Gesellschaft (Soziologie)

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Gesellschaft bezeichnet in der Soziologie und den anthropologischen Wissenschaften allgemein eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste und abgegrenzte Anzahl von Personen, die als soziale Akteure miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt interagieren. Die Ethnologie (Völkerkunde) versteht als Gesellschaft eine größere soziale Gruppe, deren Mitglieder durch gemeinsame Sprache, Werte, Überzeugungen, Traditionen und Erfahrungen miteinander verbunden sind (siehe Gesellschaft (Ethnologie)).[1]

Die Bezeichnung Gesellschaft bezieht sich sowohl auf die Menschheit als ganze (gegenüber dem Tier- oder Pflanzenreich), als auch auf bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise auf ein Volk oder eine Ethnie. Gesellschaft kann sich aber auch auf einen räumlich abgegrenzten und strukturierten Zusammenhang zwischen Menschen beziehen (etwa „die schwedische Gesellschaft“), oder auf ein Knäuel (cluster) im sozialen Netzwerk der Menschheit, das sich durch die Netzwerkdichte und Multiplexität der sozialen Interaktionen abgrenzen lässt.

In der aktuellen Soziologie wird die Bezeichnung Gesellschaft inner­wissen­schaftlich oft mit ungenauer Bedeutung verwendet.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

„Gesellschaft“ bedeutet wörtlich den Inbegriff räumlich vereint lebender oder vorübergehend auf einem Raum vereinter Personen. Das ergibt sich aus der etymologischen Herleitung des Wortes von ahd. sal = Raum, ahd. selida = Wohnung; heute noch erhalten in nhd. „Saal“, skand. sal = Stockwerk; russ. sajelo = Hof, Landsitz. – „Geselle“, ahd. gisellio, ist demnach der „Saalgenoss“.[2]

Der Begriff ist unmittelbar wahrscheinlich von Geselle bzw. von Gesellenschaft abgeleitet. Gesellenschaft war der Zusammenschluss von Gesellen zur Durchsetzung von Forderungen zur Änderung der von den Zunftmeistern (der "Meisterschaft") bestimmten Arbeitsbedingungen. Im heutigen Sprachgebrauch deuten Wendungen, wie „sich gesellen“ (vgl. Gleich und gleich gesellt sich gern.) oder „gesellig“ („Geselligkeit“) auf einen räumlich und zeitlich offenen Zusammenhang von Personen. Der Konflikt zwischen Gesellenschaft und Meisterschaft des mittelalterlichen Zunft ist beiden Begriffen im heutigen Sprachgebrauch fremd. In der neuzeitlichen Rechtsentwicklung hat sich die Rechtssprache als wertungsfreier Gruppenbegriff durchgesetzt. In Schleiermachers Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft klingt dieses Rechtsdenken an. [2]

Die Ideen der Aufklärung von einer vernunftgemäßen Regierung wurden durch die Französische Revolution der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Im 19. Jahrhundert wurde dann "Gesellschaft" zur Übersetzung von engl. society und frz. société eingesetzt. Der Begriff der civil society oder "bürgerlichen Gesellschaft" diente dem aufkommenden Bürgertum als Gegenbegriff zum absolutistischen Fürstenstaat. Fortan wurde der Begriffsdualismus Staat/Gesellschaft grundlegend für die politische Philosophie des Liberalismus.[3]

Biosoziologisch gesehen ist der Mensch von Natur aus in Gesellschaft. Mit (bereits) Aristoteles' Worten ist er ein ζώον πολιτικόν (zóon politikón), ein auf „Staaten-(Gemeinden-, Poleis-)Bildung angelegtes Wesen“.

Soziologische Schulen[Bearbeiten]

Die Bezeichnung „Gesellschaft“ ist als zentraler Grundbegriff der Soziologie umstritten. 2011 schrieb Thomas Schwinn in einer Übersicht von 'starken und schwachen Gesellschaftsbegriffen'. Diese bezeichnete er als 'Verfallsstufen eines traditionsreichen Konzepts'.[4] Er beschreibt die Theoriegeschichte des Begriffs und unterscheidet u.a. systemtheoretische Ansätze (u.a. Talcott Parsons, Luhmann), handlungstheoretische Fundierungsversuche (Anthony Giddens, Hartmut Esser) oder Kombinationen aus System- und Handlungstheorie (Jürgen Habermas, Uwe Schimank).

Auch in der heutigen Soziologie ist die Verwendung des Begriffes Gesellschaft umstritten. So fordert z. B. der britische Soziologe John Urry für eine Soziologie des 21. Jahrhunderts die Abkehr von der Analyse von Gesellschaften (Sociology Beyond Societies, London 2000).

Marxismus (Marx)[Bearbeiten]

Nach Marx ist Gesellschaft die Gesamtheit der Verhältnisse zwischen den Menschen. Nach Marx ist die Gesellschaft die Summe der Beziehungen und der Verhältnisse unter den Individuen und nicht die Individuen als solche.[5] Die Gesellschaft wird hier nach dem geschichtlichen Entwicklungsstand der ökonomischen Verhältnisse analysiert, wobei Marx zunächst drei grundlegende Gesellschaftsformationen beschreibt:

  • die ursprüngliche primäre oder archaische Formation (Urgesellschaft) auf dem Boden des Gemeineigentums und sozialer Homogenität, die sich auf ihrer letzten und höchsten Entwicklungsstufe mit der Teilung der Arbeit, mit individuell genutztem Gemeineigentum allmählich sozial differenziert und in die sekundäre Formation hinüberzuwachsen beginnt.
  • die sekundäre Formation der auf großem Privateigentum basierenden sozialheterogenen Gesellschaften (asiatische Produktionsweise, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft)
  • die kommunistische Gesellschaftsformation mit dem Sozialismus als Vorstufe bzw. Übergangsphase zur klassenlosen Gesellschaft

Soziologische Klassiker[Bearbeiten]

Gemeinschaft und Gesellschaft (Tönnies)
Nach Ferdinand Tönnies ist Gesellschaft eine genau definierte Gruppierung von Personen. Er versteht „Gesellschaft“ im Gegensatz zur „Gemeinschaft“ (vgl. Gemeinschaft und Gesellschaft). Analytisch eingeführt wurde der Terminus Gesellschaft in der sich etablierenden Soziologie durch Ferdinand Tönnies 1887 in seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft. Nach Tönnies zeichnet sich Gemeinschaft durch gegenseitiges Vertrauen, emotionale Anbindung und Homogenität aus. Tönnies stellt dem Begriff der Gemeinschaft den Begriff Gesellschaft gegenüber. Der Gemeinschaft bedienen sich nach Tönnies die Akteure mit jeweils individuellen Zielen. Dies führt zu einer nur losen Verknüpfung der Individuen in der Gesellschaft. Beide, „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“, sind für ihn gemeinsamer Gegenstand der Soziologie. Sein „Gesellschafts“-Begriff i. e. S. ist also axiomatisch abgestützt und streng deduktiv gewonnenen. Der Begriff in diesem Sinne wird in der Soziologie nur noch selten verwendet. Bei Tönnies ist „Gesellschaft“ eine besondere Form gegenseitiger gewollter Bejahung von Menschen, die sich dieser Form als eines Mittels zur Erreichung ihrer individuellen Ziele bedienen (s. o.).
Vergesellschaftung (Weber)
Max Weber knüpft mit seinem Begriff Vergesellschaftung noch stark an Tönnies’ Merkmale an.
Differenzierung (Simmel)
1890 führte Georg Simmel den Begriff 'Differenzierung' (auch 'Soziale Differenzierung' oder 'Gesellschaftliche Differenzierung') in die Soziologie ein. Differenzierung bezeichnet langfristige Veränderungen einer Gesellschaft. Diese Veränderungen können verbunden sein mit der Neuentstehung oder Aufgliederung von Sozialen Positionen, Lebenslagen und/oder Lebensstilen. Mit Differenzierung wird auch das Ergebnis solcher Prozesse bezeichnet, nämlich 'Soziale Differenziertheit'.

Strukturfunktionalismus (Parsons)[Bearbeiten]

Im (z. B.) Strukturfunktionalismus bildet sich aus Akteuren dann eine Gesellschaft, wenn sie in der Lage ist, mittels bestimmter sozialer Funktionen die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen (vgl. Talcott Parsons, aber auch: den Funktionalismus). Funktional darauf ausgerichtet bilden sich Institutionen und ohne die Herausbildung von entsprechenden Strukturen ist eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung nicht möglich. Auch ein Robinson Crusoe überlebt nur, weil er die Methoden zur Bewältigung der Welt (Normen, Werte, Fähigkeiten) verinnerlicht hat, weil er die Gesellschaft in sich trägt – z. B., wenn er auf seiner einsamen Insel fromm wird. Akteur (oder, strittig, Individuum) und Gesellschaft stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Langfristig stabilisieren sich Gesellschaften nur, wenn sie sich über Sozialisation Strukturen und Wertvorstellungen reproduzieren. Ursprüngliche Instanz ist hier durch biologische Determination die Kernfamilie (sogar dies ist umstritten).

Systemtheorie (Luhmann)[Bearbeiten]

Niklas Luhmann spricht von einer „Gesellschaft“, wenn konformes bzw. abweichendes Verhalten in Bezug auf Normen und Werte festgelegt ist und eine entsprechende Differenzierung von Erwartungen und Reaktionen vorhanden ist (Luhmann – „Interaktion, Organisation und Gesellschaft“, in: Ders., „Soziologische Aufklärung, Bd. 2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft“, 1975). In der kommunikationstheoretischen Konzeption Niklas Luhmanns wird die Gesellschaft als „alle füreinander kommunikativ zugänglichen Ereignisse“ beschrieben. Gesellschaft in systemtheoretischen Begriffen ist, mit Luhmann ausgedrückt, das umfassendste soziale System, die Einheit, die keine soziale Umwelt mehr hat und alle (anderen) sozialen Systeme, Verhältnisse und Tatbestände umfasst. Anders ausgedrückt ist Gesellschaft alles, was durch Kommunikation füreinander erreichbar ist.

Praxis und Theorie der Praxis (Bourdieu)[Bearbeiten]

Für Pierre Bourdieu ist Gesellschaft nicht völlig erklärbar. Es gebe aber zwei zu unterscheidende Ebenen: die Ebene der sozialen Praxis, in der sich das Leben nach Regelmäßigkeiten abspiele, deren Ablauf die Akteure zum großen Teil unbewusst inkorporiert haben, und die Ebene der Theorie der Praxis, wo untersucht werden müsse, die unbewussten, in ihrer Gesamtheit kaum wahrgenommenen Machtverhältnisse der sozialen Praxis aufzudecken, und zwar dort, wo sie weitestgehend mit den Gewohnheiten des Handelns, des Wahrnehmens und Beurteilens bricht. Bourdieus sehr einflussreiches Werk enthält damit eine gesellschaftskritische Komponente.

Weltgesellschaft[Bearbeiten]

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Tönnies’ und Luhmanns Ansätze erlauben – wie die vieler anderer soziologischer Makrotheoretiker – auch die Konzeption einer Weltgesellschaft:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Norbert Elias: Was ist Soziologie? Juventa, München 1970.
  • Johannes Heinrichs: Logik des Sozialen. Woraus Gesellschaft entsteht. Steno, München 2005.
  • Karl-Heinz Hillmann: Gesellschaft. In: Wörterbuch der Soziologie. 4. Auflage. Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4.
  • Peter Koslowski: Evolution und Gesellschaft. Eine Auseinandersetzung mit der Soziobiologie. 2. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 1984.
  • Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 1997, ISBN 3-518-28960-8.
  • Peter Ruben: Gemeinschaft und Gesellschaft – erneut betrachtet. In Dittmar Schorkovitz (Hg.): Ethnohistorische Wege und Lehrjahre eines Philosophen. Frankfurt 1995.
  • Gunter Runkel: Allgemeine Soziologie. Gesellschaftstheorie, Sozialstruktur und Semantik. Oldenbourg, München/Wien 2005, ISBN 3-486-57708-5 (v.a. Kap. 2: Soziologische Klassiker und ihre Theorien).
  • Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. 1887; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005.
  • Bernard Willms: System und Subjekt oder die politische Antinomie der Gesellschaftstheorie. In: Franz Maciejewski (Hrsg.): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Suhrkamp, Frankfurt 1973, ISBN 3-518-06101-1, S. 43–77.
  • Elman Service: Origins of the state and civilization. 1975, ISBN 0-393-09224-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gesellschaft (Society) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Gesellschaft – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 175.
  2. a b Theodor Geiger: Gesellschaft. In: Alfred Vierkandt, (Hg.): Handwörterbuch der Soziologie. Ferdinand Enke: Stuttgart 1982. ISBN 3-432-91551-9
  3. Theodor Geiger: Ideologie und Wahrheit. Eine soziologische Kritik des Denkens. Luchterhand: Neuwied und Berlin 2. Aufl. 1968. S. 93f
  4. In: Soziale Differenzierung: Erkenntnisgewinne handlungs- und systemtheoretischer Zugänge von Jens Greve, Clemens Kroneberg und Thomas Schwinn (Mai 2011) VS-Verlag, 978-3531173887, S. 27 - 44.
  5. Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857