Geschichte der Gebärdensprachen

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Gebärdensprachen haben wie auch die Lautsprachen eine Geschichte. Schon Plato, Augustinus und Leonardo da Vinci berichteten über gebärdende taube Personen. Im jüdischen Talmud wird die Eheschließung von tauben Ehewilligen in Gebärden erwähnt. Die bekannte Geschichte der modernen Gebärdensprachen beginnt erst im 18. Jahrhundert mit der Bildung tauber Kinder.

Anfänge[Bearbeiten]

Es dürfte wohl schon immer gewisse relativ einfache Gebärdensprachen gegeben haben, die spontan entstanden und sich über einen längeren Zeitraum entwickelt haben. Gebärdensprache entstand überall dort, wo sich gehörlose Menschen trafen. Sie wuchs aus einfachen Zeige- oder Hinweisgebärden, skizzierenden Nachbildungen von Gegenständen mit einer oder beiden Händen und pantomimischen Nachbildungen von Handlungen. Mit zunehmendem Umfang erhielten die Gebärdenzeichen auch eine strukturierende Abfolge, eine Grammatik.

Gebärdensprachsysteme, die an verschiedenen Orten in verschiedenen Gruppen entstanden, gleichen sich nicht, haben aber ähnliche Strukturen. Ein Hindernis für die gleichmäßige Entstehung und Verbreitung war die Verstreutheit von jeweils nur kleinen Gruppen von tauben Personen.

Eine stabilisierende Entwicklung erfuhren Gebärdensprachen mit der pädagogischen Betreuung von tauben Kindern, die zuerst in privilegierten Kreisen, beispielsweise durch den Mönch Pedro Ponce de León in Spanien, der um 1550 Gebärden vom Kloster San Salvador de Ona verwendete, um taube Kinder der Adligen zu unterrichten.

Gründer der ersten öffentlichen Schule für taube Kinder war 1755 in Paris der Geistliche Abbé de l'Epée. Er hatte dort Mitte des 18. Jahrhunderts die Gehörlosen gesehen, die in Straßen mit Händen miteinander sprachen. Darüber hatte schon der taube Buchbinder Pierre Desloges 1779 in einem kleinen Buch „Beobachtungen“ berichtet, wie er selbst mit anderen tauben ungeschulten Erwachsenen in Gebärden „über alles, was es unter der Sonne gibt“ unterhalten hatte. De l'Epée merkte schnell, dass diese Sprache die Basis für die Erziehung der tauben Kinder bilden könnte.

Nach der Gründung seiner Schule für taube Kinder wurde unter seiner Leitung aus den „Straßengebärden“ mit Hilfe der französischen Grammatik eine ausgebaute Gebärdensprache entwickelt (siehe Ausbausprache). Diese Gebärdensprache verbreitete sich schnell und wurde populär. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es 21 Schulen für taube Kinder, an denen jedoch zum Teil auch versucht wurde, tauben Kindern primär die Lautsprache beizubringen.

Nichtsdestoweniger nutzten die Kinder in oralen Schulen die Zeit, in der die Lehrer sie nicht im Auge behalten konnten, um sich untereinander in Gebärdensprache zu unterhalten. Die Schulen für taube Kinder waren damit in jedem Fall die Orte, an denen sich die Gebärdensprache weiter entwickelte oder immer wieder neu im Untergrund entstand, wo sie verboten war.

1816 lernte der taube Absolvent der oben erwähnten Schule in Paris und Lehrer Laurent Clerc an derselben Schule den US-amerikanischen Geistlichen Thomas Hopkins Gallaudet kennen. Dieser reiste zur Erforschung der Erziehung und Bildung für taube Kinder nach England und Frankreich. Daraufhin entschloss sich Clerc mit Gallaudet nach Amerika zu gehen, um sich dort um die Schulbildung für taube Kinder zu kümmern. Nachdem Clerc und Gallaudet 1817 in Hartford, Connecticut, das American Asylum for the Deaf gegründet hatten, wurde dort die American Sign Language (ASL) entwickelt. ASL verbreitete sich schnell in anderen Bundesstaaten der USA und in Kanada. Im Jahre 1864 entstand in Washington D.C. die erste höherbildende Institution für taube Studenten mit Edward Miner Gallaudet, dem jüngsten Sohn von Thomas H. Gallaudet als Präsident. Später bekam sie zu Ehren von Thomas H. Gallaudet den Namen Gallaudet College und dann Gallaudet University. Dieser Institution verdankt sich die weitestgehende Standardisierung der ASL in den ganzen USA und in englischsprachigen Teilen von Kanada.

Rückschläge[Bearbeiten]

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es jedoch populär, taube Kinder nur zum Sprechen zu erziehen. Die sogenannten „Oralisten“, von denen keiner taub war, bekämpften die Gebärdensprache mit allen Mitteln. Sie wurde als „Affensprache“ hingestellt. Diese Ansicht führte 1880 zu dem Beschluss beim Mailänder Kongress von 1880, die Gebärdensprache generell vom Unterricht zu verbannen und nur Sprechen zuzulassen. Danach wurde die Gebärdensprache in fast allen Schulen aller Länder verboten. Bis heute hat die Gebärdensprache nicht mehr die gleiche Stellung wiedererlangt, die sie vorher hatte. In Frankreich wurde erst 1991 das Gebärdenverbot in Schulen für taube Kinder per Gesetz aufgehoben.

Wissenschaftliche Erforschung[Bearbeiten]

Der hörende Pädagoge und Linguist Bernard Tervoort in den Niederlanden hatte schon 1953 den Wert der Gebärdensprache für die Kommunikation zwischen den tauben Menschen betont, bevor William Stokoe, ein hörender Linguist am Gallaudet College, 1960 die Strukturen der amerikanischen Gebärdensprache mit den Mitteln der modernen Linguistik untersuchte und überzeugend bewies, dass Gebärdensprache der Lautsprache in nichts nachsteht.

Seit 1975 wurde die Deutsche Gebärdensprache (DGS) systematisch von dem Linguisten Siegmund Prillwitz erforscht.

Desgleichen wird die Gebärdensprache auch in Universitäten in anderen europäischen Ländern erforscht, vor allem in Schweden und Großbritannien.

Seit 1977 erschienen in Deutschland die sog. „Blauen Bücher“ 'Die Gebärden der Gehörlosen' von den Gehörlosen-Pädagogen Starcke, Maisch und Wisch.

Etwa 1982 entstand unter der Leitung von Prillwitz das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser.

Etwa seit 1985 wuchs in Deutschland in den Kreisen der tauben Menschen ein stolzes Selbstbewusstsein durch die Erkenntnis über die Vollwertigkeit ihrer Gebärdensprache.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Nora Ellen Groce: Jeder sprach hier Gebärdensprache. Erblich bedingte Gehörlosigkeit auf der Insel Martha's Vineyard, Signum-Verlag, Hamburg 1990, ISBN 3-927731-02-1
  • Harlan Lane: Mit der Seele hören. Die Lebensgeschichte des taubstummen Laurent Clerc und sein Kampf um die Anerkennung der Gebärdersprache, Dtv, München 1990, ISBN 3-423-11314-6
  • Oliver Sacks: Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen, Rowohlt, Reinbek 2002, ISBN 3-499-19198-9
  • Susan Schaller: Ein Leben ohne Worte. Ein Taubstummer lernt Sprache verstehen, Knaur, München 1992, ISBN 3-426-75002-3
  • Hellmuth Starcke (Text), Günter Maisch (Photos): Die Gebärden der Gehörlosen. Ein Hand-, Lehr- und Übungsbuch, Verlag hörgeschädigte Kinder, Hamburg 1981
  • Marina Ribeaud: Gebärdensprache lernen 1, Lernbuch DSGS, fingershop.ch, Allschwil 2011, ISBN 978-3-9523171-5-0

Weblinks[Bearbeiten]