Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt

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Bachkantate
Johann Sebastian Bach 1746.jpg
Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt
BWV: 18
Anlass: Sexagesimae
Entstehungsjahr: 1713?
Entstehungsort: Weimar
Solo: S T B
Chor: SATB
Instr: 4Va Vc Fg Bc, 1724 + 2Fl
Text
Erdmann Neumeister, Lazarus Spengler
Liste der Bachkantaten

Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt (BWV 18) ist eine Kirchenkantate von Johann Sebastian Bach. Er komponierte sie in Weimar für Sexagesimae, wahrscheinlich bereits 1713.

Geschichte und Worte[Bearbeiten]

Bach arbeitete ab 1708 für den Weimarer Hof. Am 2. März 1714 wurde er zum Konzertmeister ernannt. In dieser Position hatte er unter anderem die Aufgabe, einmal im Monat eine Kirchenkantate zu komponieren, die in der Schloßkirche aufgeführt wurde. Bach schrieb diese Kantate für den Sonntag Sexagesimae, den vorletzten Sonntag vor der Passionszeit. Die vorgeschriebenen Lesungen waren 2 Kor 11,19 LUT2 Kor 12,9 LUT und Lk 8,4–15 LUT, das Gleichnis vom Sämann.[1]

Bach vertonte einen Text von Erdmann Neumeister, den dieser für den Hof in Eisenach geschrieben und in Gotha 1711 in der Sammlung Geistliches Singen und Spielen veröffentlicht hatte.[2] Georg Philipp Telemann hatte ihn bereits.[1] Der Text zitiert zunächst Jesaja (Jes 55,10–11 LUT), der die Wirkung von Gottes Wort durch einen Vergleich mit Regen und Schnee veranschaulicht, mit Bezug zum Evangelium.[3] Im folgenden Satz fügt der Dichter eine Warnung vor den Gefahren, die Gottes Wort bedrohen, abschnittsweise Bitten aus der Litanei Martin Luthers ein. Der Schlusschoral ist die achte Strophe von Lazarus Spenglers Kirchenlied „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“ (1524).[1][4][5]

Die Kantate ist ein frühes Werk Bachs. Alfred Dürr datiert sie auf spätestens den 24. Februar 1715, wahrscheinlicher ein oder zwei Jahre früher.[1] Christoph Wolff stellt dagegen fest: „Die originalen Aufführungsstimmen haben sich erhalten und erlauben eine Datierung auf das Jahr 1713“.[2] Bach führte die Kantate erneut in Leipzig 1724 auf, mit erweitertem Instrumentarium und in einer anderen Tonart.[1] Das Werk wurde dann wahrscheinlich zusammen mit der neu komponierten Kantate Leichtgesinnte Flattergeister aufgeführt.[6]

Besetzung und Aufbau[Bearbeiten]

Wie andere Kantaten aus der Weimarer Zeit ist das Werk für ein kleines Ensemble gesetzt, drei Solisten, Sopran, Tenor und Bass, vierstimmigen Chor, vier Violen und Basso continuo mit Violoncello und Fagott. In einer Leipziger Fassung von 1724 oktavieren zwei Blockflöten die beiden höchsten Viola-Stimmen.[1] John Eliot Gardiner vergleicht ihren Einsatz mit dem eines Orgel-Vierfußregisters.[7] Die Kantate beginnt in der Weimarer Fassung in g-Moll, in der Leipziger Fassung in a-Moll.

Die Kantate, die mit einer Sinfonia beginnt, enthält fünf Sätze.[1]

  1. Sinfonia
  2. Recitativo (Bass): Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt
  3. Recitativo e chorale (Litanei) (Tenor, Bass, Chor): Mein Gott, hier wird mein Herze sein – Du wollest deinen Geist und Kraft
  4. Aria (Sopran): Mein Seelenschatz ist Gottes Wort
  5. Choral: Ich bitt, o Herr, aus Herzensgrund

Musik[Bearbeiten]

Die Tonarten in diesem Abschnitt sind die der Weimarer Fassung, während die Aufnahme von Masaaki Suzuki, die von Klaus Hofmann kommentiert wird, die Leipziger Tonarten benutzt. Hofmann bemerkt den lutherischen Charakter des Werkes, das eine Litanei Luthers im dritten Satz zitiert, und bezeichnet es als „Rezitativetüde“, die das Secco-Rezitativ der italienischen Oper, das Neumeister in Kirchenkantaten einführte, ebenso verwendet wie ein reich instrumentiertes Accompagnato.[3]

Die Kantate beginnt mit einer Sinfonia in g-Moll, die fallenden Regen und Schnee durch fallende Phrasen veranschaulicht. Sie ist in Da capo-Form und erinnert sowohl an eine Chaconne als auch ein Concerto. Die vier Bratschen und das Continuo mit Fagott und Cello sorgen für ein ungewöhnliches Klangbild.[3]

Das Zitat von Jesaja wird vom Bass, der Vox Christi (Stimme Christi), gesungen als Secco-Rezitativ.[1] Es ist Bachs erste Verwendung eines Rezitativs in einer Kirchenkantate.[7]

Der zentrale Satz ist in Bachs Kantaten einzigartig: Der Chor-Sopran unterbricht viermal das Rezitativ der männlichen Solisten durch eine Bitte, die vom Chor durch den Ruf „Erhör uns, lieber Herre Gott!“ verstärkt wird.[1] Das Rezitativ ist Adagio bezeichnet und steht in Es-Dur, während die eingeschobene Litanei dramatisch erscheint, Allegro in c-Moll.[3]

Die einzige Arie, in Es-Dur, wird von den vier Bratschen unisono begleitet. Die Kantate schließt mit einem schlichten vierstimmigen Satz von Spenglers Lied,[5] dem ersten von Bachs zahlreichen Choralsätzen als Abschluss von Kirchenkantaten.[7]

Einspielungen[Bearbeiten]

LP / CD
DVD
  • J. S. Bach: Kantate BWV 18 „Gleich wie der Regen“. Rudolf Lutz, Schola Seconda Pratica, Nuria Rial, Makoto Sakurada, Dominik Wörner. Samt Einführungsworkshop sowie Reflexion von Hans Jecklin. Gallus Media, 2009.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach, 4, 1, Deutscher Taschenbuchverlag, 1981, ISBN 3-4230-4080-7, S. 209–211.
  2. a b Christoph Wolff: "Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt" BWV 18 (PDF), bach-cantatas.com, 1997, S. 15 (Zugriff am 2. Februar 2013).
  3. a b c d Klaus Hofmann: BWV 18: Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt (PDF; 4,0 MB) bach-cantatas.com. S. 11–12. 2005. Abgerufen am 3. Februar 2013.
  4. Durch Adams Fall ist ganz verderbt / Text and Translation of Chorale (englisch) bach-cantatas.com. 2005. Abgerufen am 3. Februar 2011.
  5. a b Chorale Melodies used in Bach's Vocal Works / Durch Adams Fall ist ganz verderbt (englisch) bach-cantatas.com. 2005. Abgerufen am 3. Februar 2011.
  6. Julian Mincham: Chapter 43: BWV 18 „Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt“ (englisch) jsbachcantatas.com. 2010. Abgerufen am 23. Januar 2013.
  7. a b c John Eliot Gardiner: Cantatas for Sexagesima / Southwell Minster (englisch, PDF; 120 kB) bach-cantatas.com. S. 8–11. 2009. Abgerufen am 30. Januar 2013.