Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Gesamtdeutsche Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (Kurzbezeichnung: GB/BHE) war eine rechtsgerichtete politische Partei in der Bundesrepublik Deutschland in der Zeit von 1950 bis 1961. Sie war eine Partei der nach dem Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen und betrieb eine entsprechende Interessenpolitik.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) wurde im Januar 1950 von Waldemar Kraft als politische Partei in Schleswig-Holstein gegründet und errang schon ein halbes Jahr später bei der Landtagswahl 23,4 Prozent – Schleswig-Holstein war das Bundesland mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Vertriebenen und Flüchtlingen in Westdeutschland. Der BHE war damit nach der SPD zweitstärkste Partei und bildete eine Koalition mit CDU, FDP und DP. Die zwar stimmenschwächere, aber mandatsstärkere CDU stellte den Ministerpräsidenten und Kraft wurde Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident.

Im November 1952 benannte sich der BHE in Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten um und versuchte damit breitere Wählerschichten anzusprechen. Bei der Bundestagswahl 1953 erreichte er 5,9 Prozent der Zweitstimmen und zog in den Deutschen Bundestag ein.

Im Kabinett Adenauer II war der GB/BHE-Politiker Waldemar Kraft zeitweise einer der Bundesminister für besondere Aufgaben, Theodor Oberländer Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte. Nach internen Streitigkeiten, die vordergründig um die Saar-Frage geführt wurden und auf dem Bundesparteitag 1954 in Bielefeld eskalierten, traten Kraft, seine Vertraute Gräfin Finckenstein, Theodor Oberländer und weitere Anhänger des Bürgerblock-Flügels (die sogenannte „K.O.-Gruppe“) 1955 aus der Partei aus und 1956 der CDU bei. Mit dieser Spaltung begann der Niedergang des GB/BHE. Der GB/BHE fusionierte vor der Bundestagswahl 1961 auf Bundesebene mit der Deutschen Partei (DP) zur Gesamtdeutschen Partei (GDP). In Hessen und in Niedersachsen, wo der GB/BHE mit unterschiedlichen Koalitionären zusammenarbeitete, wurde die Fusion nicht vollzogen.

Politik[Bearbeiten]

Die Politik des BHE konzentrierte sich hauptsächlich auf zwei Forderungen: „Lebensrecht im Westen“ und „Heimatrecht im Osten“. Unter dem ersten Begriff wurde die Interessenpolitik der Vertriebenen verstanden, die milliardenschweren Lastenausgleichsprogramme, die Wohnungsbauprogramme und die alltäglichen Unterstützungen. Ideologische Klammer der Partei bildete die im konservativen Lager der frühen Bundesrepublik übliche Beschwörung des christlichen Abendlands und der damit untrennbar verbundene Antikommunismus. Hinter dem propagierten „Heimatrecht“ bündelte sich ein weites und programmatisch recht vages Gebiet von Zielvorstellungen, zentral war jedoch die Wiederherstellung des Reiches in den Grenzen von 1937. In seinem Programm wandte sich der BHE auch an die Opfer des Bombenkrieges, Geschädigte der Währungsreform oder ehemalige Beamte, die nach 1945 im Rahmen der Entnazifizierung entlassen worden waren.[1] Der BHE spielte eine zentrale Rolle bei der Beendigung der Entnazifizierung und der beruflichen Wiedereingliederung ehemaliger Nationalsozialisten, die aufgrund ihrer Vergangenheit berufliche Probleme bekommen hatten. In seinen Reihen fanden sich viele ehemalige NSDAP-Mitglieder, die, wie Kraft und Oberländer auch die Führung der Partei stellten. Kraft legte 1952 daher Wert auf die Feststellung, dass der BHE zwar die Partei „auch der ehemaligen Nazis, aber nicht derjenigen, die heute noch Nazis sind,“ sei.[2]

Ergebnisse der Bundestagswahlen[Bearbeiten]

Bundestagswahlergebnisse[3]
Jahr Stimmenanzahl Stimmenanteil Sitze
1953 1.616.953 5,9 % 27
1957 1.374.066 4,6 %

Ergebnisse der Wahlen zu Landesparlamenten[Bearbeiten]

Baden-Württemberg
Jahr Stimmen Sitze
1952 6,3 % 6
1956 6,3 % 7
1960 6,6 % 7
Bayern
Jahr Stimmen Sitze
1950 12,3 %1 26
1954 10,2 % 19
1958 8,6 % 17
Berlin
Jahr Stimmen Sitze
1950 2,2 %
1954 2,6 %
Bremen
Jahr Stimmen Sitze
1951 5,6 % 2
1955 2,9 %
1959 1,9 %
Hessen
Jahr Stimmen Sitze
1950 31,8 %2 21
1954 7,7 % 7
1958 7,4 % 7
Niedersachsen
Jahr Stimmen Sitze
1951 14,9 % 21
1955 11,0 % 17
1959 8,3 % 13
Nordrhein-Westfalen
Jahr Stimmen Sitze
1954 4,6 %
Schleswig-Holstein
Jahr Stimmen Sitze
1950 23,4 % 15
1954 14,0 % 10
1958 6,9 % 5

1) in Listenverbindung mit der Deutschen Gemeinschaft
2) in Listenverbindung mit der FDP

Regierungsbeteiligungen[Bearbeiten]

  • Baden-Württemberg: 25. April 1952 bis 30. September 1953 (in Koalition mit FDP/DVP und SPD) als Vertriebenenminister: Eduard Fiedler, 7. Oktober 1953 bis 23. Juni 1960 (in Koalition mit CDU, SPD und FDP/DVP) als Vertriebenenminister: Eduard Fiedler, 7. Juli 1960 bis 18. Januar 1964 als Staatssekretär für Flüchtlingswesen mit Kabinettsrang: Josef „Sepp“ Schwarz (Januar 1964 Übertritt zur CDU).
  • Bayern: 14. Dezember 1954 bis 8. Oktober 1957 (in Koalition mit SPD, Bayernpartei und FDP) als Arbeitsminister: Walter Stain, 26. Oktober 1957 bis 11. Dezember 1962 (in Koalition mit CSU und FDP) als Arbeitsminister: Walter Stain.
  • Hessen: 19. Januar 1955 bis 29. November 1966 (in Koalition mit SPD) als Landwirtschaftsminister Gustav Hacker, als Wirtschaftsminister (bis 19. Dezember 1962) Gotthard Franke.
  • Niedersachsen: 18. Juni 1951 bis 26. Mai 1955 (in Koalition mit SPD und Zentrum) als Wirtschaftsminister: Hermann Ahrens, Landwirtschaftsminister Friedrich von Kessel Vertriebenenminister Erich Schellhaus; 26. Mai 1955 bis 19. November 1957 (in Koalition mit DP, CDU und FDP); 12. Mai 1959 bis 12. Juni 1963 (in Koalition mit SPD und FDP) als Vertriebenenminister: Erich Schellhaus.
  • Kabinett Bartram, Schleswig-Holstein: 5. September 1950 bis 23. Juni 1951 (in Koalition mit CDU, FDP und DP) als stv. Ministerpräsident und Finanzminister: Waldemar Kraft, als Minister für Soziales, Arbeit und Flüchtlingswesen Hans-Adolf Asbach; 28. Juli 1951 bis 7. Januar 1963 (in Koalition mit CDU und FDP) als stv. Ministerpräsident und Finanzminister: Waldemar Kraft (bis 30. Oktober 1953), Finanzminister: Carl Anton Schäfer (1958 Übertritt zur CDU), für Soziales und Flüchtlingswesen (bis 21. Oktober 1957): Hans-Adolf Asbach.

Bundesvorsitzende des GB/BHE[Bearbeiten]

Zeitraum Name
Januar 1950–Mai 1954 Waldemar Kraft
Mai 1954–Februar 1955 Theodor Oberländer
Februar 1955–1958 Friedrich von Kessel
1958–1961 Frank Seiboth

Seiboth wurde nach der Fusion gemeinsam mit Herbert Schneider gleichberechtigter Vorsitzender der GDP.

Fraktionsvorsitzende im Bundestag[Bearbeiten]

Zeitraum Name
1953–1955 Horst Haasler
1955–1956 Karl Mocker
1956–1957 Erwin Feller

Mitglieder des GB/BHE[Bearbeiten]

Unter den Mitgliedern der Partei fanden sich auch in leitenden Funktionen zahlreiche ehemalige Mitglieder der NSDAP, darunter auch verurteilte Kriegsverbrecher. [4] [5] [6] [7] Zu den wichtigen Mitgliedern ( siehe unten) : Kategorie GB/BHE-Mitglied

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Bösch: Die politische Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen und ihre Einbindung in die CDU. In: Rainer Schulze (Hrsg.): Zwischen Heimat und Zuhause. Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene in (West-)Deutschland 1945–2000. Secolo-Verlag, Osnabrück 2001, ISBN 3-929979-62-4, S. 107–125. (Zur Integration des GB/BHE in die Unionsparteien.)
  • Franz Neumann: Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten 1950–1960. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur einer politischen Interessenpartei (Marburger Abhandlungen zur politischen Wissenschaft; Bd. 5). Hain-Verlag, Meisenheim am Glan 1968 (zugl. Dissertation, Universität Marburg 1966).
  • Matthias Stickler: „Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch“. Organisation, Selbstverständnis und heimatpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949–1972 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte; Bd. 46). Droste-Verlag, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-1896-6, S. 280 ff.
  • Richard Stöss: Der Gesamtdeutsche Block/BHE. In: Ders. (Hrsg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980, Bd. 3. Westdeutscher Verlag, Opladen 1986, ISBN 3-531-11838-2, S. 1424–1459.
  • Martin Virchow: Der GB/BHE, ein neuer Parteientyp? In: Max Gustav Lange, Gerhard Schulz, Klaus Schütz (Hrsg.): Parteien in der Bundesrepublik (Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft; Bd. 6). Ring-Verlag, Stuttgart 1955, S. 450–467.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Matthias Stickler: Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE). In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013, Zugriff am 7. Januar 2013.
  2. Matthias Stickler: Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE). In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2013, Zugriff am 7. Januar 2013.
  3. Ergebnisse der Bundestagswahlen
  4. http://www.apabiz.de/archiv/material/Profile/GB-BHE.htm
  5. Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Vorstudie „NS - Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ der Kommission des Hessischen Landtags für das Forschungsvorhaben „Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen“
  6. http://www.rothenburg-unterm-hakenkreuz.de/ns-vergangenheit-deutscher-politiker-liste-ehemaliger-nsdap-mitglieder-die-nach-dem-mai-1945-in-den-westzonen-bzw-in-der-bundesrepublik-deutschland-politisch-taetig-waren/
  7. http://www.berliner-zeitung.de/archiv/zum-tag-des-warschauer-aufstands--ueber-den-ss-moerder-reinefarth-und-seine-nachkriegskarriere--ich-habe-weniger-munition-als-gefangene-,10810590,10576688.html