Giersch

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Giersch (Begriffsklärung) aufgeführt.
Giersch
Giersch (Aegopodium podagraria)

Giersch (Aegopodium podagraria)

Systematik
Euasteriden II
Ordnung: Doldenblütlerartige (Apiales)
Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
Unterfamilie: Apioideae
Gattung: Giersch (Aegopodium)
Art: Giersch
Wissenschaftlicher Name
Aegopodium podagraria
L.

Der Giersch (Aegopodium podagraria) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Aegopodium in der Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Sie ist die einzige in Europa vorkommende Aegopodium-Art. Der botanische Gattungsname Aegopodium leitet sich von griechisch αἴγειος = aigeos (für „von Ziegen“) und griechisch πούς-ποδός = pous-podos für Fuß ab und bezieht sich auf die Gestalt der Blätter, die an einen Ziegenfuß erinnern. Das Artepitheton podagraria weist darauf hin, dass diese Pflanzenart seit Jahrhunderten in der Volksmedizin zur Linderung der Schmerzen bei Rheumatismus und Gicht (Podagra) Verwendung fand.

Giersch gilt bei Gärtnern als ein lästiges „Unkraut“; er breitet sich wuchernd aus und lässt sich wegen seiner unterirdischen Triebe nur schwer bekämpfen. Andererseits ist Giersch ein wohlschmeckendes Wildgemüse.

Beschreibung[Bearbeiten]

Illustration
Doppeldoldiger Blütenstand
Gefiedertes Laubblatt
Habitus

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Der Giersch wächst als ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 30 bis 100 Zentimeter. Da der Giersch aus einem stark wuchernden Rhizom entspringt, können die Ausläufer Kolonien bilden. Der kahle Stängel ist kennzeichnend kantig-gefurcht.[1]

Die wechselständig am Stängel angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die Blattspreite ist doppelt dreizählig oder zweifach gefiedert. Die Fiederblätter sind eiförmig-länglich und besitzen einen gesägten Rand. Die Fiedern 1. Ordnung sind oft nur zweispaltig.[1]

Generative Merkmale[Bearbeiten]

Der doppeldoldige Blütenstand ist flach und 12- bis 25-strahlig.[1] Es fehlen sowohl Hüllblätter als auch die Hüllchenblätter.[1] Die unscheinbaren, weißen Blüten sind zwittrig und fünfzählig. Die Blütezeit reicht meist von Juni bis Juli.

Die ungeflügelte kümmelähnliche, zweiteilige Spaltfrucht, auch Doppelachäne genannt, ist bei einer Länge von 3 bis 4 Millimeter eiförmig.

Ökologie[Bearbeiten]

Der Giersch ist ein Hemikryptophyt. Mit unterirdischen Ausläufern verbreiten sich einzelne Pflanzen binnen weniger Jahre über große Flächen beispielsweise in Parks und Gärten. Vegetative Vermehrung ist vorherrschend, sie erfolgt durch die weithin und tief kriechenden, weißen, brüchigen, unterirdischen Ausläufer, die eine Mindestlänge von 20 cm und einen Durchmesser von 2 mm erreichen.[2] Deshalb ist der Giersch ein gefürchtetes Wildkraut der Gärten und in diesem Fall ein wirkliches „Unkraut“.

Die bodennahen Blätter überdauern in milden Wintern; der Giersch ist damit teilwintergrün.[2]

Blütenökologisch handelt es sich um „Nektar führende Scheibenblumen vom Heracleum-Typ“.[2]

Spezielle Ausbreitungsmechanismen sind nicht bekannt; es findet aber unbeabsichtigte Ausbreitung durch den Menschen statt.[2]

Vorkommen[Bearbeiten]

Der Giersch ist in fast ganz Europa und den gemäßigt-kontinentalen Gebieten des eurasischen Laubwaldgürtels verbreitet. In Nordamerika wurde er vom Menschen eingeführt. Er liebt stickstoffreiche Böden und tritt häufig in Gärten, schattig-feuchten Gebüschen und Wäldern auf.

Bekämpfung[Bearbeiten]

Rhizome mit Neuaustrieben

Susanne Wiborg schreibt in einem Artikel („Zeit“ n. 24. 2005): „im Kampf gegen den Giersch zeigt sich die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns“. Seine Beseitigung ist nur durch mehrjähriges Abdecken oder tiefreichende Aussiebung des Bodens möglich. Giersch ist mit dem weit verbreiteten Herbizidwirkstoff Glyphosat nur schwer bis unzureichend zu bekämpfen.

Giersch kann durch regelmäßige Entfernung der Blätter so lange geschwächt werden, bis er abstirbt. Dies ist langwierig und dauert in der Regel viele Jahre. Selbst wenn zusätzlich die Wurzeln gehackt werden, regeneriert sich die Pflanze meist schnell. Die vom Giersch betroffene Fläche kann lichtdicht abgedeckt werden. Nach etwa zwei Jahren sind die unter der Abdeckung liegenden Pflanzen abgestorben – nicht jedoch ruhende Samen. Eine Bepflanzung der betroffenen Fläche mit Kartoffeln kann den Giersch unterdrücken, da ihm die schneller wachsenden Kartoffelpflanzen Licht und Nährstoffe nehmen. Seit ca. 2009 sind auch spezielle Herbizide gegen Giersch für den Gebrauch im Haus- und Kleingarten erhältlich. Herkömmliche, für Haus- und Kleingärten zugelassene Herbizide sind gegen Giersch praktisch wirkungslos, da sie nicht das gesamte Wurzelwerk vernichten.[3]

Verwendung[Bearbeiten]

Im Mittelalter, aber auch in neuerer Zeit wurde Giersch sowohl als Gemüse wie auch als Heilpflanze eigens angebaut. Mittelalterliche Quellen belegen, dass er in Kloster- und Bauerngärten eine „natürliche“ Nutzpflanze war.

Traditionelle Heilpflanze[Bearbeiten]

Der Trivialname Podagrakraut oder Zipperleinskraut weist darauf hin, dass Giersch ein traditionelles Mittel gegen Gicht ist. Über Jahrhunderte galt Giersch bei Patienten, die unter Gicht oder Rheumatismus litten, als Heilmittel. Er soll gegen Rheuma, Gicht und Arthritis, außerdem krampflösend, entgiftend und blutreinigend wirken. Da keine Inhaltsstoffe gefunden wurden, die eine Wirksamkeit für die genannten Indikationen belegen konnten, wird der Giersch in neuen Arzneibüchern meistens nicht mehr aufgeführt[4].

Giersch-Bestand am Wegesrand

Ernährung[Bearbeiten]

Giersch kann als Salat oder Gemüse zubereitet werden und erinnert in Geruch und Geschmack an Spinat und ein wenig an Petersilie. Er enthält viel Kalium, Vitamin C, Karotin und Eisen.

Da Giersch im Gegensatz zu vielen anderen Gemüsearten über eine lange Zeit im Jahr zur Verfügung steht und nur geringe Ansprüche an Boden, Wasser und Lichtversorgung stellt, sicherte er beispielsweise während der Weltkriege vielen Menschen die Vitaminzufuhr. Beim Sammeln ist darauf zu achten, eine Verwechslung mit ungenießbaren und sogar giftigen Arten von Doldenblütlern zu vermeiden (beispielsweise Gefleckter Schierling oder Breitblättriger Merk).

Als Salat eignen sich – wie bei anderen Wildpflanzen auch – vor allem die ganz jungen, kaum entfalteten Blätter. Die rohen Blätter können auch in Aufstriche und Suppen gegeben werden. Wenn die Pflanze schon älter ist, sind die Blätter für einen schmackhaften Salat zu grob. Sie eignen sich dann aber nach wie vor zum Kochen, etwa für Aufläufe oder als Tee. Die Blätter werden dann vergleichbar dem Blattspinat gekocht bzw. gedünstet. Die Gierschstiele aber können bitter schmecken und werden im Zweifel besser vor dem Kochen entfernt.

Meerschweinchen und Kaninchen fressen den Giersch sehr gerne, so dass er auch als Kleintierfutter dienen kann.

Trivialnamen[Bearbeiten]

Trivialnamen für den Giersch sind z. B.: Dreiblatt, Geißfuß, Ziegenkraut, Schettele, Zaungiersch, Baumtropf. Weil die Blätter dem Hollerbusch (Holunder) ähnlich sind, wird er auch Wiesenholler genannt.

Weiterhin sind oder waren, zum Teil nur regional, auch folgende Bezeichnungen gebräuchlich: Ackerholler (Kärnten), Erdholler oder Wilder Holler (Steiermark, Nordbaden), Wilde Angelika (Ulm), Angelken (Norddithmarschen), Baumtropfe (Aargau, Bern, Zürich), Baumtröpfle (Aargau, Bern, Zürich), Dreifuss (Daun, Eifel), Kleine wilde Engelwurz, Fearkenfaite (in der Bedeutung von „Ferkelfüsse“) (Iserlohn), Gäse (Grafschaft Mark), Gese (Grafschaft Mark), Garta (Iborig, St. Gallen), Geersch (Pommern), Geerseln (Unterweser), Geesche (Braunschweig), Geesel (Unterweser), Geeske (Ostfriesland), Geisfüssel, Geisfuss, Gere (Berg), Gerhardskraut, Gerisch (Mark Brandenburg), Gersse, Gerzel (Altmark), Gesch (Mecklenburg), Geseln (Göttingen), Gezeln (Göttingen), Geszenkielm (Marsburg), Gierisch (Schlesien), Giers (Mecklenburg), Gierts (Mecklenburg), Giersa, Gierschke, Giersick, Giersig (Schlesien), Giesseln (Unterweser), Girsch (Ulm), Girschke, Gösch (Lübeck, Mecklenburg), Griessbart (Schlesien), Gurisch (Leipzig), Gysch, Härsch (Ostfriesland), Hasenschätteln (Memmingen), Hasenscherteln (Augsburg), Heerke (Unterweser), Heersch (Dithmarschen, Oldenburg), Herske (Ostfriesland), Hinfuss (Ulm), Hinlauf, Hirs (Mecklenburg), Jesche (Fallersleben), Jessel, Jorisquek (Hamburg), Jörsquek (Holstein), Jörs (Holstein, Lübeck), Jösk (Mecklenburg), Jürs (Mecklenburg), Krafues (Kärnten), Maienkraut (Bern), Negenstärke, Nebensterke, Podagramskraut, Rutzitzke (Niederlausitz), Schnäggachrut (St. Gallen), Strenzel, Wasserkraut (Kärnten), Wetscherlewetsch, Witscherlenwertsch (Ulm), Wuchchrut (Appenzell, Oberrheintal), Ziegenkraut (Leipzig), Zipperleinskraut, Zipperlikraut (Bern).[5]

Quellen[Bearbeiten]

  • Heinz Ellenberg: Vegetation Mitteleuropas und der Alpen., Stuttgart 1996, ISBN 3-8001-3430-6
  •  Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 3. verbesserte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9.
  • Elisabeth Mayer: Wildfrüchte, Wildgemüse, Wildkräuter. Stocker, 2001, ISBN 3-7020-0835-7, Seite 38–40.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Giersch. In: FloraWeb.de.
  2. a b c d  Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korrigierte und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.
  3. Folkert Siemens: Giersch erfolgreich bekämpfen. In: Mein schöner Garten. Burda Senator Verlag GmbH, 8. April 2009, abgerufen am 18. April 2013.
  4. Ingrid und Peter Schönfelder: Das neue Handbuch der Heilpflanzen, Franckh-Kosmos Verlagsgesellschaft, 2011, ISBN 3-440-09387-5
  5. Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, Verlag von Philipp Cohen Hannover 1882, Seite 11 f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Giersch – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien