Giesebrechtstraße

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Giesebrechtstraße
Wappen
Straße in Berlin
Giesebrechtstraße
Giesebrechtstraße am Kurfürstendamm
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Charlottenburg
Angelegt um 1900
Anschlussstraßen Wilmersdorfer Straße, Kurfürstendamm
Querstraßen Sybelstraße, Clausewitzstraße
Plätze Meyerinckplatz, Hindemithplatz
Nummerierungssystem Hufeisennummerierung
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr Autoverkehr
Technische Daten
Straßenlänge 390 Meter (einschließlich Meyerinckplatz)

Die Giesebrechtstraße ist eine Wohnstraße im Berliner Ortsteil Charlottenburg, die zwischen der Wilmersdorfer Straße und dem Kurfürstendamm verläuft. Sie entstand Anfang der 1900er Jahre im Zusammenhang mit der Bebauung des Kurfürstendamms. Sie zweigt nicht wie die meisten Seitenstraßen des Kurfürstendammes rechtwinklig ab, sondern in einem Winkel von ca. 60 Grad.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits im Hobrecht-Plan von 1862 ist die Bebauung dieser Gegend in der Abteilung V für das südliche Charlottenburg berücksichtigt. Geplant war eine „gehobene Wohnbebauung“, die aber nicht ausgeführt wurde. Erst mit den Plänen zum Bau des Kurfürstendammes ab 1882 entstanden auch für die Gegend westlich der Leibnizstraße detaillierte Bebauungspläne, die auch umgesetzt wurden. Auf der Karte von 1893 ist die Trasse noch nicht ausgewiesen, aber bereits im Jahr 1900 ist sie ohne Namen vermerkt. Die Bebauung erfolgte ab 1904, sodass sie am 20. August ihren Namen nach dem Historiker Wilhelm von Giesebrecht (1814–1889) erhielt, passend zur Mommsen-, Niebuhr-, Sybel-, Dahlmann-, Droysen-, Waitz-, Gervinus- und Rankestraße, die ebenfalls nach Historikern benannt wurden, sowie zu anderen Straßen in diesem Viertel, die Namen von Wissenschaftlern tragen. Die Straße wurde nach dem Hufeisenprinzip nummeriert.

Im Berliner Adressbuch von 1905[1] sind die Hausnummern 1–23 als Neubau oder Baustelle mit den dazugehörigen Eigentümern (Maurermeister, Zimmermeister und Architekten bzw. Bodengesellschaft Kurfürstendamm) ausgewiesen. Bereits im Jahr 1906 sind die Nummern 6, 11–14 und 16–19 als Baustelle bzw. Neubau eingetragen, 1907 nur noch die Nummern 17 und 19; womit die Bebauung als abgeschlossen gelten kann.

Anwohner[Bearbeiten]

Seitdem entwickelte sich die Straße zu einem Wohnort für das gehobene Bürgertum, unter ihnen ein großer Anteil jüdischer Bewohner. Laut Adressbuch wohnten hier Militärs, Beamte, Professoren, Juristen, Rentiere, Architekten, Ärzte, Ingenieure, Kaufleute, Handwerksmeister sowie Bedienstete (Portiers, Gärtner) und auch mehrere Künstler.

Bekannte Bewohner waren:

Auch heute ist die Straße ein gehobenes Wohngebiet geblieben, was nicht zuletzt an der Größe der Wohnungen liegt. Viele Ärzte, Psychotherapeuten und Rechtsanwälte haben hier ihre Praxis, aber auch mehrere Galerien (Galerie Barthelmess & Wischnewsi,[3] Galerie Horst Dietrich,[4] Galerie Evelyn Drewes,[5] Galerie Rampoldt [seit 1967])[6] sowie ein Antiquariat und eine Buchhandlung.

Bauten und bemerkenswerte Orte[Bearbeiten]

Giesebrechtstraße 5

Baudenkmale[Bearbeiten]

Das Gebäudeensemble Giesebrechtstraße 5–8, 13–15 mit den angrenzenden Häusern Clausewitzstraße 9 und Sybelstraße 64, zwischen Kurfürstendamm und Meyerinckplatz gelegen, entstand zwischen 1904 und 1906 und ist heute als Mietshausgruppe ein denkmalrechtlich geschütztes „Ensemble“.[7] Die Gebäude Nr. 3,[8] Nr. 6[9] und Nr. 20[10] sind als Baudenkmale in der Berliner Denkmalliste verzeichnet. Das Eckhaus Nr. 9/ Kurfürstendamm 63 wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört und durch einen Neubau ersetzt. Das gegenüberliegende Eckhaus Nr. 10 / Kurfürstendamm 92 wurde ebenfalls beschädigt, konnte aber wieder aufgebaut werden. Die anderen Häuser blieben weitgehend unbeschädigt.

Bemerkenswerte Orte[Bearbeiten]

Seit den 1950er Jahren bis in die 1990er Jahre gab es in der Nr. 3 das gerne auch von Prominenten besuchte „Wiener Stüber’l“, eine Weinstube mit beeindruckender Inneneinrichtung, die mit dem Tod ihres Besitzers Friedrich Müller schließen musste. Heute befindet sich in den Räumlichkeiten das Restaurant „Julep’s“.

In der Giesebrechtstraße Nr. 5 gründeten 1922 die in Berlin lebenden Moslems aus 41 Nationen die „Islamische Gemeinde Berlin e. V.“ Als Gründer gilt der indische Imam Maulana Sadr-ud-Din aus Lahore, ein Imman der Ahmadiyya Anjuman Ischat-i-Islam Lahore-Bewegung.[11] Die Gemeinschaft errichtet 1925 die Wilmersdorfer Moschee in der Brienner Straße.

Die „Rainer Werner Fassbinder Foundation, Gemeinnützige Nachlaßstiftung GmbH“ hat ihren Sitz in der Nummer 7.[12]

In der Nr. 11 befand sich ab den frühen 1930er Jahren der von Kitty Schmidt geführte „Salon Kitty“, ein Edelbordell, das ab 1939 von Walter Schellenberg vom Reichssicherheitshauptamt für Spionagezwecke benutzt wurde.[13] Der spätere Leiter des Reichssicherheitshauptamts (ab Januar 1943), Ernst Kaltenbrunner, wohne im Nachbarhaus Nr. 12.

Giesebrechtstraße 20

Von August 1967 bis Juli 68 lebte in der Giesebrechtstraße 20 die Kommune 2, bestehend aus vier Männern (u. a. Eike Hemmer, Hans-Eberhard Schultz[14][15][16][17][18][19] und Jan-Carl Raspe) und drei Frauen (u. a. Dagmar Seehuber, die schon die Kommune I mitgründete und aus persönlichen Gründen aus ihr flüchtete) in einer 7½-Zimmerwohnung. Die beiden Kinder Nessim und Grischa kamen im September aus der Kommune I hinzu.[20]

Im traditionsreichen „Café Richter“ direkt am Platz erinnern verschiedene Einrichtungsgegenstände an die alte Zeit der Kaffeehäuser. Es gilt als Treffpunkt der Charlottenburger Szene. Mehrere Restaurants und ein Pub liegen ebenfalls in der Straße.

Kino die Kurbel[Bearbeiten]

Meyerickplatz mit dem Kino
„die Kurbel“, 2010
Bio-Supermarkt, 2013

In den Jahren 1934/1935 baute der Architekt Karl Schienemann im Haus Nr. 4 einen ehemaligen Eckladen für die Betreiber Heinz Grabley und Hanna Koenke zum ersten reinen Tonfilmkino Berlins um. Das Traditionskino „die Kurbel“ eröffnete 1935 unter massiven Anfeindungen der Inhaber des nahegelegenen „Minerva-Lichtspiele“ gegen die jüdischen Betreiber. 1936 wechselte das Kino an Hanika, Paula Hitzigrath und Walter Jonigkeit. Ab 1940 bis Anfang der 1970er Jahre betrieb Jonigkeit das Kino alleine, wobei es mehrfach umgebaut wurde und zum Ende des Zweiten Weltkrieges als Munitionslager diente.

Bereits am 27. Mai 1945 nahm die Kurbel als eines der ersten Berliner Kinos nach dem Krieg seinen Betrieb mit dem russischen Film Um sechs Uhr abends nach Kriegsende wieder auf. Seit dem 4. Dezember 1953 lief hier für 28 Monate der Filmklassiker Vom Winde verweht, der seitdem jedes Jahr an diesem Datum gezeigt wurde. Nachdem Jonigkeit das Kino in den 1970er Jahren aufgegeben hatte, diente es kurzzeitig als Sexkino. Ab 1974 übernahm die Studio Filmtheaterbetriebs GmbH & Co, München, das Kino um es wieder als Programmkino mit gutem Ruf zu betreiben. Von 1988 bis 2003 gehörte das Kino der UFA, die einen Umbau mit drei Kinosälen unterschiedlicher Größe vornahm, aber es am 25. Juni 2003 mit der 701. Vorstellung von Vom Winde verweht schließen musste.[21]

Ab 1. Januar 2004 versuchte die CH-Media GmbH das Kino als „One-Dollar-Kino“ zu betreiben, musst aber zum Februar 2005 aufgeben. Seit dem 18. Februar 2005 betrieb die Terra-Real Grundstücks-, Telekommunikations- und Filmtheater GmbH von Tom Zielinski das Kino, das im Juni 2005 erneut als Premierenkino mit drei Filmsälen eröffnet wurde. Nachdem man 2009 das 75-jährige Bestehen des Kinos feiern konnte, kam am 21. Dezember 2011 das endgültige Aus, obwohl eine Bürgerinitiative „Rettet die Kurbel“ mit prominenter Unterstützung von Beate Jensen, Rosa von Praunheim, Dieter Kosslick, Oliver Kalkofe, Angelica Domröse, Gerd Wameling, Peter Raue, Andrea Gräfin Bernstorff, Wim Wenders und anderen versucht hatte das zu verhindern.[22] In der letzten ausverkauften Vorstellung wurde noch einmal der Film Vom Winde verweht gezeigt[23]

Der Kinobetreiber und Besitzer der Immobilie hatte sich entschlossen das ganze Haus zu sanieren und die Räume an eine Bio-Supermarkt-Kette zu vermieten. Die Eröffnung fand am 25. April 2013 statt. Die Anwohner befürchten, dass durch die Belieferung, die im ursprünglichen Bauantrag mit maximal acht Lieferungen pro Woche angegeben wurde, aber in einem Ergänzungsantrag auf 18 ausgeweitet wurde, ständige Verkehrsstaus verursacht werden und der Charakter der Straße erheblich beschädigt wird. Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann, ebenfalls ein Anwohner der Straße, hat in einem Artikel im Tagesspiegel die Situation beschrieben.[24] Gegen die Entwicklung wurde von engagierten Bürgern der Verein „Bürger für das Quartier Meyerinckplatz“ gegründet.

Stolpersteine[Bearbeiten]

Stolperstein Waldemar Wagner (siehe Überleben im Dritten Reich: Juden im Untergrund und ihre Helfer)

Seit dem 8. Mai 2011 ist die Giesebrechtstraße die erste Straße in Berlin, in der alle früheren jüdischen Bewohner, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, mit Stolpersteinen geehrt werden. Aus den 22 Häusern der 355 Meter langen Giesebrechtstraße wurden von 1941 bis 1943 insgesamt 116 jüdische Männer, Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt. Für 84 von ihnen wurden am 8. Mai 2011, also am Tag der Befreiung, 66 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur, Stolpersteine gesetzt. 32 Stolpersteine sind bereits früher im Gehweg eingelassen worden. Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des Projekts Stolpersteine, hat die von Bewohnern der Giesebrechtstraße gestifteten Gedenksteine verlegt. Zusammen mit der Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf[25] haben die Anwohner der Giesebrechtstraße diese Aktion vorbereitet.[26]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Wolfgang Benz: Uberleben im Dritten Reich: Juden im Untergrund und ihre Helfer. C.H.Beck, 2003 (books.google.de, abgerufen am 15. April 2013).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Giesebrechtstraße – Sammlung von Bildern
 Commons: Stolpersteine Giesebrechtstraße – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Giesebrechtstraße. In: Berliner Adreßbuch, 1905, Teil 5, Charlottenburg, S. 47.
  2. Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Bd. 3. Sachsenhausen, Buchenwald
  3. Galerie Barthelmess & Wischnewsi
  4. Galerie Horst Dietrich
  5. Galerie Evelyn Drewes
  6. Kunstkontor Rampoldt
  7. Ensemble Giesebrechtstraße 5–8, 13–15
  8. Giesebrechtstraße 3
  9. Giesebrechtstraße 6
  10. Giesebrechtstraße 20
  11. Helmut Zenz: Geschichte des Islams in Deutschland von 1731/1732 bis 1945. 2003, abgerufen am 15. April 2013.
  12. Rainer Werner Fassbinder Foundation
  13. Hanna Huhtasaari: Nazi-Bordell: Verführen für den „Führer“. In: Der Spiegel, einestages. 27. August 2008, abgerufen am 15. April 2013.
  14.  Kuck mal, meine Vagina. In: Der Spiegel. Nr. 25, 2010 (online).
  15. Jetzt reden die Kinder. In: Focus, 27. Mai 2013
  16. Hans-Eberhard Schultz
  17. Interview mit Hans-Eberhard Schultz vom 11. Dezember 2010
  18. Gericht erlaubt Hamas-Flaggen bei Demonstration. In: Der Tagesspiegel, 17. Januar 2009
  19. Deutscher Friedensrat e. V.
  20. Werner Kahl: Vorsicht Schußwaffen!: von kommunistischem Extremismus, Terror und revolutionärer Gewalt. Olzog, München, ISBN 978-3-7892-7280-6, S. 55.
  21. Die Kurbel bei allekinos.com
  22. Rettet die Kurbel
  23. Andreas Conrad: Wieder verschwindet ein Kino im alten Westen. In: Der Tagesspiegel. 18. Oktober 2011, abgerufen am 15. April 2013.
  24. Michael Naumann: Eine kleine Ortszerstörung. In: Der Tagesspiegel. 20. März 2013, abgerufen am 15. April 2013.
  25. Stolpersteine in Charlottenburg-Wilmersdorf. Bezirkslexikon auf berlin.de
  26. Giesebrechtstraße. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, abgerufen am 15. April 2013.

52.50212613.309605Koordinaten: 52° 30′ 8″ N, 13° 18′ 35″ O