Gerichtsplatz (Bozen)

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Der Gerichtsplatz in Bozen, Südtirol (ital. Piazza del Tribunale), wurde erbaut zur Zeit des Faschismus nach der Abtretung Südtirols an Italien infolge des Ersten Weltkriegs, um den angeblich italienischen Charakter des Landes sichtbar zu machen. Die monumentale Architektur sollte die Macht und Kraft der italienischen Nation und des italienischen Faschismus zum Ausdruck bringen.[1][2] Bozen wurde von Senator Ettore Tolomei zur „treibenden Kraft der Assimilation“ (Italianisierung) erkoren.

Gerichtsgebäude[Bearbeiten]

Die nördliche Bebauung bildet das zirka 40 Meter breite und ca. 12 Meter hohe Gerichtsgebäude. Dort sind heute das Landesgericht Bozen, die Staatsanwaltschaft und Rechtsanwaltskammer Bozen untergebracht. Das Gebäude ist renovierungsbedürftig, ein Bauzaun sperrt seit Jahren den Zugang zur großen Freitreppe. In der Mitte der Fassade ist ein Relief eingelassen, das eine sitzende Justitia (Gerechtigkeit) zeigt. Als Besonderheit fällt auf, dass diese keine Augenbinde als Symbol der Unparteilichkeit trägt. Links von Justitia steht ein Richter mit dem Gesetzbuch („Lex“), rechts ein Soldat mit einem großen Schwert. Ganz oben am Rand des Daches steht in großen gemeißelten Lettern „PRO ITALICO IMPERIO VIRTUTE IUSTITIA HIERARCHIA UNGUIBUS ET ROSTRIS“ („In Tapferkeit und Gerechtigkeit für die Herrschaft im italienischen Reich mit Zähnen und Krallen“).

Haus der faschistischen Partei („Casa del Fascio“)[Bearbeiten]

Der von den Architekten Paolo Rossi und Luis Plattner entworfene südliche Teil wurde als „Casa del Fascio“ („Haus des Rutenbündels“, „Haus der faschistischen Partei“) 1939–1942 errichtet, wobei die letzten Tafeln des Reliefs erst 1957, also über ein Jahrzehnt nach dem Fall des Faschismus, montiert wurden. Heute nutzt das Finanzamt Bozen dieses Gebäude. An der Stirnseite befindet sich oberhalb der Freitreppe ein monumentales Relief des Bozner Bildhauers Hans Piffrader (1888–1950). Es verherrlicht die zwanzigjährige faschistische Herrschaft seit dem Marsch auf Rom und zeigt in der Mitte den faschistischen italienischen Diktator, „Duce“ Benito Mussolini, als Reiter mit faschistischem Gruß und dem Leitspruch der italienischen Faschisten „Credere, obbedire, combattere“ („glauben, gehorchen, kämpfen“). Außerdem werden der italienische Sieg im Ersten Weltkrieg (Kanone mit Lorbeerkranz), die Gründung der verschiedenen faschistischen Kampfbünde und der Marsch auf Rom dargestellt. Das im Volksmund „Mussolini-Fries“ genannte Relief aus Travertinstein ist mit 36 Metern Breite und 5,5 Metern Höhe das größte Relief Europas. Es besteht aus 57 unterschiedlich breiten, zusammengesetzten Platten, die in zwei Reihen übereinander angebracht sind. An der linken oberen Ecke des Reliefs ist deutlich eingraviert „VV Mussolini“ („Viva / es lebe Mussolini“). Am rechten Rand zeigt das Relief ein symbolisches „DUX“ (Führer). Darunter steht die Signatur des Bildhauers, der sich hier „Giovanni“ statt „Hans“ nennt („Giov. Piffrader, d'anni 52“). Die Zahl 52 bezieht sich auf das Alter des Künstlers, der 1940 52 Jahre alt wurde. Das Relief zeigt zwischen den Vorderbeinen des Pferds die Datierung „EF XX“, also das zwanzigste Jahr der „Era Fascista“ („Faschistischen Ära“). Die Zeitrechnung begann 1922, dem Jahr der Machtergreifung Mussolinis (Jahr 1). Das Relief nahm somit das zwanzigste Jubiläum des Regimes vorweg.[3].

Folgende ehemalige faschistische Organisationen, allesamt nach 1945 in Italien verboten, sind mit ihren Abkürzungen im mittleren Teil in großen Buchstaben eingemeißelt:

  • GUF: Gruppo Universitario Fascista: damalige faschistische Studentenorganisation. Ohne eine Mitgliedschaft in der GUF war Studieren im faschistischen Italien nicht möglich.
  • PNF: Partito Nazionale Fascista: die italienische Faschistenpartei, deren Gründer und Anführer der „Duce“ Benito Mussolini war.
  • GIL: Gioventù Italiana del Littorio: die damalige faschistische Jugendorganisation, vergleichbar der Hitlerjugend im nationalsozialistischen Deutschen Reich, die regimetreuen Nachwuchs züchtete.
  • OND: Opera Nazionale Dopo Lavoro: damalige faschistische Organisation für die politische Beeinflussung der Arbeiterschaft.
  • MVSN: Milizia Volontaria Sicurezza Nazionale: die Camicie nere (Schwarzhemden) der Faschisten. Morde, Attentate, Massenmorde, Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehen auf ihr Konto. Als Leibwache des Faschismus verfolgte sie auch Partisanen und Juden.

Das Gebäude wird heute als Verwaltungsgebäude der Agentur für Einnahmen (Finanzamt) verwendet. Im Zuge eines Gebäudetausches zwischen Staat, Gemeinde Bozen und Land Südtirol soll die Agentur ausziehen und die autonome Sektion des Oberlandesgerichts sowie das Jugendgericht hier einziehen[4]

Politische Rezeption[Bearbeiten]

Die faschistischen Monumente in Südtirol werden heute noch politisch manipuliert und zu unrecht als Symbole der Identität der Italiener in Südtirol missbraucht[5]. Die unreflektierte und unkommentierte Darstellung dieser monumentalen faschistischen Symbole bis zum heutigen Tag wird von vielen Südtirolern und Menschen aus anderen Ländern scharf kritisiert.

Der ehemalige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder sprach sich am 9. Februar 2009 für eine „Abtragung“ des Mussolini-Frieses aus und schlug vor, dieses zu „musealisieren“[6].

Am 1. Dezember 2009 hat der Südtiroler Landtag auf Antrag der Fraktionen der Süd-Tiroler Freiheit und der Freiheitlichen einen Beschluss gefasst, welcher „die noch immer bestehenden faschistischen Relikte, sowie die in diesen Tagen begonnene Renovierung des Siegesdenkmals aufs schärfste verurteilt“[7].

Am 26. Jänner 2011 hat der italienische Kulturminister Sandro Bondi zugesagt, das Mussolini-Fries vom Gebäude zu entfernen. Dies geschah im Zuge der Verhandlungen zum Stimmverhalten der SVP-Parlamentarier beim Misstrauensvotum gegen Bondi. Dies war die erste Öffnung eines Mitglieds der italienischen Regierung zu den faschistischen Relikten in Südtirol[8].

Da gegen eine Entfernung des Reliefs sowohl von italienischer Seite als auch von Historikern und Kunsthistorikern aller Sprachgruppen[9] Einwände erhoben wurden, hat die Südtiroler Landesregierung einen Ideenwettbewerb ausgelobt, wie das Relief am besten historisiert werden kann[10].

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zeitschrift „ff“ 2008, Nummer 50
  2. Martha Verdorfer: Die Stadt als öffentlicher Erinnerungsraum am Beispiel der Landeshauptstadt Bozen, in: Tirol zwischen Diktatur und Demokratie (1930–1950), hg. von Klaus Eisterer, Studien-Verlag 2002, ISBN 978-3-7065-1749-2
  3. Beitrag in der Tageszeitung Dolomiten vom 5. Februar 2011
  4. Südtiroler Landesregierung: Regierungsprogramm. 2008, S. 25, abgerufen am 5. März 2011 (pdf; 156 kB).
  5. Riccardo dello Sbarba über faschistische Monumente (italienisch)
  6. Pressemitteilung der Südtiroler Landesregierung vom 9. Februar 2009
  7. http://www.landtag-bz.org/de/aktuelles/pm-landtag-aktuell.asp?redas=yes&aktuelles_action=4&aktuelles_article_id=316236
  8. Artikel auf dem Nachrichtenportal Stol.it, gesehen am 28. Jänner 2011
  9. Der Historikerappell vom Februar 2011: «Lasst uns das Problem der faschistischen Denkmäler gemeinsam lösen!»
  10. Duce-Relief: Schon 100 Vorschläge. Südtirol Online, 1. März 2011, abgerufen am 5. März 2011.

46.49777777777811.339166666667Koordinaten: 46° 29′ 52″ N, 11° 20′ 21″ O