Gertrud von Helfta

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Gertrud die Große[1]
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Die heilige Gertrud von Helfta, auch Gertrud die Große, (* 6. Januar 1256; † 17. November um 1302) war eine Zisterzienserin und Mystikerin im Kloster Helfta bei Eisleben. Die hl. Gertrud gehörte zu den herausragenden Frauen des Mittelalters; sie trägt als einzige deutsche Heilige den Beinamen die Große. Durch Gertrud, ihre Lehrerin Mechthild von Magdeburg und ihre Mitschwester Mechthild von Hackeborn (Hakeborn) galt Helfta als „Krone der deutschen Frauenklöster“[2]. In der katholischen Kirche wird Gertrud von Helfta als Heilige verehrt.

Leben[Bearbeiten]

Gertrud von Helfta wurde am 6. Januar 1256 geboren und stammte wahrscheinlich aus Thüringen. Sie wurde als fünfjährige Waise von ihrer Familie als Schülerin in ein Kloster gegeben und trat, als sie das kanonische Alter erreicht hatte, ins Noviziat ein. Sie erhielt dort eine theologische und humanwissenschaftliche Ausbildung und wurde von der Äbtissin Gertrud von Hackeborn, einer leiblichen Schwester der hl. Mechthild von Hackeborn[3] gefördert. In der Begegnung mit der früheren Begine und Mystikerin Mechthild von Magdeburg, die in Helfta Zuflucht vor Anfeindungen gefunden hatte und dort ihr Werk Das fließende Licht der Gottheit zu Ende schrieb, gewann Gertrud Zugang zu deren Spiritualität.

Im Alter von 25 Jahren, am 27. Januar 1281 hatte Gertrud im Dormitorium eine Vision. Sie sah einen jungen, schönen Mann, der zu ihr sagte: „Bald wird dein Heil kommen. (Jes 56,1 EU) Warum verzehrst du dich in Trauer? Hast du nicht einen Ratgeber, da der Schmerz dich verändert hat?“ (Mi 4,6 EU Responsorium des 2. Adventssontages)[4] Nach Studien der Rhetorik und der lateinischen Sprache widmete sie sich nach einem mystischen Erlebnis in der Adventszeit des Jahres 1281 nur noch dem Studium der Kirchenväter und der Bibel.

Mit ihren Aufzeichnungen zum Gesandten der göttlichen Liebe begann Gertrud etwa acht Jahre später, 1289. Gertrud nahm eine umfassende literarische Tätigkeit auf: sie übersetzte Teile der Bibel, verfasste zahlreiche Gebete sowie ihre beiden Hauptwerke, die Exercitia spiritualia („Geistliche Übungen“) und – mit Unterstützung durch Mitschwestern – den Legatus divinae pietatis („Gesandter der göttlichen Liebe“ oder „Botschaft von Gottes Güte“). Später schrieb sie zusammen mit einer nicht namentlich bekannten Mitschwester im Liber specialis gratiae („Buch der besonderen Gnade“) auch die Offenbarungen der hl. Mechthild von Hackeborn nieder.[5] Auch in den folgenden Jahren hatte sie mystische Erlebnisse. Die Erkenntnisse ihrer Gottesschau setzte Gertrud als Ratgeberin in die Tat um.[6] Gegen Ende ihres Lebens litt Gertrud über Wochen hinweg an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie starb im Alter von etwa 46 Jahren Mitte November 1302 (oder 1301).

Werk[Bearbeiten]

Im Mittelpunkt des Werkes der hl. Gertrud steht die Botschaft von der Liebe Gottes, der sie nach ihrer ersten Vision, wie es in der Benediktsregel heißt, „nichts vorziehen“ wollte. Aus der Sehnsucht des liebenden Gottes nach dem Menschen, wie sie insbesondere in der Menschwerdung Gottes deutlich wurde, leite sich die unvergleichliche Würde eines jeden Menschen ab.[7] In der literarischen Formgebung verband Gertrud ihre visionären Erfahrungen eng mit der Sprache der Bibel und der kirchlicher Riten. So macht sie deutlich, dass ihre Rede nicht nur eine persönliche Erfahrung ist, sondern in der hl. Schrift und in den Traditionen der Kirche ihr Fundament hat.

Gertrud gehörte zu den spätmittelalterlichen Mystikern, von denen Impulse zur Herz-Jesu-Verehrung ausgingen. In ihrem Werk Gesandter der göttlichen Liebe schrieb sie ihre Visionen Jesu Christi nieder. Gestützt auf einen Kommentar zum Hohen Lied des hl. Bernhard von Clairvaux stellten die Mystikerinnen von Helfta, vor allem die hl. Gertrud, die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, aus dem die Sakramente der Kirche entspringen, in den Mittelpunkt ihrer Spiritualität.

Am Fest des hl. Johannes des Evangelisten hatte Gertrud eine Vision, in der sie ihr Haupt neben die Seitenwunde Christi bettete und den Schlag des Herzens Jesu hörte. In der Vision fragte den hl. Johannes daraufhin, ob er beim Letzten Abendmahl den Schlag des Herzens Jesu gehört und warum er darüber nichts geschrieben habe. Der hl. Johannes erwiderte, diese Offenbarung sei für kommende Zeitalter bestimmt, wenn die erkaltete Welt sie brauche, um ihre Liebe neu zu entfachen.

Der Mediävist Peter Dinzelbacher schreibt zum Werk Gertruds, dass es „intensiv brautmystischen Charakter“ habe und vorzugsweise von der „Lieblichkeit der Einwohnung Gottes“ handele.[8] Christus sei ihr zugleich „glühendster Liebhaber“ und „liebenswürdigster Bruder“. Häufig erkrankt, zog sie sich oft kontemplativ in ihr inneres Leben zurück und schrieb infolge ihrer Visionen: „Mich ekelt vor aller Kreatur, allein das Beisammensein mit Dir, das Gespräch mit Dir möchte ich genießen. Daher sage ich aller Kreatur lebewohl und wende mich innig dir zu […].“ Gertrud thematisiert nicht selten das für die Brautmystik typische Motiv der Todessehnsucht, besonders im Sinne der “mors mystica[9], um dann – ebenso typisch – ein Weiterleben im Sinne eines neuen Lebens ganz nach dem Willen Gottes zu bejahen: „Eia, o Liebe, beschleunige meine Hochzeit, denn tausendmal wünschte ich zu sterben, um erfahren zu können solche Wonnen; doch suche ich dabei nicht das, was meinem eigenen Wohl dient, sondern was dir wohlgefällt.“[10]

Weithin bekannt wurden die in lateinischer Sprache abgefassten Werke Gertruds vor allem durch die Drucklegung im Jahre 1536. Der Herausgeber, der Kartäuser Johannes Justus von Landsberg aus Köln, sah in Gertruds Theologie eine Möglichkeit, die beginnende Spaltung der Christenheit durch Besinnung auf die allen gemeinsame Grundlage zu überwinden. In der Folgezeit gelangte Gertruds Mystik zu großer Bedeutung, vor allem in den Ländern des romanischen Sprachraums; sie gilt als Patronin Lateinamerikas. Ihr Hauptwerk Legatus divinae pietatis wurde Anfang des 17. Jahrhunderts von Fray Leandro de Granada y Mendoza ins Spanische übersetzt (Libro intitulado Insinuación de la Divina Piedad, revelaciones de Sancta Gertrudis, Salamanca 1605) und mehrfach neu aufgelegt.

Eine bemerkenswerte Bearbeitung des Legatus erfolgte im 15. Jahrhundert unter dem Titel ein botte der götlichen miltekeit. Der unbekannte Verfasser aktualisierte das Werk Gertruds durch Umstellungen und Kürzungen entsprechend dem theologischen Diskurs des 15. Jahrhunderts. Dabei drängte er Elemente der Marien- und Heiligenverehrung sowie die einer allzu sinnlichen Minnemetaphorik zurück und sah eine entschiedene Christozentrik als Kern von Gertruds Werk, verbunden mit einer Rechtfertigungslehre, die das Vertrauen auf Gott betont.[11] Mit seinen über fünfundzwanzig erhaltenen Textzeugen[12] ist der botte das im Mittelalter meistüberlieferte Werk Gertruds.

Verehrung[Bearbeiten]

Die hl. Gertrud von Helfta wurde 1678 ins Martyrologium Romanum aufgenommen. Ihr Gedenktag ist im römischen Generalkalender der 16. November, im Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet und dem Benediktinerorden der 17. November.[13] Sie trägt als einzige deutsche Heilige den Beinamen die Große.

Einige jüngere Gertrudenklöster sind dem Patrozinium der hl. Gertrud unterstellt[14]

Ikonographie[Bearbeiten]

Statue der hl. Gertrud in St. Marien Burlo mit ihren Attributen Herz und Kreuz

Zu den Attributen der hl. Gertrud gehört die Darstellung ihres Herzens mit dem Jesuskind darin. In der Barockzeit und später wurde sie irrtümlich oft im Habit der Benediktinerinnen abgebildet, zuweilen sogar als Äbtissin[15], obwohl die Nonnen des Klosters Helfta der zisterziensischen Reform folgten (allerdings ohne dem Zisterzienserorden inkorporiert zu sein).[16]

Werke[Bearbeiten]

  • Sancta Gertrudis Magna [de Helfta]: Legatus divinae pietatis et Exercitia spiritualia. Ed. Solesmensium O. S. B. monachorum cura et opera [Louis Paquelin]. Paris 1875 (Revelationes Gertrudianae ac Mechtildianae I)
  • Gertrud d’Helfta: Oeuvres spirituelles. Lateinisch – Französisch. Paris 1967ff. (Sources Chrétiennes 127, 139, 143, 255, 331)
  • Gertrud die Große von Helfta: Gesandter der göttlichen Liebe. Übersetzt von Johanna Lanczkowski. Heidelberg 1989 (Legatus divinae pietatis)
  • Gertrud die Große: Gesandter der göttlichen Liebe – Legatus divinae pietatis. Übersetzt von Johannes Weißbrodt. 3. Auflage Christiana-Verlag, Stein am Rhein 2008, ISBN 978-3-7171-1093-4
  • Gertrud von Helfta: Botschaft von Gottes Güte. Lateinisch - deutsch. Bd. 1: Buch 1 und 2. Übersetzt und herausgegeben von Maria Hildegard Brem. Heiligenkreuz 2014 (Legatus divinae pietatis Bd. 1 und 2)
  • Gertrud von Helfta: ein botte der götlichen miltekeit. Hrsg. v. Otmar Wieland. Ottobeuren 1973 (Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige. Ergänzungsband 22)
  • Gertrud von Helfta: Exercitia spiritualia - Geistliche Übungen. Lateinisch und Deutsch. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Siegfried Ringler. 2. Aufl. Verlag Humberg, Elberfeld 2006, ISBN 978-3-938657-02-7
  • Gertrud von Helfta: Geistliche Übungen. Neuübersetzung von Sr. Johanna Schwalbe OSB und Manfred Zieger. EOS Klosterverlag, St. Ottilien 2008, ISBN 978-3-8306-7323-1
  • Gertrud von Helfta: Glaubenserfahrungen aus ihren Werken. Hrsg. von Josef Hochenauer. Fink, Lindenberg 2004, ISBN 978-3-89870-191-4
  • Die Grundwerke der drei großen Frauen von Helfta: Perlen deutscher Mystik. 3 Bde. Herder, Freiburg i.Br. 2001. ISBN 3-451-27610-0 (In dieser Ausgabe sind die drei bekanntesten Werke von Gertrud der Großen, Mechthild von Hackeborn und Mechthild von Magdeburg in älteren Übersetzungen enthalten.)
  • Mitredakteurin, teilweise vielleicht sogar Mitautorin ist Gertrud in: Sancta Mechthildis [de Hackeborn]: Liber specialis gratiae. Ed. Solesmensium O. S. B. monachorum cura et opera. Paris 1875 (Revelationes Gertrudianae et Mechtildianae II), p. 1-422

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfons M. Zimmermann: Gertrud. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 334 (Digitalisat).
  • Klaus Grubmüller: Gertrud von Helfta. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters – Verfasserlexikon (VL). 2. Aufl. Bd. 3. Berlin, New York 1981, Sp. 7-10; Bd. 11 (2004) Sp. 520
  • Ulrich Köpf: Gertrud (die Große) von Helfta. In: Theologische Realenzyklopädie. Bd. 12. Berlin/New York 1984, S. 538-540
  • Michael Bangert: Demut in Freiheit. Studien zur geistlichen Lehre im Werk Gertruds von Helfta. Echter, Würzburg 1997. ISBN 3-429-01946-X
  • Michael Bangert (Hrsg.): Freiheit des Herzens. Mystik bei Gertrud von Helfta (Hefta). LIT-Verlag, Münster, 2004, ISBN 3-8258-7397-8
  • Josef Hohenauer: Eine deutsche Frau erobert Lateinamerika. Blick in die Geschichte der Gertrud von Helfta. Fink, Lindenberg 2005, ISBN 3-89870-237-5
  • Hildegund Keul und Annette Schleinzer (Hrsg.): „In deiner Liebe erschaffe mich neu.“ Spirituelle Impulse zu Gertrud von Helfta. Benno-Verlag, Leipzig: 2002
  • Hildegund Keul: Die Lebensmacht des Gotteswortes in der Ohnmacht des Verstummens – Prophetie bei Gertrud von Helfta. In: Geist und Leben. 77. Jg. Heft 6 (2004), S. 444-456
  • Kurt Ruh: Gertrud von Helfta. Ein neues Gertrud-Bild. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 121 (1992), S. 1-20
  • Kurt Ruh: Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta. In: Ders: Geschichte der abendländischen Mystik II. Beck, München 1993, S. 296-337
  • Siegfried Ringler: Die Rezeption Gertruds von Helfta im Bereich süddeutscher Frauenklöster. In: Vor dir steht die leere Schale meiner Sehnsucht. Die Mystik der Frauen von Helfta. Hrsg. v. Michael Bangert und Hildegund Keul. Leipzig 1998, S. 134-155.
  • Siegfried Ringler (Hrsg.): Aufbruch zu neuer Gottesrede. Die Mystik der Gertrud von Helfta. Matthias-Grünewald, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7867-2708-8
  • Sabine B. Spitzlei: Erfahrungsraum Herz. Zur Mystik des Zisterzienserinnenklosters Helfta im 13. Jahrhundert. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1991. ISBN 3-7728-1460-3
  • Wilhelm Preger: Gertrud die Große. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 9, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 74 f.
  • Friedrich Wilhelm Bautz: GERTRUD, die Große, von Helfta. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 231–232.
  • Peter Dinzelbacher Christliche Mystik im Abendland: Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. 1994, Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gertrud von Helfta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bildnis Gertruds, aus einem Salzburger Druck vom Jahr 1662. Die Inschrift auf dem Spruchband, das von Jesus im Herzen Gertruds ausgeht, lautet: „In corde Gertrudis invenietis me“ (Im Herzen Gertruds werdet ihr mich finden)
  2. Gottesfreundschaft: christliche Mystik im Zeitgespräch, Dietlind Langner, Marco A. Sorace, Peter Zimmerling (Hrsg.), Academic Press Fribourg, Kohlhammer, Stuttgart, 2008, S. 165
  3. Friedrich Wilhelm Bautz: GERTRUD von Hackeborn. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 230–231.
  4. Gertrud 1989, Gesandter der göttlichen Liebe‘‘ S. 14 (Buch II, Kap. I).
  5. Siehe Ruh 1993 (s. Literatur), S. 296; 314-319
  6. Siehe Ringler, Exercitia (s. Werke) S. 351
  7. Siehe Ringler, Exercitia (s. Werke) S. 15-17; 26-28
  8. Dinzelbacher (1989), S. 224
  9. Vgl. besonders Exercitia spiritualia 2006 (s, Werke) VII 338-371 sowie Register S. 392 und 396, Stichwörter „Liebestod/mors mystica“ und „Tod“.
  10. Exercitia spiritualia 2006 (s. Werke) VI 84-87; siehe dazu auch ebd. Kommentar S. 308.
  11. Siehe Ringler 1998 (s. Literatur), S. 154.
  12. Siehe Wieland (s. Werke), S. VII und 3-47, und Handschriftencensus.
  13. BBLK; Catholic Encyclopedia; catholic.org
  14. Evangela Bossert, OSB, author of Gertrude of Helfta: Companion for the Millennium and member of Monastery of St. Gertrude, Cottonwood, Idaho (engl.)
  15. Vgl. z. B. Fresken und Statuen in den Klöstern Zwiefalten und Ottobeuren
  16. Biografische Daten aus Die Grundwerke der drei großen Frauen von Helfta (s. Werke) und Keul / Ringler: geohistorischer Ort (s. o.)