Giselle

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Giselle ist ein romantisches Ballett in zwei Akten nach einem Libretto von Theophile Gautier. Inspiriert wurde Gautier durch die Sage der Wilis aus De l’Allemagne (1835) von Heinrich Heine. Die Wilis sind darin junge Frauen, die vor ihrer Hochzeit gestorben sind. Da jedoch die Tanzlust in ihren toten Herzen weiterschlägt, verlassen ihre Geister des Nachts ihre Gräber, um an Wegkreuzungen zu tanzen. Sollten sie dabei eines Lebenden habhaft werden, so tanzen sie so lange und wild mit ihm, bis dieser tot umfällt.

Die Musik zum Ballett stammt von Adolphe Adam. Der eingeschobene Pas de deux des bäuerlichen Brautpaares wurde von Friedrich Burgmüller komponiert. Weitere musikalische Erweiterungen für die Petersburger Fassungen von Marius Petipa wurden durch Léon Minkus eingefügt.

Die erste Giselle war Carlotta Grisi. Ihr Lebenspartner Jules Perrot entwarf für sie die komplette Choreografie. Jean Coralli zeichnete für die restlichen Gruppen- und Solotänze verantwortlich. Der erste Albrecht war Lucien Petipa, der Bruder von Marius Petipa.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Carlotta Grisi als Giselle (2. Akt)

Giselle wurde an der Pariser Oper am 28. Juni 1841 in einer Choreografie von Jean Coralli und Jules Perrot uraufgeführt.

Die Uraufführung von Giselle unterschied sich von der heute bekannten Version in vielerlei Hinsicht. Marie Taglionis erster Spitzentanz lag erst wenige Jahre zurück und die Tänzer waren weit von der heutigen Technik entfernt. Außerdem enthielt das Stück wesentlich mehr pantomimische Teile, die nach und nach durch Tanzschritte ersetzt wurden. Bereits Fanny Elßler verlangte, kurze Zeit nach der Premiere, Veränderungen im Ablauf, die ihrem Talent als dramatische Darstellerin gerecht wurden. Die meisten der traditionellen klassischen Interpretationen beruhen auf Marius Petipas letzter Petersburger Fassung von 1887, für die er unter anderem das ganze Corps de ballet der Wilis auf Spitze tanzen ließ.

Nach langer Vergessenheit in Westeuropa, die letzte Vorstellung in Paris lief 1868, brachten Sergei Djagilews Ballets Russes 1910 Giselle in Paris auf die Bühne zurück. Seither gehört es zum Standardrepertoire fast aller bedeutender Ballettkompanien.

Neben La Sylphide ist Giselle eines der ersten Stücke in dem die Ballerina ein wadenlanges Tutu trägt.

Bis heute ist die Giselle eine der begehrtesten Rollen für klassische Ballerinen. Neben der Erstinterpretation durch Carlotta Grisi haben vor allem die Interpretationen von Olga Spessivtseva, Alicia Markowa, Galina Ulanowa, und Eva Evdokimova Ballettgeschichte geschrieben. Andere bekannte Interpretinnen sind Anna Pawlowna Pawlowa, Tamara Karsavina, Alicia Alonso, Natalia Makarowa, Gelsey Kirkland, Carla Fracci und Alessandra Ferri.

Bekannte Neudeutungen des Stoffes stammen von Mats Ek (Cullberg Ballett, 1982), Arthur Mitchell (Dance Theatre of Harlem, 1984), Marcia Haydée (Stuttgarter Ballett, 1989), Stephan Thoss (Kiel, 1999) und David Dawson (Semperoper Ballett, 2008).

Handlung[Bearbeiten]

Anna Pawlowna Pawlowa als Giselle (1. Akt)

1. Akt: In einem Dorf[Bearbeiten]

Giselle, ein liebenswertes Mädchen, lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf. Der örtliche Förster Hilarion ist unsterblich in sie verliebt.

Prinz Albrecht, der bereits mit der adligen Barthilde verlobt ist, fühlt sich einsam und gelangweilt. Albrecht, bezaubert von Giselles Schönheit und Unschuld, verkleidet sich als Bauer, kauft den angrenzenden Hof und beginnt, um Giselle zu werben. Hilarion beobachtet eifersüchtig, wie sich Giselle verliebt und glaubt, mit Albrecht verlobt zu sein. Giselles Mutter hat eine Vorahnung, dass ihre Tochter eine jener Wilis werden wird, die zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang junge Männer in ihr Verderben führen. Als Hilarion Albrechts Verkleidung auffliegen lässt, stürzt sich Giselle gebrochenen Herzens in Albrechts Schwert.

In anderen traditionellen Versionen stirbt Giselle ausschließlich an gebrochenem Herzen.

2. Akt: Auf einer Lichtung[Bearbeiten]

Hilarion hält Totenwache an Giselles Grab. Als es auf Mitternacht zugeht, erscheinen die Wilis mit ihrer Königin Myrtha, um Giselle in ihre Reihen aufzunehmen. Albrecht, gramgebeugt von Schuld und Reue, besucht Giselles Grab. Als er eine Vision von Giselles Geist hat, folgt er ihr in den Wald. Zur selben Zeit entdeckt Myrtha Hilarion und tanzt mit ihren Wilis mit ihm, bis er vor Erschöpfung stirbt. Als Myrtha kurz danach Albrecht findet, will sie auch ihn zwingen, mit den Wilis zu tanzen, aber er wird durch die Liebe Giselles geschützt.
Im Morgengrauen verlieren die Wilis ihre Macht und Albrecht ist gerettet. Giselle vergibt ihm und löst sich im Morgengrauen in Nebel auf.

  • Ende, Version 1: Albrecht bricht am Grab Giselles zusammen.
  • Ende, Version 2: Barthilde findet Albrecht am Grab Giselles und gemeinsam verlassen sie die Lichtung.
  • Ende, Version 3: Albrecht verlässt lebend aber allein die Lichtung.

Personen[Bearbeiten]

  • Berthe, eine Winzerin
  • Giselle, ihre Tochter
  • Hilarion, ein Wildhüter
  • Albrecht, ein junger Adliger
  • Wilfried, sein Diener
  • Barthilde, Albrechts Verlobte
  • Prinz der Pfalz, Barthildes Vater
  • Myrtha, Königin der Wilis
  • ein bäuerliches Paar (Bauern-pas-de-deux)
  • zwei 1. Wilis
  • Winzerinnen und Winzer, Giselles Freundinnen, Jagdgesellschaft des Prinzen, Wildhüter, Wilis

Berühmte Passagen[Bearbeiten]

Einige Teile des Werkes sind besonders bekannt und werden unabhängig vom Stückzusammenhang in Ballettabenden oder im Rahmen von Wettbewerben präsentiert:

  • Giselles Solo aus dem 1. Akt
Immer wieder Anlass für spontanen Applaus sind die 12 Takte, während denen die Solistin über die gesamte Bühnendiagonale auf dem gleichen Bein hüpft (temps levés sur pointe).
  • der Bauern-Pas-de-deux aus dem 1. Akt
Besonders virtuos sind hier die zahlreichen battierten Sprünge in den Variationen der Tänzer.
  • der Grand Pas de deux der Giselle und des Albrecht aus dem 2. Akt
Um den Kampf um Albrechts Leben tänzerisch darzustellen, wurden im Laufe der Werksgeschichte immer virtuosere Sprungfolgen in Variationen und Coda eingebaut. So werden vom Tänzer 30 entrechats six gefordert, ein Kunststück, das in den wenigsten Fällen gelingt.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Außerdem bildet es den Rahmen zu den Filmen Das Leben, ein Pfeifen (La vida es silbar) von Fernando Pérez sowie Moskau, meine Liebe von Alexander Mitta.

Literatur[Bearbeiten]

  • Serge Lifar: Giselle. Apothéose du Ballet Romantique. Paris 1942
  • Cyril W. Beaumont: The Ballet Called Giselle. London 1945, 1969
  • Frank-Manuel Peter (Hg.): Giselle ou Les Wilis. Ballet Fantastique en deux actes. Faksimile der Notation von Henri Justamant aus den 1860er Jahren. Ergänzt durch Therese von Artner Der Willi-Tanz. Eine slavische Volkssage aus dem Jahr 1822. Hildesheim, Zürich, New York: 2008
  • Howard Jacobson: Whatever It Is, I Don’t Like It. Bloomsbury 2011, page 79-82 ("Giselle"). [Ergänzt durch Hans Ludwig].

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Giselle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien