Glockenfriedhof
Glockenfriedhof ist die Bezeichnung für Sammelplätze von Kirchenglocken während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Von den Sammelplätzen aus gelangten die Glocken zur industriellen Weiterverarbeitung.
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Geschichte[Bearbeiten]
Kirchenglocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen, um eingeschmolzen vor allem in der Rüstungsindustrie Verwendung zu finden.
Im Ersten Weltkrieg wurden die Glocken wahllos abgenommen und in Glockenfriedhöfen gesammelt. Im Zweiten Weltkrieg klassifizierte die NS-Administration die Glocken in die Typen A, B, C und D. Die Typen C und D repräsentierten historisch wertvolle Glocken. Während A und B sofort hergegeben werden mussten, war Typ C in „Warteposition“, wohingegen Typ D geschützt war. Für den „Endsieg“ ließ manch ein Bürgermeister auch die historisch wertvolle Glocke (Typ D) vom Turm nehmen.[1]
Die jeweils nach Kriegsende in den Glockenfriedhöfen verbliebenen (noch nicht eingeschmolzenen) Glocken wurden nach Möglichkeit zurückgestellt, was aber mangels Zuordenbarkeit nicht immer möglich war. Schätzungen gehen davon aus, dass im Ersten Weltkrieg rund 65.000 Glocken eingeschmolzen wurden, im Zweiten Weltkrieg rund 45.000 in Deutschland, überdies noch weitere 35.000 in den besetzten Gebieten. Alleine auf dem Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel warteten bei Kriegsende noch weit über 10.000 Glocken auf den Schmelzofen.[2][3]
Geschichte des Glockenfriedhofes in Hamburg-Veddel[Bearbeiten]
Beim Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel (auch Glockenlager genannt) handelte es sich um ein großes Gelände in der Nähe des Hamburger Hafens, das zur Zwischenlagerung von Kirchenglocken aus dem gesamten Deutschen Reich und den damals besetzten Gebieten diente.
Zwischen 1939 und 1945 wurden zahlreiche, zum Teil auch berühmte Glocken und Bronzedenkmäler eingeschmolzen und gingen damit für immer verloren. Insgesamt wurden etwa 90.000 Glocken nach Hamburg geschafft, von denen etwa 75.000 eingeschmolzen wurden. Nach Schätzungen sollen sich am Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen 10.000 und 16.000 Glocken auf dem Glockenfriedhof befunden haben.
Nach aufwändigen, teilweise Jahre dauernden Identifizierungsmaßnahmen des Ausschusses für die Rückführung der Glocken wurden die meisten dieser Glocken wieder an ihre Heimatgemeinden zurückgegeben.
Glocken aus Kirchen in den für Deutschland verlorenen Ostgebieten wurden Anfang der 1950er-Jahre an Kirchen in Westdeutschland verteilt. So befinden sich in westdeutschen Kirchen etwa 120 Glocken aus dem ehemaligen Ostpreußen.
Gerettete Glocken[Bearbeiten]
In den Ursprungskirchen[Bearbeiten]
- Die Glocken 1 und 3 (b° und es') der St.-Annen-Kirche in Annaberg-Buchholz
- Glocken 1 bis 4 der fünf Glocken aus dem Münster St. Zeno in Bad Reichenhall
- Das vollständige Geläut des Bonner Münster
- Das vollständige Geläut aus dem 16. Jahrhundert des Braunschweiger Domes
- Die tontiefste Glocke (b°) der Stadtkirche St. Jakobi in Chemnitz
- Die große Glocke von 1447 der St.-Bartholomäuskirche in Damgarten
- Eine Glocke von 1725 der Pfarrkirche St. Augustinus in Dettelbach
- Die große (des) und mittlere (f) Glocke der Stephanuskirche[4] in Dresden-Zschachwitz
- Die beiden eingezogenen Glocken von 1702 und 1734 der Hugenottenkirche in Erlangen
- Die große Glocke von 1709 (Ton e') der evangelischen Nikolaikirche in Felsberg (Hessen)[5]
- Alle drei eingezogenen Glocken von 1614 und 1621 der Pfarrkirche St. Michael im Stadtteil Mosbach in Feuchtwangen
- Das vollständige Geläut von 1877 des Frankfurter Domes, eines der wertvollsten Geläute des 19. Jahrhunderts in Deutschland und zentraler Bestandteil des Frankfurter Stadtgeläutes
- Die zwei eingezogenen Glocken der Frankfurter Paulskirche
- Das Stiftsgeläut der Stiftskirche in Freckenhorst
- Die Johannesglocke der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Greffen
- Zwei Glocken aus den Jahren 1643/1645 der Kirche von Großolbersdorf
- Die Marienglocke aus Hallgarten im Rheingau, welche allerdings neu gegossen wurde
- Das vollständige Geläut von 1720 der Pfarrkirche Mariä Verkündigung in Haslach
- Das vollständige Hemony-Geläut (c', d', e') von 1639–46 der Neustädter St.-Johannis-Kirche in Herford
- Die Marienglocke, tontiefste Glocke der Stadtpfarrkirche St. Marien in Hof
- Die Reformationsglocke, tontiefste Glocke von 1926 (Ton c') der evangelischen Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)
- Drei Glocken (Marien-, Petrus- und Paulusglocke) von 1861 aus der Pfarrkirche St. Peter in der Gemeinde Lieser
- Das vollständige Geläut der Konkordienkirche in Mannheim
- Die große Glocke von 1669 (gegossen von Johannes Schirnbein) der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg
- Die Apostelglocke von 1613 und die Klingeglocke um 1400 der Pfarrkirche St. Georgen in Parchim
- Der „Kleine Peter“ von 1522 der Marienkirche in Plau am See
- Die St.-Johannes-Glocke von 1520 der Wallfahrtskirche Maria von der Tann in Rütschenhausen
- Die St.-Bartholomäus-Glocke von 1883 des Schwalmtaldoms St. Michael in Waldniel in der Gemeinde Schwalmtal
- Zwei von drei eingezogenen Glocken der St.-Rochuskirche in Zirndorf[6]
- Das vollständige Geläut (Töne ges, a, c) von 1848 in der Marktkirche Goslar
Patenschaften[Bearbeiten]
Sofern die Ursprungskirchen nicht mehr stehen, erreichbar oder umgewidmet sind, werden die geretteten Glocken in Patengemeinden oder in Museen aufbewahrt.
- Im Hof des Museums Haus Hansestadt Danzig in Lübeck sind Glocken aus Wotzlaff und Danzig aufbewahrt.
- Im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg befinden sich vier gerettete Glocken aus Ostpreußen als Leihgabe.
- Eine weitere ostpreußische Glocke klingt bis heute in der Kirche St. Martin in Augsburg-Oberhausen.
- In der Kreuzkirche in Eschenbach in der Oberpfalz: Die Gnadenglocke (2,5 Zentner, gegossen 1735 in Görlitz) aus der Frauenkirche in Lubań (früher Lauban) sowie die Friedensglocke (8 Zentner, gegossen 1761 in Görlitz) aus der Kreuzkirche in Lubań (früher Lauban).
Zerstörte Glocken[Bearbeiten]
- Eine Glocke der Gedächtniskirche der Protestation in Speyer
- Eine Glocke aus Hallgarten/Rheingau, welche neu gegossen wurde.
- Eine Glocke der Michaeliskirche in Braunschweig aus dem Jahr 1489.
- Eine Glocke des Freiberger Doms aus Freiberg (Sachsen), die 1512 von O. Hillinger gegossen wurde.
- Eine Glocke der St.-Johannis-Kirche aus Lößnitz, gegossen von Friedrich Gruhl in Kleinwelka im Jahr 1860.[7]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
- ↑ Johann Werfring: Die triste Zeit der Glockenfriedhöfe. In: „Wiener Zeitung“ vom 6. Juni 2012, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7. Abgerufen am 12. Juni 2012.
- ↑ Kanonenfutter. Warum Kriegszeiten auch für Glocken schlechte Zeiten waren (Artikel auf philippuskirche.de). Abgerufen am 12. Juni 2012
- ↑ Noch einmal davongekommen. Heimkehr aus dem Glockenfriedhof In: „Der Spiegel“ 15/1947. Abgerufen am 12. Juni 2012
- ↑ Glocken der Stephanuskirche in Dresden-Zschachwitz
- ↑ Nikolaikirche
- ↑ St.-Rochus−Glocken
- ↑ Ausstellung Glocken der St.-Johannis-Kirche