Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

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Darstellung von Heinrich Andreas Lohe (1688/89) in der Hofer Hospitalkirche

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist ein Gleichnis aus dem Neuen Testament der Bibel, das in Mt 20,1-16 EU erzählt wird.

Inhalt[Bearbeiten]

Im Gleichnis wird das Reich Gottes mit einem Hausherrn verglichen, der am Morgen Arbeiter einstellt, damit sie seinen Weinberg bestellen. Er vereinbart mit ihnen einen Tagelohn von einem Silberstück. Der Weinbergbesitzer geht nach jeweils 3 Stunden weitere drei Mal und zum Schluss nach 11 Stunden letztmals auf den Marktplatz, um Arbeiter einzustellen.

Am Ende des Arbeitstages nach zwölf Stunden bezahlt er zuerst die zuletzt Eingestellten, die nur eine Stunde gearbeitet haben, ein Silberstück. Auch alle anderen erhalten diesen Lohn. Die Arbeiter, die den ganzen Tag gearbeitet haben, beschweren sich darüber beim Hausherrn. Sie fordern mehr Lohn, weil sie mehr gearbeitet haben. Der Hausherr weist die Kritik aber zurück, indem er die verärgerten Arbeiter daran erinnert, dass sie mit ihm doch zuvor über die Bezahlung eines Silberstücks übereingekommen waren und dass er zudem mit seinem Geld umgehen könne, wie es ihm beliebe.

Interpretation des Gleichnisses[Bearbeiten]

Die „Lehre“ dieses Gleichnisses ist eine paradoxe Umkehr üblicher Maßstäbe; sie rahmt dieses in zwei Varianten ein, neben Mt 19,30 EU die berühmte Formulierung Mt 20,16 EU:

So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Je nach exegetischer Methode lassen sich unterschiedliche Aspekte dieses Gleichnisses hervorheben:

Sozialgeschichtliche Auslegung

Der Weinbergbesitzer gibt allen Arbeitern genau den Lohn, der in damaliger Zeit notwendig war, um eine Familie einen Tag lang ernähren zu können. Da das Gleichnis mit einer Anrede der Zuhörer in Du-Form endet, wäre es dahingehend auszulegen, dass Jesus seine Zuhörer ermutigen will, in entsprechender Weise zu handeln, nämlich jedem das Überleben zu ermöglichen.

Alttestamentliche Orientierung

Im Alten Testament steht der Weinberg häufig für das Volk Israel. Dementsprechend stünde im Gleichnis der Weinberg für die ganze Welt, die bearbeitet wird für das endgültige Kommen des Reichs Gottes. Die Kirche umfasst dann alle die, die daran mitarbeiten, egal, wann sie damit anfangen. In dieser Rolle als „Bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn“ sah sich auch Papst Benedikt XVI., wie er es in seiner ersten Ansprache von der Benediktionsloggia betonte.

Allegorische Auslegungsmöglichkeiten

Der Weinbergbesitzer steht jeweils für Gott.

  1. Die Arbeiter sind Gottes wahre Kinder. Sie finden zu unterschiedlichen Zeiten zum Glauben, aber trotzdem wird ihnen allen die gleiche Liebe Gottes zuteil.
  2. Die ersten Arbeiter stehen für die Heuchler und Pharisäer. Sie besitzen keinen wirklichen Glauben, sie sind neidisch und ungerecht gegenüber den Mitmenschen, sie dienen dem Geld und nicht der Nächstenliebe, sie erheben sich über die Vereinbarung mit dem Herrn, sie bekommen genug und genauso viel und sind doch unzufrieden, sie wollen mehr Gerechtigkeit und sind doch ungerecht. Insbesondere diese Variante der allegorischen Auslegung mit der klischeehaften Gleichsetzung der Pharisäer mit Heuchlern gilt in der modernen christlichen Theologie als überholt.
  3. Gott wendet sich den Zuspätgekommenen, den Sündern zu. Die zuerst da waren, die Frommen, brauchen aber deshalb keine Angst zu haben, dass ihnen etwas genommen wird, denn sie bekommen den vereinbarten Lohn.
Religionspsychologische Anmerkung

Nach Oser und Gmünder gibt es 5 Stufen des religiösen Urteils. Die jeweilige Stufe des religiösen Urteils bestimme das Denken einer Person. So sähen Personen der Stufe 2 das Gleichnis wortwörtlich und meinten, Gott zahle einen Stundenlohn. Personen auf Stufe 4 deuteten genau umgekehrt: Gott lasse sich nicht in Kategorien von Leistung und Lohn einzwängen; ihm liege an den freien Entfaltungsmöglichkeiten aller Menschen.[1]

Sozialpsychologische Anmerkung

Die Theorie der sozialen Identität (Henri Tajfel) untersuchte in Kleingruppen unterschiedliche Belohnungsverteilungen. Dabei kam heraus, dass es bei Gewinn-Verteilungen nicht einmal darum geht, sich selbst (oder der eigenen Gruppe) den maximalen Gewinn zuzuteilen, sondern dass eine Maximierung des Unterschiedes zu anderen Personen (oder Gruppen) angestrebt wird. Es ist also in einem gewissen Rahmen nicht wichtig, wie viel man bekommt, solange man, relativ gesehen, mehr als die anderen erhält.

Das Ungerechtigkeitsempfinden aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg kann als frühes Beispiel für diese Theorie gelten.

Gattung[Bearbeiten]

Aufgrund des literarischen Aufbaus, welcher auf einen Höhepunkt in Form der Äußerung des Weinbergbesitzers zusteuert, handelt es sich um eine Parabel.

Literatur[Bearbeiten]

  • Kommentare zum Matthäusevangelium zu Kap. 20,1-16.
  • Friedrich Avemarie: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15) - eine soziale Utopie?, in: Evangelische Theologie 62 (2002), S. 272-287.
  • Friedrich Avemarie: Jedem das Seine? Allen das Volle! (Von den Arbeitern im Weinberg) Mt 20,1-16, in: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2007. ISBN 3-579-08020-2, S. 461–472.
  • Jean-Pierre Delville: L'Europe de l'exégèse au XVIe siècle. Interprétations de la parabole des ouvriers à la vigne (Matthieu 20, 1-16). BETL 174. Peeters Leuven 2004 ISBN 90-429-1441-6.
  • Catherine Hezser: Lohnmetaphorik und Arbeitswelt in Mt 20,1-16. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg im Rahmen rabbinischer Lohngleichnisse. Novum testamentum et orbis antiquus 15. Univ.-Verl., Fribourg (CH) u.a. 1990 ISBN 3-525-53916-9.
  • Hans-Joachim Petsch: Jedem das Seine. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Kösel München 1984, ISBN 3-466-36203-2.
  • Ludger Schenke: "Die Interpretation der Parabel von den 'Arbeitern im Weinberg' (Matthäus 20,1-15) durch Matthäus". In: Ders. (Hrsg.): Studien zum Matthäusevangelium. Festschrift für Wilhelm Pesch. Stuttgarter Bibelstudien. Kath. Bibelwerk Stuttgart 1988, S. 245-268.
  • Luise Schottroff: "Die Güte Gottes und die Solidarität von Menschen. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg" (1979). In: Dies.: Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen Testaments. Theologische Bücherei. Neues Testament 82. Kaiser, München 1990, S. 36-56
  • Johannes Seidel: "Von der Gerechtigkeit Gottes. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16)". In: Herbert Stettberger (Hrsg.): Was die Bibel mir erzählt. Aktuelle exegetische und religionsdidaktische Streiflichter auf ausgewählte Bibeltexte. Festschrift für Prof. Dr. Franz Laub. Bibel - Schule - Leben 6. Lit-Verlag Münster 2005, S. 115-124.
  • Michael Theobald: "Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16). Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit und Rede von Gott", in: Dietmar Mieth (Hrsg.): Christliche Sozialethik im Anspruch der Zukunft. Tübinger Beiträge zur Katholischen Soziallehre. Studien zur theologischen Ethik 41. Herder Freiburg 1992, S. 107-127.
  • Reinhold Zwick: "Die Gleichniserzählung als Szenario. Dargestellt am Beispiel der 'Arbeit im Weinberg' (Mt 20,1-15)". In: Biblische Notizen 64 (1992), S. 53-92.

Predigten

  • Eugen Drewermann: "Von den Arbeitern im Weinberg. Matthäus 20,1-16". In: Ders.: Wenn der Himmel die Erde berührt. Predigten über die Gleichnisse Jesu. Patmos Düsseldorf 1992, S. 47-60.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oerter und Montada: Entwicklungspsychologie, Beltz Psychologie Verlags Union; Auflage: 6., vollständig überarbeitete Aufl. (18. Februar 2008), ISBN 3621276076, Seite 945

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arbeiter im Weinberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien