Geschlechterverteilung

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Die Geschlechterverteilung (auch Geschlechtsverteilung oder Geschlechtsverhältnis) ist das Zahlenverhältnis der Anzahl der männlichen Individuen zur Anzahl der weiblichen Individuen in einer Population.

Für eine angenommene Population von 2.054.663 Frauen und 2.161.605 Männern ergibt sich also eine Geschlechterverteilung von 2.161.605 / 2.054.663 = 1,052 .

Einteilung[Bearbeiten]

Geschlechterverteilung der Gesamtbevölkerung. Blauer: mehr Frauen, Roter: mehr Männer, Durchschnitt weltweit: 1.01 Männer/Frauen
Geschlechterverteilung der unter 15-Jährigen. Es fällt zum Beispiel das deutliche Überwiegen männlicher Kinder in China durch die Ein-Kind-Politik und geschlechtsselektive Geburtenverhinderung auf.
Geschlechterverteilung der über 65-Jährigen. Die deutlich geringere Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung ist zum Beispiel in Russland auffällig.
Geschlechterverteilung der kommenden Elterngeneration der jungen Erwachsenen (18 bis 29 Jahre) in Deutschland nach Daten des Zensus 2011
Geschlechterverteilung der derzeitigen Elterngeneration (30 bis 39 Jahre) in Deutschland nach Daten des Zensus 2011

Es werden das primäre, sekundäre und tertiäre Geschlechtsverhältnis unterschieden.

Primäres Geschlechtsverhältnis: Das Geschlechtsverhältnis bei der Befruchtung liegt beim Menschen bei ca. 1,3 männlich zu 1,0 weiblich. Der Überschuss erklärt sich aus der höheren Geschwindigkeit der leichteren männlichen Y-Spermien.[1]

Sekundäres Geschlechtsverhältnis: Das Geschlechtsverhältnis bei der Geburt liegt beim Menschen bei ca. 1,05 männlich zu 1,0 weiblich,[2] wenn es nicht durch geschlechtsselektive Geburtenverhinderung verändert wird. Der Rückgang von 1,3 auf 1,05 auf der männlichen Seite ergibt sich infolge der deutlich höheren pränatalen Sterblichkeiten männlicher Embryonen und Föten, da diese zum einen wegen des fehlenden zweiten X-Chromosoms häufiger von rezessiv-letalen Mutation auf diesem Chromosom betroffen sind (die bei weiblichen Embryonen und Föten mit dem zweiten Chromosom meist korrigiert werden können) und außerdem empfindlicher sind gegenüber dem weiblich geprägten Hormonhaushalt der Mutter.

Außerdem sind leichte natürliche Schwankungen im sekundären Geschlechtsverhältnis zu beobachten.

Tertiäres Geschlechtsverhältnis: Das Geschlechtsverhältnis im fortpflanzungsfähigen Alter ist beim Menschen stark von historischen und sozialen Einflüssen abhängig.

Deutschland und Österreich: Kriegstote und Binnenmigration[Bearbeiten]

In Deutschland und Österreich[3] kam es infolge der militärischen, überwiegend Männer betreffenden Verluste des Ersten und mehr noch des Zweiten Weltkriegs zu einer starken Verschiebung des Geschlechtsverhältnisses für manche Jahrgänge. Dies führte nach dem Krieg zu einer großen Zahl ungewollt ledig bleibender Frauen, was wiederum unter den damals herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen bis in die 50er Jahre die Geburtenrate negativ beeinflusste.

Das Migrationsverhalten junger Männer und Frauen unterscheidet sich, so ist in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen ein signifikantes Ungleichgewicht sichtbar. Junge Frauen ziehen vermehrt in die großen Ballungsgebiete, während junge Männer häufiger in ihrer Heimat (auch im ländlichen Raum) bleiben. Dadurch weisen inzwischen nahezu alle Großstädte (mit Ausnahme der Standorte Technischer Universitäten wie beispielsweise Karlsruhe oder Dresden) in dieser Altersgruppe einen Frauenüberschuss auf, während spiegelbildlich fast alle ländlichen Regionen einen entsprechenden Männerüberschuss vorweisen. Problematisch ist dies bei einem zu starken Ungleichgewicht, das sich negativ auf die Partnerfindung und Familiengründung auswirken kann und damit zu tendenziell sinkenden Geburtenraten führt. In einzelnen Landkreisen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns kommen rechnerisch weniger als 8 Frauen auf 10 Männer. Es ist abzusehen, dass für diese Männer eine traditionelle Normalbiographie mit Arbeit und Familiengründung sehr schwierig wird.[4] Den höchsten Männerüberschuss weist der Ilm-Kreis mit einem Verhältnis von 133 zu 100 in dieser Altersgruppe auf, wobei dieser im Wesentlichen durch die Technische Universität Ilmenau und deren Studentenschaft verursacht wird. Die höchsten nicht durch männeraffine Bildungseinrichtungen verursachten Überschüsse wiesen 2011 der Landkreis Demmin und der Landkreis Elbe-Elster mit jeweils 128 Männern zu 100 Frauen auf. Den höchsten Frauenüberschuss hatte Heidelberg mit 81 Männern zu 100 Frauen.

In der Altersklasse der 30- bis 39-Jährigen zeigt sich in Deutschland ein drastischer Ost-West-Unterschied, der durch die Migration einer hohen Zahl junger ostdeutscher Frauen in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ausgelöst wurde. Dadurch weisen viele ostdeutsche Landkreise einen signifikanten Frauenmangel auf, während einige westdeutsche Regionen wie das Rheinland, Schleswig-Holstein sowie die Rhein-Main- und Rhein-Neckar-Region einen Überschuss an Frauen in dieser Altersklasse verzeichnen. Die Zukunft wird zeigen, ob es sich bei diesem Wanderungsverhalten um einen einmaligen Effekt durch die Wiedervereinigung oder ein dauerhaftes Wanderungsmuster handelt. In jedem Fall wirkt sich die derzeitige Geschlechterverteilung negativ auf die Geburtenzahl in Ostdeutschland aus.

Im Vergleich beider Altersgruppen fällt auf, dass viele Großstädte bei den 18- bis 29-Jährigen Frauen einen Überschuss verzeichnen, während bei den 30- bis 39-Jährigen ein Defizit auftritt (beispielsweise Halle (Saale) mit 89 Männern zu 100 Frauen zwischen 18 und 29 und 112 Männern zu 100 Frauen zwischen 30 und 39 oder Trier mit 88 zu 100 gegen 110 zu 100). Hier wird die Zukunft zeigen, ob diese Generation in Zeiten von Demografischem Wandel und Reurbanisierungstendenzen auch nach Abschluss der Ausbildung und Eintreten der Familiengründung in den Großstädten bleibt oder (wie bisher) wieder zurück in die ländlichen Kreise wandert.

Weltweit: Migration und perinataler Femizid[Bearbeiten]

Das Geschlechtsverhältnis Männer zu Frauen beträgt in Industrienationen im Allgemeinen rund 0,9 zu 1,0 , was in der geringeren Lebenserwartung der Männer begründet ist. Die höhere Sterblichkeit der Männer führt dazu, dass der bei Geburt vorhandene Männerüberschuss ab einem Alter von ungefähr 57 Jahren in einen Frauenüberschuss umschlägt.

In Entwicklungsländern hingegen ist der Geschlechtsunterschied in der Sterblichkeit nicht so hoch oder gar nicht vorhanden, sodass dort zum Teil das bei der Geburt vorliegende Geschlechtsverhältnis in der Gesamtbevölkerung erhalten bleibt.

Das Verhältnis wird durch externe Einflüsse zusätzlich verschoben. So können geschlechtsspezifische Gesundheitsgefährdungen, Kriege, Arbeits- und Heiratsmigration sowie legale oder illegale Beeinflussung des Geschlechts des eigenen Nachwuchses die Geschlechterverteilung in die eine oder andere Richtung verschieben.

In vielen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ist die Lebenserwartung für Männer deutlich geringer als die der Frauen. So sind von den über 65-jährigen Einwohnern der Ukraine nur noch 32 % Männer (Deutschland/Österreich/Schweiz: je 42 %). Gründe hierfür können ungesunde Arbeitsbedingungen während der Sowjetzeit oder der in diesen Ländern vor allem unter Männern weit verbreitete Alkoholismus sein.[5]

In den arabischen Golfstaaten gibt es aufgrund erheblicher Arbeitsmigration (so sind etwa in Katar 81 % der Einwohner Ausländer), die überwiegend Männer ohne ihre Familien ins Land holt, die weltweit ungleichsten Geschlechtsverhältnisse. In Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sind jeweils nur etwa 32 % der Bevölkerung weiblich.[5]

Vor allem in Südasien und Ostasien ist die gezielte Abtreibung oder gar Kindstötung von Mädchen verbreitet. Kulturell bedingt werden Söhne als Stütze und Erbe der Familie angesehen, Töchter dagegen als Armutsrisiko. Hinzu kommen zusätzliche Einflüsse wie die Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik China, die Eltern von Mädchen die „zweite Chance“ auf einen Sohn verwehrt, oder die Tradition der Mitgift in Indien, die die Verheiratung einer Tochter für die Familien existenzbedrohend teuer werden lässt. So kommen in China 1133 neugeborene Jungen auf 1000 Mädchen (DE/AT/CH: etwa 1055), bei Kindern unter 15 sind es in China sogar 1170 Jungen auf 1000 Mädchen.[5]

Theorien zur Regulation[Bearbeiten]

Ronald Aylmer Fisher umriss in seinem Buch von 1930 „The Genetical Theory of Natural Selection“ ein Modell, das die üblicherweise auftretende ungefähr-1:1-Geschlechterverteilung erklärt. Fisher postulierte, dass die Geschlechterverteilung genetisch bedingt sei. Als einfaches Beispiel stelle man sich vor, dass es ein relevantes Gen mit zwei möglichen Allelen A und B gibt: Individuen, die das Allel A tragen, haben im Schnitt mehr männliche Nachkommen als weibliche, und Individuen, die das Allel B tragen, haben im Schnitt mehr weibliche Nachkommen als männliche. Wenn nun in der Gesamtbevölkerung beispielsweise weniger männliche Individuen geboren werden als weibliche, dann haben männliche Individuen eine größere Chance sich fortzupflanzen als weibliche. Darum werden dann Individuen, die das Allel A tragen, im Schnitt mehr Enkelkinder haben als Individuen, die das Allel B tragen. Dadurch erhöht sich dann mit der Zeit der Anteil des Allels A in der Bevölkerung. Das Ergebnis ist eine stabile Balance bei einer Geschlechterverteilung von 1:1. Bill Hamilton erklärte einen möglichen Mechanismus für die Theorie 1967 in seiner Veröffentlichung Extraordinary sex ratios:[6] Wenn ein Geschlecht weniger häufig geboren wird, sind in monogamen Gesellschaften die Fortpflanzungschancen des selteneren Geschlechts höher. Das wirkt sich in einer höheren Anzahl an Nachkommen aus.

Fishers Theorie ging jedoch noch von Allelen aus, die eine fördernde Auswirkung auf die Entstehung des eigenen Geschlechts während der Meiose besitzen. Die Gleichverteilung der Geschlechtschromosomen auf die Keimzellen erfolgt jedoch unter anderem durch die fehlende Bevorzugung der einzelnen Geschlechtschromosomen während der Meiose. Die Gleichverteilung stellt eine evolutionär stabile Strategie dar.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Zankl: Phänomen Sexualität, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1999, ISBN 3-534-13313-7
  • Ronald Aylmer Fisher: The Genetical Theory of Natural Selection, Dover Publications Inc., ISBN 978-0-486-60466-4

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatVererbung des Geschlechts. 15. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2013 (PDF; 49 kB).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatThe World Factbook - Sex Ratio. Central Intelligence Agency, 15. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2013.
  3. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatBevölkerung nach demographischen Merkmalen. Statistik Austria, 26. April 2010, abgerufen am 11. November 2011: „Die bei der Volkszählung 1951 errechnete Geschlechterproportion von 866 Männern auf 1.000 Frauen hat sich bis 2001 wieder auf 939 Männer auf 1.000 Frauen erhöht. Ein Grund für den Frauenüberschuss – die gefallenen Männer beider Weltkriege - hat mit dem Aussterben der Kriegswitwen kontinuierlich an Bedeutung verloren.“
  4. Geschlechterverteilung im Land Brandenburg bei der Altersgruppe 18 bis unter 30 Jahre
  5. a b c Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatCIA World Factbook 2011: Sex Ratio. 2011, abgerufen am 24. Januar 2012.
  6. Hamilton W.D.: Extraordinary sex ratios. A sex-ratio theory for sex linkage and inbreeding has new implications in cytogenetics and entomology. In: Science. 156, Nr. 3774, April 1967, S. 477–88. Bibcode: 1967Sci...156..477H. doi:10.1126/science.156.3774.477. PMID 6021675.
  7. Maynard Smith, J., Price, G.R.: The logic of animal conflict. In: Nature. 246, Nr. 5427, 1973, S. 15–8. Bibcode: 1973Natur.246...15S. doi:10.1038/246015a0.