Gerhard Besier

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gerhard Besier, 3. Juni 2009

Gerhard Adolf Besier (* 30. November 1947 in Wiesbaden) ist ein deutscher evangelischer Theologe, Historiker und Politiker (parteilos, zuvor Die Linke). Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Kirchengeschichte und europäische Zeitgeschichte. Vor allem seine drei Bände zu Der SED-Staat und die Kirche (1993–1995) sind Standardwerke zur Aufarbeitung der Geschichte der DDR. Sein derzeitiger Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Kirchen im 20. Jahrhundert. Seit 2009 ist Besier Mitglied des Sächsischen Landtags.

Leben[Bearbeiten]

Besier begann 1968 ein Studium der evangelischen Theologie und bestand 1973 das Erste theologische Examen. Er wurde Assistent des Tübinger Kirchenhistorikers Klaus Scholder, promovierte 1976 bei ihm zum Dr. theol., empfing 1977 die Ordination und legte 1978 das Zweite theologische Examen ab. Ein parallel absolviertes Zweitstudium der Psychologie schloss er 1980 mit der Diplomprüfung ab.

Nach der Habilitation im Fach Kirchengeschichte (1982) und einer weiteren Promotion (1986 in Geschichtswissenschaften am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin) sowie Tätigkeiten als Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und als Rektor des Religionspädagogischen Instituts Loccum folgte er 1987 einem Ruf der Kirchlichen Hochschule Berlin (West) auf den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Kirchengeschichte.

1992 wurde Besier auf den Lehrstuhl für Historische Theologie an der Universität Heidelberg berufen. 2003 wechselte er an die Technischen Universität Dresden, wo er als Professor für Totalitarismusforschung und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT) tätig war. Nachdem sein Vertrag vom Kuratorium des HAIT infolge eines Misstrauensvotums der Mitarbeiter sowie öffentlicher Kritik nicht verlängert wurde, lehrte Besier seit 2008 als Professor für Europastudien an der TU Dresden. Zum Ende des Wintersemesters 2012/13 wurde er emeritiert.

1997/98 erhielt Besier für seine Arbeit „Gespaltene Kirchen im totalen Staat, 1934–1939“ das Forschungsstipendium des Historischen Kollegs. Im Mai 2009 verlieh ihm die Universität Lund (Schweden) für seine außerordentlichen Leistungen auf den Gebieten der Geschichte und Kirchengeschichte sowie aufgrund seines Engagements für Religionsfreiheit in Europa die Ehrendoktorwürde.[1] Besier war Gastprofessor in den USA, in Polen und in Schweden. Er ist Mitherausgeber der Zeitschriften Kirchliche Zeitgeschichte und Religion – Staat – Gesellschaft sowie der Buchreihen Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert und Mittel- und Ostmitteleuropastudien.

Politik[Bearbeiten]

Besier gehörte seit April 2009 der Partei Die Linke an und wurde im Juni desselben Jahres als Mitglied von deren Kompetenzteam in Sachsen für die Bereiche Wissenschaft und Religion vorgestellt. Gleichzeitig erklärte er sich bereit, seine Erfahrung auch durch eine Kandidatur für den Sächsischen Landtag einzubringen.[2] Bei der Landtagswahl 2009 wurde er über die Landesliste seiner Partei in den Sächsischen Landtag gewählt – obwohl er nach eigener Aussage viele sozialpolitische Vorstellungen der Linken nicht teilt.[3] Gerhard Besier ist wissenschafts- und hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke und zugleich Vorsitzender des Wissenschafts- und Hochschulausschusses des Sächsischen Landtages. Nachdem er beim Parteitag der Landesverbands Die Linke Sachsen für die Landtagswahl 2014 nicht auf einen aussichtsreichen Listenplatz nominiert wurde, erklärte er am 6. April 2014 seinen Austritt aus der Partei und gehörte der Fraktion als parteiloser Abgeordneter bis zum Ende der Legislaturperiode an.[4]

Ende August 2014, kurz vor der Landtagswahl, zog Besier eine kritische Bilanz[5] und veröffentlichte Anfang September das Buch „Fünf Jahre unter Linken. Über einen Selbstversuch.“[6]

Kontroversen[Bearbeiten]

Schon mit der Veröffentlichung seines Buchs „Der SED-Staat und die Kirche – Der Weg in die Anpassung“ wurde Besier von anderen Kirchenhistorikern kritisiert. Das Buch, das auf Forschungen aus den Unterlagen der Stasi basierte, beschuldigte Karl Barth und andere Vertreter des Bruderrats aus der Bekennenden Kirche, sowie deren Anhänger in der folgenden Generation, dass sie aus einer linkspolitischen Motivation heraus zur Zusammenarbeit mit einem totalitären Staat bereit waren.[7] Anlass für Kritik war seine Methodik, da die Unterlagen der SED ihrer Natur nach nur Zusammenarbeit dokumentieren können, nicht aber Motivationen oder weitere Tätigkeiten.

Besier blieb auch später wegen seines Engagements für Religionsfreiheit weiterhin umstritten. Er setzt sich auch für Gruppen ein, denen die deutsche Rechtsordnung den Status einer Religionsgemeinschaft nicht zuerkennt. So hat er sich unter anderem für die Church of Scientology eingesetzt, indem er im September 2003 bei der Eröffnung eines Büros dieser Organisation in Brüssel eine Rede hielt, in der er die Ansicht vertrat, diese Kirche stünde „in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiösem Pluralismus kämpfen“.[8] Einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter Freimut Duve, Daniel Cohn-Bendit und Antonia Grunenberg, forderten daraufhin vom Hannah-Arendt-Institut, dass es sich von seinem Direktor distanzieren solle.[9] Im Rückblick distanzierte sich Besier noch einmal ausdrücklich von Scientology und bezeichnete seinen Auftritt in Brüssel als „politischen Fehler“.[10]

Einige Kollegen Besiers kritisierten die Nichtverlängerung von Besiers Vertrag. Der Historiker Jürgen Kocka sieht den wahren Grund dafür darin, dass Besier, einst Wunschkandidat der CDU, sich konsequent einer „politischen Indienstnahme verweigert“ habe. Der Theologe Klaus Berger vertritt die Auffassung, dass die Scientology-Affäre nur als Vorwand diene: „Kollege Besier [hat] sich durch drei Dinge Feinde gemacht: Er hat es gewagt, das Verhalten der deutschen Christentümer unter den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu erforschen, und er hat Fragen zum Thema Religionsfreiheit in Deutschland aufgeworfen.“[11] Besiers Vertrag mit dem Hannah-Arendt-Institut lief 2008 aus und wurde, wegen seiner speziellen Sicht der Religionsfreiheit in Deutschland, nicht verlängert.[12] Sowohl Besiers Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut als auch mehrere Professoren an der Philosophischen Fakultät der TU Dresden haben sich inzwischen von ihm distanziert.[13] Allerdings war auch der Vertrag von Besiers Vorgänger, Klaus-Dietmar Henke, nicht verlängert worden. Als Besiers Nachfolger wurde Günther Heydemann berufen.

Nachdem der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm eine Debatte entfacht hatte, ob am „Werteverfall“ in den ostdeutschen Bundesländern ihre bis 1989 erfolgte „Entkirchlichung“ schuld sei, verwies Besier auf eine 2006 erfolgte Untersuchung zum Rassismus („Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Sachsen“), die ergeben habe, dass sich „Angehörige einer der beiden großen christlichen Konfessionen (...) über ganz Deutschland hinweg im Vergleich zu Konfessionslosen insgesamt als feindseliger“ erweisen.[14]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Seelsorge und Klinische Psychologie. Defizite in Theorie und Praxis der Pastoralpsychologie. Göttingen 1980, ISBN 3-525-62182-5
  • Preußische Kirchenpolitik in der Bismarckära. Berlin/New York 1979. ISBN 3-110-07176-2
  • Krieg - Frieden - Abrüstung. Göttingen 1982, ISBN 3-525-55385-4
  • Der SED-Staat und die Kirche 1945-1969. Der Weg in die Anpassung. München 1993, ISBN 3-570-02080-0
  • Der SED-Staat und die Kirche 1969–1990. Die Vision vom „dritten Weg“. Berlin 1995, ISBN 3-549-05454-8
  • Der SED-Staat und die Kirche 1983–1991. Höhenflug und Absturz. Berlin 1995, ISBN 3-549-05455-6
  • Christliche Hoffnung, Weltoffenheit, Gemeinsames Leben. Gelbe Mammuts auf dem Berg. Gießen 1998, ISBN 3-765-56326-9 (zusammen mit Christl Ruth Vonholdt und Hermann Klenk)
  • Konzern Kirche. Das Evangelium und die Macht des Geldes. Stuttgart 1997, ISBN 3-775-12858-1
  • Kirche, Politik und Gesellschaft im 19. Jahrhundert. München 1998, ISBN 3-486-55709-2
  • Kirche, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert. München 2000, ISBN 3-486-56438-2
  • Die Rolle der Kirchen im Gründungsprozeß der Bundesrepublik Deutschland. Lüneburg 2000, ISBN 3-934-90002-X
  • Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. Die Faszination des Totalitären. München 2004, ISBN 3-421-05814-8 (zusammen mit Francesca Piombo)
  • Religionsfreiheit und Konformismus. Über Minderheiten und die Macht der Mehrheit. Münster 2004, ISBN 3-825-87654-3 (zusammen mit Hermann Lübbe und Johannes Neumann)
  • Das Europa der Diktaturen. Eine neue Geschichte des 20. Jahrhunderts. München 2006, ISBN 3-421-05877-6
  • Im Namen der Freiheit. Die amerikanische Mission. Göttingen 2006, ISBN 3-525-36734-1 (zusammen mit Gerhard Lindemann)
  • Religion, State and Society in the Transformations of the Twentieth Century. Münster 2007, ISBN 3-825-80980-3

Literatur[Bearbeiten]

  • Katarzyna Stoklosa/Andrea Strübind (Hrsg.): Glaube – Freiheit – Diktatur in Europa und den USA. Festschrift für Gerhard Besier zum 60. Geburtstag. Göttingen 2007, ISBN 3-525-35089-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gerhard Besier – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Prof. Besier erhält schwedische Ehrendoktorwürde. Dresdner UniversitätsJournal. 23. Juni 2009. Abgerufen am 15. Januar 2011.
  2. Pressekonferenz der Partei DIE LINKE am 3. Juni 2009.
  3. Liste der Abgeordneten der Partei DIE LINKE im 5. Sächsischen Landtag; vgl. auch Jan Fleischhauer: Muffige Wärme. Der frühere Kohl-Berater und SED-Kritiker Gerhard Besier will für die Linke in den sächsischen Landtag ziehen. Spiegel Online. 24. August 2009. Abgerufen am 15. Januar 2011.
  4. Kein Listenplatz: Hochschulexperte Besier verlässt die Linke. Freie Presse. 8. April 2014. Abgerufen am 8. April 2014.
  5. "Die haben kein politisches Ziel" in: Die Zeit. 36/2014; Sächsische Zeitung. 27. August 2014
  6. Verlagsseite; Auszug in Sächsische Zeitung. 6./7. September 2014, S. 6
  7. Rezension zu „Der SED-Staat und die Kirche – Der Weg in die Anpassung“. Der Humanist. Abgerufen am 17. Februar 2011.
  8. Richard Herzinger: Farcen gibt es immer wieder. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut macht vor allem durch bizarre ideologische Raufereien Schlagzeilen.. Zeit Online. 24. Juni 2004. Abgerufen am 15. Januar 2011.
  9. Presseerklärung des Hannah Arendt-Zentrums Oldenburg (PDF; 179 kB) vom Juni 2004.
  10. Gerhard Besier: Unangepasstes Verhalten und soziale Kontrolle. Erlebnisbericht über eine erfolgreiche Skandalisierung. In: Religion – Staat – Gesellschaft. Band 9, Heft 1, 1998, ISSN 1438-955X, S. 96.
  11. Vgl. Leserbriefe von Kocka und Berger in der Süddeutschen Zeitung vom 19. April 2007.
  12. Franziska Augstein: Die neueste Entlassung. Das Hannah-Arendt-Institut trennt sich von seinem Direktor. Süddeutsche Zeitung (7. April 2007), S. 13; Nachwirkungen des Scientology-Eklats? Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut bekommt eine neue Leitung. Tagesspiegel Online. 5. April 2007. Abgerufen am 15. Januar 2011.
  13. Klaus Wiegrefe, Steffen Winter: Der Professor und die Sekte. Der Direktor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, Gerhard Besier, muss gehen. Spiegel Online. 7. Mai 2007. Abgerufen am 15. Januar 2011.
  14. Annette Binninger: Besier: „Christen neigen stärker zum Rassismus als Konfessionslose“. Sächsische Zeitung Online. 20. August 2009. Abgerufen am 15. Januar 2011.