Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer

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Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer
(GDL)
Logo GDL
Zweck: Gewerkschaft
Vorsitz: Claus Weselsky
Gründungsdatum: 1919
Mitgliederzahl: etwa 34.000 (2014)[1]
Mitarbeiterzahl: 58
Sitz: Frankfurt am Main
Website: www.gdl.de

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist eine Gewerkschaft für das Fahrpersonal der Eisenbahnunternehmen. Sie ist Mitglied im DBB Beamtenbund und Tarifunion und hat ihren Sitz in Frankfurt am Main.

Die GDL ist Tarifpartner der Deutschen Bahn und einiger privater Eisenbahnverkehrsunternehmen.[2] Früher vertrat die GDL ausschließlich Lokomotivführer und damit auch eine durchsetzungsstarke Funktionselite, sie öffnete sich jedoch 2002 für das gesamte Fahrpersonal der Bahn und des ÖPNV, letzteres gab sie wieder an die 2012 gegründete Nahverkehrsgewerkschaft im Beamtenbund ab.

Mitglieder[Bearbeiten]

Nach eigenen Angaben liegt der Organisationsgrad unter den rund 25.000 Triebfahrzeugführern in Deutschland bei mehr als 70 Prozent, wobei mehr als 80 Prozent der Triebfahrzeugführer der Deutschen Bahn in der Gewerkschaft organisiert seien. Von den rund 11.000 Zugbegleitern der DB seien 30 Prozent GDL-Mitglied. Nach einer schriftlichen Vereinbarung mit dem DB-Konzern sollen die Zugbegleiter bis 2013 nicht in den GDL-Tarifvertrag integriert werden.[3]

Ende Mai 2007 waren von 19.611 Triebfahrzeugführern der Deutschen Bahn 15.500 (79 Prozent) in der GDL organisiert, von 11.844 Mitarbeitern im Zugbegleitdienst der DB 3.900 (33 Prozent). Insgesamt 62 Prozent des Zugpersonals (19.450 von 31.455 Mitarbeitern) waren Mitte 2007 in der GDL organisiert.[2] Die Mehrzahl der Lokrangierführer sind hingegen in der EVG (vormals Transnet) organisiert (Stand: 2008).[4]

Die Gewerkschaft organisierte nach dem Streik bei der Deutschen Bahn AG 2008 auch zunehmend U-Bahn-, Straßenbahn- und Busfahrer. In Berlin, München, Nürnberg und Saarbrücken wurden Ortsgruppen im Nah-/Stadtverkehr gegründet. Allein in der am 28. März 2008 gegründeten GDL-Ortsgruppe für Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe und BT Berlin Transport GmbH waren vor Gründung bereits rund 500 Mitarbeiter organisiert.[5][6]

Durch die Öffnung für Beschäftigte des ÖPNV zog die GDL bei der Mitgliederstärke zahlenmäßig mit der GDBA gleich, blieb aber bei den Bahnbeschäftigten hinter dieser und deutlich hinter der DGB-Gewerkschaft Transnet. Mit der im November 2010 vollzogenen Fusion von GDBA und Transnet zur 240.000 Mitglieder zählenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft im DGB bleibt der GDL mit 34.000 Mitgliedern der zweite Platz, zumal im DGB die ÖPNV-Beschäftigten im Ver.di-Fachbereich Verkehr organisiert sind.

Nachdem die GDL infolge der gescheiterten Nahverkehrsstreiks 2011 und 2012 in diesem Bereich wieder an Mitgliedern verloren hatte, gründete man innerhalb des Beamtenbundes am 3. Oktober 2012 die Nahverkehrsgewerkschaft, in der die in der GDL verbliebenen Nahverkehrsbeschäftigten mit dem Fachbereich Nahverkehr der DBB-Kommunalgewerkschaft komba zusammengefasst werden sollen.

Neben Triebfahrzeugführern hat vertritt die mehr als 9000 Mitglieder in anderen Berufsgruppen.[7]

Organisation[Bearbeiten]

Höchstes Organ der GDL ist eine Generalversammlung, welche in der Regel alle vier Jahre stattfindet. Als ausführendes Organ steht dieser neben einem 20 Mitglieder umfassenden Hauptvorstand ein geschäftsführender Vorstand vor. Den Bundesvorsitz hat Claus Weselsky inne, die beiden Stellvertreterpositionen Norbert Quitter und Lutz Schreiber.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer untergliedert sich in sieben Bezirke: Bayern, Berlin-Sachsen-Brandenburg (BSB), Nordrhein-Westfalen, Frankfurt am Main (Hessen), Mitteldeutschland (Sachsen-Anhalt und Thüringen), Nord (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sowie die Stadtstaaten Hamburg und Bremen) und Südwest (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland). Unter dieser Bezirksebene bestehen ca. 200 Ortsgruppen[2] mit etwa 34.000 Mitgliedern.

Seit 1958 besteht die Jugendorganisation GDL-Jugend. Sie vertritt die gewerkschaftspolitischen Interessen der GDL-Mitglieder bis zum 27. Lebensjahr in der Gewerkschaft. Die Gewerkschaft gibt eine Mitgliederzeitschrift namens Voraus mit zehn Ausgaben pro Jahr heraus (ISSN 1438-0099).

In der Frankfurter Zentrale arbeiten 38,[8] in den sieben regionalen Geschäftsstellen 20 weitere Vollzeitbeschäftigte.[9]

Geschichte[Bearbeiten]

Vorläufer[Bearbeiten]

Mitgliedsbuch 1920er, Bahnmusuem Nürnberg

1867 wurde der Verein Deutscher Lokomotivführer (VDL) gegründet und infolge der Gründung der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft 1897 dann 1907 in Verband preußisch-hessischer Lokomotivführer (VPHL) umbenannt.[10] Zu den frühen Leistungen der Verbände gehörten auch eine Unfallkasse, eine Rechtsschutzversicherung und die Unterstützung Not leidender Lokführerfamilien.[11] Wichtiges Ziel war es zunächst, von dem Status als Unterbeamte weg zu kommen und den Status als Subalternbeamte (mittlerer Beamtenrang) zugestanden zu erhalten. Dennoch beruft sich die GDL in ihrer Tradition auf diese Verbände und betrachtet sich als älteste deutsche Gewerkschaft,[12] obwohl z.B. der GEW-Vorläufer Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens bereits 1805 gegründet wurde.

Nachdem die Weimarer Verfassung auch Beamten die Koalitionsfreiheit einräumte, entstand 1919 aus dem Verband die GDL. Diese wurde 1933 zunächst von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet und 1937 verboten.[11]

Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Erste Ortsverbände der GDL wurden 1946 wiedergegründet. 1949 fand die erste Generalversammlung nach dem Zweiten Weltkrieg statt; dabei wurde auch der Beitritt zum Deutschen Beamtenbund beschlossen.

Ausdehnung nach der Wiedervereinigung[Bearbeiten]

Am 24. Januar 1990 wurde die GDL-Ost im Bahnbetriebswerk Halle P[13] als erste freie Gewerkschaft in der DDR wiedergegründet. Die erste Generalversammlung der GDL-Ost, auf der auch eine Satzung beschlossen wurde, fand am 3. und 4. Juli 1990 in Halle statt.[14]

Anfang Juli 1990 organisierte die GDL-Ost Warnstreiks, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, im Rahmen der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion die Löhne der Reichsbahn-Lokomotivführer im Verhältnis 1:1 (statt, wie geplant, 2:1) umzurechnen. Im November gleichen Jahres folgten Tarifgespräche, in denen unter anderem die 40-Stunden-Woche vereinbart wurde.[15] Nach eigenen Angaben organisierte die GDL im Jahr 1990 binnen neun Monaten etwa neunzig Prozent (rund 15.000) der Lokomotivführer in den neuen Bundesländern.[16] Bis Ende der 1980er waren etwa 98 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Beamte, die nicht streiken durften.[17]

Am 29. Januar 1991 schlossen sich GDL West und Ost in Kassel[11] zu einer gesamtdeutschen Gewerkschaft zusammen.[2]

Tarifpolitische Umorientierung[Bearbeiten]

Auflösung der Bahntarifgemeinschaft[Bearbeiten]

Mit dem Verweis auf unvereinbare tarifpolitische Ziele löste sich die GDL im Juli 2002 aus der Tarifgemeinschaft der Deutschen Bahn, die sie bis dahin mit der gleichfalls zum dbb beamtenbund und tarifunion gehörenden GDBA sowie der DGB-Gewerkschaft Transnet bildete.[18] Im November 2002 scheiterte ein Ergänzungstarifvertrag, der u. a. bis zu 18 zusätzliche unbezahlte Schichten pro Jahr bei DB Regio vorsah, am Widerstand der GDL. In kurzer Zeit traten daraufhin nach GDL-Angaben rund 3.000 Mitarbeiter des Zugbegleitdienstes in die GDL ein.[19]

Im Februar 2003 legte die GDL erstmals einen Vorschlag für einen Spartentarifvertrag für das Zugpersonal vor.[2] Verhandlungen zwischen März und Mai 2003 zwischen DB AG und der Gewerkschaft scheiterten; am 6. März 2003 kam es zu einem Warnstreik. Ein Schlichtungsverfahren bleibt ohne Ergebnis, ein Gerichtsurteil bescheinigt der GDL, für einen eigenen Tarifvertrag streiken zu dürfen. Im Mai 2003 wurde eine Regelungsabrede zwischen DB und GDL vereinbart; diese legt eine Tarifführerschaft der GDL fest: Belange der Lokführer dürfen nicht über die GDL hinweg entschieden werden.[20] Im Februar 2005 scheitern Verhandlungen über einen Flächentarifvertrag; nach Angaben der GDL kommt es, neben einem Kündigungsschutz und Fragen der Arbeitszeit, zu keiner signifikanten Einkommensverbesserung des Fahrpersonals. Im August 2005 werden Verhandlungen zwischen DB und GDL über Langzeitarbeitskonten und einen Sozialsicherungstarifvertrag aufgenommen. Die Verhandlungen scheiterten, nachdem keine Einigung über die Verwendung der Mittel erreicht werden konnte. Im Anschluss legte die GDL einen Qualifizierungstarifvertrag vor, über den seither keine Verhandlungen mehr erfolgten.[2]

Tarifstreit und Streiks 2007/2008[Bearbeiten]

Warnstreik der GDL am Leipziger Hauptbahnhof (Juli 2007).

Im Mai 2006 beschloss die Generalversammlung der GDL die Forderung nach einem eigenständigen Fahrpersonaltarifvertrag (insbesondere Lokführer, Zugbegleiter und Mitarbeiter der Bordgastronomie).[2] Diesen stellte sie im Frühjahr 2007 als Modell vor. Er sah bessere Arbeitsbedingungen und eine Erhöhung des Grundentgeltes um bis zu 40 Prozent vor, wobei einige Zulagen der heutigen Entgeltsystematik in das Grundentgelt integriert werden sollten. Die Deutsche Bahn war bisher nicht bereit, über einen solchen Spartentarifvertrag zu verhandeln.

Vor diesem Hintergrund erfolgten am 3. und 10. Juli 2007 flächendeckende Warnstreiks des in der GDL organisierten Fahrpersonals. Es waren die ersten flächendeckenden Lokführerstreiks in der Geschichte der Deutschen Bahn AG.[21] Ende Juli wurde die Urabstimmung eingeleitet. Am 6. August gab die GDL das Ergebnis bekannt, wonach eine Mehrheit von 95,8 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder für einen Streik stimmte.[22] Die GDL kündigte daraufhin für den 9. August 2007 erste bundesweite Streikaktionen an. Diese versuchte die Deutsche Bahn zunächst per Einstweiliger Verfügung durch das Arbeitsgericht Nürnberg zu verbieten, diese galt bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens in Chemnitz, längstens bis zum 30. September 2007.[23][24] Am 9. August einigten sich Deutsche Bahn und GDL auf zwei Schlichter: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler.[25]

Nach gescheiterten Verhandlungen rief die Gewerkschaft zu einem dreistündigen Streik am 5. Oktober,[26] zu einem ganztägigen Streik am 12. Oktober,[27] zu einem mehrstündigen Streik am 18. Oktober und zu einem je 30-stündigen Streik am 25. und 26. Oktober 2007 auf. Diese Streiks beschränkten sich auf den Nah- und Regionalverkehr.

Am 2. November 2007 hob das Landesarbeitsgericht Chemnitz das Streikverbot im Fern- und Güterverkehr auf.[28] Daraufhin führte die GDL einen 42-stündigen Streik im Güterverkehr vom 8. bis 10. November 2007 durch. Nachdem die Bahn bis in den späten Abend des 13. November kein neues Angebot vorgelegt hatte, kündigte die GDL einen Streik im Güter- und Personenverkehr an. Vom 14. November, 12 Uhr (Güterverkehr) bzw. vom 15. November (Personenverkehr) bis zum 17. November, 2 Uhr fand der bisher längste Streik mit den größten Auswirkungen statt.[29]

Die GDL einigt sich mit der Deutschen Bahn am 13. Januar 2008 auf die Eckpunkte eines neuen, eigenständigen Tarifvertrages.[30] Dieser sieht eine durchschnittliche Tariferhöhung um 11 Prozent sowie eine Einmalzahlung von 800 Euro vor. Gleichzeitig soll die Wochenarbeitszeit bei gleichem Entgelt von 41 auf 40 Wochenstunden sinken. Ein weiterer Streik wurde nach dieser Einigung von der GDL nahezu ausgeschlossen. Die endgültige Ausformulierung des Tarifvertrages sollte bis zum 31. Januar 2008 erfolgen.

Am 4. März 2008 spitzte sich der Konflikt wieder zu, weil die Deutsche Bahn den erfolgreichen Abschluss der Tarifverhandlungen von einer gleichzeitigen Einigung zu einem neuen Grundlagentarifvertrag abhängig machte. Deshalb brach die GDL die Tarifverhandlungen zunächst ab und kündigte unbefristete Streiks an.[31] Durch die Wiederaufnahme von Gesprächen zwischen der Deutschen Bahn und der GDL konnte dieser Streik aber abgewendet werden. Die GDL sowie die beiden Bahngewerkschaften Transnet und GDBA erklärten, Tarifverträge der jeweils anderen Seite anzuerkennen.[32]

Im April 2008 einigten sich die Tarifpartner. In einer Urabstimmung stimmten 85,5 Prozent der Mitglieder dem Tarifvertrag zu. Der neue Vertrag gilt für alle Triebfahrzeugführer, mit Ausnahme von Rangierlokführern, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehrheitlich in der GDL organisiert waren.[33] Damit ging der längste Tarifkonflikt in der Geschichte der Deutschen Bahn zu Ende. Nach Angaben der Transnet wechselten im Rahmen der Tarifauseinandersetzung bis Mitte August 2007 nahezu 1.000 Gewerkschaftsmitglieder zur GDL. Ferner traten rund 700 der über 10.000 Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe, zumeist Bus- und Straßenbahnfahrer von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) zur GDL über, nachdem diese einen niedrigen Tarifvertrag ausgehandelt hatte. Ähnliche Effekte wurden auch in Nürnberg und München beobachtet.[34]

Nach Ende des Tarifkonfliktes gab Manfred Schell den GDL-Vorsitz an Claus Weselsky ab und wurde Ehrenvorsitzender.

Gescheiterter Streik im bayerischen Nahverkehr 2010[Bearbeiten]

Ver.di erzielte 2010 bei den Tarifverhandlungen für den bayerischen Nahverkehr mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (KAV) eine Gehaltserhöhung von 3,5 % für ihre Mitglieder. Die GDL lehnte dies jedoch als unzureichend ab und drängte auf einen eigenständigen, besseren Tarifvertrag für GDL-Mitglieder.[35] Am 20. August 2010 erklärte die dbb Tarifunion als Verhandlungsführerin der GDL diese Verhandlungen für gescheitert.[36] In Nürnberg, Augsburg und München kam es daraufhin ab dem 10. September 2010 zu Streikmaßnahmen bei öffentlichen Nahverkehrsmitteln, die VAG Nürnberg, Stadtwerke Augsburg und Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) wurden seit dem 24. September durch das GDL-organisierte Fahrpersonal bestreikt.[37]

Da die GDL mit unangekündigten Streikaktionen die Gepflogenheiten bei Nahverkehrsstreiks ignorierte, setzte die MVG in München am 30. September 2010 einen eingeschränkten Fahrplan für U-Bahn und Straßenbahn in Kraft: U-Bahnen fuhren nur im 10- bzw. 20-Minuten-Takt und das Nachtlinienangebot wurde gestrichen.[38] Die dbb Tarifunion unterbrach noch am gleichen Tag den Streik in Nürnberg und Augsburg,[39][40] setzte ihn aber in München fort, obwohl dort der eingeschränkte Fahrplan auch ohne die GDL-Fahrer die Grundversorgung der MVG-Kunden garantierte. Die Fronten zwischen den Tarifparteien galten als verhärtet.

Nachdem Münchens Oberbürgermeister Christian Ude die Aussperrung von GDL-Mitgliedern androhte und die Münchner Verkehrsgesellschaft Vorwürfe erhob, dass die GDL ihren Arbeitskampf auch mit einer überdurchschnittlich hohen Quote von Krankmeldungen führe,[41] akzeptierte die GDL nach achtwöchigem Arbeitskampf letztlich den von ver.di bereits Monate zuvor ausgehandelten Tarifabschluss. Weitergehende Forderungen der GDL zur Arbeitszeit wurden an eine gemeinsame Kommission von KAV und GDL verwiesen, die umstrittene Fragen klären soll; bei Nichteinigung können diese Punkte aber erst wieder in der nächsten Tarifrunde 2012 Gegenstand der Tarifverhandlungen werden.[42] Die Strategie, mit radikaleren Forderungen als die DGB-Gewerkschaft ver.di Mitglieder zu werben, war daran gescheitert, dass die GDL hier ihre Schlagkraft überschätzt hatte.[43]

Tarifstreit und Streiks 2011[Bearbeiten]

Nachdem 2008 der letzte Tarifstreit mit einer Einigung endete, strebte die GDL 2011 einen Bundes-Rahmen-Lokomotivführertarifvertrag (BuRa-LfTV) an, welcher den Lohnunterschied insbesondere zwischen Deutscher Bahn und den Privatbahnen egalisieren sollte. Während einige Gesellschafter dem Vertrag sofort zustimmten, kam es vor allem bei AKN, Cantus, metronom und den Unternehmen der Veolia zu Streiks, um eine Zustimmung zum BuRa-LfTV zu erzwingen.

Streikschwerpunkt war dabei häufig Norddeutschland, wobei viele Pendler teilweise wochenlang auf Schienenersatzverkehr zurückgreifen mussten und der Rückhalt der GDL bei den Fahrgästen im Gegensatz zum Tarifstreit 2007/2008 schnell kleiner wurde. Allerdings kam trotz dieses Unverständnisses bei Fahrgästen, monatelangen Streiks und Schlichtungsverfahren keine Bewegung in den Tarifstreit. Im August 2011 musste die GDL ihre Streiks zu einem großen Teil aufgeben, begründet wurde dies u. a. mit sinkender Streikbereitschaft.[44]

Interne Konflikte 2013[Bearbeiten]

Über die Verdoppelung eines bereits gewährten Arbeitgeberdarlehens der GDL an ihren stellvertretenden Vorsitzenden Sven Grünwoldt in Höhe von 50.000 Euro entbrannte im Frühjahr 2013 vorstandsintern ein Konflikt, infolgedessen der Hauptvorstand am 15. April 2013 Grünwoldt und seinen anderen Stellvertreter Thorsten Weske, der Grünwoldt unterstützte, ihrer Ämter enthob.[45][46] Nach Weselskys Darstellung habe Grünwoldt sein Amt unzulässig eingesetzt, um einen weiteren Kredit zu erhalten. Der andere Vize, Thorsten Weske, sei abgewählt worden, weil er sich in dem Streit auf Grünwoldts Seite gestellt habe.[45] Für Beobachter sei der Hauskredit nur der Anlass für Abwahl gewesen, nachdem die Atmosphäre zwischen Weselsky und seinen Vertretern schon länger nicht mehr gestimmt habe.[47] Derartige Kredite für Immobilienkäufe seien für Spitzenfunktionäre der Lokführergewerkschaft üblich.[45] Der Hauptvorstand ernannte Norbert Quitter und Lutz Schreiber zu neuen Stellvertretern. Eine außerordentliche Generalversammlung der GDL bestätigte am 15. Mai 2013 beide als Stellvertreter.[47] Gegen die Darstellung seiner Absetzung auf der GDL-Website erstattete Weske im April 2013 Strafanzeige wegen Verleumdung.[45] Weselskys Vorgänger Schell warf ihm einen autoritären Führungsstil vor und legte aus Protest dagegen den Ehrenvorsitz der GDL nieder.[45] Schell gründete im 2013 zusammen mit weiteren früheren langjährigen Mitarbeitern die Initiative für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL.[48]

Tarifstreit und Streiks 2014[Bearbeiten]

Out of date clock icon.svg Dieser Artikel beschreibt ein aktuelles Ereignis. Die Informationen können sich deshalb rasch ändern.

Im Herbst 2014 organisierte die GDL einen Warnstreik und mehrere mehrtägige, flächendeckende Streiks bei der Deutschen Bahn. Kernforderungen der GDL sind:

  • fünf Prozent mehr Lohn für das Zugpersonal[49]
  • Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 39 auf 37 Stunden ab Januar 2015[49]
  • Begrenzung der Überstunden auf 50[49]
  • freie Wochenenden sollen mindestens Freitag 22:00 Uhr bis Montag 06:00 Uhr umfassen[49]
  • Geltung der GDL-Tarifverträge neben dem EVG-Tarifverträgen (Tarifpluralität für GDL-Mitglieder) für das gesamte Zugpersonal[50] (d. h. neben den Lokführern auch für Zugbegleiter, Mitarbeiter der Bordgastronomie, etc.)
Streikauswirkungen bei der S-Bahn Hamburg

Hintergrund ist der seit 2010 bestehende Grundsatz der Tarifpluralität, den das Bundesarbeitsgericht unter Berufung auf das Grundgesetz festgestellt hat.[50] Dieser besagt, dass in einem Betrieb verschiedene Gewerkschaften für die Mitarbeiter zuständig sein können, die bei diesen jeweils organisiert sind. Somit können innerhalb desselben Betriebs mehrere Tarifverträge gelten.[50] Die GDL argumentiert, dass sie nicht nur für die Lokführer, sondern auch für das übrige Zugpersonal zuständig sei, zumal sie eine Mehrheit des Zugpersonals insgesamt vertrete.[51] Das wird von der Deutschen Bahn AG bestritten. Sie lehnt konkurrierende Verhandlungen mit beiden Gewerkschaften[51] ab, bisher wurde nur mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) als Tarifpartner für das Zugpersonal (mit Ausnahme der Lokführer) verhandelt.[52] Diese Zuständigkeit war auch in dem im Jahr 2007 von der GDL unterzeichneten Grundlagentarifvertrag festgeschrieben; dieser lief jedoch im Juni 2014 aus.[53] Über die konkrete Verteilung dieses Personals auf EVG und GDL bestehen unterschiedliche Ansichten zwischen den beiden Parteien.[54] Die GDL sieht ihre Forderung, die Geltung der Tarifverträge auf das gesamte Zugpersonal auszudehnen, vom Grundrecht auf Vereinigungsfreiheit gedeckt.[52][55]

Gegen einen für vier Tage angekündigten Streik der GDL scheiterte die Bahn mit einem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung wegen angeblicher Unverhältnismäßigkeit zunächst vor dem Arbeitsgericht Frankfurt am Main und dann im Beschwerdeverfahren vor dem Hessischen Landesarbeitsgericht. Die GDL beendete den Streik jedoch „als Geste des guten Willens“ einen Tag früher als geplant. Zwar hatte sie gerichtliche Vergleichsvorschläge abgelehnt, dennoch hatte sich im Prozessverlauf eine Annäherung der Tarifpartner abgezeichnet.

Die Bundesregierung sieht sich durch den Streik bei einem bereits im Koalitionsvertrag vereinbarten Gesetzgebungsvorhaben zur Tarifeinheit bestätigt, gegen den jedoch verfassungsrechtliche Bedenken hinsichtlich der Koalitionsfreiheit geäußert wurden.[56]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Die GDL ist Mitglied in folgenden Organisationen:

Literatur[Bearbeiten]

  • Viktoria Kalass: Neue Gewerkschaftskonkurrenz im Bahnwesen. Konflikt um die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-19566-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikinews: GDL – in den Nachrichten

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.gdl.de/UeberUns/Startseite abgerufen am 6. November 2014
  2. a b c d e f g Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer: Der Fahrpersonaltarifvertrag: Zahlen, Fakten, Hintergründe
  3. Franz Drey: Kein Wettbewerbsvorteil über Lohnkosten. In: Behörden Spiegel, Ausgabe Februar 2010
  4. „Es gibt keine Sieger und keine Besiegten“. In: Die Welt, 14. Januar 2008.
  5. Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.berlinonline.deKernchen: GDL erlebt Boom bei BVG-Mitarbeitern In: Berlin Online, 27. März 2008, abgerufen am 28. März 2008
  6. Internetseite der GDL-Betriebsgruppe Nahverkehr Berlin
  7.  Thomas Gutschker: Mensch, Weselsky. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nr. 47, 23. November 2014, S. 3 (ähnliche Version online).
  8. Schell (2009), S. 185
  9. Ein Mann will nicht bremsen. In: Die Zeit vom 12. Juli 2007
  10. * Markus Meinold: Die Lokomotivführer der Preußischen Staatseisenbahn 1880 – 1914. Hövelhof 2008. ISBN 978-3-937189-40-6, S. 13, 140ff.
  11. a b c Schell (2009), S. 65 f.
  12. Spiegel-Notiz
  13. Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009. ISBN 978-3-86789-059-5, S. 95 f.
  14. Schell (2009), S. 102
  15. Schell (2009), S. 104 f.
  16. Poltergeist Schell verlässt den Führerstand. In: Die Welt, 6. Mai 2008
  17. Der uneitle Eitle. In: Süddeutsche Zeitung, 4. Mai 2008
  18. Deutschlands oberster Lokführer, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Juli 2007
  19. Schell (2009), S. 154, 159
  20. Das Ringen der Lokführer um einen eigenen Tarifvertrag. In: Fränkischer Tag vom 5. Juli 2007
  21. Die Räder stehen still. In: die tageszeitung vom 3. Juli 2007
  22. www.reuters.com: Lokführergewerkschaft stimmt für Streik bei der Bahn vom 6. August 2007
  23. Arbeitsgericht verbiete Bahnstreiks (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[3] [4] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung. Tagesschau.de vom 8. August 2007
  24. Einstweilige Verfügung des LAG Nürnberg
  25. www.ad-hoc-news.de
  26. Netzeitung: Arbeitskampf bei der Bahn: Lokführer streiken für drei Stunden
  27. http://www.netzeitung.de/wirtschaft/unternehmen/777693.html
  28. Aktenzeichen: 7 SaGa 19/07
  29. Streik im Güter- und Personenverkehr. Mitteilung auf der Website der GDL
  30. Grünes Licht zur Verhinderung von Arbeitskämpfen auf www.gdl.de
  31. Keine Gnade für Berlin – GDL will flächendeckend streiken. Spiegel Online, 7. März 2008.
  32. Streit beigelegt, Streiks abgesagt (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[5] [6] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung. Tagesschau, 9. März 2008.
  33. Schell (2009), S. 189
  34. Schell (2009), S. 186
  35. Johannes Welte: MVG rechnet mit weiteren Streiks. In: Münchner Merkur. 28. Oktober 2010 (Interview mit dem Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeber Reinhard Büttner)
  36. Pressemitteilung der dbb Tarifunion zum Scheitern der Tarifverhandlungen (PDF-Datei; 64 kB), abgerufen am 29. September 2010 auf gdl-stadtverkehr-muenchen.de
  37. Pressemitteilung der dbb Tarifunion – Streikaufruf (PDF-Datei; 306 kB), abgerufen am 29. September 2010 auf gdl-stadtverkehr-muenchen.de
  38. Neues Betriebskonzept wegen GDL-Streik (PDF-Datei; 272 kB), abgerufen am 29. September 2010 auf mvg-mobil.de
  39. Beschäftigte gehen mit Streikpause in Vorleistung, aufgerufen am 29. September 2010 auf augsburg.gdl-stadtverkehr.de
  40. Streik im ÖPNV – reduziertes Betriebskonzept bleibt erstmal, abgerufen am 20. September 2010 auf vag-nuernberg.de
  41. Silke Lode, Katja Riedel & Marco Völklein: MVG-Streik – Ude droht GDL mit Aussperrung. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Oktober 2010
  42. Ende der U-Bahn-Streiks – Tarifstreit im Nahverkehr beigelegt. In: Süddeutsche Zeitung. 16. November 2010
  43. Uwe Ritzer & Michael Tibudd: Drei mit einem Ziel. In: Süddeutsche Zeitung. 31. Dezember 2010/1./2. Januar 2011, S. 51
  44. Tagesschau v. 17. August 2011 (Version vom 31. Dezember 2011 im Internet Archive)
  45. a b c d e  Nikolaus Doll: Schlammschlacht bei den Lokführern. In: Die Welt. 26. April 2013, ISSN 0173-8437, S. 11 (ähnliche Version online).
  46. Sebastian Kisters: Streit bei Lokführergewerkschaft GDL Den Kredit verspielt. Tagesschau online, 13. Mai 2013.
  47. a b  Detlef Esslinger: Lokführer, zweigleisig. In: Süddeutsche Zeitung. 16. Mai 2013, ISSN 0174-4917, S. 6 (online).
  48. Matthias Breitlinger "Dieser Arbeitskampf schadet der GDL". Zeit online, 24. Oktober 2014.
  49. a b c d Hintergrund: Forderungen der GDL. Saarbrücker Zeitung, 17. Oktober 2014, abgerufen am 6. November 2014.
  50. a b c tagesschau: GDL-Streik und Tarifgesetz, 5. November 2014
  51. a b Deutschlandfunk: Lokführer hoffen auf Einlenken der Bahn
  52. a b tagesschau: GDL will streiken und lässt Termin offen
  53. Nachdenkseiten: Bahnstreik - Ich bin ein GDL-Versteher, 30. Oktober 2014 um 11:39 Uhr
  54. WDR: Sind wir Geiseln der Mini-Gewerkschaften? 14. Oktober 2014
  55. Gespräche zwischen GDL und Bahn sind geplatzt, Zeit-Online vom 3. November 2014
  56. Jochim Stoltenberg: Lokführer als düstere Vorboten, Berliner Morgenpost vom 16. Oktober 2014.