Geschichte des Korantextes

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Die Geschichte des Korantextes stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht etwas differenzierter dar, als die heute unter Muslimen gängige, geglättet erscheinende Version. Die historische Wissenschaft geht, wie die Muslime auch, zumeist von einer autoritativen Edition des Korans unter dem Kalifen Uthman ibn Affan aus.

Die Entstehung der einzelnen Teile des Korans[Bearbeiten]

Frühe und späte Teile des Korans[Bearbeiten]

Schon im achten Jahrhundert ordneten muslimische Gelehrte Koranversen bestimmte Ereignisse im Leben Mohammeds als Offenbarungsanlässe (asbāb an-nuzūl) zu.[1] Auf diesen Zuordnungen und sprachlichen Erwägungen aufbauend, entwickelten verschiedene Gelehrte eine Chronologie, die die Suren in „mekkanische“ und „medinische“ einteilte und in eine Reihenfolge brachte.[2] Grob gesagt, lässt sich diese Chronologie in der Weise zusammenfassen, dass die frühesten Suren des Korans am Ende stehen, während viele der am Anfang stehenden Suren aus den späteren Zeiten des prophetischen Wirkens Muḥammads stammen. Dementsprechend muss man, wenn man der historischen Reihenfolge der Suren nahekommen will, ihn von hinten nach vorne lesen.

Schon die muslimischen Gelehrten der Vormoderne wussten allerdings, dass die Suren nicht alle aus einem Guss sind. Die chronologische Einordnung gilt also nur für den Hauptteil der Sure, während einzelne Passagen Einschübe aus früherer oder späterer Zeit darstellen können.

Nöldekes Chronologie[Bearbeiten]

Aufbauend auf dem von den muslimischen Gelehrten erarbeiteten Material und Vorarbeiten von Gustav Weil, entwickelte Theodor Nöldeke 1860 in seiner „Geschichte des Qorāns“ eine umfassende Chronologie der Teile des Korans. Danach sind 24 Suren (2, 98, 64, 62, 8, 47, 3, 61, 57, 4, 65, 59, 33, 63, 24, 58, 22, 48, 66, 60, 110, 49, 9, 5) medinisch, der Rest ist mekkanisch. Bei den mekkanischen Suren führte er eine Verfeinerung ein, indem er anhand von stilistischen und inhaltlichen Merkmalen drei aufeinanderfolgende Perioden (frühmekkanisch, mittelmekkanisch, spätmekkanisch) unterschied. Die Suren der frühmekkanischen Periode zeichnen sich demnach durch ihre stark poetische Form mit kühnen Bildern und kurzen, rhythmischen Reimen sowie durch die Aneinanderreihung von Schwüren an ihrem Anfang aus. In der mittelmekkanischen Zeit nehmen die Verse allmählich an Länge zu, und der Gottesname ar-Raḥmān wird gebräuchlich. In der spätmekkanischen Zeit werden die Verse werden noch länger, der Stil wird prosaischer und damit dem der medinischen Zeit ähnlich.[3] Nöldekes Chronologie der mekkanischen Suren sieht insgesamt folgendermaßen aus:

Frühmekkanische Periode 96, 74, 111, 106, 108, 104, 107, 102, 105, 92, 90, 94, 93, 97, 86, 91, 80, 68, 87, 95, 103, 85, 73, 101, 99, 82, 81, 53, 84, 100, 79, 77, 78, 88, 89, 75, 83, 69, 51, 52, 56, 70, 55, 112, 109, 113, 114, 1
Mittelmekkanische Periode 54, 37, 71, 76, 44, 50, 20, 26, 15, 19, 38, 36, 43, 72, 67, 23, 21, 25, 17, 27, 18
Spätmekkanische Periode 32, 41, 45, 16, 30, 11, 14, 12, 40, 28, 39, 29, 31, 42, 10, 34, 35, 7, 46, 6, 13

Nöldekes Chronologie des Korans wird in der westlichen Islamwissenschaft bis heute weitgehend als zuverlässig akzeptiert. Auf ihrer Grundlage wurden noch andere literarische Besonderheiten der einzelnen Koranperioden herausgearbeitet. So hat zum Beispiel Angelika Neuwirth gezeigt, dass in der mittelmekkanischen Periode mit Gleichnisreden und Parabeln neue homiletische Elemente auftreten, die dann in spätmekkanischer Zeit unter der Bezeichnung mathal im Koran selbst thematisiert werden.[4]

Weitere Unterteilungen der frühmekkanischen Periode[Bearbeiten]

Im Rahmen des Corpus Coranicum wurde Nöldekes Chronologie zudem hinsichtlich der frühmekkanischen Suren weiter verfeinert. So hat Nicolai Sinai anhand des Parameters der "strukturellen Komplexität" die Suren in drei Gruppen eingeteilt. Die Suren der Gruppe I (93-95, 97, 99-102, 104-108, 111) enthalten 4 bis 11 Verse und weisen eine starke innere inhaltliche Kohärenz auf. Die Suren der Gruppe II (73, 81-82, 84-96) sind länger (15-25 Verse) und lassen sich bereits in verschiedene thematische Einheiten gliedern. Die Suren der Gruppe III schließlich sind bis zu 40 Versen lang und gliedern in sich eine größere Anzahl von thematischen Einheiten. Die Gruppe III ist noch einmal unterteilt in Gruppe IIIa (53, 74, 75, 77, 78, 79) mit einer Anzahl von Silben pro Vers, die ähnlich niedrig ist wie in Gruppen I und II, und Gruppe IIIb (51, 52, 55, 56, 68, 69, 70), in der die Länge der einzelnen Verse erheblich höher ist. Sinai betrachtet diese Gruppen als chronologisch aufeinanderfolgende Stufen des koranischen Textes.[5]

Gruppe I wird von Sinai noch weiter in verschiedene thematische und formale Textcluster unterteilt: a) die mekkabezogenen Suren 105 und 106, b) die Suren 95, 102, 103, 104 und 107 mit Ankündigungen des Jüngsten Gerichts, c) die Suren 99, 100, 101, 111 mit kurzen eschatologischen Bildern, d) die Trostsuren 93, 94 und 108 und e) Sure 97, die die Kraft der Offenbarung thematisiert. Sinai macht deutlich, dass er diese Einteilung ebenfalls als eine chronologische versteht.[6]

Die Sammlung des Korans[Bearbeiten]

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Die muslimischen Überlieferungen von einer Koransammlung (dscham'u 'l-quran- ǧamʿu ʾl-qurʾān) bereits unter dem Kalifen Abu Bakr (573-634) scheinen Berichten von einer ersten Sammlung unter Umar ibn al-Chattab (ʿUmar b. al-Ḫaṭṭāb, 592-644) zu widersprechen. Dieser Widerspruch, der auf die inhaltlich unterschiedlichen und nicht selten tendenziös gefärbten Berichte des islamischen Überlieferungswesens zurückzuführen ist, konnte von der historischen Wissenschaft bis heute nicht endgültig gelöst werden. Ein Koranexemplar von Ḥafṣa (um 604-um 663), einer Tochter Umars, wird sowohl von der historischen Wissenschaft als auch vom größten Teil der muslimischen Gelehrten als zentral erachtet. Problematisch erscheint lediglich, dass es eine Tochter Umars war, die offenbar das Koranexemplar erbte, und nicht der Kalif Uthman, was bei einem so wichtigen Dokument bemerkenswert ist.

Neben dem offiziellen Exemplar, das Uthman von Zaid b. Thabit mit ihm zur Seite gestellten Personen, über deren Identität in der historischen Wissenschaft Zweifel herrschen, erstellen ließ, gab es nach muslimischer Tradition noch mindestens vier weitere, abweichende Exemplare, von denen das wichtigste das von ʿAbd Allāh ibn Masʿūd ist. Auch das Exemplar von Ubayy ibn Kaʿb fand größere Verbreitung. Außerdem gab es Exemplare von Abu Musa Abdallah Qais al-'Aschari und Miqdad b. 'Amr.

Über das Exemplar von 'Abd Allah ibn Mas'ud berichtet die muslimische Tradition, dass es die Suren 1, 113 und 114 nicht enthalten habe. Außerdem gibt es zwei verschiedene, nicht identische muslimische Überlieferungen von einer stark abweichenden Anordnung der Suren, die beide nicht der Anordnung im autoritativen Exemplar Uthmans entsprechen. Entgegen der muslimischen Auffassung gibt es durchaus Anzeichen, dass dieses Exemplar nicht vernichtet wurde, sondern lange noch Abschriften zirkulierten.

Über das Exemplar von Ubayy ibn Kaʿb berichtet die muslimische Tradition, dass es zwei weitere Suren enthalten habe, die zwar auch überliefert sind, deren erste Textzeugnisse jedoch spät, im 16. Jahrhundert, datieren. Diese Suren sind unter den Namen Surat al-Khal' und Surat al-Hafd oder beide zusammen unter dem Titel Sùratu 'l-qunùt bekannt. Auch für dieses Koranexemplar gibt es eine muslimische Tradition über eine stark abweichende Anordnung der Suren. Im 9. Jahrhundert wurde die Verwendung von Koranlesungen, die auf der Sammlung Ubayys basierten, verboten.

Die beiden im Topkapi-Museum in Istanbul und in Taschkent befindlichen Exemplare werden von der historischen Wissenschaft in keinem Fall als die bis heute erhaltenen Exemplare der Edition Uthmans angesehen. Man hat aber 1972 in der Hauptmoschee von Sana'a Fragmente alter Kodices auf Pergament gefunden, die um 710 entstanden sind. Sie weisen nicht nur orthographische Abweichungen im Rasm auf, sondern haben auch eine andere Anordnung der Suren. Dies bestätigt die Richtigkeit entsprechender Angaben in der Literatur, vor allem im Kitab al-Fihrist des Ibn al-Nadim (987–988). Zweifelsfrei sind die ältesten Fragmente diejenigen, die in der sog. hidschazischen mâ'il-Schrift aufgezeichnet worden sind. Fragmente dieser Kodices liegen in San'a, ein 176 Blätter starkes Fragment liegt in der British Library unter der Nr. Or.2165.

Die meisten heutigen Koranexemplare gehen auf eine Edition der Al-Azhar-Universität aus dem Jahre 1923/24 zurück, die damit einen bestimmten Konsonantentext und eine einzige Lesart quasi zur verbindlichen gemacht hat, obwohl die ältere muslimische Tradition ganze Enzyklopädien über abweichende, aber dennoch anerkannte Lesarten kennt. Die handschriftlichen Grundlagen dieser Ausgabe sind unbekannt.

Eine textkritische Edition des Korans gibt es bis heute nicht. Die Schaffung eines textus receptus anhand vorliegender Koranhandschriften aus der Frühzeit mit der Verzeichnung der Lesevarianten in einem textkritischen Apparat wird von der islamischen Welt strikt abgelehnt. Ansätze dazu wurden in den 1920er und 1930er Jahren von Gotthelf Bergsträsser, Arthur Jeffery und Otto Pretzl unternommen, jedoch wegen des Todes von Bergsträsser und Pretzl nie zu Ende geführt.

An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ist ein textkritischer Kommentar derzeit in Vorbereitung (Corpus Coranicum).[7]

Heterodoxe Forschung[Bearbeiten]

Günter Lüling entwickelte eine Theorie, die von einem christlichen Urkoran in Strophendichtung ausgeht.

John Wansbrough geht davon aus, dass der Koran in einem längeren Prozess entstanden ist und frühe Zeugnisse lediglich „koranisches Material“ enthalten, jedoch nicht auf die Existenz des Korans zu dieser Zeit hinweisen.

Die Funde von alten Koranfragmenten z. T. aus dem ersten muslimischen Jahrhundert in Sanaa haben vieles, was lange als gesichert galt, wieder in Frage gestellt (siehe Gerd-Rüdiger Puin).

Die Vorstellung, dass der Koran in einem längeren Prozess aus Schriften verschiedenster Herkunft zusammengestellt wurde, teilen unter anderem Ibn Warraq, Karl-Heinz Ohlig und Yehuda Nevo.[8] Vom fachwissenschaftlichen Konsens abweichende Thesen hat auch ein unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg schreibender Islamforscher [9] des Saarbrücker Institutes „Inârah“ [10] publiziert.

Einen für Laien verständlichen Überblick über die heterodoxen Forschungen der Saarbrücker Koranwissenschaftler um Karl-Heinz Ohlig - zur Etablierung der historisch-kritischen Methode in den Islamwissenschaften [10] - bietet das Sachbuch des ebenfalls unter einem Pseudonym publizierenden Autors Norbert G. Pressburg: Good Bye Mohammed.

Syro-aramäische Leseart des Korans[Bearbeiten]

Das von Christoph Luxenberg publizierte (aber in der Forschung umstrittene) Werk Die syro-aramäische Leseart des Koran (2002), thematisiert die Ursprünge des Korantextes. Er untersuchte den Koran sprachwissenschaftlich und kam zum Ergebnis, dass der Koran viele christliche und syrische Elemente beinhalte. Er begründet dies mit der Schlussfolgerung, dass die aramäische Sprache verbreiteter im Vorderen Orient gewesen sei als das Arabische.[11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. dazu Hans-Thomas Tillschneider: Typen historisch-exegetischer Überlieferung. Formen, Funktionen und Genese des asbāb an-nuzūl-Materials. Würzburg 2011.
  2. Vgl. Nöldeke Bd. I, S. 59-65.
  3. Vgl. Nöldeke I 66-74.
  4. Vgl. Neuwirth 498-501.
  5. Vgl. Sinai 420-424
  6. Vgl. Sinai 425f.
  7. Die Klimaforscher des Korans, Spiegel Online am 1. November 2007
    Berlin arbeitet eine Forschergruppe gegenwärtig unter dem Titel «Corpus Coranicum» an einer historisch-kritischen Edition des Koran. Leiterin des Projekts ist Angelika Neuwirth, Arabistin und Islamwissenschaftlerin. In: Islamische Zeitung vom 20. Okt.2008
  8. Vgl. dazu Hans-Caspar Graf von Bothmer, Karl-Heinz Ohling, Gerd-Rüdiger Puin: Neue Wege der Koranforschung. In: Magazin Forschung. Universität des Saarlandes, Saarbrücken 1999, 1, S.33–46. ISSN 0937-7301.
  9. Die syro-aramäische Lesart des Koran, ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Das Arabische Buch, Berlin 2000, 2007. ISBN 3-89930-028-9. Vgl. zur populärwissenschaftlichen Rezeption beispielsweise einen Telepolisartikel.
  10. a b INARAH Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Korans, zur Etablierung der historisch-kritischen Methode in den Islamwissenschaften; „Inârah“ (arabisch für ‚Aufklärung‘)
  11. Fakten zum Buch

Literatur[Bearbeiten]

  • Gotthelf Bergsträsser: Plan eines „Apparatus Criticus“ zum Koran. Verlag der Akademie der Wissenschaften, München 1930.
  • John Burton: The collection of the Qur'ân. Cambridge University Press, Cambridge 1977, ISBN 0-521-21439-4.
  • Angelika Neuwirth: Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-458-71026-4.
  • Theodor Nöldeke: Geschichte des Qorans. Mit einem literarhistorischen Anhang über die muhammedanischen Quellen und die neuere christliche Forschung. Neuausg. Dietrich, Leipzig 1909/38
  1. Über den Ursprung des Qorans. 1909.
  2. Die Sammlung des Qorans. 1919.
  3. Die Geschichte des Korantexts. 1938.
  • Otto Pretzl: Die Fortführung des „Apparatus Criticus“ zum Koran. Verlad der Akademie der Wissenschaften, München 1934.
  • Gerd-Rüdiger Puin: Observations on Early Qur'an Manuscripts in San'a'. In: Stefan Wild (Hrsg.): The Qur'an as Text. A Symposium. Brill, Leiden 1996, S. 107-111. ISSN 0169-8729.
  • Nicolai Sinai: "The Qur'an as process" in Angelika Neuwirth, Nicolai Sinai, Michael Marx (Hrg.): The Qur'ān in Context. Historical and Literary Investigations into the Qur'ānic Milieu. Leiden 2011. S. 407-439.
  • William Montgomery Watt (Bearb.): Bell's Introduction to the Qur'an (Islamic Surveys; 8). University Press, Edinburgh 2005, S.40–56, ISBN 0-7486-0597-5 (Nachdr. d. Ausg, Edinburgh 1970).

Weblinks[Bearbeiten]