Gla

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter GLA aufgeführt

Gla (neugriechisch Γλα oder neugriechisch Γλας) ist der moderne Name einer bedeutenden mykenischen Siedlung in Böotien in Griechenland. Der Fundplatz liegt auf einem Hügel, der aus dem heute ausgetrockneten Kopais-See ragte. Der Siedlungshügel erhebt sich bis zu 38 Meter über dem umgebenden Gelände, ist etwa 900 Meter lang und misst an der breitesten Stelle 575 Meter.

Nordwestteil der Befestigungsmauer der mykenischen Akropolis von Gla vom sog. "Palast" aus gesehen

Benennung[Bearbeiten]

Der heutige Name Gla leitet sich vom albanischen Kala, das Burg bedeutet ab. Bei den Einheimischen wird sie auch Paläkastro (neugriechisch Παλαίκαστρο = Alte Burg) genannt. Welchen antiken Namen die Siedlung trug und ob sie mit einem für Böotien genannten Ort bei Homer zu identifizieren ist, ist ungeklärt. Ferdinand Noack vermutete, dass es sich bei den Ruinen um das böotische Arne handeln könnte, dass von Homer[1] und Pausanias[2] erwähnt wurde und laut Strabon[3] zusammen mit der Stadt Mideia im Kopais-See versank. Diese Identifikation ist jedoch nicht allgemein anerkannt.

Nach Pausanias[4] und Stephanos von Byzanz[5] gab es noch zwei weitere Städte Athen und Eleusis, die im See versunken waren.

Erforschung[Bearbeiten]

Edward Dodwell, der den Kopai-See 1805 besuchte, beschrieb Gla nur kurz ohne es zu besichtigen.[6] Auch William Martin Leake (1806)[7] und Ludwig Ross (1834) [8]erwähnten die Befestigung ohne es selbst näher zu erforschen. Als erste Reisende besuchten Heinrich Ulrichs[9] und Peter Wilhelm Forchhammer[10] im Jahre 1837 Gla. Ihnen folgten 1853 Wilhelm Vischer-Bilfinger,[11] 1853-1855 Conrad Bursian[12] und 1881 Heinrich Schliemann.[13]

Im Mai 1893 besuchte der deutsche Archäologe Ferdinand Noack Gla und fertigte eine grobe Zeichnung der Stätte an. Ein Monat später führte der französische Archäologe André de Ridder Ausgrabungen durch und entdeckte auf der höchsten Erhebung den sogenannten Palast und weitere größere Gebäude.[14] Im Sommer 1894 kehrte Ferdinand Noack zurück. Er entfernte den Bewuchs, vermaß die Mauern und alle sichtbaren Strukturen[15] und fertigte einen detaillierten Plan an, der so genau ist, dass er noch heute von den Wissenschaftlern verwendet wird.[16]

Von 1955 bis 1961 führte der griechische Archäologe Ioannis Threpsiadis und von 1981 bis 1983 und von 1990 bis 1991 Spyros Iakovidis Grabungen durch. 2010 und 2011 wurden geophysikalische Untersuchungen unter der Leitung von Christofilis Maggidis durchgeführt.

Beschreibung[Bearbeiten]

Bei Ausgrabungen kamen eine Befestigungsmauer sowie Gebäudereste aus mykenischer Zeit zu Tage. Ein Palast, vergleichbar z. B. mit Tiryns, Mykene oder Pylos wurde jedoch nicht gefunden. Das umschlossene Areal ist mit ungefähr 26 ha etwa zehn Mal so groß wie die mykenischen Oberstädte von Athen oder Tiryns.

Die Mauer[Bearbeiten]

Südtor von Gla (Böotien)

Die Befestigungsmauer ist aus mittelgroßen Kalksteinblöcken in Kyklopenbauweise gefertigt, 2,8 km lang und heute noch 3–5 Meter hoch. Sie wurde an vielen Stellen direkt an den Steilhang des Hügels gebaut. Ihre Stärke beträgt bis zu 5,75 Meter und ist in kurzen geraden Abschnitten gebaut, die zueinander leicht versetzt gebaut wurden. Der Grund hierfür ist unbekannt. Man hat zum Beispiel angenommen, dass ein Abschnitt einem Tagewerk entsprechen würde, so dass an einem Tag ein Mauerteil abgeschlossen wurde bevor am nächsten Tag der nächste begonnen wurde. Ein anderer Erklärungsversuch besagt, das bei Beschädigung der Mauer zum Beispiel durch Erdbeben oder Angreifer nur ein Teil der Mauer einstürzen würde und dieser schnell wieder zu errichten wäre. Man hat auch vermutet, das das Baumaterial nicht geeignet war um gebogene Mauerzüge zu bauen und deshalb die Mauer in kurzen geraden Abschnitten errichtete, um den Konturen des Hügels zu folgen. Für mykenische Verteidigungsmauern ungewöhnlich hatte sie vier Zugänge: im Norden, Westen, Südosten und das Haupttor im Süden. Zu den Toren führten aufwendige künstlich geschaffene Rampen. Die Befestigung wurde am Beginn der Phase SH III B, also um 1300 v. Chr. erbaut.

Die Tore[Bearbeiten]

Das Westtor welches von de Ridder auch Tor des Feigenbaums (frz. Porte du figuier) genannt wurde ist mit 5,30 m Weite das kleinste Tor. Zu beiden Seiten des Tors war die Mauer verdickt und bildete zwei gegenüberliegende Bastionen. Am inneren Abschluss der Bastionen fand man die Türschwelle, hier befand sich einst das Tor. Betritt man die Burg durch das Westtor so lag links ein 2,80 x 3,20 m großer Raum. Ihm gegenüber befand sich eine Mauer, die wahrscheinlich dazu diente eine Überdachung des Torweges zu tragen. Etwa 5 m hinter dem Tor begann links eine gekrümmte Rampe, die auf die Mauer direkt neben der linken Bastion führte.

Das Nordtor verfügte ebenfalls über zwei Bastionen und hatte eine Breite von 5,50 m. Am Ende der Bastion befand sich ein zweiflügliges Tor. Rechts dahinter befand sich ein 2,80 x 3,20 m großer Raum und ihm gegenüber ein an zwei Seiten mit Mauern abgeschlossener Raum. Dieser Teil hinter der Mauer war wahrscheinlich überdacht. Am Ende dieses kleinen Innenhofs befand sich ein zweites zweiflügliges Tor.

Das Südosttor war ein Doppeltor. An den Mauerenden links und rechts der Tore und dazwischen gab es jeweils eine Bastion. Das westliche linke Tor hatte eine Weite von 4,90 m. Hinter dem zweiflügligen Tor lag rechts ein Raum von 3,10 x 3,00 m und dahinter ein weiters zweiflügliges Tor. Das östliche Tor hatte eine Weite von 3,90 m und hinter dem zweiflügeligen Tor lag ein 2,40 x 3,00 m großer Raum.

Das Südtor war mit einer Breite von 5,80 m das größte und am besten gesicherte Tor. Die südliche rechte Bastion war etwa 6 m gegenüber der linken vorgezogen. Angreifer konnten so von der vom Schild ungeschützten Seite und von hinten attackiert werden. Hinter dem zweiflügligen Tor gab es links einen 4,25 x 2,90 m großen Raum. Ihm gegenüber gab es einen an zwei Seiten mit Mauern eingefassten Platz, der in einer späteren Bauphase auch in einen Raum umgewandelt wurde. Hinter diesem Raum gab es eine Rampe, die auf die Mauer führte.

Ņ=== Der "Palast" === Von den architektonischen Resten der Innenbebauung sticht vor allem ein großes, meist als „Palast“ bezeichnetes, L-förmiges Gebäude hervor. Es befindet sich auf der höchsten Erhebung im Norden der Siedlung auf einer künstlichen Terrasse. Das Gebäude besteht aus zwei Flügeln, die räumlich voneinander getrennt sind. Der eine erstreckt sich von Nord nach Süd und der andere von West nach Ost. In jedem dieser Flügel befinden sich zumeist sehr kleine Räume, in Gruppen zu jeweils sechs angeordnet und mit Korridoren verbunden. Das Fehlen eines Thron(saals), eines Herdes, eines Bads und die Größe der Räume machen es sehr unwahrscheinlich, dass es sich um einen mykenischen Palast handelte. Das Gebäude war durch eine dünnere Mauer umgeben und es gab im Osten und im Süden ein Zugangstor. Im Osten des "Palast" schloss sich ein weiterer kleiner Bereich, der von einer Mauer umgeben war an, dessen Funktion bisher unbekannt ist. In Byzantinischer Zeit wurde auf den Grundmauern des Palastes eine kleine Kirche errichtet, die jedoch heute komplett verschwunden ist.

Weitere Bebauung[Bearbeiten]

Durch das Tor im Süden der Palasteinfriedung gelangte man zur sogenannten „Agora“, die auch von einer Mauer umgeben war und durch ein Tor im Süden vom übrigen Gelände betreten werden konnte. Hier fand man die Fundamente von zwei Gebäudekomplexen, die parallel zueinander angeordnet waren. Sie hatten einen ähnlichen Grundriss und waren in Nord-Süd-Richtung orientiert. In beiden Fällen verbindet ein langer Korridor Gebäude im Norden und Süden der Komplexe. Die Gebäude sind in kleine Räume unterteilt. Die Fachleute sind sich uneinig, welche Funktion die Gebäude der „Agora“ hatten. Vorgeschlagen wurde, dass sie als Kasernen dienten, aber auch eine Nutzung als Vorratsräume und/oder Werkstätten wird propagiert.

Im Osten von Gla war ein kleinerer Bereich durch eine Mauer abgetrennt. Die Mauer stieß im Süden auf das Doppeltor im Südosten, so dass man durch den östlichen Torflügel den abgetrennten Bereich betreten konnte und durch den westlichen Zugang in den Hauptteil gelangte. In dieser Umfriedung bauten sich Freiheitskämpfer während der Griechischen Revolution um 1821 eine Kapelle als Unterschlupf, von der jedoch kaum Überreste vorhanden sind. Außerhalb der Umfriedungen wurden kaum Grundmauern oder sonstige Anzeichen für weitgehende Bebauung innerhalb Glas gefunden. Man hat auch sehr wenig Scherben gefunden, so dass man annimmt, dass es sich bei Gla um keine Siedlung handelt.

Interpretation[Bearbeiten]

In der frühen Jungsteinzeit war der Hügel dicht besiedelt, aber erst in der mykenischen Zeit wurde die Befestigung errichtet. Man vermutet, dass Gla zu dieser Zeit nur zeitweise bewohnt war und als Fluchtburg, Militärlager und Warenlager genutzt wurde. Aufgrund der Einteilung des „Palastes“ in zwei fast gleich große Flügel vermutet man, dass Gla von zwei größeren Städten wie zum Beispiel Orchomenos und Theben gemeinsam errichtet und betrieben wurde und das L-förmige Gebäude als Sitz für die Repräsentanten der beiden Städte diente.

Der Kopai-See war schon sehr früh durch den Bau von Katavothren entwässert worden und das fruchtbare Land konnte so landwirtschaftlich genutzt werden. Gla lag genau in der Mitte dieses neu gewonnen Landes und könnte als administratives Zentrum zum Erfassen und Lagern der Ernte gedient haben. Zwischen 1220 und 1200 v. Chr. (SH III B2) wurde die Siedlung wahrscheinlich bei einer feindlichen Auseinandersetzung durch Feuer zerstört. Sie wurde danach nicht weiter genutzt. Etwa zur gleichen Zeit versagte die Entwässerung und das Land wurde für die Landwirtschaft unbrauchbar und Gla wurde im Jahresverlauf zeitweise zur Insel. Die ersten Besucher Glas der Neuzeit beschrieben den Ort je nach Jahreszeit ihres Besuchs als Insel. Erst 1887 wurde der Kopai-See endgültig trocken gelegt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Spyros Iakovidis: Late helladic citadels on mainland Greece. Leiden 1983.
  • Spyros Iakovidis: Gla and the Kopais in the 13th Century BC. Athen 2001.
  • Nic Fields: Mycenaean Citadels c. 1350–1200 BC. Oxford 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Homer: Ilias 2, 507.
  2. Pausanias: Reisen in Griechenland 9, 40, 5.
  3. Strabon: Geographica 9, 2, 35-36.
  4. Pausanias: Reisen in Griechenland 9, 24, 2.
  5. Stephanos von Byzanz: Ethnica s.v.
  6. Edward Dodwell: A Classical and Topographical Tour Through Greece During the Years 1801, 1805 and 1806, Band 2, London 1819, S. 55-56 (online)
  7. William Martin Leake: Travels in Northern Greece, Band 2, London 1835, S. 295 (online)
  8. Ludwig Ross: Reisen des Königs Otto und der Königin Amalia in Griechenland, Band 1, Halle 1848, S. 105 (online)
  9. Heinrich Ulrichs: Reisen und Forschungen in Griechenland, 1. Teil, Bremen 1840, S. 216 (online)
  10. Peter Wilhelm Forchhammer: Hellenika: Griechenland, im neuen das alte., Berlin 1837, S. 179 (online)
  11. Wilhelm Vischer: Erinnerungen und Eindrücke aus Griechenland, Basel 1875, S. 581 (online)
  12. Conrad Bursian: Geographie von Griechenland, Band 1, Leipzig 1862, S. 212 (online)
  13. Heinrich Schliemann: Orchomenos, Leipzig 1881, S. 51 (online)
  14. André de Ridder: Fouilles de Gha in Bulletin de correspondance hellénique. 18, 1894, S. 271-310: André de Ridder: Arnè in Bulletin de correspondance hellénique., 18, 1894, S. 446-452.
  15. Friedrich Noack: Arne in Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. 19, 1894, S. 405-485.
  16. Plan von Noack in Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. 19, 1894, Tafel X.

38.48333333333323.181944444444Koordinaten: 38° 29′ 0″ N, 23° 10′ 55″ O