kirche darauf gebaut ist. 2000 Jahre lang übte der Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu eine ungeheure Wirkung aus. Sie erweist sich nun als eine Selbsttäuschung von welthistorischem Ausmaß.“[8]
- „[F]ür wissenschaftliche Exegese gibt es zwischen heiligen und unheiligen Schriften keinen Unterschied.“[9]
- „Die freiheitlich-demokratischen Ideale und Werte, die sich jetzt auch im Grundgesetz finden, wurden während der Aufklärung gegen die sich auf Gott und Bibel berufenden Kirchen durchgesetzt. Und weder der Gott Jahwe des Alten Testaments noch der Vater Jesu Christi, noch beide in einer Person, noch Allah vertreten die Werte unseres freiheitlich-demokratischen Staates.“[10]
- „Die Aufklärung lässt sich nicht an die Ketten des christlichen Glaubens legen. Sie stürzt wie ein brausender Strom heran, gegen den alle Glaubensschleusen und -dämme machtlos sind.“[9]
- „Das Sprechen des Credos ist für mich das Murmeln einer antiken Religion.“[11]
- „(...) wahrscheinlich unmöglich ist, Bibel und Demokratie, Bibel und moderne Gesellschaft zu vereinbaren.“[10]
[Bearbeiten] Werke
- 1995 Ketzer: Die andere Seite des frühen Christentums. Radius, Stuttgart, ISBN 3-87173-078-5
- 1995 Osterglaube ohne Auferstehung? Diskussion mit Gerd Lüdemann. Hrsg. v. Hansjürgen Verweyen. Herder, Freiburg, ISBN 3-451-02155-2
- 1995 Was mit Jesus wirklich geschah. Die Auferstehung historisch betrachtet. Mit Alf Özen. Radius, Stuttgart, ISBN 3-87173-033-5
- 1997 Bibel der Häretiker. Die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi. Mit Martina Janßen. Radius, Stuttgart, ISBN 3-87173-128-5
- 1998 Der große Betrug. Und was Jesus wirklich sagte und tat. (4. Aufl. 2002) zu Klampen, Springe ISBN 3924245703
- 1998 Im Würgegriff der Kirche. Für die Freiheit der theologischen Wissenschaft. zu Klampen, Springe, ISBN 3-924245-76-2
- 2001 Paulus, der Gründer des Christentums. zu Klampen, Springe, ISBN 3-934920-07-1
- 2002 Die Auferweckung Jesu von den Toten. Ursprung und Geschichte einer Selbsttäuschung. zu Klampen, Springe, ISBN 3-934920-20-9
- 2004 Das Unheilige in der Heiligen Schrift. Die dunkle Seite der Bibel. 3. Auflage. zu Klampen, Springe, ISBN 3-934920-03-9
- 2004 Jesus nach 2000 Jahren. Was er wirklich sagte und tat. Mit Beiträgen von Frank Schleritt und Martina Janßen. 2., verbesserte Auflage. zu Klampen, Springe ISBN 3-934920-48-9
- 2004 Die Intoleranz des Evangeliums. Erläutert an ausgewählten Schriften des Neuen Testaments. zu Klampen, Springe ISBN 3-934920-44-6
- 2006 Altes Testament und christliche Kirche. Versuch der Aufklärung. zu Klampen, Springe, ISBN 3-934920-96-9
- 2006 Das Judas-Evangelium und das Evangelium nach Maria. Zwei gnostische Schriften aus der Frühzeit des Christentums. Radius, Stuttgart, ISBN 978-3-87173-366-6
- 2007 Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen. 1. und 2. Aufl. zu Klampen, Springe, ISBN 978-3-86674-010-5
- 2008 Eyes That See Not. The Pope Looks at Jesus. Polebridge Press, Santa Rosa, CA, ISBN 978-1-59815-006-3
- 2008 Der erfundene Jesus. Unechte Jesusworte im Neuen Testament. zu Klampen, Springe, ISBN 978-3-86674-022-8
- 2008 Jungfrauengeburt? Die Geschichte von Maria und ihrem Sohn Jesus. Vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. zu Klampen, Springe, ISBN 978-3-86674-028-0
- 2008 Arbeitsübersetzung des Neuen Testaments. Mit Frank Schleritt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, ISBN 978-3-8252-3163-7
- 2009 (angekündigt für September) Die ersten drei Jahre Christentum. zu Klampen, Springe, ISBN 978-3-86674-060-0
Ausführliche Bibliographie hier
[Bearbeiten] Literatur
- Christoph Türcke: Erwählung und Verwerfung. Rezension: G. Lüdemann, Das Unheilige in der Heiligen Schrift. Stuttgart 1996. In: Die Zeit, 28. März 1997.
- Udo Hahn: Gerd Lüdemann - Abschied vom mißverstandenen Jesus. In: Rheinischer Merkur, 20. März 1998.
- Ulrich Schmidhäuser: Auf dem Weg zur Einheit der Wahrheit [Leserbrief-Kommentar zum Fall Lüdemann]. In: SZ, 23./24. Mai 1998.
- Christoph Türcke: Im Würgegriff der Kirche. Muß ein Theologe Christ sein? Der Fall Lüdemann - ein Exempel. In: Die Zeit, 1. Oktober 1998.
- Schmerzlicher Irrtum: Der evangelische Theologe Gerd Lüdemann verabschiedet sich endgültig vom Christentum - mit einem Brief an Jesus. In: Der Spiegel Nr. 11, 1998.
- Christoph Türcke: Der Mann muß weg. Willig gab der Staat der kirchlichen Forderung nach, den ungläubigen Theologieprofessor Lüdemann von seinem Lehrstuhl zu entfernen. In: Die Zeit, 25. März 1999.
- Jan-Martin Wiarda: Forscher ohne Lehrlinge. Der abtrünnige Professor Lüdemann will weiter Theologen prüfen. In: SZ, 18. Mai 1999.
- Jan-Martin Wiarda: "So, Herr Jesus, Schluss mit all dem". Der ungläubige Theologe Lüdemann im Streit mit der Kirche. In: Der Tagesspiegel, 18. Februar 2000.
- Gerhard Isermann: Lüdemanns obskure Akten. Noch ein "Leben Jesu" im Sonderangebot. In: Die Zeichen der Zeit/Lutherische Monatshefte 2000.
- Theologen gegen Lüdemanns Suspendierung. In: Berliner Morgenpost, 28. März 2000.
- Rudolf Walther: Der Gott der Vernunft. Über die Bibelkritik von Gerd Lüdemann. In: taz, 16. Februar 2009.
[Bearbeiten] Weblinks
- Literatur von und über Gerd Lüdemann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Homepage Gerd Lüdemann
- Stellungnahme des Dekans der Theologischen Fakultät (Dezember 2001)
- Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts 2005
- Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 2009 2008
- Lukas Breitenbach: Der gottlose Theologe und seine Wissenschaft (Göttinger Tageblatt, 3. April 2009)
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ „Brief an Jesus“ - Auszug aus Gerd Lüdemann, Der große Betrug. zu Klampen Verlag 1998.
- ↑ a b c d Kirche und Kritik: Der Fall Lüdemann
- ↑ http://www.tagesspiegel.de/politik/Religion-Selbstbestimmung;art771,2733702
- ↑ Beschluss des Ersten Senates vom 28. Oktober 2008
- ↑ a b Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts vom 18. Februar 2009
- ↑ http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rs20081028_1bvr046206.html Beschluss des Ersten Senates vom 28. Oktober 2008, Leitsatz 3 und Abs.-Nr. 59 f.
- ↑ Spiegel Online: "Eine peinliche Entgleisung" 26. April 2007
- ↑ http://www.welt.de/wams_print/article2054436/Das_Grab_des_Gekreuzigten_war_nicht_leer.html
- ↑ a b http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1597378_Ketten-des-Dogmas.html
- ↑ a b Die Bibel und der Koran Teil 2/2 (Welt der Wunder -- RTLII)
- ↑ Das Credo abschaffen - Interview mit Gerd Lüdemann
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lüdemann, Gerd |
| KURZBESCHREIBUNG | Theologe |
| GEBURTSDATUM | 5. Juli 1946 |
| GEBURTSORT | Visselhövede |

