Giovanni Boccaccio

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Giovanni Boccaccio ([d͡ʒoˈvanːi boˈkːat͡ʃːo]; * 1313 in Florenz oder Certaldo; † 21. Dezember 1375 in Certaldo bei Florenz) war ein italienischer Schriftsteller, Demokrat, Dichter und bedeutender Vertreter des Humanismus. Sein Meisterwerk, das Decamerone, porträtiert mit bis dahin unbekanntem Realismus und Witz die facettenreiche Gesellschaft des 14. Jahrhunderts und erhebt ihn zum Begründer der prosaischen Erzähltradition in Europa.

Leben[Bearbeiten]

Andrea del Castagno: Giovanni Boccaccio, um 1450

Die genauen Umstände seiner Geburt sind noch nicht gesichert. Boccaccio wurde 1313 geboren, vermutlich in Florenz, möglicherweise aber auch im nahe gelegenen Bergdorf Certaldo, als unehelicher Sohn des Kaufmanns Boccaccio di Chellino. Seine Mutter starb kurz nach der Niederkunft.[1] Später kam die in vielen Quellen zitierte und auch von ihm selbst geförderte, bis heute unbewiesene Legende auf, er sei in Paris geboren worden, hervorgegangen aus einer Beziehung zwischen seinem Vater und einer französischen Adligen namens Giovanna.

Seine Kindheit verlebte er in Florenz im Haus des Vaters, der für die Compagnia dei Bardi, eine Bankgesellschaft, arbeitete. Noch als Jugendlicher – ungefähr vierzehn Jahre alt – wurde er nach Neapel zur Arbeit in eine Filiale der Compagnia dei Bardi geschickt, um sich im Beruf des Kaufmanns zu üben.

Die in Neapel verbrachten Jahre (bis 1340) hatten großen Einfluss auf die persönliche und intellektuelle Entwicklung Boccaccios. Anstatt sich mit dem Studium der Handelstätigkeit oder des kanonischen Rechts zu beschäftigen, wie es der Vater gewollt hatte, widmete er sich seiner Leidenschaft für die Literatur. Dank seinem guten Namen erhielt er Zugang zum neapolitanischen Hof des Robert von Anjou, wo er den eleganten, höfischen Lebensstil kennenlernte, mit Intellektuellen verkehrte und sich autodidaktisch eine breitgefächerte Bildung aneignete.

In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Werke in Versform und Prosa, in denen Boccaccio mit verschiedenen Genres und Stilen experimentierte. Dem Geschmack der Zeit entsprechend entwarf er das wiederkehrende Bild einer idealen Geliebten, die er Fiammetta nannte und deren reales Vorbild vermutlich eine neapolitanische Adlige namens Maria d’Aquino ist.

1340 kehrte er nach Florenz zurück. Wegen finanzieller Schwierigkeiten trat er in den Staatsdienst ein und bekleidete mehrere Ämter. Zwischen 1345 und 1346 begab er sich an den Hof des Ostasio da Polenta in Ravenna, während er im nächsten Jahr im Dienst des Francesco Ordelaffi in Forlì stand. Das bürgerliche-städtische Umfeld, sehr verschieden vom höfischen Leben, war eine bedeutende Inspirationsquelle für seine fruchtbare literarische Tätigkeit in jenem Jahrzehnt, die ihren Höhepunkt im Decamerone fand, geschrieben in den Jahren nach der Pestepidemie, die Italien 1348 heimsuchte.

Standbild in den Uffizien, Florenz

Sein Meisterwerk war indes sicher schon abgeschlossen, als er im Herbst 1350 erstmals Francesco Petrarca traf. Boccaccio schloss mit ihm eine tiefe Freundschaft. Beiden war die Verehrung für die klassischen Autoren gemein, wie ihr Briefwechsel bezeugt, in dem sie sich über literarische Erfahrungen austauschten.

Jetzt, wo sein Ruhm gewachsen war, vertraute ihm die florentinische Stadtverwaltung verschiedene diplomatische Aufträge an, die ihn auf viele Reisen führten.

In diesen Jahren widmete sich Boccaccio –  auch beeinflusst von seinem Freund Petrarca – verstärkt seinem Studium der klassischen Texte. Um 1355 erhielt er freien Zugang zur Bibliothek von Montecassino, in der viele Meisterwerke aus der Antike die Zeiten überdauert hatten. Einige der kostbaren Kodizes schrieb Boccaccio sogar eigenhändig ab.

Bald entstand um Petrarca und Boccaccio ein Kreis von Intellektuellen, die einige bedeutende klassische Werke wiederentdeckten, darunter die Annalen des Tacitus und die Metamorphosen des Apuleius.

Nachdem Boccaccio um 1360 mit dem Studium des Griechischen begonnen hatte, erwirkte er, dass in Florenz der erste Lehrstuhl für jene Sprache eingerichtet wurde. Der Lehrstuhl wurde an Leontius Pilatus vergeben, dem Boccaccio darüber hinaus die Übersetzung der Ilias und der Odyssee des Homer ins Lateinische anvertraute. Diese Werke konnten somit von einem weitaus breiteren Publikum gelesen werden.

Sein Interesse für die Antike beeinflusste auch die Literaturproduktion gegen Ende seines Lebens. In seinen späteren Lebensjahren schrieb er nämlich weniger im Volgare gehaltene erzählerische Texte, sondern mehr Werke, die sich in lateinischer Sprache mit enzyklopädischen oder philologischen Themen befassten.

Möglicherweise ist diese Veränderung auch auf eine religiöse Krise im Leben Boccaccios zurückzuführen. Diese Krise soll so tiefgreifend gewesen sein, dass Boccaccio sogar einige seiner Werke zerstören wollte, die er nun für unmoralisch hielt, und nur von Petrarca zurückgehalten wurde. Diese Darstellung wird in Frage gestellt durch die Tatsache, dass er noch um 1370 eigenhändig Abschriften seines Decamerone verfertigte. Auf jeden Fall war er bereits 1360 in den minderen Geistlichenstand eingetreten, wenn auch wahrscheinlich aufgrund finanzieller Nöte. Schließlich begegnete er im Jahr 1362 dem Kartäusermönch Gioachino Cianni aus Siena, der Boccaccio zu „frommem Leben“ bekehrte.[1]

1373 wurde ihm, der bereits zwanzig Jahre zuvor mit seiner Dante-Biographie den Kult um Dante Alighieri angefacht hatte, von der Stadt Florenz aufgetragen, öffentlich die Divina Commedia zu lesen, zu erklären und zu kommentieren. 1374 verschlechterte sich allerdings sein gesundheitlicher Zustand (er war wahrscheinlich an Hydropsie erkrankt, einer Krankheit, bei der sich die Bauchhöhle mit Wasser füllt), und so musste er diese Tätigkeit abbrechen.

Nachdem er sich schließlich in Certaldo niedergelassen hatte, führte er die Arbeit an einigen Werken bis zu seinem Tod am 21. Dezember 1375 fort.

Werke[Bearbeiten]

Boccaccio, Il Filostrato. Handschrift, 14. Jahrhundert (Codex Christianei, Hamburg)
Deutsche Erstausgabe (1473/74) von Boccaccios De mulieribus claris (deutsche Übersetzung von Heinrich Steinhöwel)
Die neapolitanische Phase
  • La caccia di Diana 1334, Kurzepos in 18 Gesängen
  • Il Filostrato 1335, Epos in Stanzen (ottava rima)
  • Il Filocolo 1336–1339, Roman in Prosa
  • Teseida 1340–1341 (vollendet in Florenz), Epos in Stanzen (ottava rima)
  • Rime, Sammlung von Gedichten, die Boccaccio im Verlauf seines Lebens verfasste; von ihm selbst nie zu einem Werk zusammengefasst
Die Jahre 1340–1350
  • Ninfale d'Ameto 1341–1342, Hirtenroman in Versform und Prosa
  • L'amorosa visione 1342–1344, Epos in Terzinen, imitiert Dantes Divina Commedia
  • Elegia di Madonna Fiammetta 1343–1344, Roman in Prosa
  • Ninfale fiesolano 1344–1346, Epos in Stanzen (ottava rima)
Hauptwerk
Spätwerk
  • Il Corbaccio 1354, Satire in Prosa
  • Trattatello in laude di Dante 1351–1373, Biographie Dante Alighieris
  • Esposizione sopra la Commedia di Dante 1373–1374, Überlieferung seiner öffentlichen Vorlesungen und Kommentare zur Divina Commedia

Die Werke auf Latein:

  • Bucolicum carmen 1349–1367, sechzehn Eklogen
  • Genealogia deorum gentilium 1350–1367, Sammlung mythologischer Erzählungen aus der Antike in 15 Büchern
  • De montibus, silvis, fontibus, lacubus, fluminibus, stagnis, seu paludibus et de nominibus maris liber 1355–1375, umfangreicher Katalog geographischer Objekte, die in der klassischen Literatur vorkommen
  • De casibus virorum illustrium 1356–1373, Sammlung von Episoden aus dem Leben berühmter Persönlichkeiten, die ein übles Schicksal ereilte
  • De mulieribus claris 1361–1362, Sammlung moralisierender Biographien berühmter Frauen der Antike und des Mittelalters

Literatur[Bearbeiten]

  • Gustav Körting: Boccaccios Leben und Werke, Leipzig 1880.
  • Hans-Jörg Neuschäfer: Boccaccio und der Beginn der Novelle. Strukturen der Kurzerzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, München 1969.
  • Joachim Heinzle: Boccaccio und die Tradition der Novelle. Zur Strukturanalyse und Gattungsbestimmung kleinepischer Formen zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: Wolfram-Studien 5 (1979), S. 41-62.
  • Hans-Joachim Ziegeler: Boccaccio, Chaucer, Mären, Novellen: „The Tale of the Cradle”, in: Klaus Grubmüller u.a. (Hgg.): Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Paderborner Colloquium 1987, Paderborn; München; Wien; Zürich 1988, S. 9-32.
  • Winfried Wehle: Der Tod, das Leben und die Kunst: Boccaccios Decameron oder der Triumph der Sprache, in: Borst, Arno (Hrsg.): Tod im Mittelalter, Konstanz 1993, S. 221-260. PDF
  • Winfried Wehle: “Im Purgatorium des Lebens: Boccaccios Projekt einer narrativen Anthropologie”, in: Aurnhammer, Achim; Stillers, Rainer (Hrsg.): Giovanni Boccaccio in Europa: Studien zu seiner Rezeption in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Wiesbaden 2014, S. 19-45. PDF

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Zeittafel und bibliographische Hinweise in: Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, Verlag Wilhelm Goldmann, 1. Aufl., München 1981, ISBN 3-442-07599-8, S. 860 f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Giovanni Boccaccio – Quellen und Volltexte (italienisch)
 Wikisource: Giovanni Boccaccio – Quellen und Volltexte
 Commons: Giovanni Boccaccio – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Siehe auch[Bearbeiten]