Geschehnisse am Wasser

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Kerstin Ekman
Die nordische Wildnislandschaft spielt in Geschehnisse am Wasser eine wichtige Rolle; sie hat die Menschen der Region nachhaltig geprägt.

Geschehnisse am Wasser (Händelser vid vatten) ist ein viel gelesener Roman der schwedischen Schriftstellerin Kerstin Ekman, für den sie mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. In einer vielschichtigen Handlung stellt die Autorin die Opfer eines Verbrechens in den Vordergrund. Bei der Wahl der besten schwedischen Bücher des Jahrhunderts der Zeitschrift Biblioteket i fokus im Jahr 1997 kam das Werk auf den 14. Platz.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Die Lehrerin Annie Raft will in der Mittsommernacht 1974 mit ihrer sechsjährigen Tochter Mia ihren Freund Dan besuchen; es soll ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen. Dan lebt in einer linksökologischen Kommune in der nordischen Wildnis. Als er sie nicht wie vereinbart in einem kleinen nordschwedischen Ort abholt, bricht sie mit ihrer Tochter auf, um die Kommune Stjärnberg zu suchen. Sie ist ein Stadtmensch und verirrt sich in dem unwirtlichen jämtländischen Gebiet. Irgendwann stürmt fluchtartig ein fremdländisch aussehender junger Mann an ihr vorbei und kurze Zeit später gelangt sie an ein Zelt, in dem sie die Leichen zweier junger Touristen findet, die bestialisch zugerichtet sind. Die Ermittlungen richten sich auf Unschuldige, die aber weiterhin in Verdacht bleiben, und verlaufen schließlich im Sand. Eigentlich wollte sich die Lehrerin der Kommune anschließen, doch durch eine ungewollte Schwangerschaft und die ständige Furcht vor dem Täter nimmt sie davon Abstand, bleibt aber in der Gegend wohnen.

Auch andere Hauptpersonen des Romans erleben durch den Mord einen biografischen Bruch. Der Arzt Birger Torbjörnsson zum Beispiel, der für die Aufklärung bedeutsame Details beobachtet hatte, wird von seiner Ehefrau verlassen; ein anderer, der Same Johan, der von seinen Brüdern gequält wurde und deshalb abhaut, bleibt infolgedessen verdächtig und verliert seine Existenz. Das kleine Holzfällerdorf Svartvattnet (= Schwarzwasser) wird nun von neugierigen Touristen aufgesucht.

Auch achtzehn Jahre später lebt Annie Kraft noch in Jämtland. Als die Lehrerin eines Tages vor ihrem Haus ihre Tochter Mia in den Armen eines Mannes sieht, glaubt sie, in ihm den damals flüchtenden Mörder zu erkennen. Nun beginnt sie mit privaten Ermittlungen. Es gelingt, den damaligen Mörder zu entlarven. Die überraschende Wahrheit bringt zahlreiche Erschütterungen. So wurde eine Mutter zur Mörderin, weil sie glaubte, ihr eigener Sohn sei der Mörder.

Form und Textanalyse[Bearbeiten]

Die Handlung des Romans ist sehr komplex. Sie wird auf verschiedenen Zeitebenen dargestellt und ist gleichwohl durchgehend im Präsens geschrieben. Zudem gibt es drei parallele Handlungsstränge, die erst am Ende miteinander verknüpft werden. In ihnen werden die Geschehnisse aus der Sicht der Personen gezeichnet. Die Aufklärung des Mordes gerät dabei in den Hintergrund, aber das Verbrechen bestimmt weiterhin das Leben der Protagonisten.

Das Werk ist nur bedingt als Kriminalroman zu sehen. Ekman stellt die Opfer in den Vordergrund. Sie veranschaulicht die Veränderungen, die die Menschen im Norrland durch die Modernisierung der Gesellschaft erleben, zum Beispiel die Gegensätze und Vorurteile zwischen den Mitgliedern der Kommune und der Dorfbevölkerung bzw. zwischen Samen und Schweden. Aber sie urteilt nicht, sie gibt keine Antworten, sondern es sind eher Fragen, die sie stellt. „Die Mutterliebe mit ihren positiven wie bedenklichen Folgen ist das eigentliche Thema – und dabei eben nicht zuletzt die Rolle von Mutter Natur.“[2] Einen großen Teil des Romans nehmen Naturbeschilderungen ein; die Landschaft hat die Bewohner nachhaltig geprägt.

„Hier sind mythologische und psychische Urkräfte am Werk, die wieder einmal bestätigen, dass die Modernisierung des Landstrichs nur eine äußerliche ist, während irrationale Bedürfnisse und Bewertungsmaßstäbe unter der Oberfläche fortbestehen. Ekman beschreibt das Vakuum, das sich einstellt, wenn alte Wertordnungen obsolet geworden sind, aber keine neuen ideologischen Orientierungen an deren Stelle treten.“

Antje Wischmann: Skandinavische Literaturgeschichte[3]

Rezeption[Bearbeiten]

Geschehnisse am Wasser hatte großen Erfolg, kam in über 20 Ländern auf den Buchmarkt, und Kerstin Ekman erhielt für den Roman zahlreiche Literaturpreise, so 1993 den Schwedischen Krimipreis und den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis. 1994 wurde sie für das Buch mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates und 1995 mit dem Internationalen Finnischen Krimipreis ausgezeichnet. Das Werk wurde vielfach rezensiert und in literaturwissenschaftlichen Periodika erörtert.[4] Doch waren Leser, die einen normalen Kriminalroman erwartet hatten, enttäuscht; sie fanden keinen Zugang zum komplexen Aufbau des Werkes und lehnten das Buch als zu schwierig ab.[5]

„Kerstin Ekman entfaltet ein furioses Panorama des schwedischen Nordens“ schrieb der Feuilletonist Andreas Platthaus, der die „grandiosen Naturbeschreibungen“ lobte und fand, dass der Autorin die Charaktere „hervorragend gelungen“ seien, aber auch meinte, dass die deutsche Ausgabe „recht schlampig redigiert“ sei.[6] Die Weltwoche fand bemerkenswert, wie sehr es der Autorin gelungen sei, „aus männlicher und aus weiblicher Sicht zu schreiben“ und notierte, es sei „kein Buch, das uns belehren will; keines, das weiss, was gut und böse, was richtig ist und was falsch. Hier behält keiner recht, alle verschulden sich, wenngleich in unterschiedlichem Masse. […] sie [die Autorin] lässt in der Schwebe; in diesem Sinn ist der große Roman wohltuend undeutsch.“[7]

Ausgaben[Bearbeiten]

Schwedische Ausgaben (Auswahl)[Bearbeiten]

Kerstin Ekman: Händelser vid vatten

Deutschsprachige Ausgaben[Bearbeiten]

Kerstin Ekman: Geschehnisse am Wasser. Roman. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder

Übersetzungen[Bearbeiten]

Der Roman erschien in zahlreichen Sprachen, unter anderem in Englisch: Blackwater (London 1995, ISBN 0-7011-6276-7), Finnisch: Tapahtui veden äärellä (Helsinki 1994, ISBN 951-1-13319-5), Hindi: Blaikavâṭara (Neu Delhi 2003, ISBN 81-87649-97-6), Isländisch: Atburðir við vatn (Reykjavík 2000, ISBN 9979-3-2080-X), Kroatisch: Crna voda (Zagreb 1998, ISBN 953-173-890-4), Lettisch: Notikumi pie ūdeņiem (Rīgā 2007, ISBN 978-9984-37-793-3), Niederländisch: Zwart water (Amsterdam 2002, ISBN 90-5713-672-4) und Russisch: Proisšestvija u vody (Sankt Peterburg 1996, ISBN 5-87135-029-1).

Zitat[Bearbeiten]

„Jetzt begannen die Wälder und die großen Waldschläge. Der Bus hielt nicht mehr so oft. In jedem Dorf wurden auf der Rampe beim Laden Kisten mit Milch und anderen Frischwaren abgestellt. Die Postfräulein kamen heraus, öffneten dem Fahrer die Tür, und der brachte die Postsäcke hinein. Leute saßen in Autos und warteten auf Briefe und Abendzeitungen. Viele hatten Bier getrunken, und sie redeten lautstark mit dem Fahrer und miteinander.
‚Was sagen die?‘ flüsterte Mia.
Aber auch Annie verstand nicht, was sie sagten. Sie fuhren durch ein fremdes Land.“

Kerstin Ekman[8]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Liste der 100 besten schwedischen Bücher aus der Zeitschrift Biblioteket i fokus Webabruf vom 8. Mai 2009
  2. FAZ vom 10. Oktober 1995, Seite L 4
  3. Skandinavische Literaturgeschichte. Stuttgart 2006, Seite 338
  4. Zum Beispiel: Lars Wendelius: En mångtydig kriminalhistoria en läsning av Kerstin Ekmans ‚Händelser vid vatten‘. In: Tidskrift för litteraturvetenskap, Nr. 28 (1999), Umeå, ISSN 1104-0556, Seite 21 bis 51
  5. Kundenrezensionen bei Amazon Webabruf vom 8. Mai 2009
  6. FAZ vom 10. Oktober 1995, Seite L 4
  7. Die Weltwoche vom 5. Oktober 1995
  8. Seite 14 der deutschsprachigen Erstausgabe von 1995