Gitta Sereny

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Gitta Sereny, CBE (* 13. März 1921 in Wien, Österreich; † 14. Juni 2012 in Cambridge)[1][2] war eine ungarischstämmige britische Biografin, Historikerin und freie Journalistin. In ausführlichen Befragungen erforschte sie die Biografien von Gewalt- und Holocaust-Tätern.

Leben[Bearbeiten]

Gitta Sereny war die Tochter des ungarischen Adligen[3] Ferdinand Serény († 1923) und dessen deutscher Frau Margit (Grete) Herzfeld (* 2. Juli 1890; † 25. Juni 1993),[4] einer Schauspielerin aus Hamburg mit jüdischen Vorfahren. Ihr anglophiler Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Er verfügte, dass seine Kinder auf einer englischen Schule ausgebildet werden sollten. Ihre Mutter schulte sie daher im Internat Stonar House in Sandwich (Kent) ein. Dort gefiel es ihr so gut, dass sie innerhalb von drei Monaten Englisch erlernte.[5] Später ging sie auf das Realgymnasium und Lyzeum Luithlen in Wien. Mit vierzehn Jahren nahm sie am Max-Reinhardt-Seminar Schauspielunterricht. Wegen des sogenannten Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich heiratete 1938 Serenys Mutter im Genfer Exil den österreichischen Nationalökonomen Ludwig von Mises. Während ihre Eltern vorerst in Genf blieben, ging sie nach Frankreich, ihr Bruder Guido Sereny studierte bereits in Großbritannien.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 nach Frankreich arbeitete sie bis 1941 in einer Hilfsorganisation für Kinder. Sie hatte auch Kontakte zu Mitgliedern der Résistance und konnte gerade noch dank der Warnung eines deutschen Soldaten über die Pyrenäen nach Spanien und in die USA fliehen. In den USA wurde sie unter anderem eine Mitarbeiterin der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Nach Kriegsende arbeitete Sereny in einem Waisenheim für Kinder, die von den Deutschen aus Osteuropa verschleppt worden waren. Für eine kurze Zeit von fünf Tagen war sie auch als Beobachterin bei den Nürnberger Prozessen für das „Daily Telegraph Magazine“ tätig. Seitdem setzte sie sich mit der Psyche der NS-Täter auseinander, insbesondere mit Albert Speer. Sereny schrieb als Journalistin unter anderem für die Zeitungen The Sunday Times, The Independent, The Daily Telegraph (The Sunday Telegraph), Die Zeit und das Magazin Le Nouvel Observateur.

Neben der Biografie Speers betrieb Sereny auch eine eingehende Auseinandersetzung mit der Kindsmörderin Mary Bell sowie mit Franz Stangl, dem Lagerkommandanten vom Vernichtungslager Treblinka. Stangl verstarb neunzehn Stunden nach seiner letzten Befragung durch Sereny an einem Herzinfarkt.

Sereny war seit 1949 mit dem früheren amerikanischen Vogue-Fotografen Don Honeyman[6] verheiratet, sie hatten zwei Kinder und lebten in London.[5]

Ehrung[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

englisch

deutsch

  • Am Abgrund. Eine Gewissensforschung. Gespräche mit Franz Stangl, Kommandant von Treblinka, u.a. Ullstein, Frankfurt am Main / Berlin 1979, ISBN 3-548-34024-5. (letzte Auflage 1997)
  • Ein Kind mordet. Der Fall Mary Bell. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-596-26721-8.
  • Kinder morden Kinder. Der Fall Mary Bell. (erweiterte und bearbeitete Neuausgabe) Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-49919699-9.
  • Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma. Aus dem Englischen übertragen von Helmut Dierlamm, Kindler, München 1995, ISBN 3-46340-258-0 (auch 2005 bei Goldmann, München, ISBN 3-442-15328-X).
  • Schreie, die keiner hört. Die Lebensgeschichte der Mary Bell, die als Kind tötete. Bechtermünz, Augsburg 2001, ISBN 3-82896970-4.
  • Das deutsche Trauma. Eine heilende Wunde. (Autobiografie, aus dem Englischen übertragen von Rudolf Hermstein) Bertelsmann, München 2002, ISBN 3-570-00558-5. (Rezension: [8])
  • The tragedy of Mary Bell. A tale of three enduring burdens. In: The Times vom 24. Mai 2003
  • Wie viel wusste Albert Speer? In: Der Tagesspiegel vom 9. Mai 2005 (über Heinrich Breloers Speer-Trilogie Speer und Er)

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gitta Sereny b. 13 March 1921, Rodovid, freies, mehrsprachiges Ahnenverzeichnis
  2. Barry Neild: [1], The Guardian, 18. Juni 2012.
  3. „The Valentine Story of Ludwig and Margit von Mises“, Jörg Guido Hülsmann, excerpted from chapters 12 and 14 of «Mises: The Last Knight of Liberalism»
  4. Margit Herzfeld, Rodovid
  5. a b Aleks Sierz: „My best teacher“, Times Educational Supplement - TES Magazine, 20. Oktober 2000
  6. Biografie von Don Honeyman, Flickr
  7. http://www.fco.gov.uk/resources/en/press-release/2003/11/fco_npr_251103_serenyhonoured „Gitta Sereny honoured for service to German-British relations“, Foreign Office, 25. November 2003 (Link nicht mehr erreichbar, 13. September 2012).
  8. Rezension zu Gitta Sereny: "Das deutsche Trauma. Eine heilende Wunde", Hans Schulz, Mai 2002