Glockenfriedhof

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Glockenfriedhof im Innsbrucker Stadtteil Wilten im Ersten Weltkrieg, um 1917
Hamburger Glockenfriedhof 1947
Ausführungsbestimmungen für die Beschlagnahme von Glocken aus Bronze im Ersten Weltkrieg
Hamburger Glockenfriedhof im Freihafen

Glockenfriedhof ist die Bezeichnung für Sammelplätze von Kirchenglocken während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Kirchenglocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen, um eingeschmolzen vor allem in der Rüstungsindustrie Verwendung zu finden. Von den Sammelplätzen aus gelangten die Glocken zur industriellen Weiterverarbeitung. In Deutschland waren sie Teil der sogenannten Metallspende des deutschen Volkes.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich wurden im Ersten Weltkrieg die Glocken wahllos abgenommen.[1]

Deutschland[Bearbeiten]

Deutsche Glocken (und zwar nur solche aus Bronze) wurden abgenommen und in Glockenfriedhöfen gesammelt. Dabei wurden die Glocken in drei Gruppen eingeteilt:[2]

  • Gruppe A: Glocken, für die eine Zurückstellung oder Befreiung gemäß Gruppen B oder C nicht infrage kam.
  • Gruppe B
  1. Glocken mit nur mäßigem wissenschaftlichen, geschichtlichen oder künstlerischen Wert bzw. wenn für in Gruppe C einzustufende Glocken noch keine endgültige Beurteilung vorlag (Kennwort „Kunstwert“).
  2. Glocken, die als Geläut erforderlich waren, ohne dass die Befreiungsgründe 1) oder 3) geltend gemacht werden konnten (zu melden mit dem Kennwort „Läuteglocke“). In diesem Fall wurde nur die leichteste Bronzeglocke vorläufig zurückgestellt.
  3. Glocken, für die eine Entschädigung unter den reinen Einbaukosten von Ersatzglocken (ohne die Kosten für die Ersatzglocke selbst) gezahlt worden wäre (Kennwort „hohe Einbaukosten“).
  • Gruppe C: Glocken mit besonderem wissenschaftlichen, geschichtlichen oder künstlerischen Wert (sofern vom zuständigen Sachverständigen bescheinigt). Vor dem Vorliegen des Gutachtens waren die Glocken in Gruppe B einzustufen.

Für abzuliefernde Glocken wurde eine Entschädigung („Übernahmepreis“) gezahlt, und zwar

  • für Glocken über 665 kg 2 Mark pro kg zuzüglich 1.000 Mark Grundgebühr
  • für Glocken unter 665 kg 3,50 Mark pro kg (ohne zusätzliche Grundgebühr).

Schätzungen gehen davon aus, dass im Ersten Weltkrieg rund 65.000 Glocken eingeschmolzen wurden. Die Glocken von vor 1860 (Gruppe B und C) wurden verschont.[3] Eine Publikation von 1954 spricht von 21.000 Tonnen Glocken, die abgegeben werden mussten - das entspricht einer Anzahl von etwa 60.000 bis 70.000 Glocken (so soll der Verlust in Thüringen 3.000 bis 4.000 Glocken betragen haben).[4]

Zur Förderung der Erinnerungskultur rief 1917 die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde dazu auf, „Glockensprüche, Glockensagen und Glockenbräuche“ zu sammeln, was jedoch nur im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin in größerem Umfang erfolgte. Ansonsten begnügten sich die Einsender häufig mit der Beschreibung der Glocken und ihrer Abnahme. Nach Kriegsende befanden sich 365 der Einschmelzung entgangene, aber auch nicht inventarisierte Glocken bei der Berliner Metall-Mobilmachungsstelle. Daher wurde eine Liste mit detaillierten Beschreibungen zur Identifizierung der Glocken gedruckt, was zumindest in 250 Fällen auch gelang.[5]

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Umstellung der Rohstoffzufuhr[Bearbeiten]

Die Reichsstelle für Metalle in Berlin, eine ausführende Stelle des Reichswirtschaftsministeriums steuerte die Zuteilung der Rohstoffe und die Verwendung der Produkte. In der Norddeutschen Affinerie wurden nach Kriegsbeginn die ausfallenden Erz- und Rohmetalllieferungen aus Übersee durch Lieferungen aus Norwegen, Finnland, Jugoslawien und der Türkei ersetzt. Ferner lieferte die Reichsstelle für Metalle ab 1940 Metalle aus der Metallspende des deutschen Volkes, requirierte Kirchenglocken aus Deutschland und den besetzten Gebieten, Bronzedenkmäler und Altmetall an die Hüttenwerke weiter.[6] [7]

Requirierung der Glocken[Bearbeiten]

Die NS-Administration klassifizierte die Glocken in die Typen A, B, C und D. Die Typen C und D repräsentierten historisch wertvolle Glocken. Während A und B sofort hergegeben werden mussten, war Typ C in „Warteposition“, wohingegen Typ D geschützt war. Für den „Endsieg“ ließ manch ein Bürgermeister auch die historisch wertvolle Glocke (Typ D) vom Turm nehmen.[8] Pro Kirche wurde nur eine Läuteglocke zugestanden, meistens die leichteste. Glocken aus dem 16. und 17. Jahrhundert und aus dem Mittelalter wurden nicht grundsätzlich verschont.[9] Stahlglocken wurden nicht eingezogen.[10]

In den Niederlanden wurden im Zeitraum von Ende 1942 bis Anfang 1943 Glocken konfisziert, aus den Kirchtürmen abgeseilt, in Zwischenlagern gesammelt und dann per Schiff nach Deutschland abtransportiert.[11]

Einschmelzung der Glocken[Bearbeiten]

Schätzungen gehen davon aus, dass im Zweiten Weltkrieg rund 45.000 Glocken in Deutschland dem von der NS-Führung befohlenen Glocken-Sterben zum Opfer fielen (im Gebiet der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen waren es exakt 2.584 Glocken[12]). Darüber hinaus wurden noch weitere 35.000 in den besetzten Gebieten eingeschmolzen.

Die Glocken gingen hauptsächlich an die Hüttenwerke Norddeutsche Affinerie in Hamburg und Zinnwerke Wilhelmsburg in Hamburg.[13] In der Norddeutschen Affinerie wurden ab 1941 Kirchenglocken der A-, B-, C-Kategorie vorwiegend mit Eisenbahnwaggons angeliefert. A-Glocken wurden sofort verarbeitet, B- und C-Glocken zurückgestellt. Der festgestellte Wert musste sofort an die Reichsstelle für Metalle bezahlt werden. Zunächst wurde ein vorhandener Konverter, ab Juli 1942 wurden zwei Konverter in der nordwestlichen Anbauhalle der Kupferraffineriehütte eingesetzt.[14]

Glockenfriedhöfe[Bearbeiten]

Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel[Bearbeiten]

„Nach ihrer Abnahme von den Türmen wurden die Glocken gesammelt und durch die Kreishandwerkerschaften in Schiffsladungen und Güterzügen den Hüttenwerken zugeführt. Wegen der günstigen und damals noch ungestörten Verkehrsverbindungen erhielten die beiden Hüttenwerke in Hamburg den weitaus größten Teil aller Glocken. Die anderen deutschen Kupferhütten in Oranienburg, Hettstedt, Ilsenburg, Kall und Lünen wurden an der Verschrottung in geringerem Maße beteiligt.“

W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken, 1957[15]

Beim Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel (auch Glockenlager genannt) handelte es sich um ein großes Gelände, das ehemalige Holzlager am Reiherstieg, in der Nähe des Hamburger Hafens, das zur Zwischenlagerung von Kirchenglocken aus dem gesamten Deutschen Reich und den damals besetzten Gebieten diente. Die Glocken wurden wegen Platzmangels pyramidenförmig gestapelt und wurden dadurch und durch die Bombardierung beschädigt.

Zwischen 1939 und 1945 wurden zahlreiche, zum Teil auch berühmte Glocken und Bronzedenkmäler eingeschmolzen und gingen damit für immer verloren. Insgesamt wurden etwa 90.000 Glocken nach Hamburg geschafft, von denen etwa 75.000 eingeschmolzen wurden.

Alleine auf dem Glockenfriedhof in Hamburg-Veddel warteten bei Kriegsende noch weit über 10.000 Glocken auf den Schmelzofen.[16][17]

Weitere Glockenfriedhöfe[Bearbeiten]

Glockenfriedhöfe gab es insbesondere in der Nähe von Hüttenwerken. Bei Kriegsende lagerten Glocken an folgenden Sammelplätzen: [18][19]

Rückführung erhaltener Glocken[Bearbeiten]

Nach der deutschlandweiten Beschlagnahme der Glocken kamen auf den Lagerhöfen der Schmelzhütten und auf den Glockenfriedhöfen Zehntausende von Glocken zusammen. Dort wurden sie aus Platzmangel doppelt oder mehrfach übereinander gestapelt. Die Folgen zeigten sich bei vielen nach Kriegsende heimgekehrten Glocken oft erst nach längerem Läuten: Feinste, für das Auge nicht sichtbare Haarrisse führten zum Zerspringen.[21]

Die jeweils nach Kriegsende in den Glockenfriedhöfen verbliebenen (noch nicht eingeschmolzenen) Glocken wurden nach Möglichkeit zurückgestellt, was aber mangels Zuordenbarkeit nicht immer möglich war.

Nach aufwändigen, teilweise Jahre dauernden Identifizierungsmaßnahmen von Vertretern der Kirche und des Denkmalschutzes im Glockenbüro, dem späteren Ausschuss für die Rückführung der Glocken (ARG) wurden die meisten dieser Glocken wieder an ihre Heimatgemeinden zurückgegeben. Es gibt ein Glockenarchiv des ARG. Dieses wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt.[22]

Bei der Rückführung der Glocken nach Belgien und Polen kam es im Hamburger Hafen wegen der hohen Metallpreise zu Diebstählen von Glocken. Ebenso verschwanden Glocken in Lünen.[23]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Glockenfriedhof Hamburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Laut Christof Grassmayr vom Innsbrucker Glockenmuseum Grassmayr. Vgl. Johann Werfring: Die triste Zeit der Glockenfriedhöfe Artikel in der „Wiener Zeitung“ vom 6. Juni 2012, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7
  2.  Kreisausschuß Saarlouis (Hrsg.): Ausführungsbestimmungen zu der Bekanntmachung vom 1. März 1917 betreffend Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiw. Ablieferung von Glocken aus Bronze. Saarlouis 17. März 1917.
  3. W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht, SB57/N32/S570
  4. Fritz Schilling (Superintendent in Sonneberg-Oberlind) / Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen, Landeskirchenrat (Hg.): Unsere Glocken - Thüringer Glockenbuch. Gabe der Thüringer Kirche an das Thüringer Volk. Gewidmet dem „Thüringer Glockengießermeister Dipl.-Ing. Franz Schilling in Apolda in Dankbarkeit für seine Arbeit zum Besten unserer Gemeinden“. Jena 1954, S. 45
  5. Franziska Dunkel: „Klänge des Mangels.“ In: Fastnacht der Hölle. Der Erste Weltkrieg und die Sinne. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2014, S. 136-139
  6. Glockenfriedhof, (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch und Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon, Zeise Verlag, Hamburg, 2000. ISBN 39805687-9-2. S. 178.
  7. Die Norddeutsche Affinerie während des Zweiten Weltkriegs. In: Norddeutsche Affinerie (Hrsg.): 100 Jahre Norddeutsche Affinerie. Hamburg, April 1966, S. 73–76.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJohann Werfring: Die triste Zeit der Glockenfriedhöfe. In: „Wiener Zeitung“ vom 6. Juni 2012, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7. Abgerufen am 12. Juni 2012.
  9. W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht, SB57/N32/S570
  10. Siehe St. Gertrud (Hamburg-Uhlenhorst)#Turm, Uhr und Glocken
  11. Bilder vom Glockenraub in den Niederlanden auf der Internetseite von NIOD
  12. Fritz Schilling / Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen, Landeskirchenrat (Hg.): Unsere Glocken - Thüringer Glockenbuch. Gabe der Thüringer Kirche an das Thüringer Volk. Jena 1954, S. 45
  13. Glockenfriedhof, (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch und Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon, Zeise Verlag, Hamburg, 2000. ISBN 39805687-9-2. S. 178.
  14. Die Norddeutsche Affinerie während des Zweiten Weltkriegs. In: Norddeutsche Affinerie (Hrsg.): 100 Jahre Norddeutsche Affinerie. Hamburg, April 1966, S. 73–76.
  15. W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht, SB57/N32/S570
  16. Kanonenfutter. Warum Kriegszeiten auch für Glocken schlechte Zeiten waren (Artikel auf philippuskirche.de). Abgerufen am 12. Juni 2012
  17. Noch einmal davongekommen. Heimkehr aus dem Glockenfriedhof In: „Der Spiegel“ 15/1947. Abgerufen am 12. Juni 2012
  18. Franz-Josef Krause: Pfingsten werden sie geläutet. In: Hamburger Wochenblatt Fuhlsbüttel vom 25. Mai 2012
  19. W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht, SB57/N32/S570
  20. Friedel Stratjel und Dieter Friedl: Heimatbuch der Marktgemeinde Bernhardsthal unter Einbeziehung der Schwesterngemeinden Reinthal und Katzelsdorf sowie der Nachbargemeinde Rabensburg (= Internetversion des gedruckten Heimatbuches der Marktgemeinde Bernhardsthal von Robert Franz Zelesnik aus dem Jahr 1976), Bernhardsthal 2009–12, S. 82 (PDF; 3,6 MB)
  21. Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken - Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt. (zugleich Doppelheft 72-73 der Reihe Das christliche Denkmal). Berlin 1968, S. 56
  22. Glockenfriedhof, (Quelle HWE). In: Franklin Kopitzsch und Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon, Zeise Verlag, Hamburg, 2000. ISBN 39805687-9-2. S. 178.
  23. W. Finke: Die Tragödie der deutschen Kirchenglocken. In: Schlesische Bergwacht, SB57/N32/S570