Gerson Bleichröder

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Gerson von Bleichröder (Gemälde von Emile Wauters, 1888)

Gerson von Bleichröder (* 22. Dezember 1822 in Berlin; † 18. Februar 1893 in Berlin) war ein deutscher Bankier.

Herkunft[Bearbeiten]

Als Sohn von Samuel Bleichröder, der 1803 das gleichnamige Bankhaus gründete, entstammte Bleichröder einer angesehenen jüdischen Familie. Er war den Zeitgenossen als Bankier Bismarcks bekannt und hat als solcher, vor allem in einer politischen Funktion als Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes, die historische Forschung beschäftigt. Samuel Bleichröder war bereits Korrespondent des Hauses Rothschild am Bankplatz Berlin geworden.

Leben[Bearbeiten]

Gerson von Bleichröder

Gerson Bleichröder baute diese Beziehung erfolgreich weiter aus. 1855 trat er an die Spitze der Bank. Um 1860 war das Bankhaus S. Bleichröder eine der ersten Adressen am Markt für Staatsanleihen und, zusammen mit dem Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim, führend bei der frühen Eisenbahn- und Industriefinanzierung. Seine Weltstellung begründete Bleichröder mit der Finanzierung russischer Unternehmen und des russischen Staatshaushalts. Als prominentes Mitglied des sogenannten Preußen-Konsortiums, eines Zusammenschlusses führender deutscher Banken, war Bleichröder maßgeblich an der Finanzierung der Monarchie und des Reiches beteiligt.

Zeitgenossen galt er als der reichste Mann Preußens und einer der reichsten Männer der Welt. Sein internationales Auftreten als Emissär Bismarcks muss wohl vor dem Hintergrund seiner erfolgreichen Bankierstätigkeit gesehen werden. Bismarck nutzte die Geschäftsbeziehungen Bleichröders vor allem zu den Rothschilds und anderen bedeutenden Privatbankiers in allen europäischen Hauptstädten, um Informationen über die wirtschaftliche und politische Lage dieser Länder zu erhalten. Gleichzeitig profitierte er davon, dass Bleichröder gesellschaftlich mit den wirtschaftlichen und teilweise den politischen Eliten dieser Länder verkehrte. Da Bismarck und Bleichröder einen vertrauensvollen bis freundschaftlichen Umgang miteinander pflegten, konnte der Bankier und Privatmann Bleichröder zum Träger heikler Botschaften werden, die Bismarck auf offiziellem, diplomatischem Parkett nicht formulieren wollte.

Bankhaus Bleichröder (Behrenstraße 63–65, Berlin)
Große Halle im Bankhaus Bleichröder

Bleichröder und mit ihm befreundete Bankiers organisierten die Finanzierung des Preußisch-Österreichischen Kriegs von 1866 durch eine Staatsanleihe. Der von Bismarck befürwortete, „revolutionäre“ Plan von Abraham Oppenheim und Bleichröder, die im Staatsbesitz befindlichen Bergwerke im Saargebiet zu privatisieren und so den Krieg zu finanzieren, setzte sich beim preußischen König nicht durch. Bleichröder war an den Verhandlungen und der Abwicklung der französischen Reparationszahlungen im Anschluss an den Deutsch-Französischen Krieg 1870-71 maßgeblich beteiligt.

Gerson Bleichröder zählte zu den assimilierten Juden und galt Bismarck als „konservativ und loyal“. Trotz seines geschäftlichen Erfolgs und seiner Verdienste um die Regierung gelang es ihm aber nicht, sich unangefeindet an der Spitze der wilhelminischen Gesellschaft zu etablieren.

Bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts war Gerson Bleichröder zusammen mit dem aus Bayern stammenden belgischen Bankier Maurice de Hirsch der wichtigste deutsche Investor im damaligen Osmanischen Reich, die beiden jüdischen Bankiers wurden dann aber im Zuge der beginnenden staatlichen imperialistischen Politik des Deutschen Reiches von Siemens und der Deutschen Bank aus dem Orientgeschäft verdrängt, speziell im Zusammenhang mit dem Projekt Bagdadbahn, bei dem Hirsch keine Rolle mehr und das Bankhaus Bleichröder nur noch eine untergeordnete Rolle spielte.[1] Ab 1908 war das Bankhaus Bleichröder einer der wichtigsten Finanziers der neu gegründeten Istanbuler Tageszeitung Osmanischer Lloyd, die bis zum November 1918 erschien.

Bleichröder wurde als zweiter ungetaufter Jude in Preußen (nach Abraham Oppenheim) 1872 in den Adelsstand erhoben und besaß eine Anzahl weiterer Auszeichnungen. (In Bayern wurde bereits 1818 Jakob von Hirsch geadelt). Aber die latente und seit den achtziger Jahren zunehmende antisemitische Tendenz in der deutschen Öffentlichkeit des Kaiserreichs hielt den jüdischen Bankier auf Distanz zu den Personen, die am meisten von ihm profitierten und deren Wertschätzung er am stärksten herbeiwünschte - den nichtjüdischen Mitgliedern seiner eigenen Gesellschaftsschicht, des Großbürgertums, und dem übrigen Adel.

Gerson von Bleichröder, auf dem Totenbett, 1893

Wie sein Vater Samuel Bleichröder und sein Bruder Julius Bleichröder gehörte Gerson (von) Bleichröder der Gesellschaft der Freunde an. Gerson von Bleichröder wurde auf dem Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee beigesetzt.

Sein erstgeborener Sohn Hans von Bleichröder[2] (1853-1917) hielt im Gegensatz zum Vater dem antisemitischen Druck nicht stand und ließ sich taufen. Auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde ließ er 1913 ein mit Skulpturen des Berliner Bildhauers Hans Latt geschmücktes Mausoleum errichten, in dem einige Mitglieder seiner Familie beigesetzt wurden. Das Mausoleum wurde 1950 zerstört. Der erste Präsident der DDR Wilhelm Pieck ließ es abtragen, weil es die nach seinen Plänen neugeschaffene Gedenkstätte der Sozialisten überragte und somit den Gesamteindruck störte. Eine kleine Informationstafel an der verwaisten Stelle erinnert heute an die Bankiersfamilie.

Die Bank wurde 1931 von dem Dresdner Bankhaus Gebrüder Arnhold übernommen, das die Geschäfte sechs Jahre später in das amerikanische New York City verlegte und noch heute als Investmentgesellschaft unter dem Namen First Eagle Investment Management existiert nach der Umbenennung von Arnhold and S. Bleichroeder Advisers, LLC.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. 12. Aufl., Piper, München 2008, ISBN 978-3-492-21032-4 (ungekürzte Taschenbuchausgabe der erstmals 1951 in Englisch, 1955 in Deutsch erschienenen Schrift).
  • Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. Ullstein, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-550-07358-5; Neuausgabe: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999, ISBN 3-499-60907-X.
  • Karin H. Grimme (Hrsg.): Aus Widersprüchen zusammengesetzt. Das Tagebuch der Gertrud Bleichröder aus dem Jahr 1888. Dumont, Köln 2002, ISBN 3-8321-7819-8.
  • Werner E. Mosse: Jews in the German economy. The German-Jewish economic élite, 1820–1935. Clarendon Press, Oxford 1987, ISBN 0-19-821967-9.
  • Michael Stürmer/Gabriele Teichmann/Wilhelm Treue: Wägen und Wagen. Sal. Oppenheim jr. & Cie.; Geschichte einer Bank und einer Familie. Piper, München 1989, ISBN 3-492-03282-6.
  • Otto Pflanze: Bismarck and the development of Germany. Bd. 2: The period of consolidation 1871–1880, Princeton University Press, Princeton 1990, ISBN 0-691-05588-2, S. 70–84 und 318–320.
  • Peter Pulzer: Jews and the German State. The Political History of a Minority, 1848–1933. Wayne State University Press, Detroit 2003, ISBN 0-8143-3130-0 (Inhaltsverzeichnis, PDF; zuerst erschienen bei Blackwell, Oxford 1992).
  • Kai Drewes: Jüdischer Adel. Nobilitierungen von Juden im Europa des 19. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt/M. 2013, S. 210–212 und öfters, ISBN 978-3-593-39775-7.
  • Salomon Wininger: Große jüdische National-Biographie. Kraus Reprint, Nendeln 1979, ISBN 3-262-01204-1 (Nachdr. d. Ausg. Czernowitz 1925).
  • Heinrich Schnee: Bleichröder, Gerson von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 299 (Digitalisat).
  • Gartendenkmale in Berlin: Friedhöfe, hrsg. von Jörg Haspel und Klaus von Krosigk, bearbeitet von Jörg Kuhn, Fiona Laudamus, Katrin Lesser, Detlev Pietzsch, Gabriele Schulz u. a. (Beträge zur Denkmalpflege in Berlin, 27), Petersberg 2008, S. 98; ISBN 978-3-86568-293-2.
  • Der Jüdische Friedhof Schönhauser Allee, Berlin, hrsg. von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bearbeitet von Jörg Kuhn, Fiona Laudamus, Klaus von Krosigk und Wolfgang Gottschalk, Berlin 2011, S. 31 Nr. 12.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gerson von Bleichröder – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hannah Arendt, 1986, S. 311
  2. Salomon Wininger: Große jüdische National-Biographie. Kraus Reprint, Nendeln 1979, ISBN 3-262-01204-1 , Band I, S. 387f
  3. faim.com: History of the Firm